9. Mai 2015

Eric Zemmour und Alain de Benoist: Das Gespräch

Gastbeitrag / 30 Kommentare

Eric Zemmour (Jg. 1958), Franzose mit jüdisch-algerischen Wurzeln, ist einer der bekanntesten Publizisten links des Rheins. Sein 2014 veröffentlichtes Werk Le Suicide français wurde zum Bestseller. Zemmour kann – zugespitzt – als "intellektueller Sarrazin" bezeichnet werden und schildert den Verfall Frankreichs infolge der 68er Bewegung und ihrer heutigen Adepten. Er gilt – wie noch zu sehen sein wird – nicht unbedingt als Freund Deutschlands. Wir geben das vollständige Gespräch wieder, das Alain de Benoist und Zemmour im 154. Heft der Zeitschrift éléments führten. Die Übersetzung besorgte Thomas Dunskus, die Bearbeitung Helmut Hentschel.

 Gastbeitrag

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  • Sezession

I. Der Anstoß
Lieber Eric Zemmour, dein Buch Le Suicide français ist ein toller Erfolg, der immer wieder Raufereien hervorruft. Manche klatschen Beifall, manche sind erbost, manche erheben dich auf einen Podest, manche schießen auf dich. Das Problem ist, daß beide Seiten an der Hauptsache vorbeilaufen, nämlich am Inhalt deines Buches. Anders gesagt, hat es – abgesehen von einem Artikel im Causeur – keine Auseinandersetzung mit dem Suicide gegeben. Ein Grund mehr, damit anzufangen, besonders weil ich ja weiß, daß du nicht nur ein immer kampfbereiter Polemiker bist, sondern auch eine tiefer gehende Auseinandersetzung nicht scheust. Ich könnte das mit den üblichen Fragen tun, finde es jedoch anregender, Einwürfe zu machen, die uns erlauben weiter vorzugehen, natürlich immer in aller Freundschaft.
Alain de Benoist
II. Das Gespräch

Alain de Benoist: Wußtest du, daß du in den französischen Gefängnissen ein wahrhafter Star geworden bist? Neulich habe ich einen Freund in Fleury-Merogis besucht und, weil ihm die Zeit lang wurde, habe ich ihm einige Bücher mitgebracht, darunter auch das Deine. Du brauchst es nicht zu glauben, aber mein Freund ist eine Art Held geworden, weil er dich offenbar kennt, und dein Buch wird von einer Zelle zur anderen weitergereicht. Im Gefängnis ist ein ganzer arabischer Stamm, der auf dich schwört. Sie marschieren an meinem Freund vorbei und fragen ihn: „Haste den Zemmour? Haste’n?“

Eric Zemmour: Lieber Alain, weißt du, was mein Vater gesagt hätte? Er war 50 Jahre in Algerien und sprach sehr gut arabisch. Ich gebe dir den Schlüssel zum Verständnis, denn ich habe ihn von meinem Vater. Er hat mir immer gesagt, daß die Araber Ehre und Mut respektieren. Es geht ihnen nicht um Ideen, es geht ihnen um den Mann. Seine arabischen Kumpel mochten mich sehr. Diese Anekdote geht mir sehr nahe und bezaubert mich immer wieder. Das werden natürlich unsere ridikülen Preziösen im Fernsehen nie begreifen. Sie erkennen nicht die Kraft der menschlichen Realitäten, Auge in Auge.

Alain de Benoist: Ich war neulich in Montpellier für einen Vortrag. Am Ende bittet mich ein junger Maghrebiner um eine Widmung für seinen Vater. Ich frage ihn, welchen Namen ich denn hinschreiben soll. Er sagt: „für Mohammed, von seinem Sohn, der ihn liebt“. Ich fand das ganz rührend und weniger nichtssagend, als man denken könnte …

Eric Zemmour: Um dir entgegenzukommen: neulich habe ich ein Gespräch mit Franck Ribéry, einem französischen Fußballer bei Bayern München gesehen oder gelesen, in dem er seine Übertritt zum Islam begründet. Dieser Mann, der im Französischen haufenweise Fehler macht, hat einfach erzählt, wie ihn die Wärme, die ihm aus der Familie seiner algerischen Frau entgegenschlug, geschätzt hat und wie er sich dann mit der Geschichte Algeriens vertraut gemacht hat. Stell dir vor: Das ist Renan in der anderen Richtung! Ich habe gleich an meine Kumpels gedacht, die zu meiner Mutter kamen, um Couscous zu essen, während ich nur ein Ziel hatte, nämlich zu ihnen zu gehen, weil zwar ihre Eltern nie zu Hause waren, wohl aber ihre Schwestern! Ich verstand nicht, warum meine Kumpels immer zu uns kamen, um bei meiner Mutter Couscous zu essen: Sie suchten die Wärme eines Heims, das es bei ihnen zu Hause nicht mehr gab.

Alain de Benoist: Du untersuchst im Einzelnen, wie sich „Frankreich in den letzten vierzig Jahre aufgelöst hat“. Als Ausgangspunkt nimmst Du symbolisch den Mai 68, oder genauer gesagt diesen „68er Geist“, aus dem der Individualismus und der dazugehörige gesellschaftliche Liberalismus hervorgegangen sind. Das ist schon recht kühn, denn, erlaube mir zu sagen, der Mai 68 war kein „Block“: neben den Leuten, die von einem „uneingeschränkten Genuß“ träumten, gab es auch die, die den Geist der Commune am Leben erhalten wollten und denen es gelang, den letzten großen Generalstreik unserer Geschichte herbeizuführen. Aber glaubst du wirklich, daß das, dem du nachtrauerst, keine tieferen Wurzeln hat? Keine früheren Wurzeln?

Eric Zemmour: Ich habe den Mai 68 nicht als Bezugspunkt ausgewählt, sondern als Symbol, als Paradox, denn es war die Niederlage dieser Bewegung, die den Sieg der 68er herbeigeführt hat. Du hast ganz recht, der Mai 68 ist kein Block. Die beiden Seiten der Linken, die Arbeiterbewegung und die Libertären, sind hart aufeinander gestoßen. Aber, zum ersten Mal in unserer Geschichte, und das sage ich in der Einleitung meines Buches, hat die liberale und libertäre Linke den Sieg über die Arbeiterlinke davongetragen. Deswegen wollte ich nicht die Ereignisse von ’68 erzählen. Die sind nur von anekdotischem Interesse, eine Parodie der revolutionären Tage, die unsere französische Geschichte säumen. Ein jammervolles Schachmatt.

Ich bringe immer mein Publikum zum Lachen, wenn ich berichte, wie der General de Gaulle am 29. Mai 1968 Ludwig XVI. nachgeahmt hat, mit dem Unterschied, daß er einen Hubschrauber hatte und nicht in Varennes Station gemacht hat. Abgesehen von diesem Witz scheint mir, daß de Gaulle – von der französischen Geschichte durchtränkt, wie er es war – diese Beziehung sicher im Kopf hatte.

Natürlich hat der Abstieg eine viel größere historische Tiefe. Man könnte bis zur Aufklärung, zum Individualismus, zur Revolution von 1789 usw. zurückgehen. Es gibt jedoch ein aber. Und dieses aber habe ich bei Michéa gefunden, was dich sicher nicht in Erstaunen versetzen wird. Jean-Claude Michéa hat verstanden, was ich nur gefühlt hatte. Solange es noch Spuren der alten Welt gab, also das Gefühl der Ehre, der guten Arbeit, der Familie, den Respekt für die Alten, die Rollenverteilung in der Familie zwischen Mann und Frau, all diese Dinge die noch aus dem vorindustriellen Zeitalter stammen, standen dem emanzipatorischen Individualismus Barrieren im Weg. Er war emanzipatorisch, gerade weil er ein Gegengewicht hatte. Ab 1968 kippt das: Es gibt kein Gegengewicht mehr. Die alte Welt ist endgültig tot. Das ist Chestertons berühmter Satz von der modernen Welt voller verrückt gewordener ehemals christlichen Tugenden, die frei herumlaufen. Wir laufen nicht mehr frei herum, aber sind eine kapriziöse Gesellschaft.

Alain de Benoist: Du wendest dich zu deiner Jugend zurück und sagst: „Früher war es besser!“ Das ist sicher nicht falsch, obwohl man mit der Verallgemeinerung vorsichtig sein sollte. Aber wenn man das einmal gesagt hat, kann man doch nur noch Nostalgien daraus hervorziehen und das hat dir den Vorwurf eingebracht, ein unsäglicher Reaktionär zu sein, einen Vorwurf den du mit Stolz akzeptierst. Wenn ein Land fehlsteuert, kann es nur die Richtung ändern, denn jede Umkehr ist ausgeschlossen. Also wohin? Was für ein Neubeginn?

Eric Zemmour: Das ist natürlich die schwierigste Frage. In seiner Streitschrift L’erreur de calcul [Der Rechenfehler] zitiert Régis Debray ein herrliches Gespräch zwischen Daumier und Ingres. Daumier sagt, man müsse sich doch seiner Zeit anpassen. Darauf Ingres zu seinem Freund: „Und wenn die Zeit Unrecht hat?“ Ich bin natürlich auf Seiten von Ingres, obwohl seine Antwort die Frage nicht löst. Ich habe keine neuen Wege. Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube, daß es unerbittliche Logiken gibt, die uns auferlegt sind. Entwicklungen laufen seit Jahrzehnten und werden bis zum Ende von dem, was ich sage, weiterlaufen, also bis zum Ende der Unordnung, des Zusammenpralls, der Kriege.

Alain de Benoist: Für deine Gegner steht die „Zemmourisierung“ der öffentlichen Meinung für einen „Rechtsumschwung“. Stimmt das? Du bist doch offensichtlich kein Erbe Maurrasscher oder antirevolutionärer Ideen und noch weniger ein Erbe der liberalen Ausrichtung. Alles, was du schreibst, zeigt doch eher, daß es heute nicht mehr die Spaltung rechts-links ist, nach der sich die Geister richten. Die grundsätzliche Spaltung besteht doch heute zwischen dem Volk und den globalisierten Eliten, die, wie du sagst, „nie die Souveränität des Volkes geschluckt und sich stattdessen einer weltweiten Wirtschaft und nicht dem Interesse der Nation verschrieben haben. Hier sind wir sehr weit von der Paarung rechts-links entfernt, aber im Grunde genommen sehr nahe bei einem neuen Klassenkampf. „Die Rechte hat den Staat im Namen des Liberalismus aufgegeben, die Linke hat die Nation im Namen des Universalismus aufgegeben, beide haben das Volk verraten“ schreibst du doch. Im Winter 2004, in einer bemerkenswerten Ausgabe der Zeitschrift éléments, steht auf dem Einband „Man sollte Marx von Marxismus befreien“. Du sagst doch jetzt von dir, „mehr und mehr links zu stehen“ – würdest du das unterschreiben?

Eric Zemmour: Marx hat eine ganz hervorragende und prophetische Analyse des Kapitalismus erstellt, wie er sich über die Welt ausbreitet und dabei alle traditionellen Strukturen zerstört. Da braucht man nichts wegzunehmen. Wie seine gebildeten Zeitgenossen hatte er außerdem ein Gefühl für Stil und der Formulierung, etwa, wenn er die "eiskalten Wasser egoistischer Berechnung “ anklagt. Man darf Charles Maurras nicht übergehen. Er ist vor allem interessant als Kritiker seiner Zeit, der Dritten Republik, willenlos, regierungslos und unregierbar, wie sie war. Der General de Gaulle schuldet ihm sehr viel, vor allem seine Analyse des einsamen Frankreichs, die meiner Meinung nach die letzte Zeit seiner Präsidentschaft auszeichnet. Zwar geht es heute mehr um Marx als um Maurras, selbst wenn die Frage der nationalen Souveränität weiterhin wesentlich ist, aber das Umfeld ist völlig anders.

Weil die Spaltung rechts-links sich buchstäblich vor der Globalisierung in Luft aufgelöst hat, haben wir jetzt die Spaltung zwischen Piazza und Balkon, wie sie in den kleinen Städten und Gemeinden Italiens typisch war, bevor nach der französischen Revolution die Spaltung rechts-links eingeführt wurde. Neu ist, daß die Bürger auf dem Hauptplatz nie Anspruch auf einen Platz auf dem Balkon erheben können, weil dieser Balkon mittlerweile in New York, Singapur oder Shanghai liegt. Wie der amerikanische Milliardär Warren Buffet frei heraus gesagt hat, erleben wir m. E. einen neuen Klassenkampf, denn es gibt ihn ja durchaus und die Reichen sind dabei, ihn zu gewinnen. Die Sache ist um so alarmierender, wenn man bedenkt, daß in Frankreich nicht nur ein wirtschaftlicher Klassenkampf stattfindet, sondern auch ein Völkerkampf im eigenen Land. Diese geographische Aufteilung zwischen kürzlich angekommenen Einwanderern, länger ansässigen Einwanderern und angestammten Franzosen ist eine Folge einer kulturellen, ja sogar zivilisatorischen Trennung innerhalb unserer Grenzen. Beide Konflikte verhaken sich zu einem explosiven Gemenge.

Alain de Benoist: Was ich in deinem Buch wichtig finde, was aber nie so richtig angemerkt wurde, ist, daß du den französischen Abstieg auf die geduldige und gezielte Einwirkung einer heute herrschenden Ideologie zurückführst, die du als grundsätzlich „dekonstruktiv“ bezeichnest (und deinerseits „dekonstruieren“ willst). Du glaubst also, und mit Recht, daß das „Ende der Ideologien“ nur ein Mythos ist und wir heute in Ideologie geradezu baden. Deswegen hast du auch keine Angst davor zu sagen: „Ich führe eine ,gramscianische‘ Politik mittels eines Kampfes von Ideen im Rahmen eines Kampfes um die intellektuelle Führung.“ Ich bin weit davon entfernt, dich dafür zu tadeln, denn wir tun das ja nun seit bald vierzig Jahren. Aber glaubst du, daß deine Leser wissen, worum es geht? Daß sie aus einer rein reaktiven Haltung heraus zu einer ideologisch strukturierten Denkweise übergehen können, wo doch so viele „Konservative“ und „Reaktionäre“ sich nicht aus den geistigen Kategorien befreien können, in welche die liberale Ideologie sie eingeschlossen hat?

Eric Zemmour: Seit dem Erscheinen des Suicide français reise ich viel in Frankreich herum. Ich treffe mit Menschen zusammen, die soziologisch, sozial, intellektuell sehr verschieden sind. Ich bin beeindruckt – und ich sage das ohne irgendeine Demagogie – durch den Grad der Aufmerksamkeit meiner Gesprächspartner. Ich glaube, das Buch hat eine wesentliche Tugend: Alle verstehen jetzt, um was es in dem ideologischen Krieg geht und wie erbittert er geführt wird. Darauf bin ich ziemlich stolz. Alle reagieren so. Meine Zuhörer in der Provinz verstehen, daß da ein echter Kulturkampf geführt wird, der frontal gegen sie gerichtet ist. Die Franzosen ertragen ihn seit Jahren, ohne etwas zu sagen, obwohl er ihre Lebensart zerstört und sie selbst unglücklich macht. Wenn sie dann mein Buch gelesen haben, sie sind ein bißchen wie der Inspektor Bourrel, den wir aus unserer Jugend kennen und der immer rief „Mein Gott, so isses!“ Mir gefällt das, wie du dir vorstellen kannst, denn ich höre diese Begleitmusik von seiten vieler Leute, die kulturell und geistig ganz verschieden sind, und ich höre sie überall und immer wieder.

Nach der ersten Etappe, des „Nie wieder!“, des „Mich kriegen die nicht noch mal!“ ist die zweite natürlich die problematischere. Was für eine Alternative? Wenn ich etwas Optimistisches hervorheben sollte, das mir auf meiner Reise durch das Land aufgefallen ist, dann liegt das völlig in der Stellungnahme gegen die herrschende Ideologie. Sie übersteigt die Spaltungen. Neulich war ich nach Nantes zu einer Versammlung von ehemaligen Franzosen aus Algerien eingeladen, sehr nette Leute, die natürlich mit de Gaulle nicht viel am Hut haben. Manche haben mir gesagt: „Sie sind da mit de Gaulle sehr weit gegangen, aber wir verstehen das, Sie haben nicht Unrecht“.

Ihre Einstellung gegen de Gaulle hindert sie nicht daran zu verstehen, worum es geht, jenseits der algerischen Angelegenheit, jenseits ihrer Geschichte, jenseits ihres eigenen Lebens. Für mich ist das ganz großartig. Man merkt, daß sich das Land bewegt. Anders ausgedrückt meine ich, daß es zwar einen französischen Selbstmord gegeben hat, aber auch eine Faszination der Franzosen für ihre Mörder. Ich glaube, daß diese Faszination zerbrochen ist. Die Franzosen haben ihren Gehorsam abgeworfen und sind nun verdrossen und krank. Es wird ihnen klar, daß sie sich Leuten anvertraut haben, die sie verraten haben. Sie leiden und sind wütend. Die Wut geht tief.

Alain de Benoist: Du hast gesagt, die deutsche Wiedervereinigung sei eine „Katastrophe“ für Frankreich gewesen. Aber war das nicht eine ganz natürliche Sache? Bei dem Bild, daß du von General de Gaulle zeichnest, gehst du darüber hinweg, daß er ein überzeugter Kämpfer für die deutsch-französische Verständigung und den „karolingischen Kern“ war. Wenn es um Symbole geht, war nicht er der Initiator der Messe, die am 8. Juli 1962 in der Kathedrale von Reims, am Ort der Taufe von Chlodwig, dem König aller Franken, der westlichen wie der östlichen, die deutsch-französische Verständigung besiegelte? Ganz gegen seine Erziehung als Offizier und genährt mit der Milch Bainvilles, der die Zersplitterung Deutschlands predigte, hielt dieser General de Gaulle ohne Notizen mehrere Reden auf deutsch, wobei ihm Beifall gezollt wurde, als er erstmals von einem „großen Volk“ sprach, in Bezug auf das zweigeteilte Deutschland. Hat es den deutschfeindlichen General de Gaulle, den du beschreibst, jemals gegeben? Und glaubst du, wäre er noch unter uns, daß er Europa mit der Europäischen Union verwechseln würde?

Eric Zemmour: Nein, nein, mein lieber Alain, ich habe nicht gesagt, daß General de Gaulle deutsch-feindlich war. Dagegen sage ich, daß de Gaulles Überlegungen so waren, wie in der Fabel vom Jockey und dem Pferd. Das Deutschland der 50er Jahre, zweigeteilt, wie es war, glich fast einem Deutschland, wie Bainville es sich vorgestellt hatte. Der Historiker der „Action française“ hatte Recht: Der Frieden war nur möglich, weil man Deutschland geteilt hatte. Amerika und die UdSSR machten das, was Frankreich 1918 hätte machen sollen, wenn uns die Engländer das erlaubt hätten – das Rheinland zurückholen und Deutschland in zwei oder drei Stücke zerbrechen. Man wirft Frankreich sein Verhalten nach 1918 vor, wo dies doch die von den Amerikanern und den Russen praktizierte Politik nach 1945 war. Was nun Adenauer angeht, so sprach er französisch und war frankophil, er war für ein französisches Rheinland. Wie Napoleon bin ich für ein karolingisches Reich, wenn Frankreich es führt. Ich gestehe, daß ich da ein wenig borniert bin.

Alain de Benoist: Nun ist Deutschland ja nicht das Fürstentum von Monaco. Es läßt sich nicht aus der Landschaft ausradieren …

Eric Zemmour: Die Wiedervereinigung war nicht von vornherein festgelegt; sie war nicht unumgänglich. Schwierig, die Geschichte neu zu bauen. Ich bedaure immer noch, daß Frankreich das Rheinland nach der deutschen Remilitarisierung von 1936 nicht sofort besetzt hat. Das 20. Jahrhundert ist für Frankreich ein Jahrhundert der verpaßten Gelegenheiten. Du täuschst dich in Bezug auf de Gaulle. Er war für ein Deutschland, dessen industrielle Dynamik für Frankreich nützlich wäre. Für ihn war ein von Frankreich geführtes Europa der Sechs eine Gelegenheit, wie man damals sagte, sich auf das Niveau der beiden Supergroßen zu hieven. Der Mann der Amerikaner hat übrigens die deutschen Abgeordneten stark angeleitet, um das Europa von Adenauer und de Gaulle, das Europa der „beiden Alten“ zu torpedieren.

Alain de Benoist: In deiner Kritik regionaler Identitäten und örtlicher Partikularismen gebrauchst du den Ausdruck von Paul Morand über de Gaulle – „dieser Linke, der zur Messe geht“ – um ihn für sein Referendum von 1969 zur Dezentralisierung, zur Regionalisierung und zur sozialen Beteiligung zu tadeln. Man hört bei dir auch zuweilen lustige jakobinische Töne heraus, die an den Abgeordneten Barrère erinnern, als er vor dem Wohlfahrtsausschuß den Föderalismus und den „Aberglauben“ mit ihrem Niederbretonisch, die Emigration und den Haß auf die Republik mit ihrem Deutsch, die Gegenrevolution mit ihrem Italienisch und den Fanatismus mit seinem Baskisch geißelte. Diesem Abgeordneten verdanken wir übrigens das Gesetz, das den Lehrern vorschreibt, „täglich die französische Sprache und die Menschenrechtserklärung zu lehren“. Wie bringst du dein Jakobinertum und deine Kritik an den Menschenrechten zusammen?

Eric Zemmour: Ah, ah, ah … ich wußte schon, daß ich wegen der Regionen etwas auf die Finger bekommen würde! Hör mal, es ist doch unbestreitbar, daß die Dezentralisierung eine Katastrophe war. Ich gebe zu, daß das nicht hätte sein müssen, wenn man sie anders durchgeführt hätte, mit anderen Optionen. Leider, und das steht fest, hat die Dezentralisierung Mini-Könige in die Welt gesetzt, die die Verschwendung in die Politik eingebracht und die öffentlichen Ausgaben zur Explosion gebracht haben, viel stärker als die Defizite des Zentralstaates. Die örtlichen Organisationen haben sich immer an die technischen Gegebenheiten angepaßt.

Die Gemeinde paßte zu den Bauern – man ging zu Fuß; das Departement paßte zu den Reitern und die Regionen zu den Autobahnen von Georges Pompidou. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV und dem Internet brauchen wir die Regionen nicht mehr, um so weniger, als sie mit den Ländern [sic], Baden-Württemberg etwa, oder Bayern, diesen ehemaligen Königreichen oder Herzogtümern, nicht konkurrieren können. Die Regionalisierung ist ein von den französischen Technokraten erfundener Mythos. Ich befürchte durchaus, daß wir mit diesem Schwung ein Frankreich bekommen werden, daß ein großeuropäisches Bayern ist.

Ich bin sehr stolz darauf, dieses Wort von Mirabeau ausgegraben zu haben, daß keiner der Verfasser der Menschenrechtserklärung „daran gedacht hatte, die Rechte der Kaffern oder der Eskimos zu erklären, oder auch nur die der Dänen oder der Russen“. Ich werde mal etwas Zynisches sagen, wie vorhin über das karolingische Europa. Seit der Revolution sind die Menschen- und Bürgerrechte zu unserer Religion geworden, zur Religion Frankreichs, von den Soldaten der Grande Armée geschützt und im Dienste seiner Interessen. Sie war sozusagen eine Seelenergänzung, die immer gut zu einer militärischen und politischen Herrschaft paßt. Aber, Spaß beiseite, ich bin für eine Staatsräson und nicht dafür, daß eine Religion oder eine Ideologie die Politik bestimmt.

Alain de Benoist: „Wenn du in Rom bist, mach es wie die Römer“ ist ein Ratschlag, den du immer anbringst und der deine Stellung zugunsten des republikanischen Modells der Assimilierung zusammenfaßt. Aber wenn die Assimilierung heute nicht mehr klappt, beweist das nicht, daß die republikanischen „Prinzipien“ heute kaum noch etwas bedeuten? Und sind es nicht sie, die im Namen der „unteilbaren“ Republik, systematisch die organischen Hilfestrukturen und die unterschiedlichen Kulturen, wie sie den traditionellen Gesellschaften eigen sind, zerstört und so den Boden für den sich ausbreitenden räuberischen Individualismus vorbereitet haben?

Reicht es, seine ursprüngliche Kultur zu vergessen, die Religion seiner Vorfahren zu verwerfen und sich einen französischen Vornamen zuzulegen, um das Desaster einer ungeregelten Einwanderung zu zügeln? Der junge belgische Historiker David Engels geht mehr oder weniger von denselben Feststellungen aus wie du und sagte neulich, dass die identitären, die migratorischen, die wirtschaftlichen und die kulturellen Probleme der späten römischen Republik gar nicht so anders waren als die im heutigen Europa. Das waren Probleme, die ihre konkrete politische „Lösung“ in der von Augustus geschaffenen imperialen Ideologie gefunden haben. Muß sich zu Anfang des 21. Jahrhunderts die französische Republik in ein „Imperium“ umwandeln, wie damals, im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, die römische Republik?

Eric Zemmour: Ich bin für das Kaiserreich von 1800, auch wenn es sich damals um einen imperialen Nationalstaat handelte. Frankreich hat es nie geschafft, ein Imperium zu sein. Du hast völlig Recht. Problem Nummer eins ist die Demographie. Individuen kann man assimilieren, Völker aber nicht. Und die Völker sind zuerst da, vor den Individuen. Gemeinschaften sind da, das springt einem ins Auge. Man kann sie nicht wegzaubern. Ich gebe zu, daß das republikanische System überall in den französischen Regionen die traditionellen Bindungen zerstört hat, aber gib du auch zu, daß es eine Zeit gegeben hat, die gar nicht so weit zurückliegt und die wir beide erlebt haben, in der es wirklich ein Gefühl der nationalen Solidarität gab, das den Verlust der regionalen und der örtlichen Solidaritäten kompensierte. Ich weiß das noch genau.

Im Gegensatz etwa zu Italien verhindert die Kraft des französischen Staates, daß das französische Volk sich gegen eine übermäßige Einwanderung zur Wehr setzt. Es gibt da hinsichtlich der Migrationen zwei ineinander verwobene Phänomene. Zuerst einmal das Übermaß (die Zahl) und dann den Verzicht unserer Eliten auf eine Politik der Assimilation zugunsten einer sogenannten Integration. Als Frankreich noch wirklich assimilationistisch war, funktionierte die migratorische Auswahl von selbst. Die Fremden, die sich nicht assimilieren wollten oder konnten, verschwanden von selbst oder wurden weggeschickt.

Die strikte Anwendung einer Assimilationspolitik regelt das Problem der migratorischen Bevölkerungsströme zum Teil. Hinsichtlich der italienischen Einwanderung nach Frankreich hat der Historiker Pierre Milza besonders aufschlußreiche Zahlen vorgelegt. Ich zitiere mal aus dem Gedächtnis: zwischen 1870 und 1940 sind drei Millionen Italiener nach Frankreich gekommen. Geblieben sind 1,1 Millionen. Zwei Drittel sind wieder weggegangen. Da Frankreich sehr assimilationistisch war, sehr anspruchsvoll, sind viele – und das war ihr gutes Recht – wieder ausgereist. Hätte man diesen Weg weiter verfolgt, wäre das Migrationsdrama heute weit weniger kraß.

Alain de Benoist: Was mir besonders auffällt, wenn ich in Europa herumreise – das ist vielleicht jetzt subjektiv – finde ich, daß die Italiener ungemein italienisch sind, die Deutschen ungemein deutsch, dto. für die Spanier. Dagegen gibt es bei den Franzosen eine unglaubliche Entpersönlichung.

Eric Zemmour: Die Franzosen sind absolut keine Franzosen mehr. Als der Kopf, also Paris, angefangen hat zu zerfallen, ist alles verfault. Ich bestreite das gar nicht. Die Nachteile eines fehlenden Staates wirken sich zum Vorteil der Italiener aus und erlauben der Gesellschaft, sich besser zu verteidigen, während wir uns nicht verteidigen können, weil der Staat noch zu stark ist. Die Trümpfe unseres Zentralismus haben sich gegen uns gewendet. Das ist nicht erst seit gestern so. Als Napoleon nach Moskau kommt, zünden die Russen die Stadt an, und der Krieg geht weiter. Als dann zwei Jahre später die Russen und die Österreicher Paris einnehmen, ist der Krieg zu Ende. Der Kampf hört auf. Sogar Napoleon verzichtet. Da liegt der Unterschied.

Alain de Benoist: Jean-Christophe Cambadélis, Erster Sekretär der Sozialistischen Partei, hat vor kurzem dieses umwerfende Geständnis abgelegt: „Seit zehn Jahren hat die Linke den Kampf der Ideen verloren“. Da nun in dieser Zeit auch die „Rechten“ in der intellektuellen Debatte nicht gerade geglänzt haben, wer ist denn nun der große Sieger der letzten zehn Jahre? Und du, in all diesen Jahren, in denen du dein Buch geschrieben hast, wer sind denn die Autoren, die dich am meisten beeindruckt haben?

Eric Zemmour: Philippe Muray, Jean-Claude Michéa, Christophe Guilluy und Alain Finkelkraut von den Lebenden. Eléments natürlich, ich lese da immer in jeder Nummer die Notizen und die Artikel. Aber paradoxerweise finde ich meine kümmerliche Kost bei den Alten. Da ist eine Freiheit, die wir total verloren haben. Ich lese andauernd die großen Autoren des 19. Jahrhunderts.

Wer nun von den letzten zehn Jahren am meisten profitiert hat, da würde ich sagen: Niemand. Die Rechte und die Linke sind erloschene Sonnen. Man erkennt klar, daß die Zukunft einer großen einheitlichen Partei gehört, unter Manuel Valls oder Alain Juppé, vielleicht auch François Bayrou, die einer nationalen Front entgegensteht, die ihrerseits bislang keine intellektuelle Arbeit geleistet hat. Als du in den 70er Jahren Dornröschen wachgeküßt hast, konnte man gut erkennen, daß sich gewisse Politiker mit deiner intellektuellen Arbeit befaßten. Ehrlich gesagt gibt es dieses Interesse für Ideen nicht mehr, nirgendwo, in der politischen Welt. Das Niveau der Politiker ist schrecklich abgefallen. Die Minister sind ehemalige parlamentarische Referenten, die Premiers ehemalige kaufmännische Direktoren.

Das politische System dreht sich, hat aber keinen Kontakt mit dem Boden. Wir sind in einem totalen ideologischen Umbau. Das ist schwer zu ertragen und gleichzeitig sehr spannend. Leute, die ihre Stellung verlieren, werden immer gehässiger und lehnen eine Debatte um so mehr ab, als sie alles zu verlieren haben, wie etwa Noël Mamère, der ein Pamphlet gegen mich verfaßt hat, aber es kategorisch ablehnt, darüber zu diskutieren. Die Präsidentschaftswahlen von 2017 werden schrecklich sein. Alle werden sich prügeln, um gegen Marine Le Pen in den Endkampf zu kommen. Da stehen wir nun.

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Eric Zemmour et Alain de Benoist: Accords & désaccords, in: Éléments. Le magazine des idées (Paris), Januar–März 2015, Nr. 154, S. 39–44.


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  • Sezession

Kommentare (30)

Bernhard
13. Mai 2015 21:04

Zemmour ist kein echter "Franzose". Mit jüdisch-algerischen Wurzeln könnte er ansonsten auch ein echter "Deutscher" sein. Beides ist unmöglich.

Sebi
13. Mai 2015 22:41

Putain, mais c'est tellement vrai, ce qu'il dit.

Vive la France avec Zemmour.

@Bernhard
Eric Zemmour, il est français! :)

Fredy
13. Mai 2015 23:07

Und, Bernhard. Wo oder was ist das Problem?
Gelingt nur reinrassigen eine klare Analyse?

Konservativer
13. Mai 2015 23:36

Eric Zemmour: "... Der Historiker der „Action française“ hatte Recht: Der Frieden war nur möglich, weil man Deutschland geteilt hatte. Amerika und die UdSSR machten das, was Frankreich 1918 hätte machen sollen, wenn uns die Engländer das erlaubt hätten – das Rheinland zurückholen und Deutschland in zwei oder drei Stücke zerbrechen. Man wirft Frankreich sein Verhalten nach 1918 vor, wo dies doch die von den Amerikanern und den Russen praktizierte Politik nach 1945 war. Was nun Adenauer angeht, so sprach er französisch und war frankophil, er war für ein französisches Rheinland. Wie Napoleon bin ich für ein karolingisches Reich, wenn Frankreich es führt. Ich gestehe, daß ich da ein wenig borniert bin."

Dieser Auszug reicht aus, um meinen Gallenpegel auf "Überlauf" zu bringen.
Wie soll ich auf dieser "Herr (Frankeich) - Knecht (Deutschland)"-Ebene zu irgendeiner Übereinkunft kommen. Unmöglich. Für mich ist Eric Zemmour nicht satisfaktionsfähig.

Olaf
14. Mai 2015 02:58

"was Frankreich 1918 hätte machen sollen, wenn uns die Engländer das erlaubt hätten – das Rheinland zurückholen"
Oha, so hab ich das noch nie gesehen. Die Müllers und Meiers im Elsaß lassen mich an ein Zurückholen deutschen Gebietes aus französischer Knechtschaft denken, aber was bitte, ist am Rheinland französisch? Der erzwungene Rheinbund und Adenauers Preußenphobie machen noch keinen Brie.

Pommes
14. Mai 2015 03:35

Woher kommt eigentlich diese extreme Franzosenvernarrtheit hier auf Sezession? Das habe ich mich schon länger gefragt. Ich mochte dieses Volk noch nie wirklich. Ich war als Kind zwei mal in Straßburg und dieses zutiefst unfreundliche, arrogante und deutschenfeindliche Volk erregte schon in so jungen Jahren bei mir nichts als Brechreiz und Übel. Ein novum Europa ohne Frankreich wäre mir nur Recht.

t.gygax
14. Mai 2015 08:19

Franzosen sind zuerst Franzosen, deswegen stört sich an dem Slogan "France d´abord" dort in Wirklichkeit niemand. Diese ganze seit Jahrzehnten dominante "Europa"-Propaganda ( bis in die Lehrpläne der Grundschule, schon vor 30 Jahren!) interessiert in Frankreich niemand.
Jede französische Regierung setzt sich politisch wie wirtschaftlich gegen Deutschland durch, da gibt es unzählige Beispiele der letzten 30 Jahre, und Marine le Pen würde uns nichts schenken, im Gegenteil!
Aber sie wäre- und das macht sie mir jedenfalls sympathisch- ehrlich und würde unserer Kanzlerin einfach deutlich sagen: " mein Land, meine Interessen, für die ich kämpfe".
Kein phrasenhaftes, leeres Geschwätz einer deutsch-französischen Freundschaft.......aber das Problem sind unsere Politiker, die noch nie für unsere Interessen gekämpft haben, sondern sich in unterwürfigster Demutshaltung auf den Boden werfen.

Zu Algerien: trotz intensiver Fanon-Lektüre bin ich heute der Ansicht, es wäre den Menschen in Algerien besser ergangen, wenn Algerien 1962 ein Teil Frankreichs geblieben wäre. Aber alle Attentate auf de Gaulle- es gab da mehrere!- schlugen fehl, und die Attentäter, mais voila, man könnte sie ja mit einem hier hochgelobten deutschen Offizier vergleichen, der ähnliches vollbrachte... ( das ist jetzt ein etwas bösartiger Vergleich, soll niemand beleidigen!)

Curt Sachs
14. Mai 2015 09:33

Ich ziehe aus der Lektüre zwei Erkenntnisse:

1. 1968 hat zum ersten Mal ... die liberale und libertäre Linke den Sieg über die Arbeiterlinke davongetragen.

2. Solange es noch Spuren der alten Welt gab ..., standen dem emanzipatorischen Individualismus Barrieren im Weg. ... Ab 1968 kippt das: ... Die alte Welt ist endgültig tot.

Was Zemmour danach sagt, ist eigentlich nur noch unappetitlich. Auf die leninsche Frage finde ich darin sowieso keine Antwort.

Dziadowa Kłoda
14. Mai 2015 09:50

--- bis jetzt ja 'ne typisch "rechte" Diskussion; ach, da werfe ich doch auch gleich noch etwas dazu ein: man denke an die Verteidiger der Prinz-Albrecht-Straße vor fast genau 70 Jahren ---

And Now for Something Completely Different: könnte der Verlag Antaios nicht auch aktuelle fremdsprachige Literatur anbieten?

Sugus
14. Mai 2015 10:02

@ Pommes

Bin zwar kein "Sezessionist", kann aber trotzdem Antwort auf die Frage geben
- Frankreich hat seit Jahrzehnten eine starke intellektuelle Rechte (Alain de Benoist)
- Frankreich hat seit Jahrzehnten eine starke politische Rechte (Front National), manche sehen Chancen für Marine Le Pen, Präsidentin zu werden
- Frankreich ist uns in der negativen Entwicklung voraus (bürgerkriegsähnliche Zustände in den Banlieues, Anschläge durch bestimmte ethno-religiöse Gruppen), von daher ist besonders interessant, wie die französische Gesellschaft darauf reagiert (siehe Front National)
- wir müssen mit Frankreich leben, das unser direkter Nachbar ist und formal Großmachtstatus hat (Sitz UN-Sicherheitsrat, Atomwaffen)

Man muss das Land nicht mögen (mir stösst auch vieles sauer auf), aber die Entwicklungen dort haben (noch immer) Auswirkungen auf Deutschland. Nur ein Beispiel: Wir haben den Euro, weil Frankreich es wollte.

Coco Laurès
14. Mai 2015 10:43

Und was ist mit der vielbeschworenen deutsch-französischen Freundschaft? - Es gibt sie tatsächlich, aber nur an der Basis, bei den Städtepartnerschaften etwa oder beim Schüleraustausch. Ganz anders dagegen sieht es bei den Eliten aus bzw. bei denjenigen, die sich dafür halten. Hier findet man ohne Mühe fast täglich Beispiele für eine zum Teil unverhohlene Germanophobie. So ist die französische Linke traditionell deutschfeindlich gesinnt. Wenn man Politiker wie Mélenchon oder Montebourg hört, glaubt man sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt (der Sozialist Montebourg verglich Merkel mit Bismarck). Mitterands Versuch, die Wiedervereinigung zu verhindern, hatte schon fast tragikomische Züge. Frankreichs Problem ist eine Lebenslüge, nämlich die, zwei Kriege gegen Deutschland gewonnen zu haben. Um danach mit ansehen zu müssen, wie der Nachbar zweimal in nur wenigen Jahren beinahe mühelos zunächst ökonomisch und nach 1989 auch geopolitsch an der "Siegermacht" vorbeizieht. Frankreich hat gegenüber Deutschland einen uneingestandenen Minderwertigkeitskomplex.

Konservativer
14. Mai 2015 12:11

Ergänzung meines ersten Kommentars:

Vorweg: Meine Kenntnisse über innerfranzösische Gegebenheiten sind gering.

Wie weit eine Deutsch(en)feindlichkeit in Frankreich verbreitet ist kann ich somit nicht beurteilen, sie ist jedoch "nichts Neues unter der Sonne"
(glücklicherweise gibt es auch französische Patrioten, wie z.B. Jean Raspail, die, soweit ich weiß, nicht deutschfeindlich sind).
Selbstverständlich stellt sich die Frage, wie gehen wir Deutschen mit dieser realen Deutsch(en)feindlichkeit um.
Unser hiesiges Establishment beantwortet diese Frage folgendermaßen:
es agiert nunmehr als Speerspitze der Deutsch(en)feindlichkeit, es wünscht nichts sehnlicher, als daß sich Deutschland vollständig auflöst und so wie es aussieht am liebsten in der Welt (in so etwas wie ein "Weltland"), zunächst jedoch erst einmal in Europa (angemerkt sei dabei, in einem Europa nach transatlantischem Gusto). Insofern ist unser Establishment auch ein Motor der Dekonstruktion der Nationalstaaten in Europa und von daher nicht nur in Deutschland kritikwürdig.
Dazu Günter Maschke:

"...
Vergessen Sie nicht: Unsere Politiker wollen die Auflösung Deutschlands in Europa. Natürlich wollen sie gleichzeitig ihre Privilegien behalten, was in Zukunft ein sehr interessanter Punkt werden dürfte. Aber ein solches Europa kann nicht funktionieren, weil wir Deutschen die einzigen sind, die sich das so vorstellen.
..."

(aus „Zuerst“ März 2013)

Doch Eric Zemmour phantasiert von einer (verpaßten) Landnahme, von einem "Herr (Frankreich) - Knecht (Deutschland)"-Verhältnis.

Der junge Konrad Adenauer war mit Sicherheit frankophil, der alte Adenauer dagegen hatte wahrscheinlich dazugelernt:

"...
Adenauer (war) ein trick- und listenreicher Politiker, dessen Äußerungen oft zweckgebunden gewesen sind. Hinzu kamen Desinformationen von den Alliierten, um den Deutschen weiszumachen, dass sie das, worunter sie zunehmend litten, selbst verschuldeten. So wurde ihnen suggeriert, die Umerziehung, die schon vor Kriegsende in den USA beschlossen und programmiert worden war, sei auf Verlangen Adenauers eingeführt worden. Das behauptete ein Dokument über Verhandlungen Adenauers mit dem US-Geheimdienst im Jahre 1945, das in der „Welt am Sonntag“ am 5.Januar 1999 veröffentlicht wurde. Und so wurde Adenauer auch als Hauptschuldiger für die deutsche Teilung bezeichnete, weil die Ablehnung der umstrittenen Stalin-Note 1952 allein auf sein Konto gegangen war, was unglaubwürdig wird, wenn man an die Manöver denkt, mit denen London und Paris 1989 die Wiedervereinigung blockieren wollten.

Die erste Bonner Regierungsgeneration war sich über die reale Lage völlig im Klaren. Von Adenauer ist der Satz überliefert: „Wir sind keine Mandatare des deutschen Volkes, wir haben den Auftrag von den Alliierten.“ Carlo Schmid bezeichnete in seiner Rede am 8.September
1948 vor dem Parlamentarischen Rat die entstehende BRD als „Organisationsform einer Modalität der Fremdherrschaft.“ Das ist der Ausgangspunkt und das Kriterium für die
Beurteilung der deutschen Nachkriegsgeschichte, in der die Politiker die Fesseln lockerten, bis sie sich willenlos unterwarfen. Die Amerikaner haben, gelernt aus den Folgen von Versailles, auf die biologische Lösung gesetzt. Sie ließen die Lockerung der Fesseln zu, um den Bonner Politikern für eine Zeitlang die Gelegenheit zu geben, ihrem Volk gegenüber das Gesicht zu wahren, und griffen ein, wenn sie ihnen zu weit gingen.

Der amerikanische Historiker Gordon A. Craig hat in seinem Aufsatz „Die starke Hand am Rad der Geschichte“, „Süddeutsche Zeitung“ vom 2./3.Mai 1992 Adenauer als einen virtuosen und verantwortungsbewussten Kanzler bezeichnet und über seine Politik geschrieben: „Ganz offensichtlich lag im nationalen Interesse Deutschlands eine Politik der
Zusammenarbeit mit dem Westen, mit dem Ziel, auf dem Verhandlungsweg ein Ende der
Politik der industriellen Demontage und eine schrittweise Rückkehr zur vollen staatlichen
Souveränität der Bundesrepublik Deutschland zu erreichen.“ Leider teilte er in diesem Text
nicht mit, dass Adenauers letzte Legislaturperiode von Washington, wie wir aus Henry Kissingers Memoiren wissen, vorzeitig beendet wurde, weil seine Politik dem Weißen Haus nicht mehr passte.

Adenauer war, wie es Clemens noch dünkt, kein Rheinbundpolitiker. Das hatte schon der
Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann widerlegt. Wer es nicht glauben will, halte sich an Carl Schmitt, der es mir aus seinen Beziehungen zu Adenauer Anfang der zwanziger Jahre in Köln bestätigte. Die Westbindung war keine Strategie sondern eine Taktik. Mit ihr führte er nämlich die Politik durch, die das Kabinett Dönitz als letzte unabhängige deutsche Regierung in Mürwick vor ihrer Verhaftung noch für die nächste Zukunft konzipiert hatte. Eine Neutralität erschien nicht möglich. Im anbrechenden Ost-West-Konflikt war wegen des brutalen Einmarsches der russischen Truppen ein Arrangement mit Moskau nicht zu vermitteln. Es blieb nur ein Bündnis mit den Westmächten - mit dem Ziel, wieder zu Waffen zu kommen und schrittweise die Souveränität wieder zu erstreiten. Es ist nur aus biographischen Gründen interessant, ob Adenauer dieses Konzept bekannt war oder ob er
selbst nach einer konkreten Lageanalyse so handelte. Dass er sich bis zum Schluß daran hielt, bezeugt sein verzweifelter Ausruf zur Unterzeichnung des Atombombensperrvertrages durch seine Nachfolger, den er als „Superversailles“ bezeichnete.

Adenauer war sich bewusst, dass in der realen Nachkriegslage nur begrenzte Ziele zu erreichen waren. Das bedeutete nicht, dass er Ziele, die darüber hinausgingen, fallengelassen
hätte. Er hatte weder die deutsche Einheit noch die Gebiete jenseits von Oder und Neiße aufgegeben. Außer ihm wäre es keinem Politiker damals gelungen, das Saargebiet den
Franzosen zu entreißen. Der trickreiche Alte aus Rhöndorf kam den Franzosen entgegen, um ihre Zustimmung für eine Volksabstimmung erhalten. Im Hintergrund finanzierte er, wie Franz Josef Strauss in seinen Memoiren berichtete, die Kampagne seines Gegners gegen den Landesverrat - mit dem gewünschten Ergebnis.

Adenauer ließ sich nicht einbinden. Er setzte auf die Amerikaner, weil sie ihm weniger deutschfeindlich erschienen als die Engländer und die Franzosen. Als sich das in der Kennedy-Ära änderte, suchte er durch ein Bündnis mit dem Frankreich des Generals de Gaulle dem wachsenden Druck aus Washington zu entgehen. Es war eine richtige Entscheidung, denn nach Anschlägen auf Synagogen, die ausländische Geheimdienste inszenierten, zogen die Fesseln der Vergangenheitsbewältigung wieder an. Es war Kennedy, der 1961 in Wien mit Chrustschow die Mauer beschloß und nach ihrem Bau Lucius Clay, . den letzten Hohen Kommissar, nach Bonn schickte, um den deutschen Eliten die neue amerikanische Ostpolitik zu erklären, nach der es keine Wiedervereinigung mehr gäbe sondern nur noch eine Politik der kleinen Schritte für menschliche Erleichterungen – was später Willy Brandt als seine neue Ostpolitik ausgab. Adenauer hatte sich freilich von de Gaulle zu viel erhofft, dessen Freundschaft mit der BRD auf der deutschen Teilung beruhte; hätte er 1989 anders als Mitterand reagiert? Es war nicht allein der Blick auf die schwachen Nachfolger, der Adenauer, wie mir Winfried Martini nach seinem letzten Besuch in Rhöndorf erzählte, in tiefer Resignation sterben ließ.
..."

(aus dem Vorwort von Hans-Dietrich Sander im Buch von Björn Clemens - "Abendbläue", 2.Auflage 2010)

Arminius Arndt
14. Mai 2015 13:57

Ich finde dieses ganze Gespräch erstaunlich inhaltsleer. Man kokettiert mit irgendwelchen historischen Details und Apercus und es kommt einem ein bisschen vor, man Säße auf Stühlen mitten im Spiegelsaal von Versailles und wartet darauf, dass man jetzt endlich aufstehen darf und in den Park gehen darf - aber: Was will man uns damit sagen? Dass man ein welscher Luftbabbler in antideutscher Tradition ist, oder was noch?

Bildungsmanierismen, Diskussionsflorett mit Schutzmasken an, was mir 5 Minuten meiner Zeit gekostet hat, so mein Fazit.

Rheinpreuße
14. Mai 2015 13:58

@ Pommes

Das starke Interesse an französischen Entwicklungen und Debatten rührt wohl daher, dass dieses Land -wie K.H.Weißmann in "Der nationale Sozialismus" feststellte- seit 1789 stets
"eine normative Rolle bei der Entstehung von sozialen Bewegungen und Ordnungsmodellen in Europa(spielte), hier entstand JEDE neue politische Entwicklung im Embryo."
Dies gilt auch für den Faschismus, wie zuletzt Zeev Sternhell (zu Armin Mohlers Befriedigung) in seinen Büchern konstatierte.

Insofern darf man wohl aus dem Vordringen des FN ein Vorzeichen für eine gesamteuropäische Entwicklung ableiten.

Irrlicht
14. Mai 2015 15:17

@Rheinpreuße
Weißmann wiederholt dabei nur Mohlers Einschätzung, der, wie er selbst in den "Notizen" einräumte, unter deutschen Rechten als "Französling" galt. Und wenn ich mich recht erinnere, hat Weißmann in einem anderen Kontext (über die "Reaktion"?) ähnliches über England geschrieben. Dagegen bezieht sich Alexander Dugin in seinem Abriss der europäischen Geistesgeschichte im ersten Teil der 4PT zwar auf postmoderne französische (und später auf deutsche) Philosophen, räumt ansonsten in der Darstellung der politischen Theorien, des Liberalismus, Kommunismus und Nationalsozialismus, den Entwicklungen in Frankreich, insbesondere der französischen Revolution, keine besondere Rolle ein. Spengler im "Untergang" ebenfalls nicht.

Die Frankreichbezogenheit ist insofern ein Merkmal der sich an Benoist und die ND anlehnenden Strömung der "Neuen Rechten" um die IfS, Sezession, Identitären und JF, und verströmt, zumindest meinem Eindruck nach, einen Hauch der alten Bundesrepublik: Adenauer, de Gaulle, karolingisches Europa samt de Gaulles berühmter Charakterisierung Europas als Kutsche mit Pferden, mit Deutschland als Pferd und Frankreich als Kutscher.

Schopi
14. Mai 2015 19:52

...Er war für ein Deutschland, dessen industrielle Dynamik für Frankreich nützlich wäre....

ersetze Frankreich durch EU, dann hat der Mensch ja nun nicht ganz unrecht.

Karl Heinz Zimmer
14. Mai 2015 21:55

Kaum zu glauben, was man da liest. Was soll daran denn fortschrittlich oder erkenntnisreich sein? Es handelt sich doch bloß um einen typischen intellektuellen Brei, hier in der wortreichen französischen Variante. Darin: Anekdoten, Zitate, Phrasen, Klugreden, de Gaulle, nochmal de Gaulle, verunglückte Sprachbilder, Sentenzen, Wehklagen, eine ganz sinnlose Rückwärtsgewandtheit, verschimmelte großfranzösische Tagträumereien, sentimentale Erinnerungen, Rührseligkeiten und wieder de Gaulle. Das ist die Art Dialog, von der eine Zusammenfassung zu geben fast unmöglich ist, man glitscht ja schon beim Lesen ständig aus. Heine hätte über diesen Brei gesagt (ich kann auch klug zitieren): Man weiß nicht, ob man ihn kauen oder trinken soll. Wenn das der „intellektuelle Sarrazin“ sein soll, ist mir das Original viel lieber. Denn der richtige Sarrazin, egal ob man seine Standpunkte teilt oder nicht, ist immer konkret. Sarrazin verschwendet auch weder seine Zeit noch die seiner Leser mit territorialen Tagträumereien.

Pommes
14. Mai 2015 21:56

Wenn man Politiker wie Mélenchon oder Montebourg hört, glaubt man sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt (der Sozialist Montebourg verglich Merkel mit Bismarck). Mitterands Versuch, die Wiedervereinigung zu verhindern, hatte schon fast tragikomische Züge. Frankreichs Problem ist eine Lebenslüge, nämlich die, zwei Kriege gegen Deutschland gewonnen zu haben. Um danach mit ansehen zu müssen, wie der Nachbar zweimal in nur wenigen Jahren beinahe mühelos zunächst ökonomisch und nach 1989 auch geopolitsch an der „Siegermacht“ vorbeizieht. Frankreich hat gegenüber Deutschland einen uneingestandenen Minderwertigkeitskomplex.

Sehr treffend formuliert, lieber Coco Laurès. Existentialneid auf den deutschen Menschen war schon immer Frankreichs Begleitzustand. Selbst Napoleon Bonaparte wünschte sich ein Deutscher zu sein.

Rheinpreuße
14. Mai 2015 22:35

@ Irrlicht

Natürlich hat Weißmann -ebenso wie Kubitschek- von Mohler ganz wesentliche Impulse erhalten, sie verstehen sich doch wohl beide als dessen Schüler.
Dass Mohler in seiner Zeit als Korrespondent in Paris mit de Gaulle einen der letzten europäischen Staatsmänner von Format miterlebt hat, hat wiederum Mohler wesentliche Eindrücke vemittelt.
Selbstverständlich hat auch de Gaulle vorrangig französische Interessen
vertreten - was ja nur normal ist. Darin schien er Mohler eben als ein Vorbild für die Deutschen tauglich zu sein, um diesen eine Alternative zur damals gängigen Amerika-Hörigkeit aufzuzeigen. Dies hat er mit seinem Buch "Was die Deutschen fürchten - Angst vor der Macht, der Politik, der Geschichte" versucht - natürlich vergeblich.
Dass Adenauer (desen anti-preußischer Affekt mir herzlich zuwider ist)
kein bloßer karolingischer Vasall des neuen Charlemagne war, ergibt sich bereits aus dem oben von "Konservativer" zitierten Text von H.-D. Sander.
Er sah eben in de Gaulle einen Partner, mit dem die Deutschen eine bessere Position erlangen konnten als mit den Amerikanern.

Zur Gültigkeit der Charakterisierung Frankreichs als politisches Laboratorium: Lorenz Stein stellte schon 1850 fest, dass Frankreich dasjenige Land sei, "in dem die allgemeinen Bewegungen Europas rasch und entschieden eine bestimmte Gestalt anzunehmen pflegen".
Damals stand in Paris gerade die neue Versuchsanordnung "Cäsarismus" auf dem Lehrplan.

Monika
14. Mai 2015 22:55

Pommes
Donnerstag, 14. Mai 2015, 3:35 (URL) | Kurz-URL
Woher kommt eigentlich diese extreme Franzosenvernarrtheit hier auf Sezession? Das habe ich mich schon länger gefragt. Ich mochte dieses Volk noch nie wirklich. Ich war als Kind zwei mal in Straßburg und dieses zutiefst unfreundliche, arrogante und deutschenfeindliche Volk erregte schon in so jungen Jahren bei mir nichts als Brechreiz und Übel. Ein novum Europa ohne Frankreich wäre mir nur Recht.

Hoho, Straßburg ist nicht Frankreich. Ich fühle mich im Elsaß inzwischen fast deutscher als in Deutschland. Das Münster feiert dieses Jahr sein 1000- jähriges Bestehen . Zeit, mal wieder dorthin zu fahren. Was Sie als Arroganz empfinden, ist ein gutes Selbstbewußtsein der Leute. Da kriegt der Deutsche schon gleich Komplexe.
Und Brechreiz und Übelkeit gibt es dort nicht :
https://www.tripadvisor.de/Restaurant_Review-g187075-d3478556-Reviews-Perles_de_Saveurs-Strasbourg_Bas_Rhin_Alsace.html

Die Bedienung spricht deutsch !

Europa ohne Frankreich ? Robert Schumann aus Metz würde sich im Grabe umdrehen.

Frenchman
14. Mai 2015 23:41

In wenigen Jahrzehnten gibt es kein Frankreich und kein Deutschland mehr. Die alten Nationalismen sind ein Anachronismus. Der "Austausch" schreitet voran und macht beide Völker zu Minderheiten.

Denken wir weiter. Was verbindet die echten Franzosen und Deutschen? Es ist die höchste Ebene - über Volk und Nation.

In den USA nennen sie sich "Weiße Nationalisten".

Verabschieden wir uns vom alten Europa. Es wird nie wieder kommen. Schaffen wir was radikal Neues. Dazu bedarf es Lösungen jenseits des bisher hier Gedachten.

massel tov
15. Mai 2015 00:04

man kann nur niederknien und weinen, wenn man (dank eurer hilfe) als nicht-franzöischsprechender die gelegenheit bekommt, diesen dialog zweier französisch sprechender íntellektueller zu verfolgen.
für mich war frankreich seit dem 17. jahrh. der natürliche feind des reiches (erbfeind), aber wenn ich das niveau des gespräches zwischen 2 ideologisch unterschiedlichen franzosen lese und mit der deutschen wüstenei vergleiche, bin ich völlig verzweifelt.
dank euch für diese perle von information über zivlisierten meinungs-austauschs zwischen gegnern.

Benedikt Kaiser
15. Mai 2015 08:18

Kleiner Einwurf:
Vielleicht sollte – angesichts einiger Kommentare – erneut betont werden, daß Zemmour nicht "die" französische Rechte ist, ja daß er noch nicht einmal ein Teil von ihr ist. Zemmour kommt aus dem Mainstream und fand daher – wie eben Sarrazin hierzulande – für seine Liberalismus-, Neomarxismus- und Multikulti-Schelte mehr Gehör als dezidiert rechte Denker. Daß Zemmour eine antideutsche Argumentation ausgräbt, die in ihrer Konsequenz bis auf Richelieu und später Bainville zurückgeht, ist doch an dieser Stelle völlig vernachlässigbar, weil eher Fetisch als ernstzunehmend.
Die eigentliche französische Rechte in ihrer ganzen Vielfalt pflegt die antideutschen Traditionslinien gar nicht mehr (bis auf einige nostalgische Anhänger um die Action française).
Und: Heute sind alle die Rechte prägenden Organisationen vom FN über NDP bis zu den Jugendbewegungen (Identitäre, GUD, MAS etc.) proeuropäisch und deutschfreundlich. Dasselbe gilt für alle relevanten Zeitschriften (von éléments, livr'arbitres und der Nouvelle Revue d'Histoire bis zu den radikal rechten Organen wie Réfléchir & Agir oder Rivarol).
Man sollte daher nicht so voreilig mit seinem antiquierten Franzosenabscheu hantieren und so tun, als ob Zemmour hier einen Konsens vorträgt, der verbindlich für die französische Rechte wäre.
Man sollte auch daran erinnern, daß die französischen Rechtskreise des 20. Jahrhunderts, und zwar in ihrer ganzen Spannbreite, von den regionalistischen "Nonkonformisten" bis zu diversen "Faschisten", schon Überlegungen zur europäischen Einigung formulierten, als ihre deutschen Zeitgenossen noch in einem verheerenden Chauvi-Nationalismus gefangen waren, der mindestens so unappetitlich gewesen ist wie der Deutschenhaß von Maurras und Co.

Abschließend @Irrlicht:
Das ist überholter Nationalismus von gestern, da war Victor Hugo schon weiter: "Frankreich und Deutschland sind im Wesentlichen ganz Europa. Deutschland ist das Herz, Frankreich der Kopf". (Man darf es je nach Gusto auch andersrum auffassen.)

Irrlicht
15. Mai 2015 12:47

@Rheinpreuße
Frankreich kann schon deshalb kein Laboratorium sein, weil es die mit Abstand folgenreichste Entwicklung zur Industrie- und Massengesellschaft, die sich in den protestantischen Ländern England, Deutschland und den USA (und im nicht-potestantischen Japan) vollzog, erst verspätet nachvollzog. Noch im 20. Jhrdt war Frankreich lange Zeit eine Agrargesellschaft. Marx und Engels entwickelten ihre Theorien aus dem Linkshegelianismus in Auseinersetzung mit der (englischen) Nationalökonomie, im Angesicht der massiven Verwerfungen, die mit der Industrialisierung einhergingen und eine neue Klasse, den Proletarier, hervorbrachte.
Auch die Dynamik der Entwickung im Kaiserreich wurde durch die Industrialisierung getragen, wobei die "soziale Frage" mit Einführung der Sozialversicherungen entschärft und anders als im calvinistisch geprägten England und den USA beantwortet wurde. Massendemokratie (und auch der Nationalsozialismus) sind Ausdruck dieser Entwicklungen, die in Frankreich nicht oder erst spät stattfanden.

Die Einschätzung von Mohler/Weißmann ist eine Darstellung des französischen Selbstverständnisses, und die Orientierung daran Ausdruck der Westbidung der Alt-BRD, ähnlich wie die Orientierung Elsässers an Russland Ausdruck der "Ostbindung" der DDR ist, wahrscheinlich mit dem gleichen Motiv: sich zumindest teilweise der Hegemonie der USA zu entziehen.

@Benedikt Kaiser
Was ist Ihrer Ansich nach "überholter Nationalismus"? De Gaulles Kutschenmetapher oder mein Kommentar dazu? Während ich zustimme, dass der Kreis um die ND (einschließlich der Identitären) nicht antideutsch ist, befindet sich Zemmour in guter Gesellschaft mit der politischen und medialen Elite in Frankreich, auch mit dem FN, der selbst gelegentlich die antideutsche Karte spielt. Und seit 1989/90, als Mitterrand ein Doppelspiel spielte und zusammen mit Thatcher, hinter dem Rücken Kohls, die deutsche Einheit zu verhindern suchte, ist das deutsch-französische Verhältnis durch tiefes Misstrauen gekennzeichnet. Die Propagierung des karolingischen Europas ist eine Frucht der Nachkriegszeit, die sei 1990 beendet ist.

Benedikt Kaiser
15. Mai 2015 13:01

@Irrlicht:
"Überholter Nationalismus" ist es, wie Zemmour der Rheinlandokkupation nachzutrauern oder der deutschen Einheit die Legitimität abzusprechen; oder eben, wenn man "der" französischen Rechten des Jahres 2015 antideutsche Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts übelnimmt.
Der FN spielt m. E. nicht die antideutsche Karte, sondern die populistisch-antibundesrepublikanische: "Merkel ist böse und bevormundend" – das bringt halt Wählerstimmen.

Ansonsten muß ich noch "Rheinpreuße" zustimmen. So hab ich Weißmann und Sternhell auch verstanden: Frankreich als das politische Laboratorium Europas.

Achja, und zu de Gaulle: Wesentliche Teile des konservativen, nationalen Lagers in Frankreich – zumal jene, die aus der Kollaboration kamen oder ihren Ideen zumindest wohlwollend gegenüberstanden – waren ihm durch und durch feindlich gesinnt. Man lese sich mal Maurice Bardèches Lettre à François Mauriac von 1947 durch; das war die erste scharf antigaullistische, prodeutsche und proeuropäische Schrift aus dem rechten Spektrum.

Quito
16. Mai 2015 15:39

Zemmour ist ein mutiger Mann.

https://www.theoccidentalobserver.net/2015/05/eric-zemmour-the-rise-of-the-shoah-as-the-official-religion-of-the-french-republic/

https://www.theoccidentalobserver.net/2015/05/eric-zemmour-sos-racisme-a-case-study-in-anti-nationalist-jewish-activism/

Bernhard
16. Mai 2015 16:04

Zum Thema ein sehr guter Artikel auf CCP:

https://www.counter-currents.com/2015/05/eric-zemmour-on-the-suicide-of-france-part-2/#more-55094

Sebi
17. Mai 2015 16:52

Empfehlenswert: Artikel in der Jungle World.

https://jungle-world.com/artikel/2014/46/50922.html

Bernhard
17. Mai 2015 23:18

zu Sebi

Ist doch klar, dass sich der FN abgrenzt. So wie immer, wie es alle Konservativen und Pseudo-Rechten immer tun.

Hierzu gibt es auf 206 Seiten die 2. Ausgabe des Radix-Journals aus den USA mit dem bezeichnenden Titel "The Great Purge - The Deformation of the Conservative Movement (bei Amazon oder direkt bei Washington Summit Publishers erhältlich), herausgegeben von Paul Gottfried und Richard B. Spencer.

Man erkennt immer und immer wieder das gleiche Prinzip.

Machen wir Schluß damit: Es gilt: Wer abgrenzt, ist der Feind!

Martin Lichtmesz
18. Mai 2015 01:12

Guillaume Durocher über Eric Zemmour vs. Soral & Dieudonné:

https://www.counter-currents.com/2015/05/eric-zemmour-on-the-suicide-of-france/
https://www.counter-currents.com/2015/05/eric-zemmour-on-the-suicide-of-france-part-2/

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