Sezession
20. Mai 2015

Vorsicht: Wertkonservative!

Gastbeitrag / 17 Kommentare

aus Sezession 65 / April 2015

von Hans-Thomas Tillschneider

George Orwell hat in seinem Roman 1984 der Erkenntnis Ausdruck verliehen, daß die Sprache von Diktaturen Begriffe benötigt, die ihr genaues Gegenteil bedeuten können. »Wertkonservativ« wäre so ein Begriff. Ursprünglich in der Umwelt- und Friedensbewegung der 1970er Jahre als Gegenbegriff zum verpönten »Strukturkonservativismus« der damaligen CDU geprägt, wurde er irgendwann von denen, gegen die er sich gerichtet hat, übernommen.

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»Wertkonservativ« hat die CDU seitdem die Aufgabe all ihrer Prinzipien legitimiert, und »wertkonservativ« wird sich schließlich auch noch das volle Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften als ein konservatives Projekt entpuppen.

»Konservativ« war einst Ersatzwort für das geächtete »rechts«. Nun ersetzt »wertkonservativ« konservativ. Der AfD-Europaabgeordnete Bernd Kölmel hat bei seiner Bewerbungsrede für die Liste zur Europawahl im März 2014 in Aschaffenburg mit dem Satz reüssiert, er sei nicht erzkonservativ, sondern wertkonservativ. Nach eben jener Logik wird zwar früher oder später »wertkonservativ« das gleiche Schicksal ereilen, aber eben das kümmert den echten Wertkonservativen wenig. Indem er sich so nennt, hat er doch schon seinen Willen zum Zurückzuweichen vor einem Zeitgeist bekundet, der auf seinem Weg durch die Sprache verbrannte Begriffe hinterläßt.

Sobald das konservative Prinzip um das Prinzip des Wertes ermäßigt wird, scheint es nichts oder zumindest nur noch sehr viel weniger wert zu sein. Wer »wertkonservativ« sagt, der sagt damit: Es gibt das ent-wertete, wert-lose, reine Konservativsein und daneben das wert-volle, diesen Begriff deshalb auch vor sich hertragende Wertkonservativsein. Der Fall ist klar, und mehr müßte gar nicht gesagt werden. Aber die Sache reicht tiefer, weshalb es sich doch lohnt, ein paar Worte zu verlieren.

Carl Schmitt entwickelt in seinem Aufsatz Die Tyrannei der Werte (1960) eine Kritik des Wertdenkens überhaupt, die an den Werten bemängelt, daß sie gerade die Orientierung, die sie vorgaukeln, nicht geben können. »Ob etwas Wert hat und wie viel, ob etwas wert ist und wie hoch, läßt sich nur von einem – gesetzten – Standpunkt oder Gesichtspunkt aus bestimmen.«

Der Wert, das wußte schon Saussure so gut wie Marx, bestimmt sich allein durch seine Relation zu anderen Werten. Wert an sich ist nichts. Wert ist etwas nur durch seine Stelle in einem System von Beziehungen. Der Wert hat keine Substanz, und er ändert sich ständig. Jede Veränderung in seinem System verschiebt das gesamte Gefüge der Relationen. Verändert sich ein Wert, verändern sich alle Werte mit. Der Wert hat kein Sein, sondern eine höchst volatile Geltung. Er ist nicht, sondern er ist in Kraft – oder auch nicht.

Der Wert beruht auf Wertungen, die ihrerseits auf Interessen verweisen, die sich in stetig wandelnden Kontexten immer wieder neu und also immer wieder anders geltend zu machen suchen. Werte sind Auslegungssache, und als solche sind sie unvermeidbar und immer schon am Werk, egal wie wir uns dazu verhalten. Ein Erfolgsrezept der abendländischen Kultur wiederum scheint darin zu liegen, daß sie dieses ständige Schwanken der Werte erkennt und anerkennt. Das ständige Relativieren, zu deutsch: In-Beziehung-Setzen, ist ihr Charakteristikum.

Anders als im Islam, wo zumindest im orthodoxen Denken die Auslegung die Aufgabe hat, den äußeren Buchstabensinn – oder was man dafür hält – gegen den Angriff der Kontexte durch den Wandel der Zeiten hindurch festzuhalten, beruht die abendländische Auslegungskultur auf der Annahme, daß kanonische Texte von der Bibel bis zum Grundgesetz ständiger Neuauslegung bedürfen, um in Geltung, das heißt wert- und sinnhaltig, zu bleiben. Der äußere Wortsinn gilt jeweils nur für seine Zeit. Veränderte Umstände entwerten ihn, ist er doch nichts als Relation. Sobald der Text auf eine neue Zeit angewendet werden soll, bedarf er deshalb der Neuauslegung, die den Wortsinn übersteigt und sich dadurch rechtfertigt, daß allein so dem Text zu neuer Wertgeltung verholfen werden kann.

Wir begegnen dieser Einstellung im Neuen Testament, in den Umdeutungen der Bergpredigt. Jenes »Ihr habt gehört, daß gesagt ist ›Du sollst nicht ehebrechen‹. Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen« ist nicht nur eine gesinnungsethische Forderung, es ist auch die wertbezogene Relativierung einer überlieferten und in ihrem äußeren Sinn als überlebt erkannten Vorschrift, die neu in Wert gesetzt werden muß. So deuten wir unsere Gesetze, unsere heiligen Texte und unsere Traditionen: im Absehen auf etwas, was hinter dem Wort zu stehen scheint – ein von dem Zeitumständen abstrahierter Sinnwille, ein sich durchhaltendes Prinzip der Auslegung, das alles Sagbare zwangsläufig übersteigt.

Wir finden diese Vorstellung in Augustins Lehre vom verbum interius, vom »innerem Wort«, das prinzipiell immer mehr umfaßt als das jeweils geäußerte Wort. Und wir begegnen ihr in der platonischen Ideenlehre. Dasjenige, was ständiger Umwertung bedarf, um sich zu erhalten, ist wie die Idee hinter den Dingen.

Doch ist das keine Konstruktion? Finden wir hinter den verschiedenen Umwertungen und Auslegungen tatsächlich einen festen Halt oder ist es nicht die Illusion einer Kontinuität? Was ist das, worauf bei der Umdeutung Bezug genommen wird? Ist da überhaupt etwas, worauf sich Bezug nehmen läßt? Ist es nicht die reine Beliebigkeit, die sich nur einbildet, über einen Halt zu verfügen, weil sie sich immer am selben Begriff oder Text festmacht?

Die Antwort scheint mir im Widerstand zu liegen, den jede Umdeutung überwinden muß. Um noch als Aktualisierung des Prinzips hinter den Wertungen und eben nicht als beliebige Deutelei zu gelten, muß sie sich in Bezug setzen zu den vergangenen Auslegungen. Sie kann nicht beliebig verfahren und verschiebt, ist sie erfolgreich, am Ende den Deutungsrahmen nur – sie setzt ihn nicht neu. So erweist sie der Tradition Respekt.

Daß wir eben so konstruieren und nicht anders, daß wir nicht am Äußeren festhalten, sondern auf einen Sinn und Zweck hinter Texten und Traditionen absehen und sie von dort her verändern, begründet die Dynamik und Anpassungsfähigkeit unserer Kultur. Deuten heißt immer schon Umdeuten.

Jene erzkonservative Haltung, die an dem Buchstaben haftet und ihn um nichts in der Welt preisgibt, die Traditionen als genau festgelegte Rituale versteht und sie bis ins kleinste Detail zu reproduzieren sucht, jene Haltung ist unserer Kultur so fremd, daß überhaupt keine Gefahr besteht, wir könnten jemals in eine derartige Starre geraten. Nicht ständig umzudeuten erschiene uns als Verstoß gegen das Leben selbst.

Eher droht uns Gefahr aus der anderen Richtung. Wer ein Prinzip gerade nicht neu in Geltung setzen, sondern ein für allemal erledigen will, auch der wird vorgeben, ihm durch aktualisierende Umdeutung nur wahrhaft gerecht werden zu wollen, es an die veränderten Zeitumstände anpassen und so seine Geltung sichern zu wollen. Die Politik ist reich an Beispielen dafür, und wie ich meine, gehören die meisten Fälle des Gebrauchs von »wertkonservativ« hier her.

Es ist eine Gratwanderung, die wir immerwieder meistern müssen: die falsche Berufung auf die Notwendigkeit des Umdeutens von der richtigen, der aufrichtigen unterscheiden. Das Wertkonservativsein hilft hier nicht weiter. Auch und gerade der Konservative akzeptiert den Wandel der Tradition, so lange sie sich wandelt und nicht gewaltsam gebrochen wird, sei es durch eine technokratisch-manipulative Politik, sei es durch revolutionäre Eruption. Der Konservative lehnt nicht den Wandel ab, sondern die Manipulation, nicht das lebendige Wachsen und Werden, sondern den technokratischen Eingriff, die Steuerung, das Gesellschaftsexperiment.

Es ist daher keine Präzisierung, wenn wir das konservative Prinzip mit dem Begriff des Wertes verbinden, sondern es ist redundant und entwertet das, was Konservativsein ausmacht, in einer doppelten Relativierung. Sie löst das Bemühen, der Tradition immer wieder neu Geltung zu verschaffen, auf in die reine Beliebigkeit eines »Alles ist möglich«.

Weshalb diese Ermäßigung und Relativierung von etwas, das Maßhalten und Umsichtigkeit schon in sich schließt? Geschieht dies etwa, um ein Gebundensein an die Tradition vorzutäuschen, hinter dem in Wahrheit der Vorsatz steht, sich an gar nichts mehr gebunden zu fühlen? Verbirgt sich hinter der Relativierung des Wertkonservativen nicht der Vorsatz, um keinen echten Bezug zur Tradition mehr zu ringen, sondern nur so zu tun, als bemühte man sich darum?


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Kommentare (17)

Monika
20. Mai 2015 11:39

"Jene erzkonservative Haltung, die an dem Buchstaben haftet und ihn um nichts in der Welt preisgibt, die Traditionen als genau festgelegte Rituale versteht und sie bis ins kleinste Detail zu reproduzieren sucht, jene Haltung ist unserer Kultur so fremd, daß überhaupt keine Gefahr besteht, wir könnten jemals in eine derartige Starre geraten. Nicht ständig umzudeuten erschiene uns als Verstoß gegen das Leben selbst."

Ein sehr schöner Beitrag....Danke

Im Nachlass meiner kürzlich verstorbenen Mutter fand ich ihr Poesiealbum.
Deren Mutter, also meine Oma schrieb dort am 5. Dezember 1940:

Sei wie das traute Jesuskind,
So lieb, so rein und hold gesinnt,
das Kind ging auf der Tugendbahn
war seinen Eltern untertan

Im Matthäusevangelium lese ich dieser Tage ob aufwühlender Familienzwistigkeiten sehr häufig.
Dort auch ( Mt 12,46-50)

Einer aus der Menge sagte zu Jesus: "Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sprechen."
Jesus antwortete ihm: " Wer ist meine Mutter ? Wer sind meine Brüder ? "
Dann streckte er seine Hand über seine Jünger aus und sagte: " das hier sind meine Mutter und meine Brüder."
"Denn wer tut, was mein Vater im Himmel will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter."

Diese Freiheit von archaischen und starren Familienbeziehungen ( durch Umdeutung) ist nur im christlichen Kulturkreis möglich.
Weswegen mir vor einer Islamisierung des Abendlandes nicht bange ist.
( allerdings: illegale Masseneinwanderung ist ein anderes Thema)

Der Autor der Hirnhunde bezeichnete das Mattäusevangelium übrigens als das wichtigste Buch für diese Zeit. Im besten Sinne wertkonservativ.

Meier Pirmin
20. Mai 2015 15:29

Der Begriff hat trotz allem sein Potential und passt zum Beispiel zum sog. rechten Flügel der SPD, auch sind alle, die bei der Fristenlösung immerhin da und dort, wie einst Willy Brandt, noch ein schlechtes Gewissen andeuten, vergleichsweise "wertkonservativ". Auch ist es vernünftigerweise noch nie darum gegangen, Traditionen um ihrer selbst willen zu erhalten. Auch Kritiker der Orthographiereform, Befürworter der alten Sprachen in der Bildung, Sympathisanten für altmodischen Anstand und Sitte kann man in einem gewissen Sinn als "wertkonservativ" gelten lassen. Es handelte sich eher um ein rechtes als um ein linkes Schlagwort, selbstredend um eine Entschuldigung dafür, dass man da und dort noch einen konservativen Eindruck machen könnte.

donna_alta
20. Mai 2015 20:46

Danke für den Text, den ich nun mehrfach gelesen habe. Ich meine, ihn langsam zu durchdringen.

Den Begriff "wert-konservativ" hätte ich vor dem Lesen des Textes als das Erhalten (Konservieren) "alter, traditioneller" Werte verstanden und auf solche aktuelle Themen wie Ehe, Familie, Sprache, Musik, Nation usw. bezogen, die es in unserer Zeit mit Kraft und Mut gegen den Werteverfall zu verteidigen gilt.
Es ist also eine Bewegung, Auseinandersetzung, Aktualisierung des

Prinzips hinter den Wertungen

, die in Beziehung gehen muss zu vergangenen Auslegungen.
Ich verspüre jedoch in alltäglichen Gesprächen oder gar in der Kirche oder Politik nicht einmal den vorsichtigen Versuch, sich derartigen, sehr tiefgründigen Gedanken auszusetzen. An welcher Stelle ist denn z.B. der Begriff der Familie aus dem Rahmen gefallen und als Wert verloren gegangen? Hinter der Bezeichung "Regenbogenfamilie" ist das Prinzip für mich nicht mehr erkennbar, weil sich alles in Beliebigkeit aufzulösen scheint. Doch die Kirche z.B. feiert sich mit dieser Anbiederei an den Zeitgeist als modern und zeitgemäß.

@Monika
Sie schreiben:

Im Matthäusevangelium lese ich dieser Tage ob aufwühlender Familienzwistigkeiten sehr häufig.

Sie können es auch hören, eine herausragende Interpretation:

https://www.youtube.com/watch?v=jm1os4VzTgA

Geistliche Musik hilft mir gegen Seelenschmerz, Ihnen vielleicht auch!

Monika
20. Mai 2015 21:49

"Ich bin nur ein Mensch auf der Suche nach Worten, die längst schon gefunden sind, die im Matthäusevangelium schon alle dastehen, in perfekten logischen Sequenzen, schärfer, als Wittgenstein es je gekonnt hätte, eine erschöpfende Analyse dessen, warum wir falsch sind und warum wir dadurch schuldig werden vor allem und vor jedem, nämlich bloß kraft unseres wahrheitsfernen Tuns. Eine literarische Form dafür zu finden ist sehr schwer, ich glaube, man kann keine Form dafür finden, daß wir falsch sind, keine ernste, denn eine Form, die sich vom Einverständnis des Lesers verabschiedet, ist keine Form, sondern für den Leser eine Zumutung, wie ja auch das Matthäusevangelium. Das größte philosophische Werk des Abendlandes.

Andreas Maier

"Ob etwas Wert hat und wie viel, ob etwas wert ist und wie hoch, läßt sich nur von einem -gesetzten -Standpunkt oder Gesichtspunkt aus bestimmen"

Carl Schmitt

Wert bestimmt sich durch seine Relation zu anderen Werten.

Das ist wahr. Im Neuen Testament ist dieser gesetzte Standpunkt die Reich Gottes Botschaft Jesu Christi.
Die Reich Gottes Botschaft relativiert alle anderen Werte.
Das Gleichnis vom Schatz im Acker und von der Perle ( Mt 13,44) zeigt dies auf:
"Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles . Was er besaß, und kaufte sie."

Was Reich Gottes formal und inhaltlich meint, beschreibt das Buch von Rudolf Schnackenburg m. E. immer noch am besten.

https://wuerzburgwiki.de/wiki/Rudolf_Schnackenburg

Es geht weder um eine normative Ethik ( du sollst) noch um eine autonome Moral ( du kannst).
Sondern um höchste Freiheit in Bindung.
@ Donna alta
Danke für den Musikhinweis

Andreas Walter
20. Mai 2015 23:31

Mit der Bibel wäre ich vorsichtig, genauso wie mit dem Koran. Ich kenne jede Menge Menschen die sich selbst als christlich, bibeltreu, gläubig und was auch immer in diese Richtung selbst bezeichnen und das dann auch wirklich glauben zu sein, die jedoch weder danach leben, was in seiner letzten Konsequenz auch gar nicht (oder nur mir?) möglich ist, und selbst wenn man sie dann mit ihren Verfehlungen konfrontiert sie diese erstmal weit von sich weisen, nicht einmal wahr haben wollen. Wirklich gläubige Menschen sind mir im Leben bisher nur ganz, ganz wenige begegnet. Echter Glaube, vollendetes Gottvertrauen, entrückte Glückseligkeit ist in etwa so selten, dass man selbst in einer vollen Kirche oft nicht einen Einzigen dieser Unbeschreiblichen trifft. Ich sage das, weil ich es weiß, selbst wenn ich trotzdem auch noch regelmässig immer wieder vom Glauben abfalle, ich auch immer wieder aus der Gewissheit heraus-falle. Was ich zum ko..... finde, zugleich aber auch schön. Ich muss dann immer weinen, im Angesicht von so viel Liebe, solch einem Erbarmen, solch einer Gnade. Es gibt nichts, was mich mehr tröstet, sich schöner anfühlt, mir mehr Frieden schenkt und (mir fast) jegliche Furcht nimmt. Wie muss das wohl erst sein, frage ich mich dann, wenn man sich dem ganz in die Arme hineinfallen lassen kann, sich einfach hineinfallen lässt. Ein Traum, wenn da nicht .... mein Urvertrauen schon als Kind erschüttert worden wäre.

Matthäus 5:1-11

Theosebeios
21. Mai 2015 11:45

Angesichts der Tatsache, dass sich (z.B. in England) manche als Konservative bezeichnen, die damit eher die geschmeidige Anpassung an das politisch Erfolgversprechende verbinden, ist die von Bernd Kölmel vorgenommene Selbstbezeichnung nicht von vornherein verfehlt. Die Gefahr, mit Altkonservativen der CDU verwechselt zu werden, besteht kaum noch. Das von einem Mitkommentator angesprochene Potential des Begriffs "wertkonservativ" besteht darin, den Vorrang der Werte gegenüber Normen zu betonen. Das ist bzw. war ein typisches Merkmal der alten Mitte, für die die bürgerlichen Werte Fleiß, Ordnungsliebe, Leistungsbereitschaft, Heimatliebe etc. noch eine besondere Bedeutung hatten.
Entscheidend ist freilich, um welche Werte es sich handelt und wie die konkreten Umstände beschaffen sind. Von Nächstenliebe zu predigen und "Flüchtlinge" auf eigene Faust aus dem Mittelmeer retten zu wollen, ist alles andere als konservativ. Auch der Wertkonservative erkennt in der Bewahrung des gesunden Menschenverstands den höchsten (individuellen) Wert. Ohne ihn lässt sich alles andere nicht zureichend beurteilen.
Die Fragen am Ende Ihres Textes lassen einen eher stirnrunzelnd zurück. Sie insinuieren da eine grundsätzliche Haltung oder Absicht anhand einer semantischen Begriffsanalyse. Das geht zu weit.

Hartwig
21. Mai 2015 21:14

Ich werde von meiner Frau gern als konservativ, manchmal auch als wertkonservativ verkauft. Sie möchte gern, das ich als der wahr genommen werde, für den sie mich hält: loyal, integer, ein guter Mann und Familienvater. Wenn ich mich dann selbst als rechts zeihe, so sind alle Zuschreibungen dahin. Ein Rechter ist einer, der sich, bzw. mit dem man sich unmöglich macht.
Mittlerweile ist auch diese Phase überwunden ...

Stil-Blüte
22. Mai 2015 04:14

Der Schlips, die Krawatte 'wertkonservativ'? Eher ein Symbol (nicht umsonst wird beim Weiberfastnacht dieses Utensil abgeschnitten).

Aber: der Herrenanzug: An Hand des Anzugs - bei den Damen wurde er seltsamerweise doppeldeutig 'Kostüm' genannt -, könnte man eine besonders langlebige Kulturgeschichte des Wertkonservativen entfalten, weil sie von vollkommener Funktionalität u n d Schönheit zeugt. Ohne alle Qualitätsmerkmale aufzuzeigen, möchte ichmich alleine auf die diskreten Taschen beziehen:

Bundhose: 2 Gesäßtaschen, oft mit Verschluß, Laschen, zum Zuknöpfen (Diebstahl unmöglich), 2 tiefe Seitentaschen, oft noch eine kleine Tasche darüber, früher für die Taschenuhr, heute für Kleingeld, am Rücken verstellbar (Zu- oder Abnehmen)
Weste: Brusttasche, kleine diskrete Bauchtaschen
Jacket: Futtertasche innen, oft mit zwei 'Etagen' (unangreifbar für die 'Brieftasche', auch Manuskripte finden darin Plastz), 2 Seitentaschen; eine linke (damit die rechte Hand gut zugreifen kann) Brusttasche für das Taschentuch oder den Fahrschein oder, um den großen Schein zu zücken.

Warum in Gottes Namen Milliarden Männer (inzwischen auch Frauen) auf der weiten Welt, unabhängig von Religion, Kultur, Nationalitüät verwaschene, ausgewaschene, kaputte, ausgebeulte, unzweckmäßige (Taschen sind viel zu eng), zu jeder, ja zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit und in jedem Alter - beginnt neuerdings mit zwei Jahren und endet im hohen Alter - Arbeitshosen tragen, obwohl der Hängebauch raushängt, der Bund zwickt, das Gemächt in Mitleidenschaft gezogen wird, nie die richtige Beinlänge stimmt und deshalb ausfranst...und...und..., warum also die Jeans der meistverkaufteste standardisierte Artikel der Welt ist Und sooo häßlich! Ein schwere Neurose! D e r sichtbarste Angriff auf das wertkonservative Selbst-Verständnis, selbst verschuldet.

Naja.

Nordlaender
22. Mai 2015 11:02

@ Stil-Blüte

"warum also die Jeans der meistverkaufteste standardisierte Artikel der Welt ist Und sooo häßlich!"

Ähnlich wie eine verschlurfte weltamerikanisch-jugendliche Körpersprache transportiert diese Demokratenhose halt den unverzichtbaren Subtext: "Ich bin wie Du."
Sogar die Umbenennung unseres Erdenballes hat die Nietenbüx bewirkt:
"Blauer Planet".

Stil-Blüte
22. Mai 2015 23:14

Zum x-ten Male, bevor ich einen Beitrag abschicken wollte greift mich ein Niemand an und mein Beitrag verschwindet im Nirgendwo. Wem ist das auch schon so ergangen?

Dziadowa Kłoda
23. Mai 2015 10:37

Wenn »konservativ« einst das Ersatzwort für das geächtete »rechts« war und nun »wertkonservativ« "konservativ" ersetzt, ergeben sich drei Fragen:
- gab es etwas, was durch "rechts" ersetzt worden ist?
- was wird wohl "wertkonservativ" ersetzen?
- und wenn sich die Wortform änderte, wie denn beschreibt man den (immer gleichen?) Inhalt?

Jefreiter
23. Mai 2015 21:48

In der Bundeswehr gibt es ein ähnliches Problem: SiPol. Das ist eigentlich eine Tarnung für militärische, Wehrsport treibende Kameradschaften an pazifistischen Hochschulen. Mangels Reflexion über diesen Begriff hat er sich aber verselbständigt und ist mittlerweile auch bei unakademischen Kameradschaften als Mädchen für alles anzutreffen: Historisches, Waffenkundliches, Geographisches, Technisches aller Art. Manche alten Kameraden, die einst als Genossen in der NVA gedient haben, erinnert SiPol an partei-ideologische Zwangsveranstaltungen des SED-Staates.

Man sollte die Begriffe, die man verwendet, unbedingt beherrschen. Sonst macht man sich nicht nur dümmer als man ist, man läuft auch Gefahr, daß Kameraden, die diesen Artikel nicht gelesen haben und auch LTI und MKH's Lexikon nicht kennen, unkontrolliert mit SiPol um sich schießen und irgendwann tatsächlich anfangen beim Kommando "SiPol!" über die NATO oder die militärischen Geistesblitze von Partei-Pappkameraden oder gar der Flinten-Uschi zu grübeln...

Urwinkel
25. Mai 2015 12:31

Eine Antwort gefällig?

- und wenn sich die Wortform änderte, wie denn beschreibt man den (immer gleichen?) Inhalt?

Vorher etwas an die hysterische Stil-Blüte: Ihr Beitrag zum modischen Dreiteiler war sensationell und ist angekommen.

Aber zur Sache: Inhalt bleibt Inhalt. Wer auf das Zwitschern der Schwalben hört, ab und zu mal baden geht, ist konservativ. Und jetzt kommt der Knaller: In einem knappen Monat feiern wir die Sommersonnenwende.

Andreas Walter
25. Mai 2015 17:44

@ Stil-Blüte

Ja, das passiert manchmal, nicht nur hier. Ärgerlich, wenn man sich so viel Mühe gibt und auch Zeit nimmt es ja in Anspruch, das Schreiben. Vor dem Absenden, Senden, Abschicken daher immer kurz alles markieren und mit Kopieren, copy, in den Zwischenspeicher des Rechners laden. Da aber auch nicht jeder Beitrag veröffentlicht wird empfehle ich jedem grundsätzlich die Früchte seiner Arbeit und seines Geistes auch noch anderweitig bei sich zu Hause auf dem Rechner nach Themen geordnet abzuspeichern. Vieles was manchmal recht kompliziert ist zu vermitteln möchte man ja nicht jedes mal neu erarbeiten oder die Quellen und unterstützenden Netzverweise, Links, jedes mal dazu auch neu suchen. Auch die speichere ich darum mittlerweile als druckbares PDF auf meinem Rechner, denn vieles im Netz hat nur eine begrenzte Halbwertszeit und manches Unbequeme wird auch bewusst wieder entfernt, sobald es zu populär, bekannt wird. Eben ähnlich vorgehen wie bei der Erstellung eines Buches oder einer Diplom- oder Doktorarbeit, die man ja auch "verteidigen", mit Fakten und Quellenverweisen untermauern muss, um zu überzeugen, um die Deutungshoheit zu erlangen oder zurückzuerobern.

Also: Alles mit der Maus markieren, auf Bearbeiten gehen und Kopieren drücken.

Hubert Weißgerber
27. Mai 2015 01:55

Was mir durch dieses Bild klar geworden ist:
https://www.youtube.com/watch?v=rMRuQTloBuc

Stil-Blüte
30. Mai 2015 05:38

@ Andreas Walter
Ein Dankeschön für diesen Tipp!

Stil-Blüte
31. Mai 2015 20:56

@ Urwinkel

'an die hysterische Stil-Blüte'

Durchschaut! Nichts liegt einem Hysteriker näher als nicht nur gesehen, sondern durschaut zu werden!

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