Sezession
20. Mai 2015

Wertewandel – das Richtige erzählen

Gastbeitrag / 35 Kommentare

von Wolfgang Dvorak-Stocker

Es blieb kein Stein auf dem anderen. Die christliche Verheißung eines persönlichen Weiterlebens in einem himmlischen Jenseits war für die antike Welt, aber auch für die alten Germanen etwas geradezu Unerhörtes. Die Christianisierung führte zu einem grundlegenden Wertewandel, dessen Durchsetzung Jahrhunderte in Anspruch nahm. Doch dann war Ruhe, mancherorts für eineinhalb Jahrtausende.

Der Wertewandel unserer Tage kann aber noch weiterreichende Folgen haben. Natürlich veränderten sich auch im christlichen Europa die Werthierarchien im Laufe der Zeit. Die sich herausbildenden Städte etwa verlangten von ihren Bürgern andere Tugenden als adelige Grundherren von ihren Bauern. Doch die zentralen Werte, die Europa prägten, blieben davon unangetastet. Und dies galt auch bei so einschneidenden Ereignissen wie der Reformation oder dem Aufstand der Schweizer, der zur Etablierung einer demokratisch-republikanischen Staatsform inmitten eines monarchisch geprägten Europas führte.

So unterschiedlich die konkreten Vorstellungen auch sind, alle Weltreligionen und die von ihnen geprägten Gesellschaften schätzen zwei Arten von Werten am höchsten: einerseits gemeinschaftsbezogene, mittels derer sich ein Individuum als nützliches Glied einer Familie und einer politischen Einheit jedweder Art, sei es bloß die Dorfgemeinschaft, sei es ein Staat oder Reich, erweisen soll; andererseits jene Kategorie von Werten, die uns zu einem »guten Tod« verhelfen sollen. Diese Werte sind zwangsläufig individualistisch und können in einem gewissen Widerspruch zu den gemeinschaftsbezogenen Werten stehen. Festzuhalten bleibt, daß der »gute Tod« das Lebensziel der vergangenen Jahrhunderte war. Heute ist das »gute Leben« das Ziel des Lebens.

Während des christlichen Äons bemühte man sich darum, sein Leben gemäß den Verkündigungen der Religion möglichst gottgefällig zu führen, um am Ende, wohl über die Zwischenstation des Fegefeuers, in den Himmel zu gelangen. Darüber zerbrechen sich heute immer weniger Menschen den Kopf, und selbst unter vielen verbliebenen »Gläubigen« herrscht eine »wir kommen alle, alle in den Himmel …«-Stimmung, die es erlaubt, den Hauptteil der Gedanken der Erhöhung des eigenen Wellnessfaktors zu widmen. Es mag sein, daß solche Tendenzen in einer Gesellschaft, die echte Not fast nicht mehr kennt und sich gegen die meisten Lebensrisiken versichert wähnt, zwangsläufig auftreten.

Doch muß die Frage nach den Konsequenzen erlaubt sein: Was geschieht, wenn die gemeinschaftsbezogenen Werte (die den Einzelnen an Familie und Staat binden) und die religiösen Werte (die das richtige Leben von der Einhaltung des Dekalogs her definieren) zunehmend schwinden? Persönlichkeiten wie Elisabeth Noelle-­Neumann und Konrad Lorenz haben eindringlich vor einer solchen Entwicklung gewarnt, weil sie die Grundlagen von Demokratie, Wohlstand und Freiheit gefährde. Wenn wir dies auch so sehen, müssen wir uns gegen jene stellen, die diesen Wertewandel als freiheitsfördernd vorantreiben. Und wir können dabei ganz nüchtern und kalt argumentieren, ohne Rückgriff auf Begriffe wie »Gott« oder »Nation«, die immer weniger Zeitgenossen etwas bedeuten. Als mehr oder minder automatischen Ablauf, einem Naturgesetz vergleichbar, müssen wir jedenfalls keinen Wertewandel hinnehmen.

Dazu kommt, daß Werte sich nicht nur wandeln, weil sich die Lebensbedingungen verändern, sondern daß sie in den meisten Fällen aktiv gewandelt werden. Schon der Wertewandel der Christianisierung erfolgte nicht von selbst, sondern durch eine predigend durch die Lande ziehende Organisation, die anfangs gegen den entschiedenen Widerstand der (römischen) Obrigkeit auftrat, später oft von verschiedenen (germanischen) Obrigkeiten gefördert wurde.

Die christlichen Werte wurden gezielt propagiert, und zwar nicht nur durch direkte Methoden wie etwa die Predigt, sondern sogar in erster Linie durch bildhafte Erzählungen: Auch Christus hat seinen Jüngern vor allem Geschichten – Gleichnisse – erzählt. Die Reformation wurde später wiederum von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe Kleriker ins Volk getragen, wobei der mit ihr verbundene partielle Wertewandel aufgrund der damals weit verbreiteten Unzufriedenheit mit der zutiefst reformbedürftigen römischen Kirche leichtes Spiel hatte.

Auch die staatliche Obrigkeit ist auf diesem Gebiet aktiv: Die Hohenzollern brachen den Widerstand des auf seine Unabhängigkeit pochenden preußischen Adels nicht nur mit Gewalt, sondern vielmehr, weil sie dessen Söhne in Kadettenanstalten und Offiziersakademien entlang staatsbezogener Werte erzogen. Mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht wurde dann das ganze Volk von dieser Propaganda erfaßt.


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Kommentare (35)

Karl Martell
20. Mai 2015 19:49

"Festzuhalten bleibt, daß der »gute Tod« das Lebensziel der vergangenen Jahrhunderte war. Heute ist das »gute Leben« das Ziel des Lebens."

Der unwerte Mann meint ewig zu leben,
Wenn er vor Gefechten flieht.
Das Alter gönnt ihm doch endlich nicht Frieden,
Obwohl der Speer ihn spart.

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch nimmer mag ihm der Nachruhm sterben,
Welcher sich guten gewann.

Aus der Älteren Edda, hier in der von Dr. Manfred Stange überarbeiteten Übersetzung des deutschen Philologen und Dichters Karl Simrock aus dem Jahr 1851.

Curt Sachs
20. Mai 2015 22:07

Amen.

Helgi Knartr
21. Mai 2015 08:36

En undir þeiri rót,
er til hrímþursa horfir,
þar er Mímisbrunnr,
er spekð ok manvit
er í fólgit, ok heitir
sá Martellr, er á brunninn;
hann er fullr af vísendum,
fyrir því at hann drekkr
ór brunninum af horninu
Gjallarhorni.

Vitoð ér enn – eða hvat?

Siegfried Aarenhold
21. Mai 2015 10:29

Ich bin mir völlig sicher, daß 80 bis 90 Prozent meiner Mitmenschen ihr eigenes Leben und ihre Weltanschauung nach irgendeiner Fernsehserie ausrichten.

Karl Martell
21. Mai 2015 10:56

Nicht „Freiheit oder Gleichheit“ ist das Problem der Zeit – wie die Liberalen uns glauben machen wollen –, sondern „Ungleichheit oder Gleichheit“. Der Egalitarismus ist der Untergang von Volk, Moral und Sitte. Er ist die Pervertierung aller Werte, indem er von Natur aus Ungleiches gleich machen will. Und darin ist er umfassend: Die Gleichheit soll für alles gelten, sei es Mann und Frau, Schwarz und Weiß, Gut und Böse. Durch den Egalitarismus verliert man jeglichen Maßstab, jedwede Gerechtigkeit wird zerstört. „Suum cuique“, „jedem das Seine“ ist seit Platon das Prinzip von Gerechtigkeit und eben das schließt Gleichheit aus.

Doch woher kommt das Gleichheitsideal? Ausgangspunkt ist das Gleichheitsprinzip des Christentums, das erst mit der Aufklärung voll zur Geltung gekommen ist.

Das christliche Mittelalter war elitär in seiner Struktur – trotz Gottesebenbildlichkeit. Paradoxerweise ist die Aufklärung zugleich Christentumskritik. Nur sollte man sich davon nicht täuschen lassen: Wie auch die Agnostiker und Atheisten heute, nahm die Aufklärung die christliche Axiologie erst richtig ernst und wandten sie gegen die etablierte christliche Kirche; sie waren sozusagen christlicher als christlich.

Das Christentum ist längst universal geworden. Seine Ethik ist das Fundament der linken Ideologie. Mag auch der Jenseitsbezug weggefallen sein, das Christentum ist in der Form des linken Gutmenschentums lebendiger denn je. Das NT kann als Quelle so mancher kranker Vorstellung der heute herrschenden linken Ideologie ausgemacht zu werden.

Die christliche Ethik verlangt Wehrlosigkeit bis zur Selbstaufgabe:

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab. (Mt 5,38-42)

Und:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. (Mt 10, 34-39)

Das Christentum beinhaltet eine „Interimsethik“ (Albert Schweitzer), geschaffen für den Weltuntergang, nicht für das Leben.

Langer
21. Mai 2015 11:32

Und wiederum kann man diese Entwicklung begrüßen und fördern oder aber sie aufs Schärfste bekämpfen, weil man eben nicht der Auffassung ist, daß das von allen Zwängen, Bindungen und Bestimmungen befreite Individuum Basis eines gelingenden Lebens ist.
... Gender Mainstreaming und andere Umerziehungsprogramme sind nicht einfach Ergebnisse eines Wandels der Gesellschaft, sondern werden dieser von einer kleinen Gruppe von »AktivistInnen« doktrinär verordnet.

Ich vertrete die Auffassung, dass sich die harte biologische Basis des menschlichen Daseins nicht so billig aendern laesst und schaue deswegen relativ entspannt auf solche Versuche. Sie koennen nicht gelingen, aber falls doch, dann gaebe es wenigstens mal ein gutes Gegenargument gegen das Konservative. Derzeit zieht man doch den Loewen ins Wasser und obwohl er nur mit den Tatzen das Meer beruehrt, quaelt er sich schon und japst nach Luft. Ich erwarte eher, dass er sich bald umdreht und brutal zurueckschlaegt.

Helgi Knartr
21. Mai 2015 12:03

Mein Beitrag von 8.36 Uhr: Darf ich den kleinen Edda-Text erläutern bzw. in einen Zusammenhang stellen?

In der 6. Zeile habe ich geschummelt, da habe ich "Mimir" durch "Martellr" ersetzt. Was soll das ganze? Der Kommentator Martell ist ein Feind des Christentums. Das darf er natürlich sein. Auch Heide und Anhänger von "indogermanischem Polytheismus" ist er und darf er sein. Seine Arroganz allerdings ist ziemlich ärgerlich.

In seinem obigen "Kommentar" läßt Martell "kommentarlos" die Edda sprechen. Was ist gemeint mit den bekannten zwei Strophen? Ganz einfach: Mit dem Tod ist alles zu Ende, es gibt allenfalls den Nachruhm. Und fertig. Damit macht er sich natürlich über den Aufsatz von Dvorak-Stocker bzw. über dessen Tenor lustig.

Auch das darf der Martell. Da ich höflich sein will, lese ich ihm nicht die Leviten, sondern führe ihm eine andere Edda-Stelle vor. Wenn er, der Edda-Besitzer, nachschlägt (oder andere Edda-Besitzer unter den Lesern), wird er recht schnell auf die Übersetzung stoßen: Es geht um den Brunnen der Weisheit und um den, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat: in diesem Fall Martellr.

Magnus Göller
21. Mai 2015 14:04

"Die Christianisierung führte zu einem grundlegenden Wertewandel, dessen Durchsetzung Jahrhunderte in Anspruch nahm. Doch dann war Ruhe, mancherorts für eineinhalb Jahrtausende."

Wo war denn, zumal wenn man jenen Karl, den Sachsenschlächter, als entscheidenden Christianisierer betrachtet, für eineinhalb Jahrtausende Ruhe? Bei den Lappen?

Oder war es Byzanz, im 15. Jahrhundert von den Türken genommen?

Selbst die Iren, recht früh christianisiert, hatten später noch mit den Wikingern zu tun. Wie viele andere, auch Mittelmeeranrainer und der Osten Europas. Selbst Russland (Kiewer Rus) ist eine zunächst heidnische Nordmännergründung, das Christentum musste etwa bis zum Jahre 1000 warten.

Und die schlug sich mit den zum jüdischen Glauben konvertierten turkstämmigen Khasaren herum, wie auch das christliche Byzanz, bis dass jenes Reich unterging.

Nehmen wir als ein Beispiel für wenig herrschende Ruhe noch den Dreißigjährigen Krieg, auch kaum 1500 Jahre nach der Christianisierung Deutschlands.

Es gibt ja sogar Verschwörungstheoretiker, die meinen, man habe diverse Jahrhunderte einfach hinzuerfunden. Zu denen gehöre ich nicht, auch wenn es selbst im Zeitalter allverfügbarer Medien noch genug Geschichtslügen gab und gibt.

Sebi
21. Mai 2015 14:09

@Helgi Knartr

Ég skil ekki allt sem þú segir.

Getur þú þýtt þetta fyrir okkur?

kær kveðja,
Sebi

CCCED
21. Mai 2015 14:12

Wird unser Kulturkreis in den nächsten 100-200 Jahren islamisiert? Ähnlich wie die antike Kultur christianisiert wurde? Wird der Islam in Europa eine neue Gestalt annehmen, die wir jetzt nicht einmal erahnen können?

Das hängt zum einen von der Widerstandskraft unserer derzeitigen Kultur ab. Und da sieht es nicht gut aus, denn wir befinden uns in einer Verfassung, die die christliche Selbstverleugnung auf die Spitze getrieben hat. Die interessante Frage ist, ob die Utopie von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit langfristig eine Gesellschaft am Leben wird erhalten können, die attraktive Konsummöglichkeiten für den Großteil der Individuen bereitstellen kann.

Zum anderen hängt es von der Überzeugungskraft der islamischen Kultur bzw. des islamischen Glaubens ab. Da ist meiner Ansicht nach relativ wenig Gefahr zu sehen, aus meiner Perspektive zumindest. Diejenigen, die sich vom Christentum abwenden, weil dieser Glaube für sie nicht mehr zeitgemäß ist, werden sich eher nicht stattdessen dem Islam zuwenden. Und diejenigen, die auf der Suche nach einem in sich geschlossenen Glaubenssystem sind, werden eher beim traditionellen Christentum bleiben anstatt dass sie sich mit dem Islam einem fremden Kulturkreis zuwenden. Eine Islamisierung findet am ehesten durch Zuwanderung einer Bevölkerung statt, die sich unserer Kultur nicht öffnen kann oder will. Und deren Nachkommen aufgrund der Segregation keinen Anschluss an unsere Kultursphäre finden werden.

Linke und Rechte können sich hier und dort getrost von Ideologie frei machen. Das was geschieht, geschieht weil es möglich ist. Es muss technisch möglich sein und ohne allzu große Schmerzen gesellschaftlich umsetzbar sein. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, werden sich Dinge ändern. Vielleicht wird sich die aktuelle Generation noch verweigern, aber die nächste oder übernächste Generation hat keine Schmerzen mehr, allenfalls leichte Nostalgieanfälle.

Ich frage mich, welches Amalgam sich in den nächsten Jahrzehnten hier herausbilden wird. Welche Rolle wird der Nation zukommen? Der Kultursphäre, die vor allem durch eine gemeinsame Sprache definiert wird? Wie sehr wird es den Menschen weh tun, wenn die Geltung der Muttersprache zurück gedrängt wird?

Die Familie wird uns auf absehbare Zeit erhalten bleiben, trotz gegenläufiger "top-down" Politik. Die Stunde der Familie hat erst dann geschlagen, wenn die Fortpflanzung nicht mehr ausschließlich auf die natürliche geschlechtliche Art und Weise möglich sein wird. Die Reproduktionsmedizin ist aber noch nicht so weit.

Karl Martell
21. Mai 2015 15:09

@ Helgi

Der schwatzt zuviel, der nimmer geschweigt
Eitel unnützer Worte.
Die zappelnde Zunge, die kein Zaum verhält,
Ergellt sich selten Gutes.

Andreas Walter
21. Mai 2015 15:39

Das wohl Schwerste daran zu begreifen ist, das es Beides braucht. Selbst die sogenannte, rein biologistisch betrachtende, Darwinistische Evolution enthält und bedarf beider Elemente: Elemente der Veränderung, der Vielfalt und Variation wie aber auch enge Grenzen in der Bandbreite und das anstreben eines Ideals. Das Eine ermöglicht erst und sichert dadurch die grundsätzliche Reaktionsfähigkeit des gesamten Genpools auf äussere Veränderungen der Lebensbedingungen, das Andere gewährleistet neben der grundsätzlichen sexuellen Kompatibilität der Individuen untereinander auch noch möglichst maximale Beliebtheit. Im sozialen Verhalten untereinander ist es nicht viel anders. Einmalig und Individuell, herausragend und besonders soll/will er, soll/will sie sein, aber auch wiederum nicht so eigen-artig, so selt-sam, dass er, sie, es, also das was er und sie machen gesellschaftlich nicht mehr tragbar ist und zu einem Fall der Gerichte, Psychiatrien oder sogar des internationalen Haager Gerichtshofs wird. In diesem Spannungsfeld zwischen Individualität und Gleichschritt bewegt sich also nicht nur die Natur, das Individuum und die Gesellschaft, sondern eben auch die ganze Welt. Dabei scheint es bei allem einen niemals genau definierbaren Idealpunkt zwischen absoluter Vielfalt, also Pluralismus (Babylonische, aber eben nicht nur Sprachverwirrung) und absolutem Monopolismus, Totalitarismus (New World Order, One World Nation, Weltkommunismus, usw.) zu geben. Ich bezeichne das darum gerne auch als die Heisenbergsche Unschärferelation allen und alles Seins. Wir haben sie auch in der Sprache, im Denken, in der Soziologie, in der Ökonomie, in der Politik, in den Religionen, in den Medien, einfach in allem, immer und überall und 7 Milliarden Meinungen darüber, was den wohl das Richtige, der richtige Weg, der richtige Standpunkt dabei ist. Wahnsinn aber auch lustig, solange man nicht zu sehr auf dem Seinen beharrt oder zu radikal, rücksichtslos, eigensüchtig und brutal von jemand anderem auf Einen geschoben wird, der gar nicht der Eigene ist und den man darum auch gar nicht einnehmen will. Jeder daher, der sich zur Zeit über die "Neuen Rechten", über die Neuen Aufrechten beschwert ist mit absoluter Sicherheit ein intoleranter, eigensüchtiger und zumindest bereits verbal gewalttätiger und wenig einfühlsamer Radikaler, wenn nicht einfach nur ein Dummkopf. Solche Leute diskreditieren sich durch ihr Verhalten bereits selbst, kann man getrost links liegen lassen. Willkommen daher im magischen Zeitalter von Heisenberg, Einstein war gestern.

https://www.youtube.com/watch?v=pBekV7dXdfY

Helgi Knartr
21. Mai 2015 18:12

@ Sebi

Hat mich gefreut! Doch Sie überschätzen meine Sprachkompetenz. Aus schmerzlicher Einsicht in mein Unvermögen (mein ekki sozusagen) habe ich mich schließlich in aller Bescheidenheit „Knartr“ genannt. Ich habe oben ja nicht mehr getan als zitiert. Zitiert, um es dem Edda-Freund, der mit stahlhartem Blick am Mímisbrunni sitzt, schmackhaft zu machen, mal wieder in jenem schönen Buch zu blättern.

„Ég skil ekki allt sem þú segir.“ Þakk þér! Kær kveðja bak – Helgi

Helgi Knartr
21. Mai 2015 18:23

@ Karl Martell

Der schwatzt zuviel, der nimmer geschweigt
Eitel unnützer Worte.

So viel Selbsterkenntnis? Alle Achtung, Hut ab.

Genötigt sprach ich –
nun will ich schweigen.

(Edda, Baldurs Träume und Odins Helfahrt, Str. 10)

Hartwig
21. Mai 2015 21:57

@ Dvorak Stocker

Eine gute Wortmeldung.

Das einzige, was mich stört. ist das Suggerieren, es ginge um Munition für's Argumentieren und Begründen.
Mit wem wollen Sie denn noch diskutieren? Doch allenfalls mit den Leuten des 'eigenen Lagers' - und dann um Details.
Für mich wiegt mittlerweile jede subversive Tat ein vielfaches mehr, als das bestbestückteste Arsenal an "Begründungen".

Aristoteles
21. Mai 2015 23:25

@Helgi Knartr

Karl Martell zitiert Dvorak-Stocker
" „Festzuhalten bleibt, daß der »gute Tod« das Lebensziel der vergangenen Jahrhunderte war. Heute ist das »gute Leben« das Ziel des Lebens.“ "

Daraufhin ergänzt er dessen Diagnose,
indem er aus der 'Edda' zitiert und so mit anderen Worten sagt,
was zu alten Zeiten in poetischer Form gesagt wurde,
dass es nämlich Menschen gibt,
die nur das diesseitige "gute Leben" als Lebensziel haben,
und dass diesem Lebensziel ein anderes vorzuziehen sei,
das über den eigenen Tod hinausgeht.

Dennoch stellen Sie fest:
"Damit macht er sich natürlich über den Aufsatz von Dvorak-Stocker bzw. über dessen Tenor lustig."

Können Sie mir erklären, inwiefern sich Karl Martell mit seinem Kommentar über den Aufsatz von Dvorak-Stocker lustig macht?
Ich kann es nicht sehen.

Freilich übt Karl Martell eine Kritik am Christentum, die mir angesichts der Auslegung des Christentums v.a. in den letzten siebzig Jahren berechtigt erscheint - was auch Dvorak-Stocker andeutet (indem er z.B. auch denjenigen bloßlegt, der Volk und Familie nicht mehr verteidigt, d.h. der "vor Gefechten flieht").

Gleichwohl bricht Dvorak-Stocker, wenn ich es richtig deute, eine (kleine?) Lanze für das Christentum, indem er eingangs herausstreicht: "Die christliche Verheißung eines persönlichen Weiterlebens in einem himmlischen Jenseits war für die antike Welt, aber auch für die alten Germanen etwas geradezu Unerhörtes."

Das scheint mir wiederum nicht ganz richtig, denn natürlich gab es auch schon bei den Ägyptern, Griechen, Pharisäern, Germanen usw. Vorstellungen von einem persönlichen Weiterleben im Jenseits.

Darum ging es Karl Martell aber nicht in seinem ersten Kommentar, sondern es ging ihm um die Kritik an der Dieseitsbezogenheit der Moderne, eine Kritik, die er teilt.

"Arrogant" scheint es mir da eher (um mit Ihrem Wort zu sprechen), wenn in einer Sprache zitiert wird, die im Forum keiner oder kaum einer versteht, von der nicht einmal klar ist, ob Karl Martell oder ein anderer sie ohne erheblichen Aufwand richtig zuordnen kann, da eine Quellenangabe fehlt.

Andreas Walter
22. Mai 2015 00:19

Was, wenn ihr alle selbst Gott seid und ihr euch alle gerade gleichzeitig das nur vorstellt: Euer Leben, dieses Leben, eure Gedanken, diese Welt, diesen Planeten, einschließlich der Vorstellung von Materie die nur darum existiert, weil ihr (wir) ganz fest, im wahrsten Sinn des Wortes, gemeinsam daran glaubt (glauben). Müsst ihr (müssen wir auch), denn sonst würdet ihr euch (würden wir uns) von einer Sekunde auf die Andere in etwas vollkommen anderes verwandeln, in etwas anderem befinden. In etwas wie einem Traum, andere sagen es wäre bereits das Jenseits, das Paradies oder der Himmel. Eine sehr unheimliche Sache, wenn man das schon mal partiell erlebt hat und plötzlich froh darüber ist, dass es doch die Schwerkraft "gibt" und auch die Treppe auf der man gerade läuft weiterhin "fest und solide" unter einem ist. Das Sein ist eine Vorstellung und nur deshalb so unbegreiflich weil uns nicht bewusst ist, warum wir, die ganze Menschheit genau Diese im kollektiv gewählt haben. Warum 7 Milliarden Menschen in Teilen ganz fest an fast exakt das Gleiche glauben und nur in Teilen eben nicht. Unser Glauben ist daher vor allem materiell und zu 99% eh schon identisch, nur ein winziger Bruchteil davon überhaupt spirituell. Darum stecken wir ja auch bis zu den Ohren in der Materie und schon wer nur bis zu der Nase darin steckt ist ein Ketzer, ein Spinner, nicht mehr "normal", eine Bedrohung für die Gesellschaft, die Herrschaft und auch jeden Anderen, der diesem Gedanken nicht mehr folgen kann und sich deshalb tief zurück in das Neandertal geworfen fühlt. Jesus wurde deswegen sogar gekreuzigt, getötet, auf grausame Art und Weise. Weil man, weil er eben Wasser tatsächlich in Wein verwandeln konnte, dass eben nicht nur ein Gleichnis ist. Wandeln auf Wasser. Wer traut sich? Wer geht zuerst? Wer will sich so weit vorwagen, ohne dadurch selbst zu sehr erschüttert zu sein? Jeder kann es.

Ist das nicht eine frohe Botschaft? Eitel ist daran nichts, sich gelegentlich mal wieder gegenseitig daran zu erinnern, wer man ist. Jeder. Bis in alle Ewigkeit. Wahrscheinlich sogar alles selbst bestimmend, bis hinein in das kleinste Detail.

areopagitos
22. Mai 2015 04:46

@Aristoteles
"Freilich übt Karl Martell eine Kritik am Christentum, die mir angesichts der Auslegung des Christentums v.a. in den letzten siebzig Jahren berechtigt erscheint"
Ebendarum geht es nicht, sondern um die achso enthüllende und aufregende "Enttarnung" des Christentums als die wahre Ursache für den Untergang des Abendlandes, wo so mancher ob der abgeschmackten fixen Idee mit den Augen rollen muss.
Es geht um die ständige Wiederholung der Verwechslung von der verzerrten angepassten Karikatur der Humanitarismussreligion mit dem Christentum.
Eben darum, dass nichts falscher ist, als zu denken, dieser Modernismus ist
"sozusagen christlicher als christlich."

"Die neuheidnische Kritik am Christentum hat in ihrer Argumentation wesentlich ein umgewertetes Christentum vor Augen. [...] Die Umwertung desselben begann bereits im rationalistischen Zeitalter des 18. Jahrhunderts, damit daß man es nur noch als Morallehre wahrnehmen konnte. [...] Die historisch kritische Schule im liberalen Protestantismus beschleunigte diese Entwicklung. Es ist nach wie vor wenig beachtet, daß die neuheidnische Kritik am Christentum dem liberalen Protestantismus ihre Wurzeln verdankt. [...] Das neuheidnische Ausscheidungs- und Umdeutungsverfahren hat ja seine klassischen Vorbilder in der historisch-kritischen Theologie. Orthodoxe Überlieferung und Bekenntnis wurden in den Evangelischen Fakultäten aggressiv verdrängt und kaltgestellt. Wenn heute also öffentlich vom Christentum gesprochen wird, wenn christliche Begriffe genannt werden, wie Glaube, Nächstenliebe, Demut, Buße, Vergebung usw., dann haben wir es mit umgedeuteten Begriffen zu tun, die nicht nur etwas ganz anderes darstellen, sondern das christliche Glaubensmysterium in sein Gegenteil verkehren."
Peter Bickenbach: Odin, Buddha, Pan und Darwin, S. 245

Sehr zu empfehlen.

Rumpelstilzchen
22. Mai 2015 06:03

Der Dunning-Kruger-Effekt feiert derzeit im SiN Forum fröhliche Urständ:

https://konzeptionstechnik.de/dunning-kruger-effekt-so-lasst-sich-inkompetenz-bandigen/

Der eine hält sich für klüger als 80 bis 90 Prozent seiner Mitmenschen, die ihr Leben an Fernsehserien ausrichten ( an was richtet er sich aus ?)
Der andere hält sich für Napoleon, äh Aristoteles. Ein dritter hält sich gar für einen fähigen Theologen.....
Dazwischen knattert ein Helgi rum.

Also : Neue Männer braucht das Forum !!!

Aristoteles
22. Mai 2015 10:37

@Karl Martell

Ich gebe Dvorak-Stocker recht, wenn er sagt:
"Die Christianisierung führte zu einem grundlegenden Wertewandel, dessen Durchsetzung Jahrhunderte in Anspruch nahm."

Ich nehme an, Sie geben ihm diesbezüglich auch recht, wobei Sie die christliche 'Umwertung der Werte' sehr negativ betrachten. Dem möchte ich zunächst entgegenstellen:

1) Auch unter den ersten Christen (s. Paulus) gab es mit großer Selbstverständlichkeit Sklaven. Die christliche Gleichheit ist demnach zuvorderst eine innere Gleichheit.

2) Jahrhunderte lang konnten Christen weltliche Hierarchien mit Matthäus 22, 21 ...:
"So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" ... bedenkenlos hinnehmen, anerkennen und sogar stützen.

3) Auch für die ersten christlichen Germanen war es wenig bedenklich, einen Menschenhelden in den Kreis der Verehrten aufzunehmen, ohne dadurch an Lebensmut und Kampfmoral einzubüßen (z.B. die gotischen Arianer).

4) Bis ins 19. und 20. Jahrhundert haben Christen in allen Ländern Europas kein Problem darin gesehen, ihr Leben für Volk und Vaterland einzusetzen und trotzdem an das Ideal des Christentums (Genügsamkeit, Gewaltlosigkeit, Hoffnung, Hilfe, Frieden, Freude, Licht, Liebe, Logos) zu glauben.

Dennoch ist – hier haben Sie recht und daran führt kein Weg vorbei - die christliche Moral in erheblichem Maß eine Moral für die Armen, Flüchtigen, Bedrängten, Kranken, Verführten, Zweifelnden --- wir kennen die Nietzsche-Kritik am egalitären Christentum.
Sie ist eine individualistische Universalmoral,
die eine völkisch-nationale Religion (Heidentum, Judentum),
die sich zwischen Individuum und Universum bewegt,
hinten ansetzt.
Die christliche Moral ist aber auch eine Trost spendende Moral
für Schwache, die sich in einer schwachen Phase ihres Lebens befinden,
und für Außenseiter, die sich außerhalb der natürlichen Gemeinschaft aufhalten müssen.

Kann es auf der anderen Seite nicht auch sein, dass die Moral des Wangehinhaltens ein Ideal darstellt, nach dem zu leben dem jeweiligen Gläubigen für das ganze Leben aufgegeben ist, eine Form der Selbstprüfung, die je nach Situation als Maßstab dient, auch und vielleicht GERADE dann, wenn man schließlich erwogen, abgewogen und beschlossen hat, die Wange NICHT hinzuhalten, sondern sich zu verteidigen?

Mit dem Christentum ist m. E. die Phase des selbstverständlichen, naturgemäßen Kriegführens vorbei. Die kulturelle Entwicklung ist in eine Reflexionsphase eingetreten, in eine neue Bewusstseinsstufe. Das naiv-kindliche Zeitalter wurde verlassen, die kriegerische Auseinandersetzung ist kein Trojanischer Krieg mehr, wie er von Homer beschrieben wird.
Als ob wir nach der Erfindung der Atombombe einfach so wieder 'Zurück zur Natur' fordern könnten und als ob sich die heidnischen Germanen früher nicht auch gegenseitig die Köpfe eingeschlagen hätten oder nicht auch zum Teil plündernd und brandschatzend den Weg aus dem kalten Norden in den bequemeren Süden gesucht hätten.

Das 'Alte Sittengedicht' der Germanen (Hávmál) ist ein wunderbares, ein herrliches Gedicht mit beachtenswerten und tiefgründigen Lebensweisheiten. Germanische Jugendliche sollten es wie andere Lieder der Edda regelmäßig lesen und hören, ähnlich wie Katechumenen Texte aus der Bibel oder muslimische Kinder Texte aus dem Koran lesen. Germanen sollten damit aufwachsen.

Dennoch lesen wir in Strophe 57:
"Früh soll aufstehn,
wer vom andern begehrt
Leben oder Land:
Raub gewinnt selten
der ruhende Wolf
noch der Schläfer die Schlacht."

Eine solch offensiv-aggressive Moral mag für die Germanen vor 2000 Jahren etwas Normales gewesen sein. In unseren heutigen Ohren klingt es befremdlich. Zurecht. Es bedarf der Erklärung.

Wir können versuchen, solche Stellen zu interpretieren. Warum nicht auch aus christlicher Perspektive?

Die christliche Demutsmoral, die in den von Ihnen zitierten Bibelstellen drastisch zum Ausdruck kommt, ist nicht zuletzt auch eine rhetorisch-hyperbolische Antithese, die durch starken Kontrast zum Nachdenken anregt. Natürlich kann sie auch zu einer Verhaltensänderung führen, aber sie ist meines Erachtens auch eine Opposition des Denkens.
"Du sollst Vater und Mutter ehren" auf der einen Seite und
"ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien"
sind vereinfacht formulierte menschliche Existenzstufen (Kindheit – Pubertät).
Sie gehören zum Menschen: in ihrer Radikalität, aber auch in ihrer vielfachen Deutbarkeit.

Hätten Sie nicht auch Verständnis für einen deutschen Sohn, der gegen seinen regenbogenfarbenen Globalvater revoltiert?

Dass eine völkisch-nationale Religion wie das Judentum
nach zweitausendjährigem Kampf gegen das Christentum
mit dem Christentum
einem Volk, das sich sowohl religiös als auch ethnisch definiert,
wieder Land und Gemeinschaft zurückzugeben vermochte,
sollte auch uns Deutschen,
die wir uns im eigenen Land schon längst in der Diaspora befinden,
Zuversicht spenden.

@aeropagitos

Danke für den Hinweis. Ich sehe die Sache ähnlich, auch wenn ich nicht im literalen Wortsinn daran glauben, dass Jesus Wasser in Wein verwandelt hat oder über Wasser gegangen ist. Ich bin froh über die Errungenschaft der Aufklärung und die historische-kritische Lektüre.
Es gibt allerdings auch allegorische, moralische, eschatologische Lesarten.
Würde Ihrer Buchempfehlung gerne nachkommen, doch (leider) haben wir nicht nur eine beschränkte Lebenszeit,
sondern auch eine beschränkte Leselebenszeit.

Helgi Knartr
22. Mai 2015 10:54

@ Aristoteles

Sie schreiben, es gab „schon bei den Ägyptern, Griechen, Pharisäern, Germanen usw. Vorstellungen von einem persönlichen Weiterleben im Jenseits“.

Sicherlich, aber Vorsicht („persönlich“ – siehe weiter unten) mit Verallgemeinerungen. Judentum: Die Pharisäer glaubten an eine Weiterexistenz nach dem Tod, die Sadduzäer nicht – mit dem Tod war alles aus. Und Griechenland (bzw. Rom): für die Stoiker war die Seele unsterblich, für die Epikureer nicht – gestorben und aus.

Die Philosophen einmal beiseite gelassen: Nach den traditionellen Vorstellungen in Griechenland gab es eine schattenhafte Fortexistenz der Gestorbenen im Hades, und das war nichts, worauf man sich freuen konnte. Bei den Germanen war es ähnlich. Man ging ein ins Schattenreich der Hel. Ausnahme bildeten (zumindest im nordgermanischen Bereich) gefallenen Krieger, die Odin in die Walhall aufnahm. Die Vorstellung dürfte nicht einmal opinio communis gewesen sein; die von Martell zitierten Verse lassen bei unvoreingenommener Betrachtung einen ganz anderen Schluß zu.

Das Eingehen ins (germanische) Totenreich war etwas genauso Unerfreuliches wie das Eingehen in den Hades. Der „Schatten“, der man nun war, war offensichtlich nicht identisch mit der Person, die man einmal war. Der Verstorbene konnte im übrigen in der realen Welt wieder auftauchen als Widergänger, Werwolf, Gespenst (wenn man so will). Unheil war also unter Umständen von Verstorbenen zu befürchten, Taten, die sie zu Lebzeiten nie begangen hätten. Das heißt: die „Person“, die der Verstorbene einmal war, ist mit dem Tod als solche destruiert. Oder anders: Das was man war, ist mit dem Tod erledigt.

Dvorak-Stocker: „Die christliche Verheißung eines persönlichen Weiterlebens [Person als Person also intakt] in einem himmlischen Jenseits war für die antike Welt, aber auch für die alten Germanen etwas geradezu Unerhörtes.“ Richtig. Und daraus erklärt sich unter anderem auch die damalige Anziehungskraft des Christentums.

Aristoteles: „Können Sie mir erklären, inwiefern sich Karl Martell mit seinem Kommentar über den Aufsatz von Dvorak-Stocker lustig macht?“ Ich hoffe, das brauche ich jetzt nicht mehr (vielleicht macht er sich nicht lustig, aber er konterkariert ihn). Wenn man allerdings Martells Edda-Zitat nicht im größeren Zusammenhang sieht, sondern so wie Sie als Ergänzung zu Dvorak-Stocker auffaßt, nämlich insofern, daß auch bei den Germanen – oder Teilen davon (wer weiß) – das „gute Leben“ im Diesseits nicht das primäre Lebensziel gewesen war oder hätte sein sollen, dann Zustimmung. Aber meinen Sie wirklich, daß Martell hier nur ergänzen wollte? Ich bin anderer Meinung, habe dabei aber auch andere Martell-Kommentare im Auge, die ich in ihrer Rigidität sehr ärgerlich fand (z.B. zu dem letzten Lichtmesz-Werkstattbericht.)

Aristoteles: „Freilich übt Karl Martell eine Kritik am Christentum, die mir angesichts der Auslegung des Christentums v.a. in den letzten siebzig Jahren berechtigt erscheint – was auch Dvorak-Stocker andeutet (indem er z.B. auch denjenigen bloßlegt, der Volk und Familie nicht mehr verteidigt, d.h. der „vor Gefechten flieht“). Natürlich ist das berechtigt! Volle Zustimmung! Aber geht es hier ums Christentum oder nicht eher, wie Sie zu recht schreiben, um eine „Auslegung“ der letzen 70 Jahre? (Ich gehe da übrigens viel weiter zurück.)

Apropos „Volk und Vaterland nicht mehr verteidigen“ – da fällt mir eine Jesus-Sentenz ein: „Wenn ein Starcker gewappneter sein Pallast bewaret / so bleibt das seine mit frieden“ (Lucas, Luther-Bibel, Ausg. 1545; moderne Zählung: Lukas 11,21). Bei Berücksichtigung des Kontextes frei übertragen: „Wenn ein starker Mann gut bewaffnet ist und das Seine beschützt, kann ihm niemand etwas rauben.“ Das gilt für mich eher, als das zunehmend weichgespülte und zu magerer Suppe ausgedünnte Christentum der letzten 150, 200 Jahre.

Noch einmal zu Martell. Er schreibt: „Der Egalitarismus ist der Untergang von Volk, Moral und Sitte. […] Doch woher kommt das Gleichheitsideal? Ausgangspunkt ist das Gleichheitsprinzip des Christentums…“ Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Es gibt kein Gleichheitsprinzip im Christentum. Es heißt doch wohl: „Vor Gott sind alle Menschen gleich.“ Wer möchte das nicht anerkennen, sofern er kein Atheist ist? Läßt man allerdings „Gott“ weg, den man philosophisch zunehmend hinwegeskamodiert hat, so bleibt nur noch das Credo übrig: „Alle Menschen sind gleich.“ Es gibt, mit Händen greifbar, einen Zusammenhang mit christlichen Vorstellungen; muß man aber diese gängige „gottlose“ Verkürzung dem Christentum anlasten? Nein.

Karl Martell
22. Mai 2015 14:19

@ areopagitos

„Die neuheidnische Kritik am Christentum hat in ihrer Argumentation wesentlich ein umgewertetes Christentum vor Augen..."

Nein, das ist nicht richtig! Die vollzogene Umwertung in eine säkularisierte Humanitarismussreligion, ist nur ein Teilaspekt der Kritik.

Die klaren Aussagen des NT, ohne das man es interpretieren müßte, sagen doch genug über den eigentümlichen Zweck dieser Religion aus.

Ich kann in den o.g. zwei Beispielen aus dem NT nichts anderes erkennen, als bewußte, also auch gewollte Gesellschaftszerstörung.

Unsere Unfähigkeit, uns als eine Einheit zu begreifen, die von einer anderen Einheit genozidal angegriffen wird, wächst direkt aus einer Religion, die nicht aus unserer europäischen Rassenseele hervorgegangen, sondern uns von außen aufgepfropft worden ist.

"Du hältst das Evangelium, wie es steht, für die göttliche Wahrheit. Mich würde eine vernehmliche Stimme vom Himmel nicht überzeugen, daß das Wasser brennt und das Feuer löscht, daß ein Weib ohne Mann gebiert und daß ein Toter aufersteht. Vielmehr halte ich dieses für Lästerungen gegen den großen Gott und seine Offenbarung in der Natur."
(Goethe, an Lavater, 9.8.1782)

Ich kann überhaupt nicht begreifen, fuhr sie fort, wie man hat glauben können, daß Gott durch Bücher und Geschichten zu uns spreche. Wem die Welt nicht unmittelbar eröffnet, was sie für ein Verhältnis zu ihm hat, wem sein Herz nicht sagt, was er sich und anderen schuldig ist, der wird es wohl schwerlich aus Büchern erfahren, die eigentlich nur geschickt sind, unsern Irrtümern Namen zu geben.
(Wilhelm Meisters Lehrjahre)

Andreas Walter
22. Mai 2015 15:37

Wenn jeder jeden auf der Welt einfach nur glänzen, strahlen, leuchten lassen könnte, dann wären wir alle Blind im Angesicht von soviel Licht.

Denn manchmal, man mag es glauben oder nicht, ist es selbst des grössten Narren Mund, durch den der Herr zu uns spricht, seine Liebe und Weisheit uns tut kund.

Eine Frauke Petry allein an der Spitze der AfD vielleicht darum genau das Richtige, bei so vielen klugen, männlichen Streithähnen, die alle nicht nachgeben wollen, können.

jak
22. Mai 2015 18:39

Gegen allzu pauschales Christentumsbashing ist bei der Blauen Narzisse neulich ein interessanter Gastbeitrag erschienen. Darin deutet Uwe Lammla das Christentum gar als „Religion der Selbstbehauptung“. Es gibt also also Alternativen zum gängigen Linkschristentum...

Helgi Knartr
23. Mai 2015 10:49

@ Aristoteles, Donnerstag, 23. 25 Uhr, Fr., 10.37 Uhr

Sie fragen: „Können Sie mir erklären, inwiefern sich Karl Martell mit seinem Kommentar über den Aufsatz von Dvorak-Stocker lustig macht?“ Vielleicht macht er sich nicht lustig, aber er konterkariert ihn – so habe ich’s aufgefaßt. Vielleicht zu Unrecht? Mir ist eine andere Übertragung (Genzmer) eines der von Martell zitierten Hávamál-Sprüche geläufig (und stand mir beim Schreiben wohl vor Augen). Vielleicht macht diese Version deutlicher, warum ich so mißvergnügt war: „Besitz stirbt, Sippen sterben, / du selbst stirbst wie sie; / eins weiß ich, das ewig lebt: / des Toten Tatenruhm.“ Das heißt (so sehe ich’s nicht allein): Mit dem Tod ist alles aus, seid tätig, es bleibt (wenigstens) der Nachruhm.

Sie schreiben, es gab „schon bei den Ägyptern, Griechen, Pharisäern, Germanen usw. Vorstellungen von einem persönlichen Weiterleben im Jenseits“. Sicherlich. Die Pharisäer glaubten an eine Weiterexistenz nach dem Tod, die Sadduzäer nicht. Und Griechenland (bzw. Rom): für die Stoiker war die Seele unsterblich, für die Epikureer nicht. Aber die Philosophen einmal beiseite gelassen: Nach den traditionellen religiösen Vorstellungen in Griechenland gab es eine schattenhafte Fortexistenz der Gestorbenen im Hades, und das war nichts, worauf man sich freuen konnte. Bei den Germanen war es offenbar nicht anders. Man ging ein ins Schattenreich der Hel (Ausnahme bildeten – zumindest im nordgermanischen Bereich – im Kampf gefallene Krieger, die Odin in die Walhall aufnahm). Der Verstorbene konnte im übrigen in der realen Welt wieder auftauchen als Wiedergänger, Werwolf, Gespenst (wenn man so will). Unheil war also unter Umständen von einem Verstorbenen zu befürchten, Taten, die er zu Lebzeiten nie begangen hätte. Das heißt: die „Person“, die der Verstorbene einmal war, ist mit dem Tod als solche destruiert. Oder anders: Das was man war, ist mit dem Tod erledigt.

Dvorak-Stocker: „Die christliche Verheißung eines persönlichen Weiterlebens [Person als Person also intakt] in einem himmlischen Jenseits war für die antike Welt, aber auch für die alten Germanen etwas geradezu Unerhörtes.“ Eben. Auf dem Hintergrund der trüben Aussichten, die die Traditionen bereitstellten, sehr verständlich.

Sie schreiben: „Freilich übt Karl Martell eine Kritik am Christentum, die mir angesichts der Auslegung des Christentums v.a. in den letzten siebzig Jahren berechtigt erscheint – was auch Dvorak-Stocker andeutet (indem er z.B. auch denjenigen bloßlegt, der Volk und Familie nicht mehr verteidigt, d.h. der ,vor Gefechten flieht‘).“ Es geht Ihnen doch um die vor allem in jüngerer Zeit weichgespülte Auslegung des Christentum; ich sehe das nicht anders als Sie. (Martell aber geht es sichtlich um mehr und anderes, und wie er’s (mehrfach) vorträgt, das wirkt auf mich – ich bleibe dabei – arrogant). Apropos „Volk und Vaterland nicht mehr verteidigen“: Ein Ausspruch von Jesus, der zu der ausgedünnten Lesart des Christentums wenig passen will: „Wenn ein Starcker gewappneter sein Pallast bewaret / so bleibt das seine mit frieden“ (Lucas [11,21], Luther-Bibel, 1545). Bei Berücksichtigung des Kontextes frei übertragen: „Wenn ein starker Mann gut bewaffnet ist und das Seine beschützt, kann ihm niemand etwas rauben.“ Sie schreiben in puncto (mancher) Bibelstellen von rhetorisch-hyperbolischer Antithetik, die durch starken Kontrast zum Nachdenken anregen; dies wäre vielleicht ein weiteres Beispiel dafür, wenn man’s dem „Wange-Hinhalten“ entgegenstellt.

KW
23. Mai 2015 15:02

Werte müssen her, zweifellos, nur wie? Alles arbeitet gegen sie, Medien und Politik kann man vergessen.

Dziadowa Kłoda
23. Mai 2015 20:42

Der vierte Kommentar allein ist doch supi: "Ich bin mir völlig sicher, daß 80 bis 90 Prozent meiner Mitmenschen ihr eigenes Leben und ihre Weltanschauung nach irgendeiner Fernsehserie ausrichten."

- hoffentlich ist es Sledgehammer -

Peter Voit
24. Mai 2015 11:05

@jak

Danke für den Hinweis auf den Gastbeitrag in der Blauen Narzisse, in dem Uwe Lammla das Christentum als „Religion der Selbstbehauptung“ deutet und damit der Gegenposition widerspricht. Etwa: „Heimat und Treue sind Worte, die im christlichen Kontext grotesk klingen.“

Es ist gut, daß Sie im Zusammenhang mit dem hier vorliegenden und hervorragenden Artikel „Wertewandel – das Richtige erzählen“ von Wolfgang Dvorak-Stocker auf die Artikel in der Blauen Narzisse hinweisen. Die Verteter des „gängigen Linkschristentums“ erzählen nämlich nicht das Richtige, sondern verfälschen die biblischen Schriften. Und zwar so, daß die gegenwärtige Zuwanderungspolitik gerechtfertigt erscheint, sie gleichsam mit einem Heiligenschein umgeben wird.

So schreibt Richard Meißner:

„Wir sollen dem Bösen nicht widerstehen, weder dem Terroristen noch dem Gangster. Gebt hin alles was ihr habt – an die Wohlstandsflüchtlinge der Welt.“

In der Bergpredigt heißt es freilich:

„Widersteht dem Bösen nicht, sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin, und dem, der dich vor Gericht bringen und deinen Rock nehmen will, dem laß auch den Mantel ...“ (Mt 5,39 ff).

Daß jedoch die Forderung, alles hinzugeben, nicht nur den Rock, sondern auch den Mantel, hinsichtlich einer bestimmten Situation gilt, unterschlägt Meißner. Und ebenso den Kontext: „Meinet nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen ...“ (Mt 5,17).

Die Verheißung im Buch des Propheten Jesaja etwa dürfte wohl kaum der von Meißner vertretenen „Selbstaufgabe“-Predigt zugunsten der Zuwanderer entsprechen:

„Sie werden Häuser bauen und darin wohnen, Weinberge pflanzen und ihre Frucht selbst genießen. Nicht werden sie bauen und ein anderer wird darin wohnen ...“ (Js 65,21 ff).

Und dann schreibt Meißner:

„Wer Jesu Lehren wirklich glaubt, stellt sich außerhalb der Verantwortung für Familie, Volk und Tradition.“

Das ist falsch. Der Engel des Herrn sagt zu Joseph:

„Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten und bleibe dort, bis ich es dir sage ...“ (Mt 2,13).

Es ist nicht nur die Familie, für die Joseph Verantwortung übernimmt. Joseph geht auch nach Weisung des Engels wieder zurück nach Israel, dem Land seiner Herkunft und seines Volkes.

Harald de Azania
25. Mai 2015 03:57

ad "tabula rasa"

Buchempfehlung: Stephen Pinker: :Das unbeschriebene Blatt"

HdeA

Helgi Knartr
25. Mai 2015 09:53

Zwei fast gleich Beiträge von mir zu Aristoteles? Das muß erklärt werden. Wenn ich also noch einmal kurz "knattern" darf (frei nach Rumpelstilzchen)?

Mein Kommentar vom Freitag wurde nicht freigeschaltet. Vielleicht zu lang (zu klotzig)? Von Aristoteles war inzwischen ein weiterer Kommentar erschienen. Ich habe also eine (veränderte) Zweitfassung abgeschickt (am Samstag) und gebeten, die (nicht genehme?) Erstfassung ruhen zu lassen. Beide kamen NICHT (es ruhte über Pfingsten die ganze Freischalterei), und heute - sind (merkwürdigerweise) BEIDE da...

Einige Tage sind inzwischen vergangen. Vielleicht darf ich der ganzen Knarterei hinzufügen: Ich hatte mich im Vorfeld meiner Beiträge geärgert. Ärger ist aber ein schlechter Ratgeber, wie man weiß. Schriebe ich heute, würde ich mir manches verkneifen, auch manche Zuspitzung: Ich weiß z.B. sehr wohl, daß die Auffassung von Tod und "Weiterexistenz" bei den Germanen durchaus unterschiedlich gesehen wurde.

Deutlich die Entgegensetzung von zeitlicher Existenz und Ewigkeit: „Besitz stirbt, Sippen sterben, / du selbst stirbst wie sie; / eins weiß ich, das ewig lebt: / des Toten Tatenruhm.“ Man muß zwar diesen berühmten Spruch nicht gleich als eine Art "heroischen Nihilismus" auffassen (so geschehen in den berühmten 12 Jahren), aber er zeigt doch, vorsichtig ausgedrückt, eine äußerst deprimierende Sicht. Wie auch immer die Germanen sich vorstellen mochten, was nach Tode käme: Die Personalität des Verstorbenen war auf jeden Fall dahin; das war wohl Grundverständnis. Und von daher erklärt sich auch ein gutes Stück der Attraktionswert des Christentums (s. o., Dvorak-Stocker).

Im übrigen (der Grund meiner Verärgerung): Das von einigen Kommentatoren (ausgerechnet in diesem Blog!) gelegentlich lustvoll und arrogant betriebene "Christentums-bashing" mißfällt mir außerordentlich.

Rumpelstilzchen
25. Mai 2015 21:39

Im übrigen (der Grund meiner Verärgerung): Das von einigen Kommentatoren (ausgerechnet in diesem Blog!) gelegentlich lustvoll und arrogant betriebene „Christentums-bashing“ mißfällt mir außerordentlich

Hallo Helgi,

Das Christentum-bashing gefällt mir auch nicht. Habe schon öfters dagegen angeschrieben. Bin es leid . Aber ich nehme das schon lange nicht mehr ernst. Nicht sonderlich intelligent geführte Diskussion.

Trotzdem gibt es auch den kleinen Heiden in mir.
https://www.metacafe.com/watch/8603403/torfrock_rollos_taufe/

Dvorak-Stocker
26. Mai 2015 01:59

Oweh,
leider ist diese Diskussion in eine völlig unbeabsichtigte Richtung gelaufen und biß sich an meinem „Aufhänger“ fest, wo doch meine Intention eine ganz andere war: zu zeigen, daß auch ein „Abendländisch-Konservativer“ dem heutigen Wertewandel entgegentreten muß und ihn nicht einfach hinnehmen darf. Natürlich ist mir klar, daß sich das komplexe Verhältnis Christentum-europäisches Heidentum nicht in einem Satz abhandeln läßt.
Trotzdem sehe ich da auch viele Gegensätze nicht, die manche offenbar postulieren: So sollte jedem klar sein, daß das „Wange hinhalten“ nur dem „inimicus“, dem persönlichen Feind gilt, und nicht dem „hostes“, dem Gottesfeind (etwa dem Muslim) bzw dem Feind von Volk und Vaterland. Wie anders etwa wäre die Reconquista Spaniens zu begreifen?
@Hartwig: Völlig richtig, aber auch das Handeln bedarf der Begründung. Nur wenn wir jene, die immer die großen Worte von der „Menschlichkeit“ im Munde führen, entlarven, und zeigen, daß ihre Ideologie unmenschlich, da widermenschlich ( nicht der conditio humana entsprechend) ist, begründen wir die Legitimität unseres Handelns.
@Magnus Göllner: Schon richtig, aber darum ging es mir nicht. Kampf und Auslöschung kann es auch innerhalb eines Wertesystems geben, in stärker agonalen, wie dem europäischen Heidentum, waren sie systemimmanent, im christlichen können, müssen sie aber nicht als innerer Widerspruch gesehen werden. Das ist, gerade was Konfessionskonflikte betrifft, überaus schwierig von Fall zu Fall zu beurteilen! Friedlich wurde Europa jedenfalls nicht und das kann freilich mit Recht zur antichristlichen Kritik gemünzt werden. Dennoch haben weder Reformation noch Bauernkriege auch nur ansatzweise ein neues Wertsystem hervorbringen wollen. Vor dieser Herausforderung stehen wir aber heute und mit deren möglichen Folgen müssen wir uns auseinandersetzen!
Daher: Ich hoffte zeigen zu können, daß man dem heutigen „Wertewandel“ entgegentreten kann und muß, auch ohne explizit auf eine bestimmte religiöse (christliche, zu der ich mich bekenne) Weltanschauung zurückgreifen zu müssen; ja, daß nicht einmal eine spezifisch nationale Weltanschauung (zu der ich mich ebenso bekenne) dazu nötig ist. Daß also europäische Heiden und Christen ebenso wie Nationalisten und abendländisch-paneuropäisch Konservative (Pardon: schon wieder so ein Reizwort am Schluß) vereint in die Schlacht treten müssen.
Viribus unitis!

Rabenfeder
28. Mai 2015 04:23

Stellen wir uns die christliche Botschaft zum Zwecke der Untersuchung einmal als hoch potentes Gift vor.
Wie so manches hoch wirksame Gift kann es in kleinen Dosen Linderung und gar Heilung (und nicht zu vergessen: den guten Schlaf!) schenken, führt bei zu häufigem Genuss in die Abhängigkeit und ist in hohen Konzentrationen tödlich.
Dabei war die christliche Botschaft mitnichten das einzige Gift auf dem spätantiken Markt; denken wir nur an den von den Cäsaren geförderten Kastratenkult der Kybele, wo die dem Weibe ähnlich gemachten Nicht-Männer inbrünstig der großen Mutter huldigten, was ganz im Sinne des männlichen Herrschertums (vielleicht als Gegengift gegen das aufkommende Christentum?) gewesen sein dürfte.
(Wer mag, der betrachte das ganze bunte transsexuelle Transsylvanien unserer Tage einmal in diesem Lichte – gewissermaßen also als säkularisierten Kybele-Kult)

Auch wenn wir vielleicht nicht nur bei Matthäus 19,11-12 vermuten dürfen, dass die Gifte in allerlei Mischungen eingenommen wurden

„11 Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. 12 Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.“

(nach einigem Zögern kann ich mir den dann doch nicht verkneifen...)

so hat sich am Ende doch die christlich frohe Botschaft gegen alle heidnischen Gifte durchgesetzt.
Die römischen Kaiser lernten im Angesicht der ungezählten inneren und äußeren Sorgen und Nöte den im ganzen Reich bereits prächtig gedeihenden, gar wuchernden christlichen Mohn nicht mehr vergeblich zu bekämpfen, sondern sie betrachteten ihn als für ihre und damit des Reiches Zwecke nützlich.

So blieb es auch, als Rom keine Legionen mehr in die Provinzen aussandte, sondern Priester und Missionare und sich die Erben der römischen Kaiser nun Päpste nannten. Der römische Wille zur Macht hatte sich (notgedrungen?) verfeinert; er war subtil geworden, womöglich gar vornehm.

Nietzsche befand, dass sich der „kältere, zweideutigere, misstrauischere Geist des Südens in der christlichen Kirche sein grösstes Denkmal gebaut hat. Vergessen wir es zuletzt nicht, was eine Kirche ist, und zwar im Gegensatz zu jedem "Staate": eine Kirche ist vor Allem ein Herrschafts-Gebilde, das den geistigeren Menschen den obersten Rang sichert und an die Macht der Geistigkeit soweit glaubt, um sich alle gröberen Gewaltmittel zu verbieten, – damit allein ist die Kirche unter allen Umständen eine vornehmere Institution als der Staat.“

Diese Bischöfe und Diener der Kathedrale des Geistes erwiesen sich als Meister in jener uralten Ärztekunst, die das starke Gift den ihr anvertrauten Seelen aus gutem Grund nur in wohldosierten kleinen Mengen verabreicht.

Wo Arminius, als Manifestation der Freiheitstradition der germanischen Stämme, die Legionen in die tiefen Wälder und Sümpfe seiner Heimat lockte und dort, im Lande Wotans und Thors, vernichtete, so lockte Luther als eben solche Manifestation des nordischen Widerstandswillen gegen die Korruption und den römischen Prunk der Kirche des südlichen Geistes folgerichtig die Priester und Missionare Roms - denn Legionen gab es ja keine mehr- in den Morast der Reformation, wenn auch vermutlich ohne zu wissen, was er tat.

(So betrachtet dürfte es kaum Zufall sein, dass Luther nicht z.B. aus dem Rheinland stammte...)

Es ist das Dilemma und vielleicht auch das Schicksal der widerspenstigen Nordmänner, dass sie in dem Bemühen geistige Waffen gegen Rom zu finden, die frohe christliche Botschaft selbst zur Hand nahmen und darin ihr Heil suchten.
Denn in ihren alchemistischen Versuchen, diese Botschaft in zunehmend reinerer Form zu gewinnen, setzten sie, ohne es zu wollen, das Gift in einer Konzentration frei, die bei unkontrollierter Einnahme zum Tode führen muss.

Wer mag, der schaue sich unser heutiges evangelisches Christentum einmal unter diesem Blickwinkel an. Wer noch einen Schritt weiter geht, der fragt sich vielleicht, ob das säkularisierte Christentum nicht anderes ist, als das höchste Konzentrat oder die Essenz jenes potenten tödlichen Giftes, das in kleinen Dosen durchaus Heil schenken kann.

kommentar kubitschek:
ich stelle diesen beitrag frei, obwohl ich den vergleich der christlichen offenbarung mit einem gift, das in kleinen dosierungen helfe, überhaupt nicht teile. er reduziert die frage nach einer vertikalen ordnung auf eine pragmatische bewertung. meine überzeugung hingegen ist, daß unser leben erst durch die anlehnung an die achse zwischen himmel und erde einen stand bekommt und daß die abwege einiger weltlicher kirchenstrukturen ihrerseits wiederum mißbrauch treiben und den anspruch gottes verkennen.

Helgi Knartr
28. Mai 2015 16:31

@ Rabenf.

Nicht klebe man am Becher, trinke Bier mit Maß,
spreche gut oder gar nichts;
niemand wird dein Benehmen tadeln,
gehst du bald zu Bett.

(Empfehlung Odins im Hávamál)

Rabenfeder
29. Mai 2015 05:24

@kubitschek,

ich danke Ihnen, dass sie mein Geschreibsel trotz ihrer Vorbehalte freigeschaltet haben.

Sie formulieren:
„ er reduziert die frage nach einer vertikalen ordnung auf eine pragmatische bewertung. meine überzeugung hingegen ist, daß unser leben erst durch die anlehnung an die achse zwischen himmel und erde einen stand bekommt“

Reduziere ich wirklich?
Wenn Sie mich fragen, dann berührt mein Beitrag die grundsätzliche Frage nach einer vertikalen Ordnung oder einer Anlehnung an die Achse zwischen Himmel und Erde nicht einmal; schon gar nicht bewertet er die Gottesfrage.
Sehr wohl impliziert mein Beitrag jedoch die Frage nach der richtigen oder sagen wir, nach der unserer Kultur angemessenen vertikalen Ordnung und er berührt sicherlich die grundsätzliche Frage nach der Macht.

Ich versuche einmal meinen Satz

Es sei: Die frohe Botschaft der Christen ist ein starkes Gift, das in kleinen Dosen heilsam sein kann, in hoher Konzentration jedoch zersetzend wirkt und schließlich tödlich ist.

an einem Beispiel zu verdeutlichen:

Wir kennen „11 Denn vor Gott sind alle Menschen gleich.“ aus dem 2.Römerbrief und auch Gal.3,28 „ 28 Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen seid: In Christus seid ihr alle eins.“
Etwas strenger formuliert, findet sich in der Lutherbibel folgende Übersetzung von Gal 3,28:
„ 28 Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.“

Wenige werden bestreiten, dass diesen Worten der frohen Botschaft im Sinne:
Vor mir, Deinem Herrn, ist es gleich, ob Du groß bist oder klein, ob schwarz oder weiß, ob Jude oder Grieche, ob arm oder reich. Mein Reich ist nicht von dieser (äußeren) Welt. Vor mir zählt allein, wie Dein Inneres ist.

eine sehr starke Heilkraft innewohnt. Wer könnte sein Knie vor solch Trost spendender Macht nicht beugen?

Wenige werden auch bestreiten, dass diese Botschaft als einigendes Band der Staatsreligion eines prinzipiell universalistischen Staates und auch des verfeinerten geistigen Herrschaftsgebildes einer universalistischen Kirche ein notwendiges Kriterium ihrer Existenz und also gut und dem eigenen Dasein -ganz pragmatisch- nützlich ist.

Wir dürfen davon ausgehen, dass Jupiter (Optimus Maximus) in Gestalt der römischen Kirche und deren Oberhaupt, also seinem Pontifex Maximus, sich sehr wohl aber auch der potentiellen revolutionären Zerstörungs- und Zersetzungskraft und der unrömischen Fremdheit des Gleichheitsgedankens bewusst war, sobald dieser der eigenen Obhut entschlüpfen sollte.

Deshalb ist das Heil nur in der Kirche.

Nun kommen unsere Arminiusse des Geistes, unsere Reformatoren, nordländischen Widerständler und Wahrheitssucher, unsere faustischen Alchimisten und Feuergeister daher und konzentrieren auf der Suche nach einer (von römischer Herrschaft befreiten) Klarheit und Reinheit diesen in der siegreichen Kirche aufgehobenen Gedanken schließlich in den Schlachtruf: égalité !

...und setzen mit diesem Wertewandel, wahrscheinlich ohne es zu wollen, das Gift in seiner reinsten und tödlichen Form frei. Der abstrakte Gedanke der Gleichheit wird nicht mehr sorgsam eingehegt und konkret (als Einzelner vor Gott!) und als Kirche den vielen Völkern und Staaten gegenüber pragmatisch verstanden, sondern er will nun selbst, seinem tyrannischen Wesen gemäß, absolut sein und totalitär über allem herrschen.
Im ganz un-vornehmen Staat der Gleichen darf niemand mehr Jude oder Grieche oder Christ sein, niemand mehr Mann oder Frau, niemand mehr weiß oder schwarz, denn alle müssen gleich, alle müssen eins sein.

Wer nun noch einen Schritt weiter gehen will und auch vor dem Geschmäckle nicht zurückschreckt, dem sei empfohlen sich Heinrich Heines „Geständnisse“ einmal zu Gemüte zu führen und hier - die Giftmetapher und die Frage nach der Macht und der Gleichheit (ich mache Euch mir gleich!) nicht vergessend - insbesondere das 7. Kapitel.

Hier ist nicht der Ort, vollständig zu zitieren, deshalb sei gewissermaßen als „Teaser“ nur folgender Ausschnitt hier wieder gegeben:

„...jetzt würdige ich den Protestantismus ganz absonderlich ob der Verdienste, die er sich durch die Auffindung und Verbreitung des heiligen Buches erworben. Ich sage die Auffindung, denn die Juden, die dasselbe aus dem großen Brande des zweiten Tempels gerettet, und es im Exile gleichsam wie ein portatives Vaterland mit sich herumschleppten, das ganze Mittelalter hindurch, sie hielten diesen Schatz sorgsam verborgen in ihrem Getto, wo die deutschen Gelehrten, Vorgänger und Beginner der Reformation, hinschlichen um Hebräisch zu lernen, um den Schlüssel zu der Truhe zu gewinnen, welche den Schatz barg. Ein solcher Gelehrter war der fürtreffliche Reuchlinus, und die Feinde desselben, die Hochstraaten & Comp. in Köln, die man als blödsinnige Dunkelmänner darstellte, waren keineswegs so ganz dumme Tröpfe, sondern sie waren fernsichtige Inquisitoren, welche das Unheil, das die Bekanntschaft mit der Heiligen Schrift für die Kirche herbeiführen würde, wohl voraussahen.“

@Knartr,

Danke für die nette Empfehlung.

Ich will ein bekanntes römisches Wort einmal so umformulieren:
(Auch) im Gift ist Wahrheit.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.