Der papierne Nachkrieg – Günter Scholdts »Autorenschlacht«

Der nationale Aufbruch zahlloser deutscher Schriftsteller vor dem Hintergrund...

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

der “Ideen von 1914” ist bekannt und beforscht. Neben dem Schaf­fen von Kriegs­pro­sa und ‑lyrik zogen vie­le Dich­ter selbst den feld­grau­en Rock an; etli­che – etwa Her­mann Löns, Gorch Fock oder Wal­ter Flex – soll­ten nicht mehr vom “Feld der Ehre” zurück­keh­ren. Wie aber nach Ver­sail­ler Dik­tat und Aus­ru­fung der Repu­blik die über­le­ben­den Lite­ra­tur­schaf­fen­den erbit­tert um eine Deu­tung des durch­lit­te­nen Krie­ges ran­gen, harr­te lan­ge einer ein­ge­hen­den Studie:

Die­se hat der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Gün­ter Scholdt nun mit dem fünf­ten Band der Ber­li­ner Schrif­ten zur Ideo­lo­gien­kun­de, her­aus­ge­ge­ben vom Insti­tut für Staats­po­li­tik, vorgelegt.

Bereits in der End­pha­se der Kriegs­an­stren­gun­gen hat­ten sich Grä­ben zwi­schen poli­tisch unter­schied­lich geeich­ten Autoren auf­ge­tan. Wäh­rend der Sozia­list und Mon­ar­chie­kri­ti­ker Kurt Eis­ner als Füh­rer der Münch­ner Novem­ber­re­vo­lu­ti­on her­vor­trat und der “rasen­de Repor­ter” Egon Erwin Kisch als Kom­mis­sar der Roten Gar­de von Wien auf­mar­schier­te, trat etwa der Preu­ßen­ver­äch­ter Lud­wig Tho­ma für einen Sieg­frie­den ohne Kom­pro­mis­se ein und wand­te sich der Lyri­ker Richard Deh­mel noch kurz vor Schluß mit einem Durch­hal­teap­pell an die Deut­schen. Schon in den frü­hen Kri­sen­jah­ren der Wei­ma­rer Repu­blik ent­stan­den so unver­söhn­li­che Geg­ner­schaf­ten, die die schrift­stel­le­ri­sche Aus­deu­tung der ers­ten vier euro­päi­schen Schick­sals­jah­re im Sin­ne der titel­ge­ben­den »gro­ßen Autoren­schlacht« dau­er­haft bestim­men sollten.

Ehe Scholdt in die Tie­fe des The­mas ein­steigt, stellt er dem Leser dank­ba­rer­wei­se eine anschau­li­che Lage­ana­ly­se zur Ver­fü­gung. Cha­rak­te­ri­sie­run­gen der ange­nom­me­nen poli­ti­schen “Lager” sowie ihrer jewei­li­gen Peri­odi­ka, Ver­la­ge und spe­zi­fi­scher Gen­res (»Waf­fen und Res­sour­cen«) füh­ren auch den eher poli­tisch als lite­ra­risch Inter­es­sier­ten rasch in die Situa­ti­on des deut­schen Nach­kriegs auf schrift­stel­le­ri­scher Ebe­ne ein. Bemer­kens­wert ist hier­bei ins­be­son­de­re die Her­aus­stel­lung der Tat­sa­che, daß der mas­sen­haf­te Absatz dezi­diert “rech­ter” Kriegs­li­te­ra­tur erst in den spä­ten 1920er Jah­ren ein­setz­te, nach­dem näm­lich die Bücher von Autoren eher “lin­ker” Pro­ve­ni­enz die ableh­nen­de Hal­tung des kriegs­mü­den Publi­kums auf­ge­bro­chen hat­ten – ins­be­son­de­re Remar­ques Im Wes­ten nichts Neu­es.

Aus­führ­li­che Beschrei­bun­gen der (be)schreibenden Zunft im Span­nungs­feld zwi­schen “Burg­frie­den” und “Volks­ge­mein­schaft”, zwi­schen Volk und dif­fu­ser “Mensch­heit”, zwi­schen Idea­lis­mus, Rea­lis­mus und poli­ti­scher Stel­lung­nah­me machen Die gro­ße Autoren­schlacht zur Fund­gru­be an Zita­ten und wenig bekann­ten Anek­do­ten. Beson­ders ver­dienst­voll ist das Kapi­tel »Jüdi­sche Kon­ver­sio­nen«, das die viel­sei­ti­gen Stel­lung­nah­men pro­mi­nen­ter jüdi­scher Lite­ra­ten sys­te­ma­ti­siert und die­sen oft zöger­lich betrach­te­ten Aspekt anschau­lich vor­führt – mit über­ra­schen­den Bele­gen, etwa von Kurt Tuchol­sky an sei­ne spä­te­re zwei­te Frau (im August 1918): »Ein über­eil­ter Frie­de, etwa jetzt – wäre jeden­falls das Schlimms­te, das uns pas­sie­ren könn­te. Uns, den Deut­schen, und uns den zwei.« Eine Bestands­auf­nah­me wie die Scholdt­sche hat man zu die­sem kom­ple­xen Teil der “deut­schen Tra­gö­die” im 20. Jahr­hun­dert noch nicht gelesen.

Gün­ter Scholdt: Die gro­ße Autoren­schlacht. Wei­mars Lite­ra­ten strei­ten über den Ers­ten Welt­krieg, Ber­li­ner Schrif­ten zur Ideo­lo­gien­kun­de, Bd. 5, Schnell­ro­da 2015, 284 S., 15,- € – hier bestel­len!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (4)

Ulf Friedrich

29. Mai 2015 21:28

Ein hervorragendes Buch das ich nur empfehlen kann. Diese Literaturgeschichte der Weimarer Republik ist auf den sonst eher einseitigen linken Büchermarkt ohne Konkurrenz. Professor Scholdt hat in seinem Buch alle politischen Seiten der "Autorenschlacht" zu Wort kommen lassen. Mich beeindruckte vor allen, das linke Autoren schon gegen Ende des Krieges mit ihren Argumenten begannen den Siegern in die Hände zu spielten. Die Novemberrevolution von 1918 wurde dort vorbereitet und agitativ begleitet, der Versailler Vertrag literarisch begrüßt und unterstützt. Kein Wunder das sich dagegen Widerstand formierte. Das notwendige Widerlager in dieser Zeit waren die Autoren der konservative Revolution. Ein konservatives Widerlager fehlt in unseren heutigen Medienbetrieb.

Bernhard

30. Mai 2015 10:40

Es ist schon bezeichnend, daß 100 Jahre nach dem 1. Weltkrieg so gut wie keines der in den Jahrzehnten danach erschienen romanhaften Darstellungen neu aufgelegt wurde. Sind die Bücher von Ettighofer bis Zöberlein alle vergessen? Ist es, wie bei vielen völkischen Büchern so, daß die nachgeborenen Rechteinhaber keine Neuauflage erlauben? Oder will das keiner mehr lesen?

Ein paar positive Ausnahmen gibt es aber auch: z.B. Jüngers "Sturm" ist genauso lieferbar, wie Ludwig Ganghofers "Die stählerne Mauer" oder "Der russische Niederbruch"und Rommels "Infanterie greift an".

Vielleicht hat jemand hier ein paar weitere Hinweise?

Rainer Möller

31. Mai 2015 18:39

Wie soll man Tucholsky hier verstehen? Es gab ja durchaus Autoren, die schon 1914/18 die Besetzung Deutschlands und die Umerziehung der Deutschen herbeisehnten ...
Natürlich entsprach die Umerziehung, als sie nach 1945 endlich stattfand, nicht ganz den Erwartungen. Sie förderte hingegen die dringend nötigen Allianzen zwischen Deutschen und Amerikanern gerade im rechten Spektrum: bei den antikommunistischen Liberalen, den Christlich-Konservativen und sogar bei den biologisch-ökologisch geprägten Unitariern. Das ist ein positiver Strang der Geschichte, der von Antiamerikanern gern übersehen wird.

Trouver

2. Juni 2015 18:56

Wie soll man Tucholsky hier verstehen? Es gab ja durchaus Autoren, die schon 1914/18 die Besetzung Deutschlands und die Umerziehung der Deutschen herbeisehnten …

Napoleon war besser.

Er nahm Berlin zwar ein, hat es aber freiwillig wieder verlassen.

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