Sezession
1. Februar 2014

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung

Gastbeitrag

Trakl meldete sich mit Kriegsbeginn 1914 freiwillig und rückte am 24. August ein. Seine in Galizien stationierte Einheit wurde in die Schlacht um Lemberg geworfen (6. bis 11. September), das an die Russen verlorengegangen war, nun zurückerobert werden und den Ausgangspunkt bilden sollte für einen raumgreifenden Vorstoß weit in die Ukraine hinein. Dieser Plan mißlang ganz und gar, die österreichische Armee erlitt eine verheerende Niederlage und taumelte in einen wirren, panikartigen Rückzug. Trakl mußte als Sanitäter zwei lange Tage auf sich allein gestellt in einem provisorischen Lazarett das Sterben seiner gräßlich verwundeten Kameraden mit ansehen, ohne daß Hilfe oder wenigstens Linderung möglich gewesen wäre. Ein Selbstmordversuch Trakls wurde auf dem Rückzug verhindert, sein täglich geäußerter, rabiater Wunsch nach einem Fronteinsatz wurde abgelehnt. Im Krakauer Garnisonshospital, in das er zur Beobachtung seines Geisteszustands eingewiesen worden war, starrte er durch das vergitterte Fenster und setzte seinem Leben am 3. November mit einer Überdosis Kokain ein Ende. Fehlt noch der Nachtrag, daß Trakl über die schrecklichen Tage in Galizien ein Gedicht verfaßte, überschrieben mit dem Namen jenes Ortes, in dessen Nähe er in seiner Scheune, diesem improvisierten Lazarett, verzweifelte: »Grodek«.

Gibt es einen schlapperen Freiwilligen als Trakl? Einen, der noch weniger verstanden hätte von jenem Völkerringen, in dessen Gemetzel er hineingeriet? Dem schon eine kurze Spanne in einer der »Todesgruben von Galizien« so zusetzte, daß er total ausfiel, während seine Kameraden aus den Därmen geschlachteter Katzen jenes Material gewannen, das sie zum Vernähen der offenen Leiber benötigten? Der nicht aus noch ein wußte, weil vor der Lazarett-Scheune, in der er es nicht mehr aushielt, widerständische Ruthenen an den Bäumen aufgeknüpft baumelten? Dem es die Luft abschnürte, weil der letzte der Gehenkten – so berichtete es der entsetzte Trakl – sich die Schlinge selbst um den Hals gelegt hatte (»der Menschheit ganzer Jammer, hier habe er einen angefaßt«)? Der sich verkroch wie zuvor ein halbes dutzendmal im bürgerlichen Leben, als er Stellungen anstrebte, erhielt – und am nächsten Tag schon wieder kündigte, weil es ihm vielleicht unerträglich schien, im Verkaufsraum einer Apotheke auf Kundschaft zu warten? Der daraufhin im Puff verschwand und geliehenes Geld versoff? Der, weil um ihn herum alles geputzt, geölt, diszipliniert, »im Rahmen« ablief, »jedem Deutschen das Beil des Henkers« wünschte, der also ungerecht, unerträglich war, genial zwar, aber in einer geordneten Gesellschaft zu nichts zu gebrauchen, sondern einer, der sich und anderen nicht zu helfen wußte? Was also, bitte schön, könnte uns »Grodek« geben, in unserer Erinnerungsbeflissenheit an diesen Großen Krieg Nummer eins?


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