Sezession
3. Juni 2015

Kaltenbrunner rekonstruierte den »Ausdruck des Unwandelbaren«

Nils Wegner / 6 Kommentare

43_kaltenbrunner_rekonstruktion_720x600Es läßt sich mit gutem Recht fragen, welchen Sinn es hat, einen bereits über 40 Jahre alten Text wieder aufzulegen. Politische Rahmenbedingungen haben sich geändert, das entsprechende Personal wurde ausgetauscht – allein die rasante Verbreitung des Internets ab Mitte der 1990er Jahre hat Umwälzungen nach sich gezogen, die in Schwere und Ausmaß wohl tatsächlich nur mit der Erfindung des modernen Buchdrucks zu vergleichen sind.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Im Hinblick auf das Werk Gerd-Klaus Kaltenbrunners stellt sich diese Frage allerdings eher nicht. Nicht nur wurde der Philosoph als »Superstar der Konservativen«, wie ihn Claus Leggewie in Der Geist steht rechts apostrophierte, zu Lebzeiten von Deutschland- bis Goethe-Stiftung mit Preisen für sein Lebenswerk überhäuft. Sein Verdienst ist es außerdem, mit „Tendenzwende“ eines der zentralen Schlagworte der Abhilfebemühungen gegenüber 1968 geschaffen zu haben. Die von ihm verantworteten Publikationsreihen Rombach Hochschul-Paperback und vor allem die Herderbücherei INITIATIVE bildeten Kristallisationspunkte der dissidenten Intelligenz jenseits von Unionsparteien und FAZ-Feuilleton.

In den 1970er und 1980er Jahren beschäftigte Kaltenbrunner sich intensiv mit den Zukunftsperspektiven eines authentischen, zeitgeistbereinigten Konservatismus. Eine seiner schärferen Programmschriften gegen die beginnende Vermassung dieser Zeit, Elite. Erziehung für den Ernstfall, erschien schon vor sieben Jahren im Nachdruck als einer der Bände des ersten kaplaken-Dutzends. Mit Rekonstruktion des Konservatismus ist nun ein weiterer Text wiederaufgelegt worden, der diesmal an die Wurzeln eines überzeitlich-rechten Weltbildes geht.

Der erstmals 1972 erschienene Aufsatz stellt insoweit einen Schlüsseltext dar, daß er unter dem Eindruck der just vergangenen Studentenrevolte und anbrechenden Kulturrevolution das Fundament für einen umso (selbst)bewußteren, ideenreichen Konservatismus legt. Vom Grundproblem der Wirklichkeitsauffassung bis hin zu wirtschaftlich-ökologischen Fragen auch der heutigen Zeit spannt Kaltenbrunner einen sehr weiten ideengeschichtlichen Bogen von weit über 150 Jahren. Um die Denkanstöße auch für unsere Tage ertragreich zu machen, wurden den Literaturverweisen redaktionell ausgewählte jüngere Werke hinzugefügt.

Kaltenbrunners Markenzeichen ist eine universalistisch-anthropologische Interpretation des Konservatismus, wodurch dieser konkreten Epochen enthoben wird und einen allgemeinmenschlichen Charakter erhält. Die Texte seiner diesbezüglichen Schaffensperiode sind daher ungebrochen lesenswert; gerade jetzt, wo konservatives Denken in eine ungeahnte Ziel- und Formlosigkeit abgeglitten ist, vermag die Rekonstruktion des Konservatismus Halt und Orientierung zumindest für den Einzelnen zu geben. Die Selbstbildung kann von den zahlreichen Anregungen des ungemein belesenen Kaltenbrunner nur profitieren.

Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Rekonstruktion des Konservatismus. Reihe kaplaken, Bd. 43, Schnellroda 2015, 96 S., 8,- € – hier bestellen!


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (6)

Reichsvogt
3. Juni 2015 14:12

Danke für die Wiederauflage! Zeitloses gilt es zu bewahren! Ein Punkt in dem Text machte mich aber nachdenklich: Natürlich möchte der "authentische Konservative" (Dirsch) auch sinnvolle und gute Weiterentwicklungen bewahren (Kaltenbrunner nennt insbesondere gewisse Emanzipationsentwicklungen der Neuzeit), man fragt sich nur ob auch die sog. "Homo-Ehe" demnächst zu diesem Arsenal gehören soll? Der britische Premierminister Cameron wir in dieser Hinsicht in CDU-Kreisen schon fleißig als angeblich konservativer Stichwortgeber zitiert.

Carl Gießen
3. Juni 2015 17:47

gerade jetzt, wo konservatives Denken in eine ungeahnte Ziel- und Formlosigkeit abgeglitten ist

Ui. So viel Selbstkritik hier?

Nils Wegner
3. Juni 2015 19:49

Ich kenne "hier" niemanden, den eine solche "Selbstkritik" träfe.

Ansonsten gab's dazu schon vor mittlerweile 53 Jahren manch zustimmenswerte Einlassung.

Meier Pirmin
4. Juni 2015 12:35

Donnerstag, 4. Juni 2015, 12:32 (URL) | Kurz-URL

Kaltenbrunner wurde nicht mit Preisen überhäuft, so war etwa der damalige Konrad-Adenauer-Preis höchst umstritten wegen sog. rechtem Beigeschmack, noch bedeutend für Kaltenbrunner der hochverdiente Baltasar-Gracian-Preis für Essayistik. Der Goethe-Preis der Mozart-Stifung Basel aus der Schatulle von Alfred Toepfer war seinerseits hochumstritten, weil Toepfer schon im 3. Reich als bürgerlicher Kulturförderer Preise ausgerichtet hatte.

Kaltenbrunner, mit dem ich u .a. in „Abendland“, einer rechtsdemokratischen Zeitschrift in der Schweiz, und in der katholischen „Civitas“ publizierte, war vergleichsweise der Enzensberger der Rechten, aber an Ansehen und Anerkennung mit diesem in keiner Weise vergleichbar. Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa oder etwa Preise, wie sie mein Doktorvater Peter von Matt in Serie einheimste, auch noch die Preise des hochbedeutenden nichtlinken Büchnerpreisträgers Arnold Stadler oder meines Schweizer Landsmanns Thomas Hürlimann – solche Auszeichnungen waren für Kaltenbrunner schlicht undenkbar. Er lebte durchgehend in innerer Emigration, war in der Bundesrepublik nicht anerkannter als es etwa im 3. Reich die Publizisten der Weissen Blätter gewesen sind, so Karl Ludwig von Guttenberg, Reinhold Schneider, Jochen Klepper, Ida Friederike Görres, Klaus Bonhoeffer, der im Vergleich zu seinem Bruder unterschätzt wird oder der Vater des Terroristen Andreas Baader, dessen Widerstandsgesinnung auf Adalbert Stifter aufbaute. Kaltenbrunner ist für mich (als konservativer Publizist aus der Schweiz) die Schnittmenge im Dialog mit einem noch existierenden konservativen deutschen Geistesleben. @Reichsvogt. Mit der Homo-Ehe haben die Publikationen von Kaltenbrunner schlicht nichts zu tun. Selber habe ich über den homosexuellen Pionier Heinrich Hössli (1784 – 1864) publiziert, dessen Emanzipationsbestrebungen im Zusammenhang mit der Sinngebung der Homosexualität schlicht nichts mit der Homo-Ehe zu tun hatten. Ich wies auch nach, dass der Kirchenstaat in Rom nach der Einführung des Paragraphen 143 in Preussen (später § 175) eine der wichtigsten Exildestinationen für deutsche Homosexuelle geworden war. Das hatte nichts mit Konzessonen an die sog. Homo-Ehe zu tun. Im Kirchenstaat kam man nämlich für homosexuelle und wohl auch pädophile Handlungen bloss in die Hölle, nicht aber ins Gefängnis. Die Hierarchie der Werte blieb unangetastet.

PS. Kaltenbrunner wurde immer wieder mit dem am 16. Oktober 1946 hingericheten Ernst Kaltenbrunner in Verbindung gebracht, selbstverständlich aus Gründen der Fertigmacherei. Gerd-Klaus Kaltenbrunner stammte aber, wie ich in meinem Nachruf auf https://www.kath.de ausgeführt habe, aus einer katholischen Wiener Familie, die nichts mit diesem Kaltenbrunner, einem rabiaten Gegner des Christentums, zu tun gehabt hatte. Der Ausdruck „Superstar der Konservativen“ ist angesichts von Kaltenbrunners totalem Rückzug aus der Szene, der Jahrzehnet währte, voll daneben.

Prometheus45
4. Juni 2015 22:50

@pirmin.
ihre Darstellung der "Preis"-Treiberei der letzten Jahrzehnten hat mich beeindruckt und beschäftigt und ich fände es wichtig, dieses Preis-Getue mal zu durchleuchten, eine Aufgabe für eine Batchelorarbeit. Dass Herr Schulz den Karls-Preis bekommen hat, braucht uns natürlich wirklich nicht zu bewegen, dass aber macher Geistesmensch, der nicht an den Fleischtöpfen futtern konnte, mal dies oder jenes angenommen hat, dafür habe ich jedes Verständnis

Thomas Wawerka
5. Juni 2015 11:49

Meier Pirmin: Selber habe ich über den homosexuellen Pionier Heinrich Hössli (1784 – 1864) publiziert
Haben Sie einen Link oder eine Quellenangabe parat?

Erstaunlicher Mensch, dieser Kaltenbrunner ... vergleichbar mit Botho Strauss.

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