Kaltenbrunner rekonstruierte den »Ausdruck des Unwandelbaren«

Es läßt sich mit gutem Recht fragen, welchen Sinn es hat, einen bereits über 40 Jahre alten Text wieder aufzulegen.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Poli­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen haben sich geän­dert, das ent­spre­chen­de Per­so­nal wur­de aus­ge­tauscht – allein die rasan­te Ver­brei­tung des Inter­nets ab Mit­te der 1990er Jah­re hat Umwäl­zun­gen nach sich gezo­gen, die in Schwe­re und Aus­maß wohl tat­säch­lich nur mit der Erfin­dung des moder­nen Buch­drucks zu ver­glei­chen sind.

Im Hin­blick auf das Werk Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ners stellt sich die­se Fra­ge aller­dings eher nicht. Nicht nur wur­de der Phi­lo­soph als »Super­star der Kon­ser­va­ti­ven«, wie ihn Claus Leg­ge­wie in Der Geist steht rechts apo­stro­phier­te, zu Leb­zei­ten von Deutsch­land- bis Goe­the-Stif­tung mit Prei­sen für sein Lebens­werk über­häuft. Sein Ver­dienst ist es außer­dem, mit „Ten­denz­wen­de“ eines der zen­tra­len Schlag­wor­te der Abhil­fe­be­mü­hun­gen gegen­über 1968 geschaf­fen zu haben. Die von ihm ver­ant­wor­te­ten Publi­ka­ti­ons­rei­hen Rom­bach Hoch­schul-Paper­back und vor allem die Her­der­bü­che­rei INITIATIVE bil­de­ten Kris­tal­li­sa­ti­ons­punk­te der dis­si­den­ten Intel­li­genz jen­seits von Uni­ons­par­tei­en und FAZ-Feuil­le­ton.

In den 1970er und 1980er Jah­ren beschäf­tig­te Kal­ten­brun­ner sich inten­siv mit den Zukunfts­per­spek­ti­ven eines authen­ti­schen, zeit­geist­be­rei­nig­ten Kon­ser­va­tis­mus. Eine sei­ner schär­fe­ren Pro­gramm­schrif­ten gegen die begin­nen­de Ver­mas­sung die­ser Zeit, Eli­te. Erzie­hung für den Ernst­fall, erschien schon vor sie­ben Jah­ren im Nach­druck als einer der Bän­de des ers­ten kapla­ken-Dut­zends. Mit Rekon­struk­ti­on des Kon­ser­va­tis­mus ist nun ein wei­te­rer Text wie­der­auf­ge­legt wor­den, der dies­mal an die Wur­zeln eines über­zeit­lich-rech­ten Welt­bil­des geht.

Der erst­mals 1972 erschie­ne­ne Auf­satz stellt inso­weit einen Schlüs­sel­text dar, daß er unter dem Ein­druck der just ver­gan­ge­nen Stu­den­ten­re­vol­te und anbre­chen­den Kul­tur­re­vo­lu­ti­on das Fun­da­ment für einen umso (selbst)bewußteren, ideen­rei­chen Kon­ser­va­tis­mus legt. Vom Grund­pro­blem der Wirk­lich­keits­auf­fas­sung bis hin zu wirt­schaft­lich-öko­lo­gi­schen Fra­gen auch der heu­ti­gen Zeit spannt Kal­ten­brun­ner einen sehr wei­ten ideen­ge­schicht­li­chen Bogen von weit über 150 Jah­ren. Um die Denk­an­stö­ße auch für unse­re Tage ertrag­reich zu machen, wur­den den Lite­ra­tur­ver­wei­sen redak­tio­nell aus­ge­wähl­te jün­ge­re Wer­ke hinzugefügt.

Kal­ten­brun­ners Mar­ken­zei­chen ist eine uni­ver­sa­lis­tisch-anthro­po­lo­gi­sche Inter­pre­ta­ti­on des Kon­ser­va­tis­mus, wodurch die­ser kon­kre­ten Epo­chen ent­ho­ben wird und einen all­ge­mein­mensch­li­chen Cha­rak­ter erhält. Die Tex­te sei­ner dies­be­züg­li­chen Schaf­fens­pe­ri­ode sind daher unge­bro­chen lesens­wert; gera­de jetzt, wo kon­ser­va­ti­ves Den­ken in eine unge­ahn­te Ziel- und Form­lo­sig­keit abge­glit­ten ist, ver­mag die Rekon­struk­ti­on des Kon­ser­va­tis­mus Halt und Ori­en­tie­rung zumin­dest für den Ein­zel­nen zu geben. Die Selbst­bil­dung kann von den zahl­rei­chen Anre­gun­gen des unge­mein bele­se­nen Kal­ten­brun­ner nur profitieren.

Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner: Rekon­struk­ti­on des Kon­ser­va­tis­mus. Rei­he kapla­ken, Bd. 43, Schnell­ro­da 2015, 96 S., 8,- € – hier bestel­len!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (6)

Reichsvogt

3. Juni 2015 14:12

Danke für die Wiederauflage! Zeitloses gilt es zu bewahren! Ein Punkt in dem Text machte mich aber nachdenklich: Natürlich möchte der "authentische Konservative" (Dirsch) auch sinnvolle und gute Weiterentwicklungen bewahren (Kaltenbrunner nennt insbesondere gewisse Emanzipationsentwicklungen der Neuzeit), man fragt sich nur ob auch die sog. "Homo-Ehe" demnächst zu diesem Arsenal gehören soll? Der britische Premierminister Cameron wir in dieser Hinsicht in CDU-Kreisen schon fleißig als angeblich konservativer Stichwortgeber zitiert.

Carl Gießen

3. Juni 2015 17:47

gerade jetzt, wo konservatives Denken in eine ungeahnte Ziel- und Formlosigkeit abgeglitten ist

Ui. So viel Selbstkritik hier?

Nils Wegner

3. Juni 2015 19:49

Ich kenne "hier" niemanden, den eine solche "Selbstkritik" träfe.

Ansonsten gab's dazu schon vor mittlerweile 53 Jahren manch zustimmenswerte Einlassung.

Meier Pirmin

4. Juni 2015 12:35

Donnerstag, 4. Juni 2015, 12:32 (URL) | Kurz-URL

Kaltenbrunner wurde nicht mit Preisen überhäuft, so war etwa der damalige Konrad-Adenauer-Preis höchst umstritten wegen sog. rechtem Beigeschmack, noch bedeutend für Kaltenbrunner der hochverdiente Baltasar-Gracian-Preis für Essayistik. Der Goethe-Preis der Mozart-Stifung Basel aus der Schatulle von Alfred Toepfer war seinerseits hochumstritten, weil Toepfer schon im 3. Reich als bürgerlicher Kulturförderer Preise ausgerichtet hatte.

Kaltenbrunner, mit dem ich u .a. in „Abendland“, einer rechtsdemokratischen Zeitschrift in der Schweiz, und in der katholischen „Civitas“ publizierte, war vergleichsweise der Enzensberger der Rechten, aber an Ansehen und Anerkennung mit diesem in keiner Weise vergleichbar. Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa oder etwa Preise, wie sie mein Doktorvater Peter von Matt in Serie einheimste, auch noch die Preise des hochbedeutenden nichtlinken Büchnerpreisträgers Arnold Stadler oder meines Schweizer Landsmanns Thomas Hürlimann – solche Auszeichnungen waren für Kaltenbrunner schlicht undenkbar. Er lebte durchgehend in innerer Emigration, war in der Bundesrepublik nicht anerkannter als es etwa im 3. Reich die Publizisten der Weissen Blätter gewesen sind, so Karl Ludwig von Guttenberg, Reinhold Schneider, Jochen Klepper, Ida Friederike Görres, Klaus Bonhoeffer, der im Vergleich zu seinem Bruder unterschätzt wird oder der Vater des Terroristen Andreas Baader, dessen Widerstandsgesinnung auf Adalbert Stifter aufbaute. Kaltenbrunner ist für mich (als konservativer Publizist aus der Schweiz) die Schnittmenge im Dialog mit einem noch existierenden konservativen deutschen Geistesleben. @Reichsvogt. Mit der Homo-Ehe haben die Publikationen von Kaltenbrunner schlicht nichts zu tun. Selber habe ich über den homosexuellen Pionier Heinrich Hössli (1784 – 1864) publiziert, dessen Emanzipationsbestrebungen im Zusammenhang mit der Sinngebung der Homosexualität schlicht nichts mit der Homo-Ehe zu tun hatten. Ich wies auch nach, dass der Kirchenstaat in Rom nach der Einführung des Paragraphen 143 in Preussen (später § 175) eine der wichtigsten Exildestinationen für deutsche Homosexuelle geworden war. Das hatte nichts mit Konzessonen an die sog. Homo-Ehe zu tun. Im Kirchenstaat kam man nämlich für homosexuelle und wohl auch pädophile Handlungen bloss in die Hölle, nicht aber ins Gefängnis. Die Hierarchie der Werte blieb unangetastet.

PS. Kaltenbrunner wurde immer wieder mit dem am 16. Oktober 1946 hingericheten Ernst Kaltenbrunner in Verbindung gebracht, selbstverständlich aus Gründen der Fertigmacherei. Gerd-Klaus Kaltenbrunner stammte aber, wie ich in meinem Nachruf auf https://www.kath.de ausgeführt habe, aus einer katholischen Wiener Familie, die nichts mit diesem Kaltenbrunner, einem rabiaten Gegner des Christentums, zu tun gehabt hatte. Der Ausdruck „Superstar der Konservativen“ ist angesichts von Kaltenbrunners totalem Rückzug aus der Szene, der Jahrzehnet währte, voll daneben.

Prometheus45

4. Juni 2015 22:50

@pirmin.
ihre Darstellung der "Preis"-Treiberei der letzten Jahrzehnten hat mich beeindruckt und beschäftigt und ich fände es wichtig, dieses Preis-Getue mal zu durchleuchten, eine Aufgabe für eine Batchelorarbeit. Dass Herr Schulz den Karls-Preis bekommen hat, braucht uns natürlich wirklich nicht zu bewegen, dass aber macher Geistesmensch, der nicht an den Fleischtöpfen futtern konnte, mal dies oder jenes angenommen hat, dafür habe ich jedes Verständnis

Thomas Wawerka

5. Juni 2015 11:49

Meier Pirmin: Selber habe ich über den homosexuellen Pionier Heinrich Hössli (1784 – 1864) publiziert
Haben Sie einen Link oder eine Quellenangabe parat?

Erstaunlicher Mensch, dieser Kaltenbrunner ... vergleichbar mit Botho Strauss.

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