Sezession
1. Juni 2015

Steffen Kopetzky: Risiko. Roman – eine Rezension

Götz Kubitschek / 3 Kommentare

Steffen Kopetzky: Risiko. Roman, Stuttgart: Klett-Cotta 2015. 725 S., 24.95 €

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es gab vor 30 Jahren – in jener weit entfernten Zeit ohne Computer und Internet – drei strategische Brettspiele, mit denen man verregnete Tage verbringen konnte: Schach und Stratego für zwei Spieler, für größere Runden Risiko.

Seit der Lektüre des Romans Risiko von Steffen Kopetzky ist man über die Entstehung und Verfeinerung des gleichnamigen Spiels im Bilde. Die Grundidee soll ein Major an der Militärakademie in Potsdam entwickelt haben, der seinen Schülern die »Theorie der Friktion« von Clausewitz verdeutlichen wollte:

Aus einer Grundaufstellung heraus wurden Strategien entwickelt, Truppenkonzentrationen herbeigeführt und Koalitionen gebildet, die am Ende zum militärischen Erfolg führen sollten. In den Offizierskasinos sei Risiko dann weiterentwickelt worden, bis es zuletzt – ausbalanciert zwischen strategischem Geschick und Würfelglück – wiederum als Anschauungsmaterial die Mächtigen in Kabul 1915 dazu veranlaßt habe, dem Wunsch der deutschen Abgesandten zu folgen und das englisch besetzte Indien anzugreifen …

In Wirklichkeit war es so: Der französische Filmregisseur Albert Lamorisse hat Risiko (damals: »Welteroberung«) 1955 erfunden. Etappen der Verfeinerung führten zu der bunten Weltkarte aus dem Hause Parker, auf der man fremdes Land »eroberte« und gegnerische Armeen, Reiterschwadronen und Artilleriebrigaden »vernichtete«. In den Schachteln, die derzeit im Handel sind, wird das Territorium nur mehr »befreit« und die fremde Armee wird »aufgelöst« – eine pazifizierende Sprachverschiebung rührenden Ausmaßes im Zeitalter des Egoshooters, der am Tag locker eintausend Feinde am Bildschirm – »resozialisiert«?

Sei’s drum: Kopetzkys Roman vermengt historische Begebenheit mit Phantasie und Fiktion zu einer tollen Geschichte. Wahr ist, daß sich die deutsche Regierung bald nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs von einer Aufwiegelung der britisch besetzten Gebiete Arabiens, vor allem aber Indiens, eine Entlastung der Westfront erhoffte: Die Kolonialtruppen würden ihre Haut nicht mehr vor Verdun, sondern lieber in Richtung Bagdad oder vor Karatschi und endlich gegen die britischen Besatzer zu Markte tragen. Führer des deutschen Expeditionskorps, das 1915 bis nach Kabul vorstieß, war Oskar Ritter von Niedermayer (1885–1948).

Es gelang ihm nicht, den Emir Habibullah zu einer Aktion gegen die Briten zu bewegen, und auch in Kopetzkys Roman gelingt das nicht – jedoch stirbt dort der Emir, weil ihm der Marineleutnant Stichnote das Genick bricht. Der Neffe des Emirs befiehlt den Aufstand, der die afghanischen Stämme ganz Westindien erobern läßt – während in Berlin 1916 noch die Olympischen Spiele abgehalten werden und sich Frankreich und das Deutsche Reich über diesem Völkerfest versöhnen, um ein karolingisches Kerneu-ropa zu gründen, kulturell das großartige »Alte Europa« repräsentierend, während England als das »perfide Albion« samt seinem US-amerikanischen Hinterland außen vor bleibt … Dies ist – zusammengefaßt – das sozialdemokratische Ende einer gut erzählten Geschichte.

Die Notwendigkeit der Handlungsfortschreibung ist recht oft in Romanen eine Schwäche: Eigentlich will jemand einen Erzählteppich weben, will auf kleinem Raum die Fäden durchs Gewebe schießen und seine Figuren miteinander verknüpfen. Auch im Falle Kopetzkys verweisen Erzähllust und -kunst auf das Talent des Autors, abgeschlossene Szenen wirklichkeitsgesättigt zu gestalten. Ob das die Hafentage an der Küste des frisch gegründeten Staates Albanien sind, ob es die Leidenschaft des jungen Marineoffiziers Dönitz für das Risikospiel ist oder die eines Maschinisten für den kohlegespeisten Antrieb tief im Innern des Kriegsschiffs: Das alles ist mit Empathie, Detailwissen und Menschenkenntnis geschildert. Zu Kopetzkys und des Lesers Leidwesen müssen die Figuren sich ab und an erheben, müssen aufbrechen, um das Ziel des Romans zu erreichen.

Ganz nebenbei wird ein wenig Kapitalismuskritik geübt. Ein Waffenschieber erzählt, wie er sich vom Sozialrevolutionär zum Mitspieler des Großkapitals entwickelt habe und nach gründlichem Blick auf die ökonomische Macht hinter der politischen zu einem Anwalt der kleinen Leute geworden sei. (»Ich weiß, daß nichts auf der Welt der deutschen Arbeiterschaft gleicht.«) Vor allem sie nämlich kämen in der rasenden Fahrt der Kapitalanhäufung unter die Räder, und sein Vermögen häufe er nur zu einem Zweck an: »Die Bremse ziehen. Den Zug aufhalten. Für einen Fehler sorgen. Eine Friktion herbeiführen, um die Mechanik des Kapitals zu stoppen.« Selbstredend gewährt Kopetzky dieser geläuterten Figur einen Auftritt im Rahmen der Befriedung des Krieges bereits im Jahre 1916.

Kopetzky, selbst Mitglied der SPD, will solche Botschaften unterbringen. Besser hätte er darauf verzichtet. Jedoch ist es nicht schwierig, ihm diesen Tick zu verzeihen.

Steffen Kopetzkys Risiko kann man  hier bestellen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (3)

Der Gutmensch
22. Juni 2015 10:08

Hm. Wirklich sehr großzügig, den Leuten den Tick zu verzeihen, den Clausewitz gelesen und verinnerlicht zu haben. Aber ich gebe zu - als Botschaft taugt das nichts. Wenn man so etwas vorhat, muss man seine eigene Eitelkeit zurückstellen können.

Ein Leser
22. Juni 2015 17:19

Wer sich für die wahren Begebenheiten interessiert, dem sei "Östlich von Konstantinopel" (im Original "Like Hidden Fire: The Plot to Bring Down the British Empire") von Peter Hopkirk empfohlen.

Reinhild
24. Juni 2015 20:39

Bei aller Liebe zu historischen Fakten - manchmal ist ein guter Roman einfach ein guter Roman. Ein Roman der einen in den Bann zieht, mit großer Lust ein farbenprächtiges Gemälde entspinnt, vor dem man staunend stehen bleibt.

Und im Nachgang mag dann das Nachforschen anfangen, die Nachlese, in der man dann die genauen Umstände und "wahren Begebenheiten" erfährt. Aber auch das hätte man nie getan, wenn nicht ein guter Autor ein in meinen Augen sehr gutes Buch geschrieben hätte.

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