18. Juni 2015

Belle Alliance, 18.VI.1815 – eine geschichtspolitische Notiz

Gastbeitrag / 18 Kommentare

von Konrad Gill

Napoleons Ende gehört, mehr noch als sein Aufstieg zur Macht, zu den historischen Episoden, für deren Erzählung ein Romanautor als unglaubwürdiger und theatralischer Phantast gescholten würde. Es sei kurz an die wesentlichen Eckdaten erinnert:

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Der Offizier aus bescheidenen Verhältnissen, der nach einem Aufstieg als republikanischer Revolutionsgeneral sich selbst zum Kaiser gekrönt und nahezu ganz Europa unterjocht hatte, scheiterte zuerst an Rußland, das soeben noch sein (unfreiwilliger) Bundesgenosse gewesen war. Scheinbar endgültig besiegt war er dann in der gewaltigen „Völkerschlacht“ bei Leipzig worden, deren Ergebnis der mit gigantischem Aufwand zur Neuordnung Europas geführte Wiener Kongreß war.

Den Diktator glaubten die Sieger endgültig befriedet auf der Insel Elba, die ihm Sympathisanten als Fürstentum erhandelt hatten. Dieweil man zu Wien konferierte, wurde Napoleon der Miniaturparaden und Entwicklungsmaßnahmen auf dem Eiland überdrüssig und setzte ungehindert mit den ihm verbliebenen 1000 Soldaten nach Frankreich über. (Sein britischer Bewacher weilte gerade auf dem Festland bei seiner Geliebten.) In einem Gewaltmarsch, schwankend zwischen schier übermenschlicher, heldischer Größe und nacktem Wahnsinn, durchquerte Napoleon Provence und französische Alpen und erreichte schließlich Paris. Der bis heute als „Adlerflug“ in Erinnerung gehaltene Siegeszug gelang gegen manche Wahrscheinlichkeit, sämtliche (schußbereiten!) Soldaten, die ihn aufhalten sollten, liefen nach kurzen Ansprachen zu ihm über, der König floh.

Doch die folgenden hundert Tage zweiter napoleonischer Herrschaft nahmen kein gutes Ende für die Franzosen: Die in Wien verbundenen Großmächte waren zu keiner Verhandlung bereit und rüsteten sofort für einen neuen Krieg, der heute vor 200 Jahren in der Schlacht bei Belle-Alliance (nebst flankierenden Schlachten bei Ligny und Quatre-Bras) sein Ende fand. Nord- und westdeutsche (vor allem preußische), britische und niederländische Truppen schlugen Napoleons letztes, aber imposant schlagkräftiges Aufgebot endgültig und vernichtend, während Russen und Österreicher noch auf dem Marsch waren. Diese „vielleicht berühmteste Schlacht der Weltgeschichte“ (Marian Füssel) hatte neben der auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr überholbaren Entscheidung über das Machtgleichgewicht in Europa vor allem eine ausufernde, interessenpolitisch bedeutsame Erinnerungskultur zur Folge.

Wie geschichtspolitisch bedeutsam der Sieg über Napoleon wurde, zeigt schon die Benennung der Schlacht im folgenden Jahrhundert: „La Belle Alliance“ in deutscher Zunge (traditionsgemäß vom Sieger so benannt, und das war Blücher), „Waterloo“ im britischen Sprachgebrauch (weil dort Wellingtons Hauptquartier war), „Mont Saint Jean“ nach französischer Übung (was geographisch am meisten überzeugt). Heute freilich spricht alle Welt von „Waterloo“, die britische Sichtweise hat sich – wie so oft – durchgesetzt.

Die Briten, die nur knapp und durch preußische Rettung eine drohende Niederlage in einen verlustreichen Sieg hatten wenden können, stellten sich so der Nachwelt gegenüber als strahlende Sieger dar, denen deutsche Truppen nur Hilfsdienste geleistet hätten. So wird in oberflächlichen Darstellungen bis heute Wellington, und nicht Gneisenau, als strategischer Kopf hinter dem Sieg präsentiert; Wellington, nicht Blücher, gilt als erfolgreichster Feldherr. Dieser Ruf, Napoleon besiegt zu haben, verschaffte – neben dem tatsächlichen „Sieg“ im diplomatischen Ringen in Wien – den Briten die Stellung als „Erster unter Gleichen“ in der Pentarchie des 19. Jahrhunderts. Als „Balancer from Beyond“ sah man sich selbst, und war doch allzu oft lediglich der lachend am Feldrand stehende Dritte, der von der Schwäche der einander, und nicht das britische Reich, bekämpfenden Kontinentalmächte profitierte.


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Kommentare (18)

Hans
18. Juni 2015 12:26

Ich möchte auf ein sehr bewegendes Video zum Thema
"200 Jahre Völkerschlacht bei Leipzig" aufmerksam machen:

https://www.youtube.com/watch?v=WoWsJWLkuPA

Vom 16.-19.Oktober 1813 kämpften Truppen Preußens, Österreichs und Russlands gemeinsam gegen Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig und errangen den entscheidenden Sieg während den Befreiungskriegen. Die Völkerschlacht markiert die Befreiung von der Fremdherrschaft und einen Meilenstein zu einem vereinigten Deutschland. Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zum Vorbild.

Den Kanal "Reconquista Germania" empfinde ich als sehr empfehlenswert. Besonders die Videos " Der Verrat an den Vertriebenen" und "Politische Dynamik statt nutzloser Grabenkämpfe" gefallen mir sehr gut.

https://www.youtube.com/user/ReconquistaGermany/videos

Hajo Blaschke
18. Juni 2015 15:44

@ Hans Zu diesem gemeinsamen Sieg kommt noch hinzu, dass die sächsischen Truppen mitten in der Schlacht entgegen den Befehlen ihres Königs die Seiten gewechselt haben und ab sofort gegen Napoleon kämpften.

Napoleons Armeen bestanden zu weit mehr als 50% aus Deutschen, die man verkauft und gezwungen hatte, für einen der größten Kriegsverbrecher zu kämpfen. Die Totenzahlen lassen einen gezielten Völkermord des Franzmanns an Deutschen vermuten.

Daniel
18. Juni 2015 15:49

Sehr zu empfehlen sind die Schilderungen Waterloos bzw. der Rückkehr Napoleons von Stefan Zweig (in: "Historische Miniaturen") und Friedrich Sieburg (in: Napolen - Die hundert Tage"). Als Rahmenhandlung dient Napoleons Rückkehr, hier vor allem die Einnahme Grenobles, in Michael Klonovskys Roman "Der Ramses-Code". Auch äußert empfehlenswert!

Dag Krienen
18. Juni 2015 18:44

Das Geschick der Angelsachsen, ihre spezifische Sicht auf die Geschichte als allgemeinverbindlich durchzusetzen, kann man nur bewundern. Wellington wählte "Waterloo" als Namen der Schlacht, um seine eigenen Verdienste in den Vordergrund zu stellen und anschließend seine politischen Ambitionen realisieren zu können. Am 18. Juni waren es allerdings tatsächlich vor allem seine Truppen, die die Hauptlast der Kämpfe trugen. Doch bestanden sie nur zu einem Teil aus Engländern, bei der Mehrzahl handelte es sich um Niederländer, Belgier und Deutsche. Nimmt man noch die später hinzustossenden preussischen Truppen hinzu, die die Schlacht entschieden, war "Waterloo" sogar vor allem ein "deutscher Sieg", wie vor einigen Jahren ein britischer Historiker bemerkt hat.
Wenn man die Schlacht in einem größeren Kontext betrachtet, wäre freilich die von Blücher vorgeschlagene und lange Zeit auch in Deutschland übliche Namensgebung „Belle Alliance“ die angemessenere gewesen, nach einem Gasthaus, das bei Beginn der Schlacht im Zentrum der französischen Linien lag. Der Name des Hofes, der an ein „schöne Eheverbindung" erinnerte, hätte als Schlachtenname den endgültigen Sieg über Napoleon vor allem als Leistung eines erfolgreichen gemeinsamen Militärbündnisses gekennzeichnet. Es wäre der bei weitem zutreffendere Name für ein miltärisches Ereignis gewesen, das die stets als solche intendierte Koalitionskriegführung durch ein erfolgreiches Zusammenwirken der Bündnispartner zum krönenden Abschuß brachte.
Denn tatsächlich war es die preussische Bündnistreue gewesen, die den Tag für Wellington rettete. Nachdem Blüchers Truppen kurz zuvor bei Ligny eine Schlappe von der Hand Napoleons erlitten hatte (auch, weil die versprochene britische Unterstützung ausblieb), zogen sich diese nicht wie allseits erwartet zum Rhein zurück, sondern nach Norden in eine Position, von der aus sie dann am 18. Juni Wellingtons Armee noch rechtszeitig zur Hilfe kommen konnten.
Ohne diesen riskanten Entschluss wäre Belle Alliance zum "Waterloo" für den Herzog von Wellington und seine Armee geworden. Wetten, daß in diesem Fall heute nur einige wenige Militärhistoriker überhaupt noch etwas genaueres über diese dubiose britische (eigentlich ja "deutsche") Schlappe wüßten, an der zudem vor allem der "Verrat" der Preußen Schuld gewesen war. So aber retteten die Engländer 1815 wieder einmal die Welt vor dem Monster aus der Tiefe, wobei sie den zivilisatorisch zurückgebliebenen Preußen gnädig erlaubten, ein wenig mitzuwirken.

Hans
18. Juni 2015 18:51

@Hajo Blaschke

Das ist mir bekannt, zumeist war es der Hochadel, der seine Leibeigenen als Sklavensoldaten verschacherte. Teilweise wurden sogar beide Seiten mit "Humankapital" beliefert, es hat sich also wenig geändert. Gold kennt kein Vaterland.

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Festschrift:

1813 - 1913

Die Völkerschlacht bei Leipzig von Paul Benndorf

https://ia902607.us.archive.org/29/items/dievlkerschlac00bennuoft/dievlkerschlac00bennuoft.pdf

Karl Eduard
19. Juni 2015 08:42

Welche Kriegsverbrechen hat Napoleon denn genau begangen?

Und das Verschachern von Sklavensoldaten ist wohl dem Reich der Legenden entnommen. Und, welcher Hochadel soll das gewesen sein? Die Landjunker wohl kaum. Die waren über jeden Arbeiter der die Felder bewirtschaftete und das Vieh, froh? Der Stadtadel? Haben die ihre Kammerdiener verschachert?

Die Rheinbundfürsten, die sich Napoleon unterwarfen, um ihre Throne zu behalten, ansonsten hätte der Kaider der Franzosen seine Verwandten darauf gesetzt, wie er es auch getan hat, mußten natürlich als Verbündete Truppen stellen. Sogar Preußen, das kein Verbündeter war. Ganz einfach, weil der Preußenkönig sonst ins Exil hätte gehen müssen, ein Marionettenkönig wäre installiert worden, wie in Spanien, und der hätte schon für die Werbung von Soldaten gesorgt.

Daß mit dem "Pressen von Soldaten" war wohl seit dem 7jährigen Krieg vorüber. Selbst die "Hessen" waren keine Sklavensoldaten. Jeder konnte das Handgeld von der Trommel nehmen oder es sein lassen. Freie Entscheidung. Wie auch heute.

Karl Eduard
19. Juni 2015 08:44

Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch erwähnen, daß Blücher in London umjubelter Star war, den die Engländer auf Händen trugen oder seine Kalesche zogen.

Jens Prager
19. Juni 2015 09:15

In allen Geschichtsdarstellungen und TV-Produktionen werden allenthalben Wellington und seine heldenhaften Briten als der Sieger von "Waterloo" dargstellt. Dem war nicht so, fast 2/3 aller Kombattanten waren Deutsche, die neuralgischen Punkte wurden 5 Stunden durch "The Kings German Legion" gehalten.
Mit dem bisherigen Sichtbild räumen folgende Bücher auf:

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Brendan Simms: »Der längste Nachmittag. 400 Deutsche, Napoleon und die Entscheidung von Waterloo«, Übersetzung Wiebke Meier

Peter Hofschröter, 1815 The Waterloo Campaign: The German Victory

ders.: 1815, the Waterloo Campaign: Wellington and his German allies and the battles of Ligny and Quatre Bras

Hajo Blaschke
19. Juni 2015 09:51

@ Karl Eduard

Welche Kriegsverbrechen hat Napoleon denn genau begangen?

Wenn Sie das nicht sehen, dann sollten Sie doch mal Brille oder Arzt oder beides wechseln. Allein die Anzettelung eines völlig unprovozierten Eroberungskriegs über ganz Europa nur um sein Ego zu befriedigen, war ein Kriegsverbrechen erster Klasse. Die Neuaufteilung und Zerstörung Deutschlands war ein Kriegsverbrechen. Die Hinschlachtung von mehr als 50% seiner Armee, deutsche Rekruten, war ein Kriegsverbrechen. Wenn Sie damit noch nicht zufrieden sind, können Sie sich gerne aus der Literatur noch ein paar von Napoleons "Sahnestückchen" herauspuhlen.

Der Fakt, dass man ihn in Frankreich auch heute noch als Helden feiert und Deutschlands Systemmedien dort mitmachen, heißt doch noch lange nicht, dass dieser Verbrecher irgendeinen Fortschritt gebracht hat.

Hans
19. Juni 2015 10:24

@Karl-Eduard

Du hast Recht, ich habe mich vertan. Soldatenhandel gab es unter unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel im Rahmen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (Subsidienverträge mit Großbritannien).

Exmeyer
19. Juni 2015 12:23

@ Blaschke:

Auch ich widerspreche der Ansicht, daß es sich um "Kriegsverbrechen" gehandelt hat. Aus zwei Gründen:

1. Das Völkerrecht der damailgen Zeit kannte "Kriegsverbrechen" dieser Art nicht. Schon gar nicht das Anfangen eines Krieges. Dieses war das HÖCHSTE Völkerrechtliche RECHT eines jeden Souveräns, bedeutendster Ausfluß des damals allumfassenden Souveränitätsprinzips. Selbst HEUTE ist der Start eines Krieges kein KRIEGSVERBRECHEN, sondern ein Verstoß gegen Art. 2.4 der SVN, was lediglich Reaktionen nach Kapitel 7 SVN und das AUS dem Souveränitätsprinzip abgeleitete Recht zur Selbstverteidung des angegriffenen Staates erwachsen läßt.
Kriegverbrechen sind Verhaltensweisen die die Tatbestände völkerrechtlicher Handlungsverbote IM Krieg erfüllen.

2. Aus einem weiteren Grund ist das Wort Kriegsverbrecher abzulehnen und die Betonung dieser Äußerung. Das vermittelt nur eins: Wehleidigkeit. Was ist der Effekt dieser Äußerung? Was soll sie bewirken? Letztendlich suggeriert sie nur eins: SCHWÄCHE und daher EKEL! Nichts ist unverzeilicher als Schwäche. Und die unverzeihlichste aller Schwächen ist innere Schwäche. Man kann niedergeschlagen daliegen. Aber heulend zur Mutti rennen (wer soll das derzeit eigentlich sein, die Mami)? Nach dem Niederschlag steht man auf, wenn man kann, berappelt sich, und kämpft weiter. Erst wenn man für immer liegenbleibt ist der Überlebenskampf vorbei.
Was Sie wahrscheinlich erreichen wollten, ist, daß man Napoleon als das wahrnimmt, was er war. Ein Feind. Ein brutaler Feind. Ein cleverer Feind. Ein scheinbar übermächtiger Feind. Den man geschlagen hat. Zweimal. Zweimal mit vereinten Kräften.

___________________________________________

ZUDEM: Die Wende: Die absehbare Niederlage im Rußlandfeldzug.
Und DARAUFHIN: Tauroggen.

Die heutige Lage ist zwar komplexer, aber in den Grundzügen vergleichbar.
- Nicht zu vergessen, die Parallele: Der Hauptverbündete Napoleons waren die Vereinigten Staaten.
- Für die declaration of independence, wie für die franz. Revolution waren monetarsystematische Fragen mindestens auch ausschlaggebend. Diese sind es heute auch. Nicht alleine, aber conditio sine qua non.
- Die entscheidenden Kräfte, die Geld-Oligarchen, haben damals bereits ihren Anteil gehabt, das war der Startpunkt ihres Siegeszuges.
- Auch heute werden die US-dominierten Staaten ihren Hegemon nur abwerfen, wenn es sicher ist, daß er nicht erfolgreich zurückschlagen kann.

Eveline
19. Juni 2015 14:04

https://de.wikipedia.org/wiki/Blücherdenkmal_(Rostock)

Marschall Blücher, ein Rostocker Jung.

Man lese auch aufmerksam , wie das Denkmal entstanden ist - durch eine Zeitungsente. Rostock und Schwerin man mag sich nicht und schikaniert sich bis heute.

Denis
19. Juni 2015 18:13

Hajo, mit "Allein die Anzettelung eines völlig unprovozierten Eroberungskriegs über ganz Europa nur um sein Ego zu befriedigen, war ein Kriegsverbrechen erster Klasse." usw. bezeichnen Sie als Kriegsverbrechen was damals völlig normal war. Genau wie Gebietsumverteilungen von besiegten Gebieten.

Das Verurteilen historischer Personen weil sie sich nicht an unsere heutigen Gesetze hielten oder sich politisch inkorrekt äußerten usw. sollte man, hm, anderen überlassen.

Hajo Blaschke
20. Juni 2015 11:58

@ Denis Für mich ist Napoleon ein Kriegsverbrecher. Für andere kann er von mir aus ein Kriegsheld sein.

Daniel
21. Juni 2015 20:52

@ Hajo Blaschke.. die Beziehung der Deutschen zu Napoleon war schon immer eine besondere, man hat sich hierzulande schon immer nach ganz eigener Art an ihm abgearbeitet, polarisierend ihn entweder zum Halbgott erhöht oder ihn zum Dämon gemacht. Auch ich bin nicht ganz frei davon.

Für die in der Tat schier übermenschliche Größe seiner Taten gilt das, was Götz Kubitschek im Vorwort zum Kaplaken-Band über Henry de Montherlants "nutzloses Dienen" feststellte: man kann es nicht erklären, verspürt auch eigentlich keine große Lust dazu, entweder einer ist davon ergriffen oder eben nicht. Dieser Mann hat nach den Sternen gegriffen, ist auf den Spuren Alexanders gewandelt. Man schaue sich nur mal den Italienfeldzug oder die Kampagne von 1814 an, da ist er schlicht unsterblich geworden. Klar kann man auch wortreich Anklage gegen Napoleon führen, und sicher Richtiges über seine Untaten zusammentragen, das Verheizen der badischen Husaren beim blutigen Rückzug über die Beresina sei hier nur pars pro toto erwähnt.

Dennoch, abschließend sei hier noch kurz aus Klonovskys Buch "Der Ramses-Code" zitiert, der Moment als die Garnison Grenobles das Herannahen Napoleons Gewahr wird (um schließlich kampflos zu ihm überzugehen):

Ein Raunen lief den Wehrgang entlang. Napoleons Alte Garde, das war Europas Kriegeradel schlechthin. Diese Männer hatten 19 Jahre auf allen Feldzügen des Kaisers gefochten, sie hatten die Sonne von Austerlitz und Borodino gesehen, unter den Pyramiden gesiegt, bei Marengo, Jena oder Wagram, und sie hatten den Kaiser in seinen schwärzesten Momenten wohlbehalten nach Frankreich zurückgebracht, aus Moskau und aus Leipzig. Jeder Soldat träumte davon, in dieser Truppe zu dienen.

Napoleon ein Kriegsverbrecher? Sicher..

Gregor
22. Juni 2015 09:09

@Daniel:

Gute 124 Jahre später hat dann wieder einer versucht, nach den Sternen zu greifen. Der ist allerdings im Vergleich zum kleinen Korsen ungleich schlechter weg gekommen!;)

PS: Als Kriegsherr verdient Napoleon jedoch allen Respekt. Seine Strategie war völlig neu und eben revolutionär.

Exmeyer
22. Juni 2015 13:30

@Gregor: Wer soll denn das gewesen sein? Griff nach den Sternen? - Das war der Versuch einen gordischen Galgenknoten zu durchhauen.

Napoleon entschied als Feldherr
- nicht mit dem DIREKTEM, operativen Ansatz, wonach das, was politisch nicht erreichbar ist, militärisch durchgesetzt wird, also Militäreinsatz zur grundsätzlichen Änderung der (politischen) Lage,
- sondern schuf anfänglich eine machtpolitische Lage, aus der heraus er die Streitkräfte nur noch zum Vollstrecken einsetzen mußte - INDIREKTER Ansatz.

Wollte man mit diesen beiden Ansätzen Namen verbinden, so stände Friedrich der Große, Clausewitz, Moltke, Schlieffen, Lee, Yamamoto, Hitler auf der einen Seite, Sun Tsu, Jomini, Napoleon auf der anderen. Wie der Rußlandfeldzu Napoleons einzuornden ist, wäre eine spannende aber untergeordnete Frage.
Sicher ist, daß die Wahl der Ansätze nicht frei ist, sondern von vielen Bedingungen abhängt. Sicher ist der zweite, der indirekte Ansatz der strukturell offensivere. Kein schwächerer Staat wählt Krieg als freiwilliges Mittel. Es ist das Mittel um aus einer existenziell bedrohlichen Situation herauszukommen.

Nach den Plänen hätten die Streitkräfte erst 1944 eine Stärke haben sollen, die wenigstens eine Chance eröffnet hätte, gegen die bis dahin vielfach überlegenen Gegner zu bestehen; selbst dann nur unter Annahme eines wenig abgestimmten Vorgehens der Gegner und unter der Annahme einer eigenen Kampfkraft, die die Gegner um ein Vielfaches übersteigt.
1939 war auch der damaligen Staatsführung die eigene Schwäche bekannt. - Unter diesem Aspekt davon auszugehen, man habe 1939 nach den Sternen gegriffen, wie Napoleon, zeugt nicht von Kenntnis der damaligen GEGENTEILIGEN Ausgangslage.

Gregor
22. Juni 2015 15:51

@Exmeyer

Mit dem nach den Sternen greifen, wollte ich lediglich die farbige Metapher meines Vorkommentators übernehmen.

Mein Kommentar (schlechter weggekommen), bezog sich auf die heutige Sicht auf zwei ähnliche historische Persönlichkeiten - der eine als verwegener Feldherr, der andere als "Jahrhundertverbrecher".

Militärhistorisch wäre das natürlich ein schlechter Vergleich, wie Sie pointiert formuliert haben! Da gebe ich Herrn Schultze-Rhonhof Recht!;)

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