200 Jahre Urburschenschaft: Graf Lambsdorff in Jena

von Philip Stein

Am 12. Juni diesen Jahres, und damit exakt 200 Jahre nach der Gründung der Urburschenschaft...

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

vor dem Gast­hof „Grü­ne Tan­ne“ in Jena, füll­te sich in jener Stadt das alt­ehr­wür­di­ge Volks­haus mit bun­ten Müt­zen jed­we­der Cou­leur. Die drei Jenai­schen Bur­schen­schaf­ten, jene Nach­zög­lin­ge der einst revo­lu­tio­nä­ren Kräf­te von 1815, hat­ten zu die­sen beson­de­ren Fei­er­lich­kei­ten in die Uni­ver­si­täts­stadt geladen.

Wer das Volks­haus in Jena kennt, der weiß um sei­ne beein­dru­cken­de Schön­heit und Ele­ganz. Im Trep­pen­auf­gang des Foy­ers erin­nert eine Büs­te des gro­ßen deut­schen Kom­po­nis­ten Wil­helm Furtwäng­ler an die künst­le­ri­sche Herr­lich­keit, die die­sem Ort einst innewohnte.

Doch die gro­ßen Zei­ten sind längst vor­bei. Wer sich hier weni­ger an Furtwäng­ler und mehr an die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Zukunfts­mu­sik erin­nert fühlt, geht nicht fehl. Ein Blick auf das Bur­schen­schaft­li­che offen­bart aber gleich­zei­tig, was es mit Furtwäng­ler gemein hat: Die gro­ßen Töne und Noten der Ver­gan­gen­heit wer­den nur noch in weni­gen Enkla­ven inner­halb der Hybris der Moder­ne ver­nom­men, gar gelebt.

Was sich jeden­falls anläß­lich des gro­ßen Jubel­ta­ges in Jena ereig­ne­te, lohnt der Betrach­tung. Denn es ist stell­ver­tre­tend, ja gera­de­zu unheim­lich exem­pla­risch für unse­re Zeit. Das Gros der deut­schen Män­ner­bün­de, die Fackel­trä­ger des natio­na­len Auf­ruhrs, haben Schwert und Mani­fest gegen Par­tei­buch und Grund­ge­setz getauscht. Sie sind nicht län­ger der ste­chen­de, ver­letz­ten­de Dorn in Gesäß und Auge der repres­si­ven Was­ser­köp­fe der Nati­on. Viel­mehr sind sie ein­ge­wach­sen, längst auf­ge­so­gen und poli­tisch kalkulierbar.

Im Zuge der Fei­er­lich­kei­ten in Jena wur­de die­se poli­ti­sche Kal­ku­la­ti­on und Ver­ein­nah­mung durch den Staat, die all­mäch­ti­ge und immer wäh­ren­de Repu­blik der Tole­ranz und Viel­falt, beson­ders deut­lich. Als beju­bel­ter Fest­red­ner des Abends wur­de Alex­an­der Graf Lambs­dorff begrüßt. Just jener FDP-Poli­ti­ker, des­sen roman­tisch-pom­pö­ses Fami­li­en­wap­pen nur noch durch sei­ne gera­de­zu fana­ti­sche Begeis­te­rung für alles West­li­che in die­ser Welt über­trof­fen wird.

Und so war es an Lambs­dorff, zum fei­er­li­chen Kom­mers anläß­lich der Zwei­hun­dert­jahr­fei­er der Urbur­schen­schaft der bunt gemisch­ten Coro­na zu ver­kau­fen, daß die Zukunft des deut­schen Vol­kes – par­don: der deut­schen Bevöl­ke­rung – zwin­gend an eine Zusam­men­ar­beit mit dem Wes­ten, der NATO und der Euro­päi­schen Uni­on gebun­den sei. Über­trof­fen wur­de die­se Absur­di­tät nur noch durch die wenig spä­ter fol­gen­de Aus­füh­rung, Deutsch­land und ganz Euro­pa wür­den durch TTIP maß­geb­lich pro­fi­tie­ren. Bur­schen her­aus, die trans­at­lan­ti­sche Pflicht ruft!

Es ver­wun­dert kaum, daß Lambs­dorff als stell­ver­tre­ten­der Prä­si­dent des Euro­päi­schen Par­la­men­tes und Mit­glied der Atlan­tik-Brü­cke e. V. die ent­spre­chen­den Wor­te fin­den konn­te, um jene fei­er­li­che Ver­an­stal­tung in Jena, dem eins­ti­gen Hort der Revo­lu­ti­on, ad absur­dum zu füh­ren. In einem Jubel­sturm aus Zustim­mung und Stan­ding Ova­tions ver­ge­hend, feu­er­te Lambs­dorff aus allen Roh­ren. Sal­ven des BRD-Sprechs, also Tole­ranz, Viel­falt, Demo­kra­tie, Ver­ant­wor­tung und Frei­heit – natür­lich Frei­heit! –, schos­sen wie der letz­te Hauch der Bur­schen­herr­lich­keit durch den fest­li­chen Saal.

Dem Ruf der Quer­schlä­ger fol­gend, stürm­ten doch eini­ge Anstän­di­ge zu den Türen und such­ten den Schutz des ver­las­se­nen Foy­ers. Dar­un­ter immer­hin auch eine meß­ba­re Anzahl einer aus­rich­ten­den Bur­schen­schaft. Augen und Ohren zu, ein Bier und eine Ziga­ret­te spä­ter wird der Spuk schon vor­bei sein. Im Fest­saal selbst herrscht aus­ge­las­se­ne Par­tei­tags­stim­mung. Die Trä­ger des urbur­schen­schaft­li­chen Nach­las­ses beklat­schen Lambs­dorff und berau­schen sich am Gefühl, wenigs­tens für die­sen einen Abend wie­der in der Mit­te der Gesell­schaft ange­kom­men zu sein. End­lich wie­der dabei – die Bun­des­re­pu­blik als geis­ti­ge Heimat!

Am Vor­tag, bei einer Fest­aka­de­mie, hat­ten bereits ver­schie­de­ne Poli­ti­ker und gesell­schaft­li­che Ver­tre­ter ihre Gruß­wor­te ent­sen­det. Dar­un­ter auch der Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Jena, die CDU-Frak­ti­on im thü­rin­gi­schen Land­tag und – sie­he da! – der lin­ke Minis­ter­prä­si­dent Bodo Rame­low. Stolz wur­den die Gruß­wor­te ver­le­sen, die über­wie­gend grau­en Häup­ter quiek­ten vor Ent­zü­ckung. In der Gesell­schaft wie­der ange­kom­men zu sein, akzep­tiert zu wer­den und sogar Zuspruch von offi­zi­el­len Stel­len die­ser Repu­blik zu erhal­ten – cha­peau! Was die­ser Zuspruch für eine Bur­schen­schaft in den Tra­di­ti­ons­li­ni­en von 1815 bedeutet?

Dann, zurück auf dem Kom­mers, das „Bur­schen­schafter­lied“:

Was erstrit­ten uns­re Ahnen,
hal­ten wir in star­ker Hut;
Frei­heit schreibt auf eure Fahnen,
für die Frei­heit unser Blut!

Und wei­ter:

Vater­land, du Land der Ehre,
stol­ze Braut mit frei­er Stirn!
Dei­nen Fuß benet­zen Meere,
dei­nen Schei­tel krönt der Firn.
Laß um dei­ne Huld uns werben,
schir­men dich in uns­rer Hand;
dein im Leben, dein im Sterben,
ruhm­be­kränz­tes Vaterland!

Wie vie­le der anwe­sen­den Bun­des­re­pu­bli­ka­ner tat­säch­lich ihr Leben für das Vater­land geben wür­den, darf mit Recht unkom­men­tiert blei­ben. Oder: Sind die deut­schen Gefal­le­nen am Hin­du­kusch gemeint? Jene Leben, die im Namen des Export­welt­meis­ters Deutsch­land und sei­ner wich­ti­gen west­li­chen Ver­bün­de­ten aus­ge­haucht wur­den? Graf Lambs­dorff wäre Inter­pret. Fer­ner: Was ist mit denen, die durch aus­län­di­sche Gewalt Opfer im eige­nen Land wurden?

Sind Jon­ny K. und Dani­el S. bedau­er­li­che Ein­zel­fäl­le die­ser frei­heit­li­chen Repu­blik? Dar­über hin­aus woll­te man an die­sem Abend fra­gen: Wann beginnt der bur­schen­schaft­li­che Kampf um die eige­nen Städ­te? Wer wird die euro­päi­schen Gren­zen ver­tei­di­gen, wenn es immer mehr wer­den, die in den Kris­tall­pa­last drängen?

Die ent­schei­den­den Fra­gen unse­rer euro­päi­schen Zukunft blei­ben an die­sem beson­de­ren Jubel­fest unbe­ant­wor­tet. Selbst die Fra­ge danach scheint unge­be­ten, ver­bie­tet sich in Gesell­schaft. Das kla­re, freie Wort hat sei­nen Platz ver­lo­ren. Im Volks­haus geht es zu wie im Staat: Die Mas­ke ist ent­schei­dend, nicht das Gesicht. Doch die­se Fra­gen müs­sen sich nicht nur die Her­ren an die­sem Abend in Jena gefal­len las­sen. Sie betref­fen alle Män­ner­bün­de, die sich auf 1815 beru­fen. Wo sind die muti­gen Män­ner unse­rer Zeit?

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (15)

Pseudo-Gutmensch

22. Juni 2015 16:19

Tja, wenn man bei der Sache primär nur Netzwerke und satte, egozentrische Karriere im Auge hat, dann ist diese Richtung eindeutig konsequent ...
Unbedingt rein in eine Verbindung wg. Netzwerk - aber keinstenfalls konservativ. Oft genug gehört.
Konservatismus und Karriere widersprechen sich eben heutzutage hierzulande weithin.

Lutz Meyer

22. Juni 2015 16:29

Ich habe ohnehin noch nie verstanden, warum man die Burschenschaftler hier mitunter als Hoffnungsträger oder gar Gleichgesinnte ansieht. Zu meiner Studentenzeit im burschenschaftsgesättigten Münster (liegt schon etwas zurück) konnte man drei Haupttypen unterscheiden:

Erstens den verklemmten Hagestolz, der glaubte, durch die Maskerade und kübelweisen Bierkonsum an Attraktivität für meist doch unerreichbar bleibende Frauen zu gewinnen.

Zweitens das bequeme Muttersöhnchen, das sich den Aufwand der Wohnungssuche auf dem freien Markt ersparen wollte und auch sonst sich gern in gemachte Nester setzte (man fand ja wirklich alles vor – sogar das Freizeitprogramm und neue Freunde wurden frei Haus serviert).

Drittens den karriereerpichten Stromlinienförmigen, der es auf das Seilschaftsprinzip abgesehen hatte.

Gut, ganz vereinzelt gab es auch den Romantiker alter Schule, der wirklich an die Sache glaubte. Ihn konnte (und kann) man wie jeden echten Überzeugungstäter respektieren. Doch er muss sich in diesen Kreisen als Fremdkörper gefühlt haben, denn der Kern der Sache war schon damals in den 80ern (oder früher schon) zum Mummenschanz verkommen.

Bezeichnenderweise waren unter den Burschenschaftlern stets überdurchschnittlich viele Juristen und BWLer, Vertreter von Fächern also, deren höchstes Lebensglück die rasche Übernahme in das gutdotierte Karrieresystem der Bundesrepublik darstellte. Aus ihnen wurden jene von Herrn Stein genannten Ergrauten, die heute vor Freude und Glück quieken, wenn die erlauchten Repräsentanten dieses System ihnen gönnerhaft auf die Schulter schlagen. Mut, Freigeist, Stil – das suchte man bei denen vergebens.

Aristoteles

22. Juni 2015 16:45

Lambsdorff - Atlantik-Brücke - Burschenschaft - - - Ekel.

Ein Anwesender

22. Juni 2015 17:06

Der Artikel bringt es auf den Punkt, was der Vizepräsident des sog. EU-Parlamentes zu sagen hatte war ja halbwegs zu erwarten. Aber auch mich hat die Reaktion des Publikums schon etwas schockiert......

Aber ein Blick auf die Webseiten vieler Bünde erklärt doch einiges, politischer Anspruch, Erziehungs- und Wertegemeinschaft....Fehlanzeige!

areopagitos

22. Juni 2015 20:11

Dieser Artikel ist doch sehr offensichtlich als wohlmeinende Kritik an die Burschenschafter gerichtet, die dem jeweiligen politischen Abdriften ihrer eigenen Bünde ins (neo-)liberale Mainstream untätig zusehen und damit ihre Existenzberechtigung als "Burschenschafter" verwirken. Herr Stein, als Mitglied der Vorsitzenden Burschenschaft der Deutschen Burschenschaft, die zum Preus für ihr Festhalten an die Ideale von 1815 mit extrem starken Gegenwind aus dem Lager des Zeitgeistes kämpft, weiß das wohl sehr genau.
Die Vorteile einer solchen anti-Mainstream Burschenschaft wie Steins Marburger Burschenschaft Germania liegen meinem Eindruck wohl auf der Hand (Lebensbund, Vernetzungsarbeit, rechte Bildungsarbeit, Charakterbildung durch Mensur, Leben von studentischen Brauchtum). Mit einem haben sie aber Recht @Lutz Mayer, wenn Korporierte zu nichtssagenden Angepassten verkommen, kann man sich keine schlimmere/langweiligere Gesellschaft vorstellen.

Philip Stein

22. Juni 2015 20:35

Zur weiteren Information: Es erscheint morgen/die Tage ein zweiter Teil, der u.a. auf das Pendant in Eisenach eingeht und noch tiefer bohrt. Sicher werden hier noch einige Punkte aufgeklärt.

Exmeyer

23. Juni 2015 01:33

Herrn Meyer wird hier wohl sein ehemals linker Hintergrund nicht verziehen. Ich äußere mich zu später Stunde dahingehend, daß ich in meiner Studienzeit eine ähnliche Beobachtung gemacht habe: In zwei deutlichen Studenten- und auch Verbindungsstädten. Allerdings sehe ich folgendes klarer:
Die Romantiker sind eine deutliche vierte (vielleicht sogar erste) Gruppe. Und: Bei den meisten handelt es sich um Mischtypen: z.B. Hagestolze + Romantiker! Oder: Karrierist und 'rechts'.

Was mich immer abgestoßen hat, daß die Zahnarztsöhnchen gerne damit prahlten, ihre Dispute mit dem Schläger austragen zu wollen. Aber der Typ des Durchschnittsspießers einen ersten 'proletarischen' linken Haken nicht überstanden hätte - mit Ausnahmen natürlich. Nein, ich bin kein Proletarier und auch nicht solcher Herkunft (und wenn, änderte es auch nichts an der Beurteilung). Statt dessen bin ich einer von zweien meiner Familie, die nicht in einer Verbindung sind. - Und auch nie links gewesen. Gar nie nicht.

Das Prinzip Wehrhaftigkeit und Lebensbund der Burschenschaften sind schlicht zu zahnlosen Zierden geworden. Ich habe mich in den ersten Semestern nach den ersten Kontakten bewußt dagegen entschieden obwohl einige Freundschaften bis heute hielten. Die Idee war und ist gut und wert, gelebt zu werden. Die Realität ... traurig. Ich verwechs'le die Realität mit dem historischen Anspruch nicht. Was ich kürzlich betreffs des Lebensbund-Prinzips bezeugen mußte, war unterirdisch. Wie oben geäußert: Verrat.

Ich bin mir mit einem guten Freund, die wir beide die Geschichte der Verbindungen anziehend finden und viel Umgang mit Vebindungsstudenten hatten, im Urteil einig: Die Realität war und ist zu unkernig, zu spießig, zu ... weich. Wir beide hätten unabhängig voneinander die egoistischen Vorteile durchaus auch gerne "mitgenommen". Aber in dieser realen Verfassung war es "nicht möglich". Ich will den Stab nicht über alle Verbindungen gleichermaßen brechen, denn die Unterschiede sind deutlich. Aber für das Gros innerhalb meines Beobachtungsbereiches ist es zutreffend.

Dies äußere ich übrigens in inhaltlicher Übereinstimmung mit einem Alten Herren einer pflichtschlagenden Verbindung, der hier mitliest aber nicht kommentiert.

Übrigens auch bei Bismarck zu Tische wurde die Diskussion geführt, ob man bei bestimmten Beleidigungen nicht auch direkt "hauen" müsse. So isses nämlich.

Spielhahn

23. Juni 2015 05:58

Zunächst einmal Dank an Philip Stein für diesen Bericht. Dass es auch anders geht, hat man wenige Wochen vorher in Eisenach gesehen. Aber, auch bei den Burschenschafte(r)n, die bisher mehrheitlich dem Zeitgeist zuneig(t)en, merkt man Ansätze zum Umdenken. Stein deutet dies ja an. Das gibt Hoffnung.

Etwas erstaunen mich aber die weiteren Kommentare. Insbesondere der oberflächliche Einwurf von Herrn Meyer ist etwas peinlich. Wer von Münster als „burschenschaftsgesättigt“ schreibt, beweist vor allem eins: Er hat keinen blassen Schimmer.

Ob Burschenschafter in Herrn Meyers Augen nun Hoffnungsträger oder gar Gleichgesinnte sind, geht mir, mit Verlaub, am Arsch vorbei. Mit jemanden, der nur sein Halbwissen ausbreitet und die wohlfeilen „Haupttypen“ (die man so, oder so ähnlich, schon etliche Male in Antifa-Readern las) abspult, will ich gar keine Gesinnung teilen. Nichts weniger als das.

Wenn ich 26 Jahre als Burschenschafter Revue passieren lasse, sehe ich viel Ärgerliches, teilweise bis zum Verrat, aber ich sehe auch viele, viele Burschenschafter, die sich nicht verbiegen lassen und an verschiedensten Stellen ihren Mann stehen. Vor allem: Ich sehe in Deutschland nichts Vergleichbares.

Carl Sand

23. Juni 2015 11:37

Obwohl ich in der Vergangenheit mehrfach harte Worte für den Geist und die Praxis jetziger Korporationen gefunden habe,
ist es doch notwendig, die Dinge differenziert zu betrachten.

Exmeyer und Meyer haben nicht ganz unrecht, wenn Sie den Phänotyp der Korporierten spöttelnd betrachten. Mag könnte jetzt anfangen,
herumzuknattern (spotten), die Beobachtungen aus Münster seien den besonderen Catholischen Vereinsumständen in dieser Stadt geschuldet...

Leider die Beobachtungen beiderlei Meyer kann ich grundsätzlich und aus weiteren Städten bestätigen.

Zuzustimmen ist aber Spielhahn, dass es UNS schlicht am Arsch vorbei zu gehen hat, was Außenstehende meinen, über uns klischieren zu können. Aktiv waren's nicht, gefochten haben's nicht, zu sagen haben's nichts. Selbst wenn nicht alles falsch ist, was sie meinen, gefunden zu haben. Weiter die Bewertung:

Hagestolze, herrjeh. Das ist etwas, was im Regelfall von alleine besser wird. Ob die Bedingungen der BRD allerdings die hinreichende Wahrscheinlichkeit einer vertrauensvollen Lebensbeziehung selbst für diejenigen noch, die laut eigener Expose als Alphamännchen mit einem bummsfallera auf die Welt kamen eröffnen, ist eine grundsätzliche Frage.

Gegen kübelweise Bier, penälerhaften Exzess und Fechterei will ich nun mal gar nichts sagen, wohl aber gegen schlichte Assozialität, Kotzepressen und primitives Partienramschen. Und glauben Sie mir- ich war und bin nie ein Kind von Traurigkeit gewesen.

Die Aussage des Mayers des Älteren, Karierretypus und "Rechts" seien in einer Person vereinbar, halte ich allerdings für schlicht falsch. Karierre und RECHTS, Karriere und Anstand, Karriere und Waldgang schließen sich außerhalb des Freiberuflers, der ich glücklicherweise bin, notwendig aus. Und recht so!

Überhaupt Karriere. Wenn Meyer der Ehemalige bedauert, den Karierrevorteil nicht genossen zu haben, so kann ich ihn beruhigen. Die Zeiten der Protektion sind lange vorbei, wenn es sie überhaupt je so gegeben hat.

Für Karriere ist man dann doch besser bei der Gottfried Benn-Stiftung aufgehoben, liberalenfalls auch bei anderen
hamsterigen BWLer-Netzwerken.

Die Einzigen, die, im Übrigen eher Kraft eigener Behauptung, sich als Karriereclubs sahen, die Corps,
sind und waren stets nun politisch überhaupt gar nicht satisfaktionsfähig.

Es bleibt also der Romatiker. Ja, den gab und gibt es. Freundschaft und fast mythische Gemeinschaftserlebnisse habe ich stets in Verbindungen gefunden und will sie niemals missen!

Der Umstand, dass deutsches Vereinsleben mit Satzungskommission und Kassenwart sich in klischeehaftester Weise im Verbindungsleben breitgemacht hat, wird den Romantiker allerdings schnell auf den Boden der Tatsachen führen.

Vereine sind die Sache der Frührentner und sonstiger Möchtearrivierten. Bei manchen beginnt dieser Typus schon im Wiegenalter, bei anderen mit Berufsstart, spätestens aber bei Pension.

Und Verrat. Im Persönlichen wie im Politischen. Nun sind Menschen nicht immer besonders nett, dies ist kein Alleinstellungsmerkmal der Korporationen.

Was bei der Linken abgeht an persönlicher Widerlichkeit, spottet jeder Beschreibung. Da findet sich das neue Fahrrad auf dem angeblichen weg nach Cuba als revolutionärer Beitrag, nunja, weil es irgendwei neu war, nicht wahr, da haut man sich gegenseitig in die Pfanne, das es kracht und bei Gelegenheit pimpert man auch wahllos dem Genossen die Herzensdame weg.

Das ist wohl und umso mehr inzwischen, überall so. Allerdings kein Grund zur Romatisierung. Trotzdem Verrat.

Es war, ohne aus den Nähkästchen zu plaudern, das Hauptargument bei jedem Austritt aus der Deutschen Burschenschaft, das liebe Geld, also die Dreifuffzich Vereinsbeitrag und die Angst, als böser Nazi nicht mehr arriverter Strickjackenträger sein zu dürfen. Das Ergebnis ist auf dem Festcommers in Jena zu bewundern. Beifall für den vorbestraften Antideutschen.

Der historische Sand hätte wohl mit Dolchen geworfen, der hiesige mit Bierhumpen. Jedenfalls nicht geklatscht, sondern gekotzt.

Benedikt Kaiser

23. Juni 2015 16:54

Passend zum Beitrag, Lambsdorff in Höchstform.

Siegfried

23. Juni 2015 20:53

Zitat Exmeier:

"Was mich immer abgestoßen hat, daß die Zahnarztsöhnchen gerne damit prahlten, ihre Dispute mit dem Schläger austragen zu wollen. Aber der Typ des Durchschnittsspießers einen ersten ‚proletarischen‘ linken Haken nicht überstanden hätte – mit Ausnahmen natürlich."

Wäre es für die Jungs nicht angebracht, bei der angestrebten "Wehrhaftigkeit", sich zusätzlich zum Fechten in MMA, Muai-Thai oder ganz klassisch im Boxen zu üben ?

Beckmesser

24. Juni 2015 09:53

Wilhelm Furtwängler, der große deutsche Komponist? Ebenso könnte man von Goethe, dem "großen deutschen Maler" daherquasseln. Die Unkenntnis des Eigenen - peinlich.
Vielleicht sollte man seitens dieser Zeitschrift ganz grundsätzlich verstärkt auch auf Kultur abseits von Literatur setzen, es scheint mir bitter nötig, wenn selbst der (mit Abstand) größte deutsche Dirigent hier verkannt wird. Ausgerechnet hier.
Und jetzt werde ich mir Beethovens Fünfte unter der Leitung Furtwänglers anhören, als Konzertmitschnitt vom 30.6.1943 aus der Alten Philharmonie in Berlin, dieser legendären, nach Kriegsende von den Sowjets zunächst beschlagnahmten Aufnahme. Fiebrig und Riesig. Blitze des Jupiters.

kommentar kubitschek:
schlampiges lektorat, pardon. indes: wir hörten im vergangenen jahr einige male die 2. sinfonie von furtwängler. ich bin mir sicher, stein mente diese neben-meisterschaft des dirigenten ...

Condottiere

24. Juni 2015 17:00

So, dann haben sie ihm also zugejubelt, dem Herrn Baron. Warum wundert mich das nicht ?

Burschenschafter haben doch von jeher die Freundschaft eines Corpsstudenten als besondere Gnade empfunden - außer bei uns in Göttingen: 1863 fand in Göttingen ein Fackelzug der Korporationen aus Anlaß des 50. Jahrestages der Völkerschlacht von Leipzig statt. Als die Göttinger Corps darauf bestanden, den Festzug mit gebührendem Vorsprung auf die nachfolgenden, weniger vornehmen Korporationen anzuführen, kam es vor der Aula am Wilhelmsplatz zu einem Tumult, es flogen die Fäuste, gegen die Übermacht der anderen Verbindungen hatten die Corpsiers nichts zu bestellen. Was lehrt uns das ? Es lehrt uns, daß die ausgebliebene bürgerliche Revolution in diesem Lande zuweilen seltsame Blüten treibt...nicht wahr...

Carl Sand

24. Juni 2015 18:08

@Condottiere

Tja, dafür gehört Göttingen heute zu den vercorpstesten Städten überhaupt. Nicht dass ich etwas generell gegen ein gewisses fröhliches Assisein und ein nettes Kännchen im Garten hätte, allein das andienerische Nachäffen von allem, was vercropst ist, wirkt doch bei vielen Clubs peinlich.

Im Übrigen höchste Zustimmung. Wer den Adel von zu Müller und von Schulze kennt, die sich gern als Neureicher Möchtegerngrafen und Pseudoherrenmenschen gerieren, der bedauert doch arg, dass 1848 nicht konsequent entrübt worden ist. Neben Käse, Weinanbau und gewissen anderen Dingen, die der Franzmann erfunden hat, eine stete Quelle meines Neides.

Markus Schmidt

26. Juni 2015 12:28

Als einziger Zweig der Jenaer Urburschenschaft nahm die A.B.B., die Alte Burschenschaft Burgkeller Jena in der DB, nicht an diesem erwartbar peinlichen Vereinnahmungsversuch durch die entsandten Honoratioren des Systems teil, sondern feierte ihr 200. Stiftungsfest - auch physisch über diesen Dingen stehend - mit ihrem lieben Freundschaftsbund der L. B. Germania und weiteren Gästen auf dem Fuchsturm - der vulpecula turris.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.