22. Juni 2015

200 Jahre Urburschenschaft: Graf Lambsdorff in Jena

Gastbeitrag / 15 Kommentare

Urburschenschaft Jenavon Philip Stein

Am 12. Juni diesen Jahres, und damit exakt 200 Jahre nach der Gründung der Urburschenschaft vor dem Gasthof „Grüne Tanne“ in Jena, füllte sich in jener Stadt das altehrwürdige Volkshaus mit bunten Mützen jedweder Couleur. Die drei Jenaischen Burschenschaften, jene Nachzöglinge der einst revolutionären Kräfte von 1815, hatten zu diesen besonderen Feierlichkeiten in die Universitätsstadt geladen.

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Wer das Volkshaus in Jena kennt, der weiß um seine beeindruckende Schönheit und Eleganz. Im Treppenaufgang des Foyers erinnert eine Büste des großen deutschen Komponisten Wilhelm Furtwängler an die künstlerische Herrlichkeit, die diesem Ort einst innewohnte.

Doch die großen Zeiten sind längst vorbei. Wer sich hier weniger an Furtwängler und mehr an die bundesrepublikanische Zukunftsmusik erinnert fühlt, geht nicht fehl. Ein Blick auf das Burschenschaftliche offenbart aber gleichzeitig, was es mit Furtwängler gemein hat: Die großen Töne und Noten der Vergangenheit werden nur noch in wenigen Enklaven innerhalb der Hybris der Moderne vernommen, gar gelebt.

Was sich jedenfalls anläßlich des großen Jubeltages in Jena ereignete, lohnt der Betrachtung. Denn es ist stellvertretend, ja geradezu unheimlich exemplarisch für unsere Zeit. Das Gros der deutschen Männerbünde, die Fackelträger des nationalen Aufruhrs, haben Schwert und Manifest gegen Parteibuch und Grundgesetz getauscht. Sie sind nicht länger der stechende, verletztende Dorn in Gesäß und Auge der repressiven Wasserköpfe der Nation. Vielmehr sind sie eingewachsen, längst aufgesogen und politisch kalkulierbar.

Im Zuge der Feierlichkeiten in Jena wurde diese politische Kalkulation und Vereinnahmung durch den Staat, die allmächtige und immer währende Republik der Toleranz und Vielfalt, besonders deutlich. Als bejubelter Festredner des Abends wurde Alexander Graf Lambsdorff begrüßt. Just jener FDP-Politiker, dessen romantisch-pompöses Familienwappen nur noch durch seine geradezu fanatische Begeisterung für alles Westliche in dieser Welt übertroffen wird.

Und so war es an Lambsdorff, zum feierlichen Kommers anläßlich der Zweihundertjahrfeier der Urburschenschaft der bunt gemischten Corona zu verkaufen, daß die Zukunft des deutschen Volkes – pardon: der deutschen Bevölkerung – zwingend an eine Zusammenarbeit mit dem Westen, der NATO und der Europäischen Union gebunden sei. Übertroffen wurde diese Absurdität nur noch durch die wenig später folgende Ausführung, Deutschland und ganz Europa würden durch TTIP maßgeblich profitieren. Burschen heraus, die transatlantische Pflicht ruft!

Es verwundert kaum, daß Lambsdorff als stellvertretender Präsident des Europäischen Parlamentes und Mitglied der Atlantik-Brücke e. V. die entsprechenden Worte finden konnte, um jene feierliche Veranstaltung in Jena, dem einstigen Hort der Revolution, ad absurdum zu führen. In einem Jubelsturm aus Zustimmung und Standing Ovations vergehend, feuerte Lambsdorff aus allen Rohren. Salven des BRD-Sprechs, also Toleranz, Vielfalt, Demokratie, Verantwortung und Freiheit – natürlich Freiheit! –, schossen wie der letzte Hauch der Burschenherrlichkeit durch den festlichen Saal.

Dem Ruf der Querschläger folgend, stürmten doch einige Anständige zu den Türen und suchten den Schutz des verlassenen Foyers. Darunter immerhin auch eine meßbare Anzahl einer ausrichtenden Burschenschaft. Augen und Ohren zu, ein Bier und eine Zigarette später wird der Spuk schon vorbei sein. Im Festsaal selbst herrscht ausgelassene Parteitagsstimmung. Die Träger des urburschenschaftlichen Nachlasses beklatschen Lambsdorff und berauschen sich am Gefühl, wenigstens für diesen einen Abend wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. Endlich wieder dabei – die Bundesrepublik als geistige Heimat!

Am Vortag, bei einer Festakademie, hatten bereits verschiedene Politiker und gesellschaftliche Vertreter ihre Grußworte entsendet. Darunter auch der Oberbürgermeister der Stadt Jena, die CDU-Fraktion im thüringischen Landtag und – siehe da! – der linke Ministerpräsident Bodo Ramelow. Stolz wurden die Grußworte verlesen, die überwiegend grauen Häupter quiekten vor Entzückung. In der Gesellschaft wieder angekommen zu sein, akzeptiert zu werden und sogar Zuspruch von offiziellen Stellen dieser Republik zu erhalten – chapeau! Was dieser Zuspruch für eine Burschenschaft in den Traditionslinien von 1815 bedeutet?

Dann, zurück auf dem Kommers, das „Burschenschafterlied“:

Was erstritten unsre Ahnen,
halten wir in starker Hut;
Freiheit schreibt auf eure Fahnen,
für die Freiheit unser Blut!

Und weiter:

Vaterland, du Land der Ehre,
stolze Braut mit freier Stirn!
Deinen Fuß benetzen Meere,
deinen Scheitel krönt der Firn.
Laß um deine Huld uns werben,
schirmen dich in unsrer Hand;
dein im Leben, dein im Sterben,
ruhmbekränztes Vaterland!

Wie viele der anwesenden Bundesrepublikaner tatsächlich ihr Leben für das Vaterland geben würden, darf mit Recht unkommentiert bleiben. Oder: Sind die deutschen Gefallenen am Hindukusch gemeint? Jene Leben, die im Namen des Exportweltmeisters Deutschland und seiner wichtigen westlichen Verbündeten ausgehaucht wurden? Graf Lambsdorff wäre Interpret. Ferner: Was ist mit denen, die durch ausländische Gewalt Opfer im eigenen Land wurden?

Sind Jonny K. und Daniel S. bedauerliche Einzelfälle dieser freiheitlichen Republik? Darüber hinaus wollte man an diesem Abend fragen: Wann beginnt der burschenschaftliche Kampf um die eigenen Städte? Wer wird die europäischen Grenzen verteidigen, wenn es immer mehr werden, die in den Kristallpalast drängen?

Die entscheidenden Fragen unserer europäischen Zukunft bleiben an diesem besonderen Jubelfest unbeantwortet. Selbst die Frage danach scheint ungebeten, verbietet sich in Gesellschaft. Das klare, freie Wort hat seinen Platz verloren. Im Volkshaus geht es zu wie im Staat: Die Maske ist entscheidend, nicht das Gesicht. Doch diese Fragen müssen sich nicht nur die Herren an diesem Abend in Jena gefallen lassen. Sie betreffen alle Männerbünde, die sich auf 1815 berufen. Wo sind die mutigen Männer unserer Zeit?


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Kommentare (15)

Pseudo-Gutmensch
22. Juni 2015 16:19

Tja, wenn man bei der Sache primär nur Netzwerke und satte, egozentrische Karriere im Auge hat, dann ist diese Richtung eindeutig konsequent ...
Unbedingt rein in eine Verbindung wg. Netzwerk - aber keinstenfalls konservativ. Oft genug gehört.
Konservatismus und Karriere widersprechen sich eben heutzutage hierzulande weithin.

Lutz Meyer
22. Juni 2015 16:29

Ich habe ohnehin noch nie verstanden, warum man die Burschenschaftler hier mitunter als Hoffnungsträger oder gar Gleichgesinnte ansieht. Zu meiner Studentenzeit im burschenschaftsgesättigten Münster (liegt schon etwas zurück) konnte man drei Haupttypen unterscheiden:

Erstens den verklemmten Hagestolz, der glaubte, durch die Maskerade und kübelweisen Bierkonsum an Attraktivität für meist doch unerreichbar bleibende Frauen zu gewinnen.

Zweitens das bequeme Muttersöhnchen, das sich den Aufwand der Wohnungssuche auf dem freien Markt ersparen wollte und auch sonst sich gern in gemachte Nester setzte (man fand ja wirklich alles vor – sogar das Freizeitprogramm und neue Freunde wurden frei Haus serviert).

Drittens den karriereerpichten Stromlinienförmigen, der es auf das Seilschaftsprinzip abgesehen hatte.

Gut, ganz vereinzelt gab es auch den Romantiker alter Schule, der wirklich an die Sache glaubte. Ihn konnte (und kann) man wie jeden echten Überzeugungstäter respektieren. Doch er muss sich in diesen Kreisen als Fremdkörper gefühlt haben, denn der Kern der Sache war schon damals in den 80ern (oder früher schon) zum Mummenschanz verkommen.

Bezeichnenderweise waren unter den Burschenschaftlern stets überdurchschnittlich viele Juristen und BWLer, Vertreter von Fächern also, deren höchstes Lebensglück die rasche Übernahme in das gutdotierte Karrieresystem der Bundesrepublik darstellte. Aus ihnen wurden jene von Herrn Stein genannten Ergrauten, die heute vor Freude und Glück quieken, wenn die erlauchten Repräsentanten dieses System ihnen gönnerhaft auf die Schulter schlagen. Mut, Freigeist, Stil – das suchte man bei denen vergebens.

Aristoteles
22. Juni 2015 16:45

Lambsdorff - Atlantik-Brücke - Burschenschaft - - - Ekel.

Ein Anwesender
22. Juni 2015 17:06

Der Artikel bringt es auf den Punkt, was der Vizepräsident des sog. EU-Parlamentes zu sagen hatte war ja halbwegs zu erwarten. Aber auch mich hat die Reaktion des Publikums schon etwas schockiert......

Aber ein Blick auf die Webseiten vieler Bünde erklärt doch einiges, politischer Anspruch, Erziehungs- und Wertegemeinschaft....Fehlanzeige!

areopagitos
22. Juni 2015 20:11

Dieser Artikel ist doch sehr offensichtlich als wohlmeinende Kritik an die Burschenschafter gerichtet, die dem jeweiligen politischen Abdriften ihrer eigenen Bünde ins (neo-)liberale Mainstream untätig zusehen und damit ihre Existenzberechtigung als "Burschenschafter" verwirken. Herr Stein, als Mitglied der Vorsitzenden Burschenschaft der Deutschen Burschenschaft, die zum Preus für ihr Festhalten an die Ideale von 1815 mit extrem starken Gegenwind aus dem Lager des Zeitgeistes kämpft, weiß das wohl sehr genau.
Die Vorteile einer solchen anti-Mainstream Burschenschaft wie Steins Marburger Burschenschaft Germania liegen meinem Eindruck wohl auf der Hand (Lebensbund, Vernetzungsarbeit, rechte Bildungsarbeit, Charakterbildung durch Mensur, Leben von studentischen Brauchtum). Mit einem haben sie aber Recht @Lutz Mayer, wenn Korporierte zu nichtssagenden Angepassten verkommen, kann man sich keine schlimmere/langweiligere Gesellschaft vorstellen.

Philip Stein
22. Juni 2015 20:35

Zur weiteren Information: Es erscheint morgen/die Tage ein zweiter Teil, der u.a. auf das Pendant in Eisenach eingeht und noch tiefer bohrt. Sicher werden hier noch einige Punkte aufgeklärt.

Exmeyer
23. Juni 2015 01:33

Herrn Meyer wird hier wohl sein ehemals linker Hintergrund nicht verziehen. Ich äußere mich zu später Stunde dahingehend, daß ich in meiner Studienzeit eine ähnliche Beobachtung gemacht habe: In zwei deutlichen Studenten- und auch Verbindungsstädten. Allerdings sehe ich folgendes klarer:
Die Romantiker sind eine deutliche vierte (vielleicht sogar erste) Gruppe. Und: Bei den meisten handelt es sich um Mischtypen: z.B. Hagestolze + Romantiker! Oder: Karrierist und 'rechts'.

Was mich immer abgestoßen hat, daß die Zahnarztsöhnchen gerne damit prahlten, ihre Dispute mit dem Schläger austragen zu wollen. Aber der Typ des Durchschnittsspießers einen ersten 'proletarischen' linken Haken nicht überstanden hätte - mit Ausnahmen natürlich. Nein, ich bin kein Proletarier und auch nicht solcher Herkunft (und wenn, änderte es auch nichts an der Beurteilung). Statt dessen bin ich einer von zweien meiner Familie, die nicht in einer Verbindung sind. - Und auch nie links gewesen. Gar nie nicht.

Das Prinzip Wehrhaftigkeit und Lebensbund der Burschenschaften sind schlicht zu zahnlosen Zierden geworden. Ich habe mich in den ersten Semestern nach den ersten Kontakten bewußt dagegen entschieden obwohl einige Freundschaften bis heute hielten. Die Idee war und ist gut und wert, gelebt zu werden. Die Realität ... traurig. Ich verwechs'le die Realität mit dem historischen Anspruch nicht. Was ich kürzlich betreffs des Lebensbund-Prinzips bezeugen mußte, war unterirdisch. Wie oben geäußert: Verrat.

Ich bin mir mit einem guten Freund, die wir beide die Geschichte der Verbindungen anziehend finden und viel Umgang mit Vebindungsstudenten hatten, im Urteil einig: Die Realität war und ist zu unkernig, zu spießig, zu ... weich. Wir beide hätten unabhängig voneinander die egoistischen Vorteile durchaus auch gerne "mitgenommen". Aber in dieser realen Verfassung war es "nicht möglich". Ich will den Stab nicht über alle Verbindungen gleichermaßen brechen, denn die Unterschiede sind deutlich. Aber für das Gros innerhalb meines Beobachtungsbereiches ist es zutreffend.

Dies äußere ich übrigens in inhaltlicher Übereinstimmung mit einem Alten Herren einer pflichtschlagenden Verbindung, der hier mitliest aber nicht kommentiert.

Übrigens auch bei Bismarck zu Tische wurde die Diskussion geführt, ob man bei bestimmten Beleidigungen nicht auch direkt "hauen" müsse. So isses nämlich.

Spielhahn
23. Juni 2015 05:58

Zunächst einmal Dank an Philip Stein für diesen Bericht. Dass es auch anders geht, hat man wenige Wochen vorher in Eisenach gesehen. Aber, auch bei den Burschenschafte(r)n, die bisher mehrheitlich dem Zeitgeist zuneig(t)en, merkt man Ansätze zum Umdenken. Stein deutet dies ja an. Das gibt Hoffnung.

Etwas erstaunen mich aber die weiteren Kommentare. Insbesondere der oberflächliche Einwurf von Herrn Meyer ist etwas peinlich. Wer von Münster als „burschenschaftsgesättigt“ schreibt, beweist vor allem eins: Er hat keinen blassen Schimmer.

Ob Burschenschafter in Herrn Meyers Augen nun Hoffnungsträger oder gar Gleichgesinnte sind, geht mir, mit Verlaub, am Arsch vorbei. Mit jemanden, der nur sein Halbwissen ausbreitet und die wohlfeilen „Haupttypen“ (die man so, oder so ähnlich, schon etliche Male in Antifa-Readern las) abspult, will ich gar keine Gesinnung teilen. Nichts weniger als das.

Wenn ich 26 Jahre als Burschenschafter Revue passieren lasse, sehe ich viel Ärgerliches, teilweise bis zum Verrat, aber ich sehe auch viele, viele Burschenschafter, die sich nicht verbiegen lassen und an verschiedensten Stellen ihren Mann stehen. Vor allem: Ich sehe in Deutschland nichts Vergleichbares.

Carl Sand
23. Juni 2015 11:37

Obwohl ich in der Vergangenheit mehrfach harte Worte für den Geist und die Praxis jetziger Korporationen gefunden habe,
ist es doch notwendig, die Dinge differenziert zu betrachten.

Exmeyer und Meyer haben nicht ganz unrecht, wenn Sie den Phänotyp der Korporierten spöttelnd betrachten. Mag könnte jetzt anfangen,
herumzuknattern (spotten), die Beobachtungen aus Münster seien den besonderen Catholischen Vereinsumständen in dieser Stadt geschuldet...

Leider die Beobachtungen beiderlei Meyer kann ich grundsätzlich und aus weiteren Städten bestätigen.

Zuzustimmen ist aber Spielhahn, dass es UNS schlicht am Arsch vorbei zu gehen hat, was Außenstehende meinen, über uns klischieren zu können. Aktiv waren's nicht, gefochten haben's nicht, zu sagen haben's nichts. Selbst wenn nicht alles falsch ist, was sie meinen, gefunden zu haben. Weiter die Bewertung:

Hagestolze, herrjeh. Das ist etwas, was im Regelfall von alleine besser wird. Ob die Bedingungen der BRD allerdings die hinreichende Wahrscheinlichkeit einer vertrauensvollen Lebensbeziehung selbst für diejenigen noch, die laut eigener Expose als Alphamännchen mit einem bummsfallera auf die Welt kamen eröffnen, ist eine grundsätzliche Frage.

Gegen kübelweise Bier, penälerhaften Exzess und Fechterei will ich nun mal gar nichts sagen, wohl aber gegen schlichte Assozialität, Kotzepressen und primitives Partienramschen. Und glauben Sie mir- ich war und bin nie ein Kind von Traurigkeit gewesen.

Die Aussage des Mayers des Älteren, Karierretypus und "Rechts" seien in einer Person vereinbar, halte ich allerdings für schlicht falsch. Karierre und RECHTS, Karriere und Anstand, Karriere und Waldgang schließen sich außerhalb des Freiberuflers, der ich glücklicherweise bin, notwendig aus. Und recht so!

Überhaupt Karriere. Wenn Meyer der Ehemalige bedauert, den Karierrevorteil nicht genossen zu haben, so kann ich ihn beruhigen. Die Zeiten der Protektion sind lange vorbei, wenn es sie überhaupt je so gegeben hat.

Für Karriere ist man dann doch besser bei der Gottfried Benn-Stiftung aufgehoben, liberalenfalls auch bei anderen
hamsterigen BWLer-Netzwerken.

Die Einzigen, die, im Übrigen eher Kraft eigener Behauptung, sich als Karriereclubs sahen, die Corps,
sind und waren stets nun politisch überhaupt gar nicht satisfaktionsfähig.

Es bleibt also der Romatiker. Ja, den gab und gibt es. Freundschaft und fast mythische Gemeinschaftserlebnisse habe ich stets in Verbindungen gefunden und will sie niemals missen!

Der Umstand, dass deutsches Vereinsleben mit Satzungskommission und Kassenwart sich in klischeehaftester Weise im Verbindungsleben breitgemacht hat, wird den Romantiker allerdings schnell auf den Boden der Tatsachen führen.

Vereine sind die Sache der Frührentner und sonstiger Möchtearrivierten. Bei manchen beginnt dieser Typus schon im Wiegenalter, bei anderen mit Berufsstart, spätestens aber bei Pension.

Und Verrat. Im Persönlichen wie im Politischen. Nun sind Menschen nicht immer besonders nett, dies ist kein Alleinstellungsmerkmal der Korporationen.

Was bei der Linken abgeht an persönlicher Widerlichkeit, spottet jeder Beschreibung. Da findet sich das neue Fahrrad auf dem angeblichen weg nach Cuba als revolutionärer Beitrag, nunja, weil es irgendwei neu war, nicht wahr, da haut man sich gegenseitig in die Pfanne, das es kracht und bei Gelegenheit pimpert man auch wahllos dem Genossen die Herzensdame weg.

Das ist wohl und umso mehr inzwischen, überall so. Allerdings kein Grund zur Romatisierung. Trotzdem Verrat.

Es war, ohne aus den Nähkästchen zu plaudern, das Hauptargument bei jedem Austritt aus der Deutschen Burschenschaft, das liebe Geld, also die Dreifuffzich Vereinsbeitrag und die Angst, als böser Nazi nicht mehr arriverter Strickjackenträger sein zu dürfen. Das Ergebnis ist auf dem Festcommers in Jena zu bewundern. Beifall für den vorbestraften Antideutschen.

Der historische Sand hätte wohl mit Dolchen geworfen, der hiesige mit Bierhumpen. Jedenfalls nicht geklatscht, sondern gekotzt.

Benedikt Kaiser
23. Juni 2015 16:54

Passend zum Beitrag, Lambsdorff in Höchstform.

Siegfried
23. Juni 2015 20:53

Zitat Exmeier:

"Was mich immer abgestoßen hat, daß die Zahnarztsöhnchen gerne damit prahlten, ihre Dispute mit dem Schläger austragen zu wollen. Aber der Typ des Durchschnittsspießers einen ersten ‚proletarischen‘ linken Haken nicht überstanden hätte – mit Ausnahmen natürlich."

Wäre es für die Jungs nicht angebracht, bei der angestrebten "Wehrhaftigkeit", sich zusätzlich zum Fechten in MMA, Muai-Thai oder ganz klassisch im Boxen zu üben ?

Beckmesser
24. Juni 2015 09:53

Wilhelm Furtwängler, der große deutsche Komponist? Ebenso könnte man von Goethe, dem "großen deutschen Maler" daherquasseln. Die Unkenntnis des Eigenen - peinlich.
Vielleicht sollte man seitens dieser Zeitschrift ganz grundsätzlich verstärkt auch auf Kultur abseits von Literatur setzen, es scheint mir bitter nötig, wenn selbst der (mit Abstand) größte deutsche Dirigent hier verkannt wird. Ausgerechnet hier.
Und jetzt werde ich mir Beethovens Fünfte unter der Leitung Furtwänglers anhören, als Konzertmitschnitt vom 30.6.1943 aus der Alten Philharmonie in Berlin, dieser legendären, nach Kriegsende von den Sowjets zunächst beschlagnahmten Aufnahme. Fiebrig und Riesig. Blitze des Jupiters.

kommentar kubitschek:
schlampiges lektorat, pardon. indes: wir hörten im vergangenen jahr einige male die 2. sinfonie von furtwängler. ich bin mir sicher, stein mente diese neben-meisterschaft des dirigenten ...

Condottiere
24. Juni 2015 17:00

So, dann haben sie ihm also zugejubelt, dem Herrn Baron. Warum wundert mich das nicht ?

Burschenschafter haben doch von jeher die Freundschaft eines Corpsstudenten als besondere Gnade empfunden - außer bei uns in Göttingen: 1863 fand in Göttingen ein Fackelzug der Korporationen aus Anlaß des 50. Jahrestages der Völkerschlacht von Leipzig statt. Als die Göttinger Corps darauf bestanden, den Festzug mit gebührendem Vorsprung auf die nachfolgenden, weniger vornehmen Korporationen anzuführen, kam es vor der Aula am Wilhelmsplatz zu einem Tumult, es flogen die Fäuste, gegen die Übermacht der anderen Verbindungen hatten die Corpsiers nichts zu bestellen. Was lehrt uns das ? Es lehrt uns, daß die ausgebliebene bürgerliche Revolution in diesem Lande zuweilen seltsame Blüten treibt...nicht wahr...

Carl Sand
24. Juni 2015 18:08

@Condottiere

Tja, dafür gehört Göttingen heute zu den vercorpstesten Städten überhaupt. Nicht dass ich etwas generell gegen ein gewisses fröhliches Assisein und ein nettes Kännchen im Garten hätte, allein das andienerische Nachäffen von allem, was vercropst ist, wirkt doch bei vielen Clubs peinlich.

Im Übrigen höchste Zustimmung. Wer den Adel von zu Müller und von Schulze kennt, die sich gern als Neureicher Möchtegerngrafen und Pseudoherrenmenschen gerieren, der bedauert doch arg, dass 1848 nicht konsequent entrübt worden ist. Neben Käse, Weinanbau und gewissen anderen Dingen, die der Franzmann erfunden hat, eine stete Quelle meines Neides.

Markus Schmidt
26. Juni 2015 12:28

Als einziger Zweig der Jenaer Urburschenschaft nahm die A.B.B., die Alte Burschenschaft Burgkeller Jena in der DB, nicht an diesem erwartbar peinlichen Vereinnahmungsversuch durch die entsandten Honoratioren des Systems teil, sondern feierte ihr 200. Stiftungsfest - auch physisch über diesen Dingen stehend - mit ihrem lieben Freundschaftsbund der L. B. Germania und weiteren Gästen auf dem Fuchsturm - der vulpecula turris.

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