Sezession
1. April 2007

Kampf um Frauen – Macht und Ohnmacht der „nackten Äste“

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_177von Josef Daum

Vor mehr als sechs Jahren stellte der linksliberale Ethnologe Georg Elwert unter der Überschrift Die rüden Krieger in der Zeit (39 / 2000) die These auf, bei der Gewalt gegen Ausländer in den neuen Bundesländern handle es sich nicht um ideologisch bedingte Taten, sondern um den Bestandteil eines Mannbarkeitsrituals. Eine solche gewalttätige Initiation junger Männer sei in sehr vielen Kulturen zu finden: „Männer zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig, besonders kräftig und kreativ, suchen Gemeinschaft, Risiko und Ehre. In der Jugend schafft man Bünde und Organisationen, die besser halten als alles, was nachkommt. Im Risiko suchen junge Leute Selbsterfahrung bis an die Grenzen." Später, kurz vor seinem frühen Tod, ergänzte der wissenschaftspolitisch einflußreiche Forscher, er halte es für wenig sinnvoll, grundsätzlich zu leugnen, „daß es in der menschlichen Geschichte selektive Prozesse gibt, die auf variierende Merkmale bezogen einen evolutionären Effekt haben". Er meinte damit biologische Einflüsse auf menschliches Verhalten, die nicht zu leugnen für einen deutschen Sozialwissenschaftler etwas Ungewöhnliches ist. Worauf Elwert hinauswollte, sagte er klipp und klar: „Das Morden erscheint als eine Spezialität junger Männer." Risikofreudiges Verhalten scheine „bei jungen Männern ein Teil des genetisch angelegten Programms zu sein." Die Gewalt äußere sich jedoch nur unter „bestimmten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen" (Biologische und sozialanthropologische Ansätze in der Konkurrenz der Perspektiven, in: Wilhelm H. Heitmeyer und Hans Georg Soeffner (Hrsg.): Gewalt, Frankfurt a.M. 2004).

Diese „Rahmenbedingungen" haben die Politikwissenschaftlerinnen Valerie M. Hudson und Andrea M. den Boer in ihrem Buch Bare Branches. The Security Implications of Asia's Surplus Male Population (Cambridge 2004) untersucht. „Nackte Äste" nennt man in Ostasien, wo das Problem heute besonders virulent ist, das Phänomen junger Männer, die aus demographischen Gründen keine Frau finden können. Polygamie, Hypergamie und Infantizid sind die universellen Muster, die zu diesem Männerüberhang führen. Unter Polygamie versteht man die Neigung mächtiger Männer, mehr als eine Frau zu ehelichen, unter Hypergamie die Neigung von Frauen, sozial „aufwärts" zu heiraten. Infantizid bedeutet die weit verbreitete Erscheinung, daß die Zahl der Kinder, vor allem Mädchen, durch Schwangerschaftsabbruch oder Kindstötung reduziert wird.
Wenn Frauen knapp werden, sind aufgrund der Neigung von Frauen, Männer mit höherem sozialem Status zu heiraten, vor allem die Männer der Unterschicht von Ehelosigkeit betroffen. Das hat in vielen Kulturen Auswirkungen auf das gesamte soziale Gefüge: unverheiratete Männer werden zu permanenten Außenseitern. In diesem Fall kommen universelle statistische Tatsachen zum tragen: Männer sind gewalttätiger als Frauen. Junge Männer zeigen häufiger antisoziale Verhaltensweisen als ältere. Unverheiratete Männer neigen eher zur Gewalt als verheiratete. Männer mit niedrigem sozialem Status sind gewalttätiger als Männer mit hohem sozialem Status. Der Mißbrauch von Drogen und Alkohol macht den Ausbruch von Gewalt wahrscheinlicher. Junge, unverheiratete Männer riskieren Gewalt eher in Gruppen als allein. Das bedeutet: Die „nackten Äste" sind, wo sie zu einem Massenphänomen werden, sozialer Sprengstoff.
Die antisozialen Instinkte dieser jungen Männer aus der Unterschicht werden nicht durch Ehe und Vaterschaft pazifiziert. Sie sind eine Gefahr für sich selbst und ihre Umwelt, besonders für Frauen. Denn mehr potentielle Bewerber bedeuten für die Frauen nicht etwa mehr Wahlfreiheit, sondern das Gegenteil: Frauen werden entführt oder bereits im Kindesalter verheiratet. Sie können das Opfer von Übergriffen Fremder sein und unterstehen der permanenten Kontrolle durch die eigenen Männer.


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