Preußen – Religion und Poesie

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_178Nachdem die Tränen wieder getrocknet sind, die anläßlich des sechzigsten Jahrestages der Auflösung Preußens flossen, kann wieder zum Tagesgeschäft übergegangen werden. Da trifft es sich gut, daß ein Angehöriger der ehemaligen Alliierten, ein Buch über Preußen geschrieben hat, in dem er das, was damals als Grund für die Auflösung Preußens angegeben wurde, daß es „seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland" gewesen sei, schön widerlegt. Damit ist zweierlei Erkenntnis verbunden: zum einen, daß die Wahrheit doch irgendwann ans Tageslicht kommt, zum anderen, daß das die Weltgeschichte dann nicht mehr sonderlich interessiert. Mit anderen Worten: Preußen wird nicht neugegründet werden, nur weil jetzt vielleicht auch der anderen Seite klar ist, daß es so schlimm nicht war. Die Alliierten haben ja damals nicht das Urteil der Weltgeschichte vollstreckt, sondern eine Tatsache, die sie durch die Abtrennung des Großteils Preußens von Deutschland längst besiegelt hatten, durch einige, nach Begründung klingende Worte untermalt. Der Ruch des Irrationalen sollte vermieden und die wahren Gründe nicht offen geäußert werden. Ein Grundsatz, der lange vorgehalten und vor allem die deutsche Geschichtswissenschaft gelähmt hat. Merkwürdigerweise spart der von Wolfgang Neugebauer herausgegebene Band Das Thema „Preußen" in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik des 19. und 20. Jahrhunderts (Berlin: Duncker & Humblot 2006. 373 Seiten, kt., 84 €) den bundesrepublikanischen Umgang mit Preußen weitestgehend aus. Immerhin stellt Frank-Lothar Kroll in seinem Beitrag über Preußenbild und Preußenforschung im Dritten Reich fest, daß es sich um eine (bewußte?) Fehldeutung handelt, wenn Preußen nach 1945 „ursächlich mit der Etablierung nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland" in Zusammenhang gebracht wurde.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Es ist bezeich­nend, daß das oben erwähn­te Buch Preu­ßen. Auf­stieg und Nie­der­gang 1600–1947 (Mün­chen: Deut­sche Ver­lags-Anstalt 2007. 896 Sei­ten, geb mit SU, Abb., 39.95 €) nicht von einem Deut­schen stammt, son­dern von einem Aus­tra­li­er, der in Eng­land lehrt: Chris­to­pher Clark. Hier­zu­lan­de ist es viel­mehr üblich, ein Wert­ur­teil zu über­neh­men, um dann an die­sem Leit­fa­den die Fak­ten aus­zu­wäh­len (Aus­nah­men gibt es natür­lich, zum Bei­spiel Hagen Schul­ze oder Tho­mas Nip­per­dey). Es ist, wenn man sich opti­mis­tisch gibt, erfreu­lich, daß das Buch bis­lang gera­de­zu enthu­si­as­tisch bespro­chen wur­de. Clark läßt die Vor­ur­tei­le gegen­über Preu­ßen nun nicht kra­chend ein­stür­zen. Es ist kein kämp­fe­ri­sches, son­dern ein sehr aus­ge­wo­ge­nes Buch, das immer bei­de Sei­ten eines Sach­ver­halts zu Wort kom­men läßt und oft­mals in die­ser Anti­no­mie ver­harrt, ohne sich für eine Argu­men­ta­ti­on zu ent­schei­den. Dabei steht offen­sicht­lich die Über­zeu­gung im Hin­ter­grund, daß auch das Leben von Staa­ten nicht auf­geht, und daß es uns nicht ansteht, etwas zu ver­dam­men, was wir nicht ein­mal ganz erfas­sen können.
Clark erzählt die Geschich­te Preu­ßens am Leit­fa­den der Ent­wick­lung des Herr­scher­hau­ses, den Hohen­zol­lern. Er setzt mit der Refor­ma­ti­on ein, von der Vor­ge­schich­te erfährt man recht wenig, und endet gefühls­mä­ßig 1871, den Fak­ten nach 1947. Mit dem Auf­takt ist einer der tra­gen­den The­men­schwer­punk­te Clarks bereits bezeich­net: Reli­gi­on. Die­se Gewich­tung macht deut­lich, daß ein Staat auf Reli­gi­on gegrün­det sein muß. Ein Genie wie Fried­rich der Gro­ße konn­te sich nur vor dem Hin­ter­grund der pie­tis­ti­schen Durch­for­mung der Eli­ten Preu­ßens ent­fal­ten. Sei­ne Auf­klä­rung hat daher nicht wenig Schuld am Unter­gang Preu­ßens. Fried­rich war zwar der ers­te Die­ner sei­nes Staa­tes, er war aber in einem posi­ti­ven Sinn auch der Staat. Sein Tod hin­ter­ließ ein Vakuum.

Die Kraft des Pie­tis­mus, der in dem Offi­zier nicht den Hau­de­gen favo­ri­sier­te, son­dern den von „Mäßig­keit, Selbst­dis­zi­plin und unbe­ding­tem Gehor­sam” gepräg­ten Füh­rer, war dahin. Wie ein Fanal wirkt der toll­küh­ne Tod von Prinz Lou­is Fer­di­nand. Zu den bes­ten Stel­len des Buches gehört die Ver­tei­di­gung der Wöll­ner­schen Reli­gi­ons­edik­te, die schein­bar eine alte Ortho­do­xie wie­der­errich­ten woll­ten, in Wirk­lich­keit aber erkannt hat­ten, daß die Frei­heit eine zwei­schnei­di­ge Sache ist, die den Unter­tan zu über­for­dern droh­te. Wöll­ner hat­te begrif­fen, daß es ohne Reli­gi­on nicht geht. Aber die­ser nüch­ter­ne Gedan­ke zeigt, daß es zu spät war. So wie jede „kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on” war auch Wöll­ners Ansatz ein Kind der Auf­klä­rung, der die Reli­gi­on rein funk­tio­nal bewertete.
Ähn­lich, wenn auch ganz anders, war die roman­ti­sche Oppo­si­ti­on gegen den auf­klä­re­ri­schen Ratio­na­lis­mus, der sich Ende des acht­zehn­ten Jahr­hun­derts zeig­te, gela­gert. Hier stan­den gleich­sam Gefühl, Jugend und Poe­sie gegen Ver­stand, Alter und Moral. Staats­po­li­tisch war Preu­ßen nach dem Tod Fried­rich des Gro­ßen „zur Norm in euro­päi­schen Dynas­tien” (Clark) zurück­ge­kehrt. Nach ihm kam ein gro­ßer Ver­sa­ger (unter dem Preu­ßen iro­ni­scher­wei­se die größ­te Aus­deh­nung sei­ner Geschich­te erreich­te) und dann kam Napo­le­on, der „Welt­geist zu Pfer­de”. In die­ser Zeit ist das neue Buch von Gün­ter de Bruyn Als Poe­sie gut. Schick­sa­le aus Ber­lins Kunst­epo­che 1786 bis 1807 (Frank­furt am Main: S. Fischer 2006. 524 Sei­ten, Ln mit SU, Abb., 24.90 €) ange­sie­delt. Der Titel bezieht sich auf eine Bemer­kung, die Fried­rich Wil­helm III. zu einer mili­tä­ri­schen Denk­schrift von Gnei­sen­au mach­te: „Als Poe­sie gut!” Gnei­sen­aus Erwi­de­rung, daß allen „patrio­ti­schen, reli­giö­sen, sitt­li­chen Gefüh­len Poe­sie zugrun­de läge und somit auch ‚die Sicher­heit der Thro­ne‘ auf Poe­sie gegrün­det sei”, ist gleich­sam die The­se de Bruyns. Er erzählt des­halb in etwa fünf­zig Kapi­teln die Kul­tur­ge­schich­te Preu­ßens zwi­schen den Jah­ren 1786 und 1807 mit beson­de­rem Blick auf Ber­lin, das sich damals zum „Spree-Athen” ent­wi­ckel­te. Damit ist auch der tra­gi­sche Zwie­spalt bezeich­net, der sich zwi­schen dem König, der Poe­sie für Spie­le­rei hielt, und den geis­ti­gen Eli­ten, die das von Fried­rich dem Gro­ßen hin­ter­las­se­ne Vaku­um wie­der auf­fül­len woll­ten, auftat.
Anhand von Bio­gra­phien bekann­ter und weni­ger bekann­ter Per­sön­lich­kei­ten erzählt de Bruyn auf sei­ne unnach­ahm­li­che Wei­se, gelehrt und unter­halt­sam zugleich, die Geschich­te jener Jah­re. Unter ande­rem wer­den die bei­den Köni­ge, Köni­gin Lui­se, Scha­dow, von der Mar­witz, Kleist, de la Mot­te Fou­qué, Zel­ter, Rahel Varn­ha­gen von Ense, die Schle­gels, die Tiecks, Schlei­er­ma­cher, Schil­ler, Jean Paul, Clau­se­witz und Madame de Staël por­trai­tiert. Dane­ben aber auch jemand wie der „Sokra­tes aus der Mark” August Lud­wig Hül­sen, der lan­ge als Haus­leh­rer tätig war und von den Schle­gels wegen eini­ger Auf­sät­ze im Athen­ae­um geschätzt wur­de. Hül­sen hat­te die Sinn­lo­sig­keit sei­nes öffent­li­chen Wir­kens ein­ge­se­hen, kri­ti­sier­te die Roman­ti­ker für ihre Rit­ter­vor­lie­ben und woll­te nur noch mit Sicher­heit nütz­lich sein und sei­nen eige­nen Gar­ten anbau­en, was er dann in Schles­wig Hol­stein tat. Gestor­ben ist er in der Mark, als er zu Besuch in der Hei­mat war. Es gibt kein Bild von ihm, nur die Zeug­nis­se sei­ner Freun­de. Ein ähn­li­cher Fall ist der des Pfar­rers Schmidt, damals ein bekann­ter Dich­ter, über den sich Goe­the sei­ner Ein­falt wegen lus­tig mach­te, der aber, was auch Goe­the aner­kann­te, ein rei­nes Herz hat­te und sich so schließ­lich Goe­thes Ach­tung ver­dien­te. Er sehn­te sich nach einer Beru­fung aufs Land, die er erhielt, und von dort an führ­te er sein Leben „ein­fach, genüg­sam, in schuld­lo­ser Absei­tig­keit” (Bruyn) und gab das Dich­ten schließ­lich auf.
De Bruyn schließt mit Fich­tes Reden an die deut­sche Nati­on, die er in ihrer Ambi­va­lenz schil­dert: Sozia­lis­ten und Natio­na­lis­ten hät­ten ver­sucht aus Uto­pien, die Fich­te para­dig­ma­tisch prä­sen­tiert habe, Rea­li­tät wer­den zu las­sen, „wor­aus dann hof­fent­lich das ein­und­zwan­zigs­te Jahr­hun­dert, in dem es nicht mehr die Deut­schen sind, die ihre Art zu leben für die wah­re und welt­be­glü­cken­de hal­ten, sei­ne Leh­ren zieht.” De Bruyn sieht einen engen Zusam­men­hang zwi­schen Nati­on und Demo­kra­tie, „so daß man Gefahr für die Demo­kra­tie wit­tern soll­te, wenn es, wie man­che wün­schen und schon bald erreicht zu haben mei­nen, mit den Natio­nen zu Ende geht.” Die preu­ßi­sche Ent­de­ckungs­rei­se de Bruyns macht durch die Rück­bin­dung der Per­so­nen an Ort und Zeit deut­lich, wie wich­tig Maß und Über­schau­bar­keit für die Bil­dung einer Per­sön­lich­keit und damit auch des Staa­tes sind. Fich­tes Reden ver­ra­ten daher noch preu­ßi­schen Geist: Ohne Erzie­hung zur Idee der Sitt­lich­keit im gemein­schaft­li­chen Han­deln kann der Ein­zel­ne nicht er selbst sein.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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