Sezession
1. April 2007

Preußen – Religion und Poesie

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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sez_nr_178Nachdem die Tränen wieder getrocknet sind, die anläßlich des sechzigsten Jahrestages der Auflösung Preußens flossen, kann wieder zum Tagesgeschäft übergegangen werden. Da trifft es sich gut, daß ein Angehöriger der ehemaligen Alliierten, ein Buch über Preußen geschrieben hat, in dem er das, was damals als Grund für die Auflösung Preußens angegeben wurde, daß es „seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland" gewesen sei, schön widerlegt. Damit ist zweierlei Erkenntnis verbunden: zum einen, daß die Wahrheit doch irgendwann ans Tageslicht kommt, zum anderen, daß das die Weltgeschichte dann nicht mehr sonderlich interessiert. Mit anderen Worten: Preußen wird nicht neugegründet werden, nur weil jetzt vielleicht auch der anderen Seite klar ist, daß es so schlimm nicht war. Die Alliierten haben ja damals nicht das Urteil der Weltgeschichte vollstreckt, sondern eine Tatsache, die sie durch die Abtrennung des Großteils Preußens von Deutschland längst besiegelt hatten, durch einige, nach Begründung klingende Worte untermalt. Der Ruch des Irrationalen sollte vermieden und die wahren Gründe nicht offen geäußert werden. Ein Grundsatz, der lange vorgehalten und vor allem die deutsche Geschichtswissenschaft gelähmt hat. Merkwürdigerweise spart der von Wolfgang Neugebauer herausgegebene Band Das Thema „Preußen" in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik des 19. und 20. Jahrhunderts (Berlin: Duncker & Humblot 2006. 373 Seiten, kt., 84 €) den bundesrepublikanischen Umgang mit Preußen weitestgehend aus. Immerhin stellt Frank-Lothar Kroll in seinem Beitrag über Preußenbild und Preußenforschung im Dritten Reich fest, daß es sich um eine(bewußte?) Fehldeutung handelt, wenn Preußen nach 1945 „ursächlich mit der Etablierung nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland" in Zusammenhang gebracht wurde.

Es ist bezeichnend, daß das oben erwähnte Buch Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947 (München: Deutsche Verlags-Anstalt 2007. 896 Seiten, geb mit SU, Abb., 39.95 €) nicht von einem Deutschen stammt, sondern von einem Australier, der in England lehrt: Christopher Clark. Hierzulande ist es vielmehr üblich, ein Werturteil zu übernehmen, um dann an diesem Leitfaden die Fakten auszuwählen (Ausnahmen gibt es natürlich, zum Beispiel Hagen Schulze oder Thomas Nipperdey). Es ist, wenn man sich optimistisch gibt, erfreulich, daß das Buch bislang geradezu enthusiastisch besprochen wurde. Clark läßt die Vorurteile gegenüber Preußen nun nicht krachend einstürzen. Es ist kein kämpferisches, sondern ein sehr ausgewogenes Buch, das immer beide Seiten eines Sachverhalts zu Wort kommen läßt und oftmals in dieser Antinomie verharrt, ohne sich für eine Argumentation zu entscheiden. Dabei steht offensichtlich die Überzeugung im Hintergrund, daß auch das Leben von Staaten nicht aufgeht, und daß es uns nicht ansteht, etwas zu verdammen, was wir nicht einmal ganz erfassen können.
Clark erzählt die Geschichte Preußens am Leitfaden der Entwicklung des Herrscherhauses, den Hohenzollern. Er setzt mit der Reformation ein, von der Vorgeschichte erfährt man recht wenig, und endet gefühlsmäßig 1871, den Fakten nach 1947. Mit dem Auftakt ist einer der tragenden Themenschwerpunkte Clarks bereits bezeichnet: Religion. Diese Gewichtung macht deutlich, daß ein Staat auf Religion gegründet sein muß. Ein Genie wie Friedrich der Große konnte sich nur vor dem Hintergrund der pietistischen Durchformung der Eliten Preußens entfalten. Seine Aufklärung hat daher nicht wenig Schuld am Untergang Preußens. Friedrich war zwar der erste Diener seines Staates, er war aber in einem positiven Sinn auch der Staat. Sein Tod hinterließ ein Vakuum.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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