Sezession
1. August 2015

Anthony Doerr: Alles Licht das wir nicht sehen, Roman

Ellen Kositza / 1 Kommentar

Anthony Doerr: Alles Licht das wir nicht sehen, Roman, München: C.H. Beck 2015, 528 S., 22.95 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Was für ein Buch! Soweit zu sehen ist, dürfte dieser mächtige Roman des 41jährigen Amerikaners Anthony Doerr, einem studierten Historiker, ohne Bespiel sein. Form, Inhalt, Stil, ja selbst die deutsche Übersetzung (durch Werner Löcher-Lawrence): Hier ist nichts, was nicht gleißt, sich einbrennt und auch – ja, blendet. In diese Geschichte taucht man wie in die Wellen eines Meeres, taucht hingerissen immer weiter, vergißt das Luftholen, gerät in Tiefenrausch, kommt japsend an die Oberfläche, nur, um mit aufgerissenen, salzblinden Augen abermals hineinzutauchen. Was für ein Sog!

Was sagt es uns, daß dieses Buch in seiner Heimat (die wir uns in punkto Tiefe eher vorstellen wie das Steinhuder Meer) über eine Million Mal verkauft wurde? Daß sein Autor jüngst gar mit dem Pulitzerpreis geehrt wurde? Sind wir Doerr aufgesessen? Seinen hyperästhetischen Filmbildern, die schon einen Oscar vorahnen lassen? Sind wir dem Funkeln verfallen? Wenn, dann war es ein Leichtes. Doerr nennt im Nachwort Curzio Malapartes (d.i.: Kurt Erich Suckert) Kaputt und Michel Tourniers Erlkönig, denen er viel zu verdanken habe. Das sind exzellente Referenzen und belletristische Vorbilder, die dem Leser ohnehin in den Sinn gekommen waren.

Wir haben vierzehn Kapitel, von Null bis Dreizehn. Und zahlreiche Unterkapitel, jedes maximal sieben Seiten lang, meist deutlich kürzer. Doerr schreibt durchgehend im Präsens und in kurzen, nie gekünstelt kurzen Sätzen - kein prätentiöser Stakkatostil.

Das erste Kapitel beginnt im Jahr 1934, das zweite 1944, und im Verlauf der Kapitel nähern sich diese Zeitpunkte einander an, sie tun es in Form eines zu berechnenden Dreiecks. Was sich mächtig ausgeklügelt anhört, auch weil die mathematische Dreiecksberechnung inhaltlich eine nicht unbedeutende Rolle spielt, gleitet dabei hier nie ins Abstrakte, vulgo: Schwerlesbare ab.

Und was wäre dieser dritte Punkt? Er liegt mit Sicherheit außerhalb von Zeit und Ort, vielleicht markiert er eine anthropologische Konstante. Viele Details der Geschichte sind doppel-, gar vielbödig und gleichnishaft, ohne daß dies die Lektüre verkomplizierte. Ganz anders: Ist man ans Ende des Romans gelangt - man möchte erneut beginnen.

Die Protagonisten heißen Werner Hausner und Marie-Laure Le Blanc. Die Handlungsorte sind Paris, Zeche Zollverein in Essen, Schulpforta und das bretonische Saint- Malo, meerumspült von drei Seiten. Hausner, ein weißhaariger Waisenjunge, ist ein technisches Genie. Schon als Kind bastelt er mit seiner Schwester Rundfunkempfänger und hört das Wissen der Welt in seinen Ohren rauschen, er hört im Äther Stimmen, die ihn auf Dauer elektrisieren.

Durch sein Talent kommt er in die sächsische Kaderschmiede Schulpforta und wird, noch jugendlich, als Radiotechniker in die Wehrmacht einberufen. Marie-Laure ist im Kindesalter erblindet, bei Kriegsende ist sie sechzehn. Ihr Vater arbeitet als Schlosser und Schlüsselwächter im Pariser Naturkundemuseum. Es geht das Gerücht, daß das Museum den sagenumwobenen, angeblich zugleich heil- und unheilbringenden Diamanten „Das Meer der Flammen“ beherbergt. Als das weltliche, politische Unheil sich zuspitzt und Paris kein sicherer Ort mehr ist, werden drei kunstvolle Kopien des Diamanten hergestellt.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (1)

Arminius Arndt
3. Juli 2015 10:29

Wunderbare Welt des creative writing ...

Ich mag Literatur aus Amerika wirklich, insbesondere, wenn sie mir Geschichten von dort erzählt, aber immer wenn sie in Europa zu spielen scheint, bekomme ich einen Alp des Klischees und der Karteikartensammlungen, auf die man sich seine Ideen zu den Personen und Städten des zu schreibenden Buches aufschreibt (Schulpforta und Funktechnik? Da hätte ich eher an anderes Gedacht, natürlich Saint- Malo, warum nicht irgendein belangloses Kaff in der Etappe?), genauso wie ich Pynchon´s Enden der Parabel aus diesen Gründen irgendwann einmal weg gelegt habe, so muss ich auf ähnliches bei diesem Buch aufgrund dieser Rezession schließen. Na gut, wenn es mal als preiswerteres Taschenbuch erscheint, dann werde ich es mir vermutlich als Urlaubslektüre holen, denn eines muss man den aktuellen Autoren jenseits des großen Teiches lassen: Sie beherrschen ihr Handwerk!

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