1. April 2007

Rassismus gegen Deutsche

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_1710von Daniel Leon Schikora

Eine im Herbst 2003, anläßlich des dreizehnten Jahrestages der Deutschen Einheit, öffentlich gehaltene Rede setzt sich kritisch mit der These auseinander, Ausländer seien in Deutschland „einer alltäglichen rassistischen Gewalt" ausgesetzt - und kommt zu dem Ergebnis, daß das Gegenteil der Fall sei: Die Welt, in der die öffentlichen Ankläger deutscher Fremdenfeindlichkeit lebten, sei eine vergangene, „in der die deutschen Juden mit einem Anteil von 0,5 Prozent an der Bevölkerung tatsächlich eine mangels Masse wehrlose Minderheit gewesen sind". Über das gegenwärtige Deutschland hingegen wird ausgeführt: „Es gibt Spielplätze, wo türkische Kinder von anderen Eintrittsgeld verlangen. Es gibt in den Gemeinden des Umlands Wohngebiete, die ein einheimischer Jugendlicher besser meidet, nicht weil er ein Faschist wäre, sondern weil türkische Jugendclans dort ein bißchen Bande spielen und mit harter Hand Revierverteidigung üben." Dabei ist es dem Autor der Rede keinesfalls darum bestellt, zu leugnen, daß es in Deutschland Ressentiments gegen Ausländer gebe. Im Gegenteil, er diagnostiziert, daß sich „dergleichen" sogar in einem ausgesprochenen Haß manifestiere: „Was die Ressentiments gegen Ausländer betrifft, so sprechen übrigens Indizien dafür, daß sich dergleichen derzeit am stärksten bei türkischen Jugendlichen entwickelt, nämlich ein ausgeprägter Deutschenhaß." Fazit: „Ein fröhliches Kräftemessen also, aber keineswegs ‚alltägliche rassistische Gewalt‘ dergestalt, daß deutsche Täter ausländische Opfer quälen."

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Seine Ansprache zum 3. Oktober 2003, in deren Mittelpunkt die Zurückweisung des Vorwurfs stand, die Deutschen seien ein „Tätervolk", sollte einen CDU-Bundestagsabgeordneten rund ein dreiviertel Jahr später seine Parteimitgliedschaft kosten. Die zitierten Passagen allerdings wurden nicht von Martin Hohmann in Neuhof vorgetragen, sondern drei Tage zuvor in Berlin - auf einer Veranstaltung des linksradikalen „Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus". Die Veranstalter schienen erst während des Vortragens der Rede zu realisieren, daß sie in Wolfgang Pohrt nicht mehr die Galionsfigur einer „antideutschen" Linken vorfanden, als die sie den langjährigen konkret-Autor gemeinsam mit Henryk M. Broder auf ihr Podium im Tempodrom eingeladen hatten.
Während die Kontrahenten der „Antideutschen" innerhalb der fundamentaloppositionellen radikalen Linken, etwa in der Jungen Welt (JW), den „antideutschen" Dissidenten Pohrt wie seine von ihm überrumpelten Gastgeber mit Häme überschütteten, zeigte sich der konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza pluralistisch und dokumentierte Pohrts Rede vollständig - nicht ohne in einer Antwort seinen Freund Pohrt daran zu erinnern, auch dieser habe „einmal gewußt, nein: geschrieben, mehr: uns gelehrt, welche Mördergruben die Herzen unserer Landsleute sind". Vielleicht unbeabsichtigt, grenzte Gremliza damit „unsere Landsleute", die „autochthonen" Deutschen, von Jugendlichen und jungen Erwachsenen etwa mit türkischem „Migrationshintergrund" ab, denn die „Mördergruben" in deren Herzen hatte Pohrt ja durchaus thematisiert. (konkret, 11 / 2003).
In den vergangenen Wochen erweckte auch ein Teil der (neuen) „Mitte" des bundesdeutschen „Verfassungsbogens" (Edmund Stoiber) den Eindruck, sich dem Anliegen einer Aufklärung über Rassismus gegen „Autochthone" verschrieben zu haben. Nach einem brutalen kollektiven Überfall arabischer und türkischer Minderjähriger auf einen Polizisten trat Armin Lehmann in dem rechtspopulistischer Tendenzen unverdächtigen Tagesspiegel so auf, als befände er sich als Ex-„Antideutscher" im Tempodrom: „Es ist ein Fall von Rassismus gegen Weiße, ein Fall von, im wahrsten Wortsinn, Fremdenfeindlichkeit. Oder ist der Ton zu hoch? Wiederholt sich diese Form von Fremdenfeindlichkeit in Berlin nicht in regelmäßigen Abständen, im Bus, in der Schule, auf der Straße? Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen Jugendliche mit Migrationshintergrund ihre Mitmenschen ängstigen, traumatisieren, verprügeln. Stimmt unsere Wahrnehmung noch, stimmen unsere Reflexe?" (Der Tagesspiegel, 23.1.2007).

Wie Lehmanns Ausführungen vor Augen führen, wird die Rhetorik des „Anti-Rassismus" und einer multikulturalistischen Xenophilie bei Bedarf politisch-polemisch auch gegen jene gekehrt, die ohne Abstriche an romantischen Vorstellungen einer multikulturellen Idylle festhalten. (Während Armin Lehmann immerhin selbstkritisch von „unserer Wahrnehmung" und „unseren Reflexen" spricht und auf diese Weise in Erinnerung ruft, welch scharfen Anfeindungen sich etwa multikulturalismuskritische Konservative in den vergangenen Jahren seitens der veröffentlichten Meinung ausgesetzt sahen, hatte sich beispielsweise Friedbert Pflügers Multi-Kulti-„Kritik" nach der Ermordung Theo van Goghs durch einen islamistischen Fanatiker im November 2004 im wesentlichen in einseitigen Attacken auf parteipolitische Gegner erschöpft. Praktisch ausschließlich diese identifizierte Pflüger mit einem naiv-realitätsfernen Multikulturalismus, wie er selbst ihn in den 1990er Jahren in Helmut Kohls CDU mehrheitsfähig zu machen versucht hatte.)
Der „Migrationshintergrund" in Deutschland lebender junger Menschen, der einst mit Blick auf das „Recht auf Verschiedenheit" vielfach gleichsam als Ausweis verminderter Schuldfähigkeit galt, wenn deutsche Gesetze verletzt wurden, wird nun beinahe wie ein Stigma gehandelt - als ob aufgrund des „Migrationshintergrunds" von Jugendlichen etwa italienischer, griechischer oder armenischer Herkunft angenommen werden könnte, daß diese dazu neigten, deutsche Polizisten oder Mitschüler zu ängstigen, zu traumatisieren und zu verprügeln. Kurz: Aus der offenkundigen Integrationsunfähigkeit insbesondere traditionalistischislamischer Einwanderergesellschaften, die in deutschem Staatsgebiet Gelegenheit erhalten, „Parallelstrukturen" zu verteidigen, wird der (versteckt deutschfeindliche) Glaubenssatz abgeleitet, weltflüchtigen Deutschen sei es nicht vergönnt, friedlich mit „Migranten" zusammenzuleben. Konsequenterweise werden deutsche Leidtragende arabisch-oder türkisch-muslimischer Jugendgewalt allen Ernstes für Opfer einer „Fremdenfeindlichkeit" erklärt. In einer „multikulturellen Gesellschaft" kann letztlich eben nur derjenige ein Recht auf Anerkennung reklamieren, der den Status eines (potentiell) „Fremden" auf sich zu nehmen bereit ist.
Genau diese Haltung manifestierte sich nicht zuletzt auch in den beleidigenden Ausfällen erklärter deutscher und österreichischer Kämpfer gegen Rassismus und Antisemitismus gegen jüdische Bürger, die sich - wie Michael Wolffsohn oder Peter Sichrovsky - die Freiheit nahmen, für konservative oder rechte Strömungen ihrer Länder Partei zu ergreifen. Wer als Gegner der „Rechten" in diesem Zusammenhang gegen deren „Hofjuden" oder „Alibi-Juden" polemisierte, gab damit recht freimütig zu erkennen, daß er Juden - anders als „normalen" Bürgern - keinesfalls ein Recht auf (politischen) Irrtum zugesteht, sondern ihnen ausschließlich als Juden eine religiöse oder ethno-religiöse „Nische" in einer ethnisch-kulturell zersplitterten („multikulturellen") Gesellschaft zuzugestehen willens ist.
Immerhin: Wenn die Deutsche Polizeigewerkschaft nach dem erwähnten Gewaltverbrechen an Kriminalhauptkommissar Michael M. auf ein „konsequenteres Durchgreifen der Justiz" dringt und ein Repräsentant dieser Gewerkschaft offen die zunehmende „Aggressivität ausländischer Jugendlicher" problematisiert - für 2005 wurde eine Straffälligkeit eines Drittels der Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft verzeichnet! - so begünstigen solche Vorstöße eine kritische Auseinandersetzung auch mit der spezifischen Abkapselung muslimischer Einwanderer von der deutschen „Zivilgesellschaft". Diese Auseinandersetzung wird in Frankreich unter dem Vorzeichen einer Ächtung des „Kommunitarismus", namentlich des islamischen, geführt. In einem Land, das sich als eine supraethnische, aber politisch-kulturell homogene Etat-Nation begreift, wird nicht verkannt, daß es sich bei den rechtsnihilistischen sauvageons (Jean-Pierre Chevènement) der banlieues französischer Städte nicht um irgendwelche Migrantenkids handelt, sondern vorrangig um muslimisch geprägte Jungen nord- oder schwarzafrikanischen Ursprungs. Diese Jugendlichen forderten - so der republikanische Intellektuelle Alain Finkielkraut - nicht weniger als die „christliche oder jüdisch- christliche Tradition" Frankreichs heraus.


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