Sezession
18. September 2018

Ulrich Schacht ist tot

Götz Kubitschek / 8 Kommentare

Der Schriftsteller und DDR-Dissident Ulrich Schacht ist tot. Er verstarb am vergangenen Samstag in seiner Wahlheimat Schweden.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Schacht wurde 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren und studierte in Rostock und Erfurt Theologie. Mit 22 Jahren wurde er wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Haft verurteilt. 1976 konnte er in die Bundesrepublik ausreisen. Dort arbeitete er als Feuilletonredakteur und Reporter vor allem für die Welt und die Welt am Sonntag, später auch für die Junge Freiheit (was ihm immer wieder vorgeworfen wurde). Dennoch wurde Schacht 2007 zum Dresdner Stadtschreiber berufen. 2018 unterzeichnete Ulrich Schacht die „Gemeinsame Erklärung“ von Künstlern und Wissenschaftlern gegen eine „Beschädigung Deutschlands“ durch „illegale Masseneinwanderung“.

2007 schrieb der Bürgerrechtler Siegmar Faust, für Sezession anläßlich der Stadtschreiberwürde einen Beitrag über seinen Weggefährten Schacht. Wir dokumentieren diesen Text im Andenken an den Verstorbenen.

Meine eigenen Begegnungen mit Schacht waren zunächst nicht die von Autor und Leser. Sie erfolgten nicht auf literarischer Ebene, sondern waren politisch und skurril.

Politisch waren sie, weil Schacht zur sogenannten Neuen demokratischen Rechten um Rainer Zitelmann und Heimo Schwilk gehörte und 1994 mit Schwilk zusammen den Sammelband Die selbstbewußte Nation herausgab. Darüber kamen wir in Kontakt.

Dies führte zur skurrilen Anekdote: Als ich zum 100. Geburtstag Ernst Jüngers für die Junge Freiheit eine Beilage zusammenstellte, bat ich auch Schacht um einen Beitrag, und zwar mit einem Brief, der an die Redaktion der Welt gerichtet war, namentlich an Hjalmar Schacht. Als er mir das Kuvert mit einem dicken Fragezeichen versehen zurücksandte, hielt ich das für einen Scherz - ausgeschlossen, daß mir ein solcher Fauxpas hätte unterlaufen können.

Quatsch. Natürlich kann einem so etwas passieren. Wir haben uns später gut verstanden und über eine literarische Reihe bei Antaios gesprochen, für die er einige vergriffene und vergessene Bücher vorschlug.

Ruhe nun in Frieden!

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Ulrich Schacht - ein deutscher Dichter in Schweden (April 2007)

sez_nr_1711von Siegmar Faust

Der neue Stadtschreiber in Dresden heißt Ulrich Schacht. Mit Heimo Schwilk und Rainer Zitelmann sympathisierte er Anfang der neunziger Jahre mit einer „Neuen demokratischen Rechten", die den Schwung der Wiedervereinigung für Deutschland und gegen ein linksliberales Meinungskartell nutzen wollte. Aus dieser Nähe zur Politik wollten nun linke Kräfte in Dresden dem Journalisten Schacht einen Strick drehen. Es ist ihnen nicht gelungen. Doch droht wegen der Denunziation der Lyriker Schacht politisch überpinselt zu werden. Das wäre wiederum nicht angemessen.

Denn Gedichte sind ihm, wie er 1994 in einem Interview offenbarte, „die intensivsten Atemzüge meines Seins. Mit ihrer Hilfe überlebe ich die atemberaubenden Tiefen und Abgründe meines Lebens, das bislang nicht gerade arm war an derartigen Momenten" (Ulrich Schacht: Die Wiederentdeckung der Geschichte der Sonne. Versuch über die Poesie der Natur und ihr Erscheinen in der Natur-Poesie; in: Weißer Juli. Sechsunddreißig Gedichte und ein Essay, Hauzenberg 2007).

Wahrlich, sein Leben begann schon 1951 atemberaubend im sächsischen Frauengefängnis Hoheneck. Die große Liebe seiner Mutter zu einem russischen Besatzungsoffizier führte trotz propagierter „deutsch-sowjetischer Freundschaft" unter den damaligen Umständen schnurstracks ins Gefängnis. Daß der Vater nicht in einem sibirischen Lager verschollen ging, erfuhr der Sohn erst nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums. Die Biographie des Dichters, der sich auch als Essayist und Erzähler einen Namen machte, verlief gegen die sozialistischen Bildungsnormen und begann in seiner Heimatstadt Wismar: Grundschule, Konfirmation, Bäckerlehre, Hilfspfleger in einer psychiatrischen Einrichtung, Sonderreifeprüfung, Studium der Theologie, Relegation aus politischen Gründen, Hilfsarbeiten in kirchlichen Pflegeeinrichtungen und im Hafen von Wismar, Fortsetzung des Theologiestudiums an der evangelischen Predigerschule Erfurt, also in jenem Kloster, in dem sein theologisches Vorbild Martin Luther zum Reformator reifte.

Doch des Dichters „Klosterleben" begann erst 1973 nach Verhaftung und Verurteilung zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe wegen „staatsfeindlicher Hetze". Nach über dreijährigem Aufenthalt im Zuchthaus Brandenburg wurde er, wie insgesamt über dreiunddreißigtausend andere auch, in den Westen „freigekauft". Hier begann er ein Studium der Politikwissenschaft und Philosophie in Hamburg und zugleich eine langjährige journalistische Tätigkeit, zuletzt als Leitender Redakteur und Chefreporter für Kulturpolitik der Welt am Sonntag. 1990 erhielt er die wichtigste Auszeichnung im deutschen Journalismus, den Theodor-Wolff-Preis. Zahlreiche literarische Bücher erschienen seit Beginn der 1980er Jahre neben vielen politischen Polemiken, Analysen und Essays. 1987 gründete er in Dänemark mit überwiegend aus dem mecklenburgischen kirchlichen Gemeindeleben stammenden Freunden eine evangelische Bruderschaft, die sich vor allem neben Luther dem Märtyrer Dietrich Bonhoeffer sowie dem Deutschen Orden verpflichtet weiß, dessen Gegenwartszweig in der nationalsozialistischen Ära in Österreich verboten worden war.

Der „Dissident", wie er im Westen nicht besonders zutreffend in Bausch und Bogen mit den samt ihren Privilegien ausgereisten DDR-Autoren genannt wurde, gedieh jedoch auch im Westen rasch zum abtrünnigen Freidenker, nachdem er sich enttäuscht, also neu bekehrt aus seiner zwölfjährigen Bindung zur SPD gelöst und sich nach der Gründung der nationalliberalen Partei „Bund freier Bürger" kurzzeitig für sie eingesetzt hatte. Einen weiteren Eintrag ins rote Totem-Buch der Antifa-Wächter erhielt der Dichter, der politisch den Kurs Kurt Schumachers zu halten suchte, als er 1994 im Ullstein-Verlag zusammen mit dem Journalisten und Ernst-Jünger-Spezialisten Heimo Schwilk das Buch Die selbstbewußte Nation herausgab und ein hysterisches Rauschen und Raunen im linken Blätterwald heraufbeschwor.

Der Autor verhielt sich neben Botho Strauß, Rüdiger Safranski, Hartmut Lange, Ernst Nolte, Michael Wolffsohn, Klaus-Rainer Röhl, Brigitte Seebacher-Brandt unter anderem wie ein „Speerschaft", was nun wieder auf den Namen hindeutet, um den es hier geht, der von der niederdeutschen Lautform „Schaft" zur bergmännischen Bezeichnung der senkrechten Grube mutierte: ein abgrundtiefer, gewissermaßen in sich ruhender Schacht also.

Ulrich Schacht attackierte nicht nur tiefsinnig den SED-Staat, sondern besonders seine intellektuellen Kollaborateure im Westen Europas in geschliffener Sprache und von der Warte einer moralisch legitimierten Festigkeit, die seinesgleichen sucht. Doch der Kampf gegen die selbsternannten Political-Correctness-Kommissare kann zur Verbitterung oder Resignation führen. Schacht sah, wie „eine juristische und politische Aufarbeitung der zweiten deutschen Diktatur" vereitelt wurde und „Zehntausende totalitär verformte Parteiaktivisten" und Bankrotteure in die demokratischen Verwaltungen, Länderparlamente und in Fraktionsstärke sogar in den Bundestag einziehen durften. Gleichzeitig wurden die ehemaligen Widerständler der SED-Diktatur verhöhnt und die Opfer mit Brosamen abgespeist, ein fatales Geschehen, was um die Rechtsstaatlichkeit, die freiheitliche Verfassung und Zukunft der Demokratie nur bangen läßt.

Doch Schacht hat sich aus dem politischen Handgemenge 1998 nach Südschweden zurückgezogen, wissend, daß es auch dort „nicht spannungsärmer zu leben ist, als es ist". Doch er möchte seiner eigentlichen Be-Gabung, dem keineswegs unpolitischen Dichten und Denken, mehr Raum widmen: „Eis / Acker wüst / wächst die steinerne / Saat in den / Himmel Nichts / tritt dir entgegen Nichts / hindert dich wortlos zu / ernten das sprachlos / machende / Wort". Kunst, so hat er eingesehen, stellt „andere Policen" aus als alle parteilichen „Versicherungs-Gesellschaften". „Mit Gedichten im Kopf haben Menschen die Höllen von Auschwitz und Kolyma überlebt. Da waren die juristischen und politischen Versicherungspolicen, die sie zuvor erworben hatten, längst wertlos geworden."

Auch in der nahen Ferne distanziert er sich nicht von patriotischen Gedanken, derentwegen er in diesem neurotischen Deutschland angefeindet wurde, denn das „Bekenntnis zu einer Nation ist nicht Distanzierung vom Fremden, sondern Hinwendung zum Eigenen. Es meint, human grundiert, nicht Exklusivität, sondern Bereicherung, die auch dem Anderen nützt." In der kollektiven „Entgrenzung individueller Aggressivität" sieht er keine spezifisch deutsche Eigenschaft, sondern „eine inhumane Potenz der Gattung Mensch, also eine anthropologische Konstante, die es allerdings immer wieder einzugrenzen gilt". So notierte er es schon 1989 in sein noch unveröffentlichtes Tagebuch.

Doch sich am nächsten, in sich selber am tiefsten, ist sich Ulrich in seinem ureigensten Schacht, wenn er sich dem Quellgrund des Lebens mit Gelassenheit und Ehrfurcht nähert: der Natur im weitesten und zugleich offensten Sinne. Deren Substanz ist ihm Rhythmus, der sich aus Quellen speist, „die noch das Gras vor dem Haus mit dem Quasar an der Grenze des Sichtbaren verbinden". Seine Kollegen, die er verehrt, sind jene, denen er wie Peter Huchel, Johannes Bobrowski, Uwe Johnson, Paul Celan und einigen anderen zuhören kann. „Sie lehren mich, über ihren Tod hinaus, durchzuatmen. Trotz allem. Und immer wieder. Sie beweisen, daß das Gedicht dem Meer entspricht, dem Gebirge, der Wüste, dem Baum, der Liebe, dem Licht."

Modische Attitüden hat Schacht nicht nötig, denn sowohl im imposant beherrschten Handwerk als auch im genauen und liebenden Blick auf die Landschafts-Räume unseres Seins kommt es ihm auf das poetische Idyll an, dem er traut und dem er es zutraut, ein essentielles Leitmotiv untrennbarer „Verbindung von Harmonie und Notwendigkeit" zu sein. Das Idyll wehrt sich gegen das „ur-utopische Ziel: das Klon-Paradies der vollendeten Gleichheit oder die Diktatur des Mechanischen", also gegen das uneinlösbare Versprechen, das noch immer unter der teuflischen Maske vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz" hausieren geht und Unerfahrene zu aufgeklärten Idioten macht. Dem weniger Auf- und Abgeklärten aber, der mehr seinen Sinnen traut, gelingt am ehesten der „Rück-Schluß als Auf-Schluß. Der Ort der religio im Sinne von religare (,zurückbinden‘) entspricht solchem Prozeß", wie Schacht in seinem Essay zur Natur-Poesie erkannte.

Jene Stadt, die solch einen Dichter und Denker wie Ulrich Schacht auf eine gewisse Zeit zu ihrem Stadtschreiber ernennt, könnte ebenfalls „die intensivsten Atemzüge" ihres kulturellen Daseins erleben. Dresden hat bekanntlich ebenso „atemberaubende Tiefen und Abgründe" überlebt und ist bestens geeignet, einem solchen Bruder im rechten Geiste mehr als nur Asyl zu gewähren.

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pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (8)

Gustav Grambauer
18. September 2018 13:12

"Nach über dreijährigem Aufenthalt im Zuchthaus Brandenburg ..."

Für das Aussprechen des Wortes Zuchthaus (anstelle von "Strafvollzugseinrichtung") hätte es wohl Dresche mit Schlagstöcken gegeben, welche von den Kommandos nur "Sozialistische Wegweiser" genannt wurden. In Brandenburg waren die Wände der Zweierzellen aus der Nazi-Zeit herausgebrochen worden, um auf derselben Quadratmeterzahl Neuner"verwahrräume" zu haben (mit offenem Notdurftbecken in der Mitte). "Politische", auch dieses Wort wäre bestraft worden, wurden schon aus Prinzip voneinander isoliert und allein mit Mördern, oft hochgradig-gewaltaffinen Psychopathen, zusammengepfercht. Im oberen Bett konnte man schon wegen Sauerstoffmangels kaum schlafen (was aber den Vorteil hatte, daß die Ratten dort nicht hochkrochen). Bei den Massenschlägereien in den Eßsälen verriegelten die Wärter Verzeihung "Erzieher" die Türen von außen, so wie es der Makarenko-Doktrin der "Kollektiven Selbsterziehung" entsprach. Die Maschinen klebten von Blut aus den vielen Arbeitsunfällen ... Aus dem Humanistischen Strafvollzug wird hier berichtet, auch aus anderen Zuchthäusern der DDR, von den Verhaftungen, von der UHA, von den Transporten usw.:

https://www.youtube.com/results?search_query=angelika+feustel

https://www.youtube.com/results?search_query=rolf-dieter+weske

https://www.youtube.com/results?search_query=michael+verleih

https://www.youtube.com/results?search_query=gabriele+stötzer

Ein Elektronenphysiker mit Diplom der Akademie der Wissenschaften, damals in Brandenburg einsitzend wie er selbst sagt "nur wegen Unterlassung des vorauseilenden Gehorsams" (de facto wegen einer Bagatelle), ist genau der Typus, der heute stramm gegen Merkel ist und den Roten (!) Faden auch genau versteht:

https://www.youtube.com/watch?v=jsjdLrpCccM

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Die Altparteien haben heute nicht mehr die integrative Kraft, um den Außenauftritt der Dissidenten-Szene im von ihnen vorgegebenen und erzwungenen doktrinären Konsens zu halten. Interessanterweise beginnt die Erosion institutionell ausgerechnet bei der Gedenkstätte Hohenschönhausen, die seit den 90er Jahren und bis heute maßgeblich von der CDU (damals noch unter dem Slogan "Freiheit statt Sozialismus!") promoted wurde und wird, bitte "gedenkstätte hohenschönhausen afd" googeln. D. h. die sich nach außen zeigende Sollbruchstelle ist gerade nicht das kulturmarxistische Element dieser Szene. Vielmehr klärt sich jetzt mit Jahrzehnten Verspätung die damalige kulturmarxistische Diffusion von rechts her. Manchen, die von ihrer Disposition her damals eigentlich rechts waren (denen nur der Geist vernebel worden war), wird es jetzt im Nachhinein wie Schuppen von den Augen fallen, ich kenne bereits mehrere. Die werden niemals mehr mit dem Spiel "Probleme beim Aufbau des Sozialismus" einzubinden sein, und es ist zu erwarten, daß deren Zahl mit dem Niedergang der BRD sowie mit der sowieso gegebenen Reinigung der geistigen und kulturellen Atmosphäre exponentiell ansteigen wird. Viele, die damals von Grund auf Antikommunisten waren aber stattdessen auf die kulturmarxistische Leimrute gegangen sind, werden zur Besinnung kommen. Ich sage voraus, daß insbesondere die Havemann-Biermann-Fronde, der Protagonisten schon unter dem schieren Gewicht der Bundesverdienstkreuze den Rücken nie wieder geradekriegen, in absehbarer Zeit mit einer völlig anderen historischen Einordnung als bis heute scharf ins Rampenlicht gerückt werden wird. Spannend wird es erst richtig, wenn die Welle der Klarheit von rechts her in das Lügengebäude der lutherischen Kirche hineinbrandet.

RMH
18. September 2018 16:05

"Spannend wird es erst richtig, wenn die Welle der Klarheit von rechts her in das Lügengebäude der lutherischen Kirche hineinbrandet."

Dass dies möglichst bald kommt, dafür sollten wir alle beten. Insbesondere wäre ein Ausleuchtung der Verstrickungen und Kontakte des Vaters unserer Kanzlerin und dessen evtl. "Empfehlungen" und deren etwaige Bedeutung für den Karriereweg seiner Tochter mehr als interessant. Aber da dies hier ein Nachruf war, sollte diese Diskussion an anderer Stelle zu einem besseren Anlass geführt werden.

Ruhe in Frieden - Gerade heute brauchen wir die Erfahrungen der Widerständler aus der DDR!

Martin Heinrich
18. September 2018 21:40

Scheisse.
Warum sterben die Besten immer so früh?
Ich hatte mir vor einigen Wochen für viel Geld ein antiquarisches Exemplar "Die selbstbewusste Nation" gekauft. Und las mit großem Gewinn bei Achgut.co. "Kritik heißt jetzt wieder Hetze".
Mögen wir unsere Konsequenzen daraus ziehen. Und er in Frieden ruhen.

Marc_Aurel
18. September 2018 23:07

Der Tod von Ulrich Schacht ist ein schwerer Verlust!

Er hatte das Talent den Kern und das Wesen komplexer Themen geistreich, fundiert und anschaulich mit wenigen Worten herauszuarbeiten. Sein schwarzer Humor und die besondere Sprache, die er wählte, bei der ihm sicherlich seine Profession als Theologe sehr zugute kam, ließen seine Vorträge zum Erlebnis werden. Diese Gaben und Talente vereinigen nur wenige Menschen in sich.

So stellt man sich einen Mann Gottes vor: weise, unbestechlich, kritisch, aber auch humorvoll und warmherzig, jemand dem man anmerkt, dass er vergeben kann, der ein Gefühl hat für das richtige Maß.

Seine Darlegung totalitärer Utopien, basierend auf "verrücktgewordenem Universalismus", wie er es nannte, beginnend mit der französischen Revolution, über den Bolschewismus, den Nationalsozialismus, bis hin zum Globalismus, ist in ihrer Klarheit und Folgerichtigkeit hervorragend gelungen:

https://www.youtube.com/watch?v=hgKCSv4ZvOs

Wenn alleine diesen Videobeitrag mehr Menschen sehen und in seiner vollen Tragweite verstehen würden, wäre "die Welt in der wir leben" eine andere.

Ruhe in Frieden!

Gustav Grambauer
19. September 2018 21:15

Marc Aural

Allerbesten Dank für den Hinweis auf das Interview bei MFV. Es hat mich gerade dazu veranlaßt, Ulrich Schacht in meiner Literaturpensenliste von - in weitgehender Unkenntnis, was für ein Versäumnis - sehr weit unten nach ganz oben auf Platz 1 zu setzen. Habe in dem Interview einen Seelenverwandten erkannt. Mag schon sehr die Art, wie er die Themen anfaßt, die Leichtigkeit an der wahrscheinlich selbst durchlittenden Schwere. Mag auch sehr, das wird vielen so gehen, sein gutes Verhältnis zum Pfeffer. Oh, den hätte ich gern mal kennengelernt ...

Was das Interview betrifft: zuerst dachte ich daran, es meinen linken Bekannten weiterzuleiten. Aber der hat ja nahezu jedem etwas zu sagen!

Ja, möge er in Frieden ruhen.

- G. G.

Ruewald
20. September 2018 09:58

Ein würdigender Nachruf von Michael Klonovsky:
https://vera-lengsfeld.de/2018/09/18/nachruf-auf-ulrich-schacht/

Monika
20. September 2018 11:02

Als Mitarbeiterin der Zeitschrift "DDR-heute" lernte ich Ulrich Schacht in den 80 er Jahren kennen. Neben seinem glasklaren Verstand und seinem Humor beeindruckten mich am meisten seine Totalitarismus-kritischen Bücher ( "Gewissen ist Macht") und Essays. Diese erinnern in ihrer Diktion an den Bürgerrechtler Vaclav Havel. Wie dieser versuchte Schacht bis zu seinem Tod in "der Wahrheit zu leben." Jenseits rechter und linker Ideologien und Strategien zog Schacht wie Havel seine politischen Schlüsse. Er behielt die Würde des einzelnen Menschen immer im Blick. Demütig in Anbetracht der "menschlichen Natur" konnte er die Gefahren des Totalitarismus in seiner ganzen Tiefe erfassen. Zuletzt beschrieb er in beklemmender Weise "Deutsche Profile eines Dritten Totalitarismus" im Magazin TUMULT , Sommer 2018
Dort liest man: "Je absichtsvoller Geschichte zu machen versucht wird, heißt das, um so katastrophischer das Ergebnis: Ordnungs-Machwerke, taumelnd zwischen Herrschaftsanarchie und Willkürherrschaft. Un-Ordnung, bis sich Erschöpfung breitmacht."
Die darauf folgenden Ausführungen über EU- Kommissäre lassen den Atem stocken...
Hoffen wir, dass wir in diesen Zeiten nicht erschöpfen, sondern Kraftquellen finden. Für Ulrich Schacht war dies sein Glaube.
Im Oktober wollte ich ihn in Neudietendorf hören.
Er wird fehlen.
Ruhe in Frieden.

Maiordomus
25. September 2018 11:36

So wie seinerzeit Alexander Solschenizyn bedeutsamer war, auch im historischen Sinn des Wortes, als die Politiker, so gilt dies wohl annähernd für Ulrich Schacht. Dem Kommentar von @Monika kann ich mich nur anschliessen. Ich verneige mich vor dem Andenken des Poeten und wahren Widerständlers. "Der Platz des Gerechten auf Erden ist zwischen Stühlen und Bänken, im Himmel aber zur Rechten Gottes", vermerkte einmal die klügste und in jeder Hinsicht scharfsinnigste Schriftstellerin Österreichs, Marie von Ebner-Eschenbach, gest. 1916.

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