Sezession
1. Februar 2007

Autorenportrait Emil Cioran

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 16/Februar 2007

sez_nr_161von Till Kinzel

Man mag es für höchst passend halten, daß einer der düstersten Denker des 20. Jahrhunderts, ein Antiphilosoph der Weltverneinung und ein brillanter Aphoristiker, aus Rumänien stammt. Denn Emil Cioran, der 1911 in Rasinari, am Nordrand der südlichen Karpaten, in der Nähe von Hermannstadt, geboren wurde, gehörte zu jener Generation rumänischer Intellektueller, die nicht nur an sich selbst, sondern auch am Zustand ihres Landes verzweifelten. Die rumänische Kultur wurde von Intellektuellen wie Cioran als eine Kultur aus zweiter Hand erlebt: „Es ist überhaupt nicht bequem, in einem Land aus zweiter Hand geboren zu sein", schreibt Cioran in seinem am meisten umstrittenen, nur rumänisch vorliegenden Buch, der Verklärung Rumäniens von 1936. (Cioran kürzte die Ausgabe von 1990 um die seiner Meinung nach stupiden Teile, die sich unter anderem mit den Juden befaßten - eben das, wofür ihn Eliade damals gelobt hatte, der für Cioran die Druckfahnen durchsah). Dieses seltsame Buch steht neben einigen Zeitungsartikeln im Zentrum der Diskussion um Ciorans Verhältnis zum mystischen Nationalismus beziehungsweise Faschismus der Eisernen Garde. Es ist daher aufschlußreich, daß Cioran deren Führer Corneliu Zelea Codreanu ein Exemplar seines Buches zukommen ließ, das indes bei Legionären, rumänischen Nationalisten und orthodoxen Traditionalisten keineswegs auf ungeteilte Zustimmung stieß.

Aus der Verzweiflung über die faktische Existenz Rumäniens resultierte der Wunsch, ein neues Rumänien zu schaffen, ein Wunsch, in dem sich Utopismus und Fanatismus mischten: „Ich wünsche mir ein fanatisiertes Rumänien", schrieb Cioran, „ein Rumänien im Delirium, ein Rumänien mit der Bevölkerung Chinas und mit der Kultur Frankreichs." Der Rausch des Fanatismus war für den jungen Cioran gleichsam das Feuer, mit dem er glaubte spielen zu müssen - im Rückblick erschien ihm jedoch in seinen rumänischen Schriften „das Delirium allgegenwärtig".
Der Philosoph Lucian Blaga, der eine große Bedeutung für die Nietzsche-Rezeption in Rumänien hatte und stark von Spengler geprägt war, lieferte dagegen in seiner Theorie über den „mioritischen Raum" eine Art Rechtfertigung Rumäniens als Kulturnation. („Mioritisch" hieß dieser Raum nach der „Miorita", einer Volksballade über ein kleines Lamm, die von Blaga als zentraler Ausdruck rumänischer Kultur interpretiert wurde.) Andererseits setzte bei den bedeutendsten Intellektuellen früh eine Orientierung an der zentral- und westeuropäischen Kultur ein, junge Rumänen strebten damals wie heute nach Stipendien, die ihnen einen Aufenthalt zum Beispiel in Paris ermöglichen sollten. Mircea Eliade, Emil Cioran und Eugene Ionesco etwa gingen ins Ausland und begannen später sogar in anderen Sprachen zu schreiben. Der Versuch Ciorans, sich mit seiner Entscheidung für das Französische zugleich mit der Sprache auch von der rumänischen Vergangenheit zu lösen, von der „Tragödie der kleinen Kulturen", als die er die rumänische im ersten Kapitel der Verklärung Rumäniens ansah, konnte nicht gelingen. Bis zuletzt war er, als er längst den Nationalismus seiner Jugend hinter sich gelassen hatte, von Spenglers Kulturphilosophie beeinflußt und vom Schicksal der kleinen Völker besessen.


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