Sezession
20. August 2015

Laßt tausend Blumen blühen!

Ellen Kositza / 28 Kommentare

Kein Trend ohne Gegentrend: Seit bald einem Jahrzehnt wird die neue „Landlust“ ( oder: Landliebe/Landleben/Landiylle) der Deutschen beschrieben und vermarktet; eine nicht nur für die Medienwirtschaft enorm gewinnträchtige Mode:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Eigentlich sympathisch, daß Leute ihre Zeit und ihr Geld nun für Kauf und Hege alter Rosen-, Tomaten-, Rübensorten ausgeben, daß sie wieder in der Erde wühlen, daß sie im Rahmen dieses Selbstmachtrends dazu selbstgenähte und eigens bestickte Schürzen tragen, ihr Streuwiesenobst in selbstgezimmerten Stiegen lagern, liebevoll mit kalligraphisch gestalteten Etiketten beschriftete Marmeladen zum selbstgebackenen Brot kredenzen, dazu ein Gläschen selbstgefertigter Holunderlimo.

Ach ja, laßt tausend bunte Blumen blühen, schreinert Insektenhotels, betreibt Beautypflege aus der puren Natur – es ist schon sehr in Ordnung! Besser live als virtuell!

Allerdings bin ich davon überzeugt, daß hierbei kein kernhaftes „Umdenken“ im Gang ist, sondern daß es sich dabei um einen rein hobbymäßigen Trend von (nahezu) ausschließlich Großstädtern handelt.

Nicht nur, weil diese bewußt „unentfremdete“ Arbeit meist nur ein Hantieren mit gefälligen Sahnestückchen ist, also im Regelfall im Effekt vielleicht 1% des persönlichen Konsums ausmacht. Es geht um Optik und Gefälligkeit; deshalb fehlen in all den pittoresken Land-Zeitschriften auch Schlachttips und verdorbene Ernten, es gäbe keine hübschen Bilder her.

Nein, auch weil der Gegen (und Haupt-)trend mir weit eindringlicher erscheint! Meine kleine Völkerpsychologie, allein am Befund der ländlichen Garten- und Vorgartengestaltung erstellt, ergab schon vor Jahren, daß etwa der Engländer die Sache pragmatisch sieht:

Neumodisches Zeug aus dem Baumarkt braucht er nicht, weder grüne Metallzäune noch Standardeinfassungen aus Betonguß. Er hat sich, anders als der (gerade Mittel-)Deutsche auch keine Rolladenkästen andrehen lassen, wozu auch? Auf die typisch (alt)deutsche Idee, einen wiederkehrenden Ein- und Ausgrabeaufwand mit Dahlienknollen zu treiben, Studentenblumen vorzusäen, zu pikieren und zu verpflanzen, kommt er nicht.

Er, der Engländer, sieht auch nicht ein, die Tulpen nach dem Frühjahr auszugraben und zum Trocknen aufzuhängen, um dann Sommerknollen einzusetzen und im Herbst mit Chrysanthemen zu prunken. Wieviel Mühe für einen bescheidenen Nutzen!

Nein, er hat seinen gepflegten Rasen, ein paar pflegeleichte Stauden, dazwischen gern großzügige Aufschüttungen von Schieferblättchen, damit nichts sinnlos rumwuchert. Daß es dennoch gut aussieht, liegt an der Beibehaltung der alten Natursteinmauer, des bewährten Holzzauns, dem Fehlen von Münchner Rauhputz an den Fassaden. Gab‘ s in England eigentlich je Glasbausteine? Plastikklinker?


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (28)

Mr. Kurtz
20. August 2015 08:19

Darüber, ob es auf dem Lande derzeit wirklich schwerwiegendere Probleme als Vorgärtenumbauten gibt, ließe sich trefflich streiten. In Grenznähe sicher, aber dafür hat man ja u.a. die Rollkästen, welche die Engländer aufgrund ihrer Insellage bisher anscheinend nicht gebrauchen konnten. Das dürfte sich nun auch ändern.
Der Garten auf dem Foto folgt jedoch weder einer "sinnlosen Romantik" noch einer sinnvollen romantischen Tradition (was immer das in diesem Kontext sein mag), sondern der japanischen. Hier geht es vor allem um die absolute, harmonische Gestaltbarkeit der Umwelt, welche die Japaner im Garten ausleben, anstatt sie, wie in Europa seit der Französischen Revolution üblich, totalitär auf die Gesellschaft zu übertragen. Ein sehr sympathischer Zug, auch wenn die dabei herauskommenden Gartenprodukte für meinen Geschmack etwas streng wirken.

Gustav Grambauer
20. August 2015 09:17

Meine wöchentliche ästhetische Selbstschulung im Alter von 12, 13, 14, 15:

https://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/unter-unserem-himmel/dieter-wieland-topographie-100.html

übrigens zeitgleich mit der Lektüre der weltliterarischen Dystopien, die Ambivalenz war mir schon klar.

Ich vermute, daß auch die heutigen Käufer der "Wieland-Edition", je 20 Folgen für 199 Euro, in der Regel nur noch zur Dekadenzija zu zählen sind.

Hinter Ihrer Bezugnahme auf die hortikulare Insel-Kultur muß ich auf einen unfaßbaren Zynismus hinweisen, denn deren Trägern haben wir unseren - nicht nur gärtnerischen - Niedergang maßgeblich zu verdanken. Die Tragik ist aus meiner Sicht nur in ihrer ganzen Tiefe zu verstehen wenn man weiß, daß der Goetheanismus von Großbritannien her hingemordet wurde.

Die Feulleton-Rezensionen und Landhaus-Stil-Heftchen werden in der kommenden Not einfach verfeuert werden, ob ein Koj-Karpfen genießbar ist, weiß ich nicht. Unbemerkt von deren Leserschaft füllen sich seit Jahren ganze Bibliotheken mit Prepper-Handbüchern ...

- G. G.

ceterum censeo
20. August 2015 09:21

Ob der Garten auf dem Bild japanisch sein soll, sei dahingestellt. Augenkrebs ist aber garantiert. Dann doch lieber auf einer Nesselranch wohnen. :-)

Schopi
20. August 2015 09:45

Dem Vorgarten auf dem Foto liegt wohl weniger das Vorbild eines ZEN Gartens zugrunde, als vielmehr eine Vorlage aus dem Katalog eines Garten- und Lanschaftsbaubetriebes "Wie gestalten Ihre Träume" - wer genug Geld locker macht, muß für solches weder eigene Phantasie noch Arbeitskraft investieren.

Waldgänger
20. August 2015 09:53

Kann Frau Kositza bestätigen.
Die neue "Landlust" ist nicht immer, aber meistens eine Angelegenheit, die mit Luxus zu tun hat: genug Zeit für Tinnef und hübschen Schnickschnack, genug Geld - und sei es für die relativ teuren Zeitschriften. Dazu passt dann eine Gartensendung wie "Querbeet".

Und dass jene Tausende, ja Zehntausende, die unsere unwirtlich gewordenen innenstädte verlassen und sich an der Peripherie ihr Eigenheim bauen lassen, nichts von Garten, Natur und Gärtnern verstehen, das sieht man ja den Grundstücken gleich an.
Mitunter tun einem diese Leute leid, weil sie - selbst wenn sie wollen, was ja vorkommt - so vieles nicht wissen.
Sie wollten einfach nur rausebenso hässlichen wie modischen Würfelhaus einfach nur zeigen, dass sie "geschafft haben".

Andererseits fällt mir beim Spaziergang durch städtische Kleingartenanlagen und abgelegene Dorfstraßen aber doch auf, dass es mehr Johannisbeersträucher, kleine Obstbäume, Stangenbohnen und Hochbeete mit Gemüse gibt als noch vor zehn Jahren.
Sogar Hühner hört man mitunter gackern, wo es jahrelang keine gegeben hat.
Schön!

Hortensia
20. August 2015 11:46

Liebe Frau Kositza ,

Ich bin durch Zufall auf Ihre interessante Seite gestoßen. Und begeistert !
Auch ich habe einen Hang zu schönen Gartenheften. Denn ich bin eine wilde Gärtnerin.
Ich lese aber nur die, die Gutes bewahren und Schönes entdecken. Und die deutsch schreiben und nicht von home & garden & style faseln.
Oder wo zwei Männer ihre Gartendeko präsentieren ( home & homo) .
In schönen Gartenheften wird mein Bedürfnis nach Heimat , Geborgenheit, Vertrautem gestillt. Da gibt es noch Jahreszeiten, regionale Bräuche, Herbststimmung, Basteleien, blonde Mädchen mit kunstvollen Flechtfrisuren usw.
Ich versichere Ihnen: das ist ein großes Geschäft . Gerichtet auf die noch besser gestellten bürgerlichen Deutschen. Und dieser Markt wird erbarmungslos abgegrast:
Es gibt sie noch, die guten Dinge. Wer weiß, wie lange noch.

Googelt einfach mal die Kombination Asylanten / Vorgarten.

In meinen Vorgarten hänge ich jedenfalls kein dekoratives Holzschild mehr, auf dem Welcome steht.
Vielleicht pflanze ich dort nächstes Jahr eine Dornenhecke.
Als Kind hatte ich übrigens furchtbare Angst, an Kleingärten vorbeizugehen, auf deren Gartentüren stand: Vorsicht Selbstschüsse !
Mein Vater konnte mich beruhigen: das sei nur ein Trick, um Obstdiebe fernzuhalten. Um das Gute zu bewahren, sozusagen.

Es grüßt eine wilde Gärtnerin
Hortensia

P.S. Meine dickste Tomate ( Ochsenherz ) wog heuer 565 Gramm !
Die Tomatensuppe ist köstlich.

ConservativeInTraining
20. August 2015 11:53

Vielleicht kann ich hier ja einen Buchtip zum Gartenthema ergattern. Schwerpunkt Nutzpflanzen. Eher Lern- und Arbeitsheft als Coffeetable-Book. O.k., robuste Zierpflanzen dürfen auch vorkommen. Aber das Landliebe-Genre soll es halt nicht sein.

Hesperiolus
20. August 2015 12:05

Das Foto zeigt keinen Vorgarten, vielmehr die billige Nachahmung einer hässlichen exterior design Fläche nach Mode der vorletzten Jahre, so steril und einfallslos wie die Behausungen dahinter und das in diesen gelebte Leben. Villa Arpel! Gegen den Strich dazu nach Adorno: Es gibt kein richtiges Gärtnern im falschen Leben! Zur Meta-Hortologie wirklich "kernigen" Gärtnerns möge der Kenner die Nebelsche Queckomachie mit ihren wie immer bei diesem Autor wuchtigen Grundsätzen in "Gemüsegarten und Freiheit" nachlesen. Über Polen/ehemalig/Deutschland liest man bei den geschätzten Autoren dieser Seite als peccatum veniale hinweg.

Arminius Arndt
20. August 2015 12:30

@Grambauer

Danke für den Hinweis auf die Sendung "Topographie" des BR - die war schon damals, bei den Erstausstrahlungen, wider den Zeitgeist und ist eine der wenigen Perlen, welche der ÖR-Funk gesendet hat.

@Waldgänger,
in meiner Gegend zeigen bei den im städtischen Bereich gelegenen Kleingärten und Gärten vor allem die zugezogenen (Deutsch-) Russen, Polen etc. und auch Türken, dass sie den berühmten "grünen Daumen" haben, da wird in der Tat noch Gemüse aller Art angebaut. Aber verlässt man das städtische Gebiet und kommt ins ländliche, welches bei uns noch deutlich Deutsch dominiert ist (allenfalls Deutsch-Russen oder andere Balkan-Deutsche sind hier in den letzten 30 Jahren neu dazu gekommen), dann findet man auch wieder das schlichte gartenbauliche Können, welches von den Müttern auf die Töchter seit Jahrzehnten weitergegeben wurde (wobei ich hier schwer den Eindruck habe, dass wenn die "Mutter" des Hauses mal weg ist, die jetzigen Kinder sicher den Garten nicht mehr weiter pflegen werden).

Zum Thema:
Als Nachfahre eines Vertriebenen musste ich mir meine Gärten erst selber kaufen, während die "autochthonen" ihre (geerbten) Gärten verfallen haben lassen oder allenfalls für ne Party ab und an benutzen. Was man nicht selber erwirbt, scheint weniger Wert zu sein ...

Das im Artikel beschriebene "Gardening" sehe ich ähnlich zum "Cocooning" ...

Gab‘ s in England eigentlich je Glasbausteine? Plastikklinker?

In England/Britannien gab`s bis vor kurzem auch nur ganz selten Isolierverglasung und die Mischarmatur im Bad ist bis heute eher "Teufelszeug", dafür hat man dann Teppichböden in den Bädern statt Fließen und den Durchlauferhitzer direkt in der Duschkabine ... ;)

Glasbausteine und Plastik-Pseudo-Fachwerkoptik habe ich hingegen durchaus häufiger auf den britischen Inseln wahrnehmen können.

marodeur
20. August 2015 12:32

Die westdeutsche Gartenkultur ist ein Sammelsurium aus Geschmacklosigkeit und Ignoranz. Die gesamte Bandbreite der Bepflanzung kann meine 6-jährige Tochter vollständig erkennen. Immer wieder Kirschlorbeer, Tuia, ein bisschen Buchs, dazwischen Rasen. Gerne auch großflächig buntes Geröll und gefärbter Holzabfall - überall diese unsäglichen Pflanzkübel aus dem Obi "geschmückt" mit hässliche Eisengestänge, Glaskugeln und anderem Tand. Ich sehe ehrlich gesagt den Unterschied zwischen Land und Neubaugebiet überhaupt nicht. Das ganze Grünzeug ist eh nur Sichtschutz für das Forum des westdeutschen Hausbesitzers - den betonierten Stellplatz für den Webergrill. Da investiert der Bauherr 600 Euro pro Quadratmeter ohne geringste Lust, den freien Raum in irgend einer Weise zu nutzen. Alles soll möglichst pflegefrei sein. Überall schöne Betonplatten, damit die Natur in Form von Ratten und Igeln nicht doch noch reinkommt. Ich frage mich ernsthaft, warum es all diese Menschen "ins Grüne" zieht, obwohl sie doch offenkundig die Natur verachten.

Peter Niemann
20. August 2015 13:05

Das Bild sieht nach meinem Gusto wie kalifornischer Rasen aus, dürrebedingt minimales Grün. Oder hyperpostmodern einfach nur pragmatisch stinkfaul. Fairerweise muß man sagen, daß viele Menschen sich ebenfalls nur noch als Zierde des Landes ansehen bzw. vom modernen System als austauschbar wie Rasen-Blumen-Pflastersteine etc. betrachtet werden. Da paßt es, daß die Gartengestaltung weder tief verwurzelt noch besonders funktional im Sinne des Eigenanbaus ist - man fühlt sich als "Bevölkerung" und "Mensch" der "zufällig" in irgendeinem Land geboren wurde und nicht Gemeinschaft, Volk, wehrhafter tief verwurzelter Bürger.

Andreas Walter
20. August 2015 13:07

Streuwiesenobst? Ich habe extra noch mal nachgeschaut und mir dabei auch diverse über das Land verstreute Wiesen die einem gehören auf denen Obstbäume wachsen vorgestellt, denn auch das ist ja nicht undenkbar.

Doch Streuobst gibt es tatsächlich, ebenso wie es Streuwiesen gibt. Und auch eine gemischte Nutzung wäre denkbar. Streuwiesenstreuobst wäre das aber dann, wenn man ... ja seltsam.

Woher kommen die Ausdrücke tatsächlich, worauf beziehen sie sich? Auf die verstreute Lage der Wiesen, auf die verstreute Lage diverser Obstbäume auf der Wiese, auf den Wiesen, oder auf die Einstreu, die man von solchen Wiesen auch gewinnt, egal ob sie verstreut liegen oder auch nicht und ob überhaupt Obstbäume auf ihnen stehen?

Feinheiten, über die sich auch nur ein Agraringenieur Gedanken macht, der sich für die Ursprünge, die Wurzeln eben auch von Sprache und der Worte, der Begriffe interessiert.

Denn wie so oft ist alles ein Spiegel, wie eben auch die Gärten, die Sie beobachten.

Darf ich fragen, ob Sie und/oder Herr Kubitschek Kinder von Vertriebenen sind? Denn auch ich wurde im Leben oft entwurzelt, meine Diplomarbeit handelt von Hydroponik. Ein Zusammenhang, der mir aber auch erst Jahre später aufgefallen ist.

Kositza: Ja, ich bin Vertriebenenkind, und sicher ein sehr "typisches". Streuobstwiesenobst- wir haben familiär auch schon öfter über diesen Begriff gelacht und philosophiert.

Rosenkranz
20. August 2015 14:03

Nach Jahren des Aufbaus hatte ich es geschafft, daß mein Garten (200qm)im letzten Jahr ca. 600€ in Form von Lebensmitteln abgeworfen hat. Überproportional an diesem Ergebnis waren Honig, Beeren, Physalis, Tomaten, Kürbis, Bohnen und Kartoffeln beteiligt.

Meine Gartennachbarn haben dafür kein Gespür. Sie rackern sich für Rasen, Blumen und Ziersträucher ab und freuen sich, wenn sie für 5€ einen 10 Kilo Sack Kartoffeln im Angebot ersteigern.

Da Hamburg ja nun eine wachsende Stadt ist, (Ja, was wächst ist Kriminalität, Respektlosigkeit und die Zahl der dunkelhäutigen Neubürger) fällt die gesamte Gartenanlage nun einem riesigen Bauvorhaben mit Sozialwohnungen zum Opfer. SPD und Grüne sorgen nun dafür, daß wir alle unsere Gärten wohl im nächsten Jahr verlieren werden. Die Stadt hat schon mal einen Vermessungstrupp losgeschickt, obwohl ein Gerichtsurteil noch ausstehend und die Kündigung noch nicht erfolgt ist. Das Schlimmste ist aber die Verhöhnung und die Verachtung des Gärtners vonseiten der Politik. Bei mir beruht die Verachtung auf Gegenseitigkeit, aber wie viele Leute machen vor diesen Politikdarstellern auch noch artig Männchen?

Es ist nicht leicht, in dieser Stadt nicht verrückt zu werden. Alle Psychotherapeuten haben lange Wartelisten.

jack
20. August 2015 14:48

@ Hesperiolus

Adorno hier zu zitieren ist wie den oben bildlich gezeigten "Vorgarten" als
Zenprodukt zu bezeichnen. Nur eins: absolut unpassend !

Konservativer
20. August 2015 16:16

Sehr geehrter Herr Grambauer

Die Dieter Wieland Dokumentationen sind allesamt sehenswert.
Auf dieser Seite wurden sie schon einmal empfohlen (waren Sie das ?).
Glücklicherweise gibt es noch einige wenige davon auf YouTube:

https://www.youtube.com/watch?v=h464P_ztgfg

Eckesachs
20. August 2015 17:54

@Übender Konservativer

Ein Kaffetischbuch für Sie:

John Seymour, Leben auf dem Lande, Ravensburger

Ein Bilderbuch, in welchem fast jedes Selbstversorgerthema angeschnitten wird - dadurch etwas oberflächlich - aber ein guter Einstieg für den Unbedarften.

Weiterführend:

Brett l. Markham, Minifarming, Kopp

Auf VS-amerikanische Verhältnisse zugeschnitten, aber brauchbar.

Das Beste aber ist, wenn man alteingessene Nachbarn fragen kann, wie man was am besten anbaut.


Kositza: Ja! Taten wir damals auch. Komischerweise (mag an unserer Gegend liegen...) hatten die vor allem chemische Tipps parat; alle bestens ausgerüstet. Erinnere mich noch an diese Gesprächssequenz: "Was? Ob ich auch die Beerenbüsche spritze? Nee, nee. Nur zweimal, einmal, im März, und dann nochmal im Mai..." Dann die Sache mit dem Mangold, den wir sehr mögen. Als wir sagten, das sei unser Lieblingsgemüse, gab´s Kopfschütteln: Der wächst hier nur für die Gänse & Enten... Daß wir den selbst verspeisen galt beinah als asozial.

Eckesachs
20. August 2015 17:55

Ja.

Kaffeetischbuch.

Alteingesessen.

Westpreuße
20. August 2015 18:22

"Nun waren wir gerade in Polen, und zwar im ehemals deutschen Teil."

Frau Kositza,

so wird es wohl sein. Und ändern kann ich es nicht. Ich erkläre jedem Polen, sofern es sich ergibt, daß die Ostprovinzen im Staate Polen deutsch sind. Für mich. Und für einige andere auch noch. Und irgendwie verstehen sie das und sagen: Ja ja, aber jetzt ist es polnisch...
Und vertreiben will ich auch niemanden mehr...

Also wäre das schon einmal geklärt. Und nun zu Gärten und Landschaften:
Das Kleine im Großen und das Große im Kleinen...

Gottfried Benn, 1886 in der Westprignitz (Brandenburg) geboren, hat das Land jenseits der Oder zeitlebens als seine Heimat betrachtet:

"Als ich ein halbes Jahr alt war, zogen meine Eltern nach Sellin in der Neumark; dort wuchs ich auf. Ein Dorf mit 700 Einwohnern in der norddeutschen Ebene, großes Pfarrhaus,
großer Garten,
drei Stunden östlich der Oder. Das ist auch heute noch meine Heimat, obgleich ich niemanden mehr dort kenne, Kindheitserde, unendlich geliebtes Land."
(Lebensweg eines Intellektualisten, 1934).

Und in seinem Gedicht "Teils teils" spielt auch wieder ein Garten eine Rolle, obwohl er es in seinem späteren Leben nie mehr mit Gärten zu tun hatte, sondern eher mit Frauen...

"Nun längst zu Ende
graue Herzen, graue Haare
der Garten in polnischem Besitz
die Gräber teils - teils
(...)
Sela, Psalmenende."

Und "vollendet schön", wenn man das so sagen darf, sein Garten-
und Landschaftsgedicht "Einsamer nie". Und wer spricht da eigentlich?
Er selbst, das "lyrische Ich"..?!

Von ihm selbst gesprochen: Einsamer nie (Gottfried Benn)
https://www.youtube.com/watch?v=pAFYiDEjDUI

Und das Gemälde im Hintergrund von Julian Onderdonk: Na, von dem habe ich ja noch nie etwas gehört. Eine Kunststudentin machte mich drauf aufmerksam.

Garten und Landschaft kann also noch mehr sein.
Sie schreiben es ja auch...indirekt - direkt...

Patriotische Grüße aus Thorn an der Weichsel

Nemo Obligatur
20. August 2015 19:10

Ein Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Hier meine zwei Groschen:

Dass es heute weniger gewachsene Gärten gibt als früher (mein persönlicher Eindruck) liegt im Trend der Zeit. Schauen Sie die Städte einmal an, die Bebauung in den Vororten und Außenbezirken der Großstädte. Früher: Kleines Haus, großes Grundstück. Heute: Kleines Grundstück, großes Haus. Im "Idealfall" mit Doppelgarage und Kiesauffahrt. Der Garten verschwindet unter dem Haus.

Die Häuser wären dann wieder ein Thema für sich. Aber wer baut und kauft ein modernes großes Haus?

(Längerer Einschub: Wir reden hier nur von der Stadt, auf dem Lande sieht dann alles wieder ganz anders aus. Zumindest sofern von dem betreffenden "Land" aus der Arbeitsplatz in der Stadt NICHT mit dem Auto noch zu erreichen ist. In diesem Fall verschwimmen die Unterschiede und es wäre wieder auf Dieter Wieland zu verweisen. Wer es literarischer mag, darf auch zu Peter Kurzeck greifen.)

Leisten kann sich ein Haus in den großen Städten eigentlich nur noch die gutbezahlte Führungskraft, besser noch das kinderlose Doppelverdienerpaar, am besten von außen zugezogen. Diese Hausbesitzer aber sind ständig unterwegs. Am Wochenende, aber auch in der Urlaubsszeit, die früher (und jetzt rede ich von der Generation der um 1920 oder früher geborenen, das ist die Generation meiner Großeltern) konsequent auf der heimischen Scholle verbracht wurde - werden musste! D.h. vier Wochen am Stück "ackern". Entsprechend sah der Garten dann auch aus. Trifft man heute noch auf so einen Garten, handelt es sich bei den Eigentümern meistens um Rentner.

An unseren Häusern und Gärten kann man mithin mühelos unseren Lebensstil ablesen. Besondere Kennzeichen: Wurzellosigkeit und Zukunftsmangel - und das alles mit zuviel Geld. Ist das nicht zum Haareraufen? Nie war Deutschland reicher und klüger, nie hatten wir mehr Wissen&Möglichkeiten. Und was machen wir daraus? Siehe Bild oben!

An dieser Stelle ziehen Sie, lieber Leser, bitte noch ein paar Gran Misanthropie ab, denn ich hatte heute keinen guten Tag...

Marius
20. August 2015 19:29

Der erste Beitrag von Ihnen, werte Frau Kositza, den ich nicht verstehe. Man kann Zeitschriften wie "Landlust" (Imitate gab es danach zuhauf) vorwerfen, etwas zu stilisieren, was zur Attitüde wird, ohne authentischen Bezug zu Ursprünglichem herzustellen - in der ähnlichen Art, wie mancher der Sezession vorwirft, aus dem Elfenbeinturm zu sehen, ohne einen Bezug zur Basis zu entwickeln - auch hier nur Attitüde?

Kositza: Wer uns ein bißchen kennt oder hier schon länger mitliest (beispielsweise meine dürftigen Hausfrauengeschichten oder Kubitscheks Notizen zu "Schreibtisch, Garten, Alltag" (o.ä.)) kann dem Gedanken an einen "Elfenbeinturm" doch schwerlich verfallen! Die gedruckte Sezession freilich versteht sich als intellektuelles Magazin. Alles in allem, sich dem "Wahren, Schönen, Guten" verpflichtet zu sehen, dürfte durchaus ein ganzheitlicher Zugang sein. Uns als "Landlust" für Rechte zu sehen - den Gedanken halt ich doch für weit hergeholt.

Beiden Zeitschriften wird man sicherlich auf diese Weise nicht gerecht. Ich hoffe, nicht der einzige zu sein, der hier einen Zusammenhang sieht.

Eckesachs
20. August 2015 20:06

,,Es geht um Optik und Gefälligkeit; deshalb fehlen in all den pittoresken Land-Zeitschriften auch Schlachttips und verdorbene Ernten, es gäbe keine hübschen Bilder her."

Ganz recht.
Blut mag der Städter auch nicht so gern. Die Kühe und Enten ,,essen" auch Gras statt es zu fressen, sie ,,trinken" und sie saufen nicht. Der Rüde ist ein ,,Junge", die Hündin ein ,,Mädchen". Das Rehwild ist nicht trächtig, sondern ,,schwanger",den Kindern wird erzählt, der tote Kanarienvogel sei ,,weggeflogen"

Daran, und an der Jack Wolfskinjacke erkennt man ihn leicht, den Städter.

Mit Anleitungen zum Schlachten, Bauanleitungen für Geflügelrupfmaschinen und Rezepten für schlachtfrische Blutwurst würde sich das Produkt ,,Landlust" nicht mehr so gut verkaufen.

Wo sonst liegen Erfolg und Mißerfolg so dicht beieinander wie im Gartenbau und in der Landwirtschaft? Bunte Zeitungen zeigen nur den Erfolg, hübsch zurecht gemacht vom Photographen. Sie verkaufen Illusionen.

Frei nach Lorenz: ,,Kosmetikhersteller verkaufen kein Lanolin, sondern Hoffnung."

Nur eine weitere Nische für das BRD-Konsumschweinchen. Aussteigen für Reiche.

Venator
20. August 2015 20:22

Ist es unromantische Pragmatik, was der Vorgarten ausdrückt, oder ist es die immer größere Arbeitsbelastung, die nötig wird, um den Lebensstandard zu halten?

Österreich scheint hier jedenfalls die üblichen fünf Jahre zurück zu sein. Weder auf dem Land noch in der Stadt habe ich das bisher in auffälliger Menge gesehen. Aber vielleicht verkehre ich auch in den falschen (oder eigentlich den richtigen) Gegenden.

Waldschrat
21. August 2015 08:08

Die Leute fressen "convenience food" aus dem Chemiebaukasten der Lebensmittelindustrie und selbst ein beträchtlicher Anteil der Mütter mit kleinen Kindern hat keine Ahnung mehr, wie richtiges Kochen funktioniert. Und zwar selbst hier in unserem Dorf im Spessart.

Wenn ich an der Supermarktkasse stehe und betrachte, was da bei anderen auf den Bändern liegt, bekomme ich Beklemmungen. Für simpelste Gerichte, die man mit drei, vier einfachen Zutaten wunderbar selbst zubereiten könnte, werden die Giftbeutel von Knorr und Maggi gebraucht.

Wenn es schon daran scheitert, woher soll dann noch die Lust und das Interesse am Garten, das Wissen über den Garten kommen?

Die ganze Gesellschaft ist heute durchseucht von einer Mentalität, die alles eigenständige Tun und Handeln und jede selbst errungene Meinung und Kenntnis, ja im Grunde jede Verantwortung von sich selbst weg delegiert.

Die Erziehung zu Kinderkrippen und zur Schule, das Alltagsrisiko an drei Dutzend Versicherungen für alle Lebensbereiche, die Bildung an Wikipedia, die Meinung an BILD, Stern und ZDF, die Ernährung an Kraft und Knorr, und das Zuhause eben an einen GaLaBau-Betrieb.

Ex und hopp. Man bekommt ja alles für Geld, kann alles fix und fertig kaufen. Erziehung, Ideen und eine eigene Meinung. Selbst Gesundheit und ein fast ewiges jugendliches Leben und dazu noch für die Dame das passende Gesicht beim Chirurgen. Wozu dann noch der ganze eigene Aufwand?

Um Pflegeaufwand und Folgekosten möglichst niedrig zu halten, empfiehlt der Fachmann bei der Beratung dann eben jene unpersönliche, austauschbare und leblos wirkende Landschaft aus gefärbtem Kies, Formbeton und niedrigen Buchsbaumkugeln. Wer so einem "Garten" hat, kann übrigens auch problemlos zwei- bis dreimal jährlich für einige Wochen in den Pauschalurlaub jetten, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen. Auch ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt.

simple
21. August 2015 12:35

Liebe Frau Kositza,
ach, was mag ich Ihre Beiträge. Allerdings lebe ich jetzt am Meer, am Atlantik. Und jeden Tag gehe ich mit einem anderen Eindruck schlafen. Ich weiß, daß meine Eltern aus Ostpreußen vertrieben wurden, aber dennoch ist es hier in Südwestfrankreich so schön wie in den Masuren. Lange Zeit gab es hier nichts, was einem Wandel unterworfen wurde. Es gibt gepflegte Fenster mit Blumen, schöne Vorgärten und vor allem dieses schöne Meer. Ganz schlicht, aber gewaltig. Es geht auch ohne Blumen und Firlefanz.
Bitte, schreiben Sie weiter so schöne Texte für mich. Es ist nur noch ganz wenig deutsch in mir, jedenfalls aber noch die Liebe zur deutschen Sprache, die Sie auch kennen.
Herzliche Grüße, auch an Herrn Kubitschek

Frenchman
21. August 2015 21:42

Ich lebe in einem Reihenhaus in der Mitte.

Mein rechter Nachbar ist eine alleinerziehende Frau mit Kind (blonder Junge, sehr guter Eindruck), die auf Schwarze steht und mit jenen diskret verkehrt, wie ihre Schwester, die mit einem US-Schwarzen ein gemeinsames Kind hat.
Mein linker Nachbar hat eine Tochter, die mit Schwarzen drei Kinder hat und jetzt in einer Großstadt lebt.

Beide haben wunderbar schöne Vorgärten und gepflegte Gärten hinter dem Haus. Sie sind Musterdeutsche - soweit es die Gärten anbelangt.

Ich überlasse meinen Vorgarten dem Walten der Natur. Ebenso hinter dem Haus. Außer Rasenmähen läuft da nichts.

Das paßt den Musterdeutschen nicht. Am meisten nervt der linke Nachbar. Jüngst habe ich ihm gesagt: "Es interessiert mich nicht, was ihr über meine Gärten zu sagen habt. Meine Gärten sind ein Abbild der BRD. Ich lasse es wuchern und kenne kein Unkraut. Auch eine große Distel hat ihren Reiz. Alles ist bunt, alles wuchert, wie es will. Deutschland war gestern".

Jetzt sitze ich in meinem Garten unter dem Sternenzelt, eine Konföderierten-Flagge hängt sichtbar am Zaun und das deutsche Bier schmeckt mir heute besonders gut. Da wird der Nachbar heute noch ein paar Schnäpse mehr kippen müssen, um sich dazu zu entschließen eine erneute Unterschriftensammlung in der Nachbarschaft "gegen den Nazi" zu starten.

Peter Niemann
22. August 2015 00:50

Lieber Frenchman,
Ich kommentiere sehr selten die Veröffentlichungen anderer, finde aber ihre Parallele gelungen. Lassen Sie den Garten doch ruhig "bunt" sein als Symbol ihrer Nachbarinnen, die sich da verlottern. Ja, als die Goten in Rom im frühen 5. Jahrhundert einfielen, da war es unerheblich ob Gaius Maximus oder Primus Antonious, um einige Namen zu erfinden, noch das Würfelspiel so spielten wie unter Cäsar oder den Hausgöttern den Segen zusprachen wie "man" es tat. Am Ende waren sie durch die Goteneffekte tot, bzw. in einer Völkermélange unter gebuttert, denn Kräfte größer als ihre Vorstellungskraft es erlaubten,hatten sie wie an Schnüren herumgeführt.
Beten wir zu Gott, daß wir mehr sind als diese Marionetten. Falls nicht, dann genießen Sie die Disteln, schauen Sie zu, daß Sie ebenfalls Ihren Samen verbreiten (oder auch nicht - macht das einen Unterschied?) und lachen Sie solange Sie können. Es sind düstere Zeiten in Europa, ob nun Gewalt auf uns zukommt um die Eindringlinge vom Eindringen fortzuhalten, Gewalt weil die Eindringlinge entlang ethnisch-religiöser Bruchlinien gegen ihre "neue Heimat" vorgehen wenn die Krise des Kapitalismus erwartungsgemäß kommt oder Gewalt, weil die Eindringlinge die "neue Heimat" einfach nur als etwas Falsches und zu Bekämpfendes und Änderndes ansehen.
Dann doch lieber über Gartengestaltung reden!

Heinrich Brück
22. August 2015 10:44

Die Gartengestaltung in diesem Land, auf dem Bild oben ist eher eine arbeitsbedingte Hofgestaltung zu sehen, zeigt auch die Lebensgestaltung und ihren zugemessenen Wert.
Der Deutsche könnte den Sechsstundentag arbeitsmäßig einführen, und als Ergebnis noch mehr Geld haben. Nicht in diesem System.
Ein schöner Garten kostet immer Zeit und Kraft, und ist wohl auch ein Zeichen unbändigen Lebens. Die japanische Version ist im Irrtum Mittel zum Zweck, jedenfalls weder schön noch ansprechend. Sogar Friedhöfe werden baumarkttechnisch verschandelt.
Das moderne Sklavendasein hat nur Zeit für Bankenrettungen zu arbeiten, unmögliche Mieten zu bezahlen (war die DDR besser dran), schwachsinnige Immobilienpreise plus Zinsen zu blechen, bleibt für Kind und Garten nicht mehr viel Zeit.
In solchen Beobachtungen wird die BRD zu etwas ganz anderem, als sie vorgibt zu sein.

Ellen Kositza
22. August 2015 14:11

Danke, Ende!

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