Sezession
1. Februar 2007

Negoi – Eine Wanderung

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 16/Februar 2007

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez_nr_164In der Wandererhütte am Fuße des Negoi, in der Gaststube der Cabana, aß ich eine dicke Gemüsesuppe aus Kohl, Rüben, Lauch und Zwiebeln, versalzen auf Wunsch, gegen die Krämpfe in den Beinen. Das Gemüse für die Suppe hatte der Wirt neben Gasflaschen, Wein und ein paar neuen Ziegeln für die frischen Sturmschäden am Schleppdach seiner Hütte mit Maultieren aus dem Tal an die Baumgrenze geschafft, weil es auf den schmalen Pfaden gar nicht anders geht. Als die kleine Karawane um die Mittagszeit an mir vorbeizog, sah ich, wie der Wirt mit seinem handy eine Nachricht verschickte, als sei dies ganz normal, weit oben in den Südkarpaten.

Denselben schroffen Gegensatz hatte ich in der Nacht zuvor erlebt, als ich mein Tagesziel erreichte: ein kleines Kaff, in dem nicht eine Lampe brannte, durch das ich nur stolpern konnte, so finster war es dort. Als ich dann die Tür zur Kneipe öffnete, fiel blaues Licht heraus, an vier Flachbildschirmen wurde im Internet gechattet: vielleicht mit irgendwelchen jungen Leuten, die aus dem Kaff am Fuße des Negoi, dem Kaff, in dem nicht eine Lampe brannte, nach Kanada geflohen waren, nach Deutschland, Frankreich oder in die USA.
Tags darauf traf ich einen der Chatter wieder, als ich das Dorf verließ und den Pfad in die Höhe fand: Er trieb vor mir die Büffel der Gemeinde auf eine Weide. Er pfiff dabei ein Lied und schien am abendlichen Blick ins Internet, am sekundenschnellen Flug durch tausend virtuelle Räume nicht allzu lange zu verdauen. Gleich erkannte er mich wieder, und wir zogen ein Stück gemeinsam weiter. Dann lagerte er sich im Schatten einer Mauer und wünschte mir viel Glück auf meinem Weg. Als ich nach einer halben Stunde noch einmal zurückblickte, sah ich ihn noch immer an der Mauer sitzen, und ich sah auch die kleine Karawane, die der Wirt führte und die mich in zwei Stunden eingeholt haben würde.
Nun speiste ich also in der Berghütte meine Suppe. Nach der Mahlzeit setzte ich mich auf eine Bank ins Freie, um zu rauchen. Aus dem Schatten eines Baumes löste sich ein alter Mann und sprach mich an, auf Deutsch, akzentfrei.
Was ich hier machte, fragte er, warum ich hier sei und wie mir Rumänien gefalle. Und dann entschuldigte er sich und sagte, sein Name sei Mihail.
Was wollte ich in Rumänien? Wandern, in Ruhe wandern, überhaupt: Ruhe. Pferdekarren, Sensen und Brunnenwasser, das war der Rhythmus, den ich mir gefallen ließ für einen Gang nach Innen. Ich wollte ein wenig nach verlorenen Dingen suchen.
Mihail, mit dem ich gleich ein Bier trank, verstand, was ich meinte, er verstand es so gut, daß er mich, indem er es von seiner Warte aus deutete, regelrecht entlarvte.
Mihail erklärte mir, daß meine Heimat schnell, glatt, durchorganisiert sei, und daß ich mich aus Überdruß in die Rustikalität und in das einfache Leben seiner Heimat stürzte, in ein Leben also, das in Deutschland so nicht mehr zu finden war.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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