Sezession
1. Februar 2007

Mircea Eliade heute

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 16/Februar 2007

sez_nr_165von Wolfgang Saur

Gottfried Benn hat einmal die moderne Kultur als „pamphletistischen Ritus" bezeichnet und damit den destruktiven Impuls einer totalisierten Kritik aufs Korn genommen. Das ist unser Fall. Kultur und Wissenschaften um 2000 gleichen oftmals Schlachthäusern, die den Jungen zur Plünderung und Abwickelung überantworten, woran ihre Vorgänger sorgsam bauten. Statt die synthetische Kraft der Idee zu erweisen, verkommt das Denken zur Abrißbirne. Es kann weder die Zusammenschau disparater Momente leisten, noch Kontinuität in der Zeit stiften. Offenkundig wird das im Umgang der Wissenschaften mit ihrer Disziplingeschichte und den vormals legendären Fachvertretern aus älterer Zeit. Deren posthume Entnazifizierung ist, gerade in Deutschland, zur banalen Alltäglichkeit verkommen. Doch Politisierung ist noch die leichteste Übung. Mißgunst gegen Biographien, Wissen, Theorien und Methoden steigert sich zur allgemeinen Vatermörderei. Das hat zur Zerschlagung der Zeitachse und einer kompletten Fraktalisierung geführt. Statt umsichtiger Integration des schon Geleisteten und behutsamer Aneignung der Altvorderen, ruft „Paradigmenwechsel" alle 5-10 Jahre ein Sammelsurium neuer Prinzipien aus. Freilich ist all das auch bloßer Reflex des Warenzyklus und Funktion akademischen Karrierestrebens. Doch vollzieht es sich nach Maßgabe einer aggressiven Rationalität, die universalistische Fiktionen offensiv einsetzt. Ihr Hohepriester in der Bundesrepublik ist Jürgen Habermas.

Dessen Interesse, resümiert Joachim Soosten, gilt „nicht der Sinnrichtung von Prozessen der Institutionalisierung, sondern der Etablierung von Dauerkritik. Rationale Handlungsorientierungen und rationale Lebensführung formen sich erst in dem Maß heraus, in dem sich ,durch Dauerkritik verflüssigte‘ Lernprozesse bilden lassen. Die Rolle von Metaphern, Symbolen oder Narrationen schon im Bereich der Sprache selbst und ihre Funktion in religiösen Überlieferungen bleiben damit unterbestimmt." Nicht die „synchrone Vernetzung und Verstetigung kultureller und religiöser Ordnungsmuster", vielmehr die „kommunikative Verflüssigung von Traditionsbeständen ist das Ziel einer Theorie, in deren Mittelpunkt der rationale Sinn normativer Geltung steht."
Solch „institutionalisierter" Pietätlosigkeit epistemologischer und „ideologiekritischer" Art verdankt sich auch der Ikonoklasmus gegen Mircea Eliade und dessen Werk. Eliade, der lange Zeit als bedeutendster Religionswissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts galt, als „James Frazer seiner Generation", teilt das Schicksal der damnatio memoriae mit einer ganzen Gruppe bedeutender Kollegen der zwanziger bis sechziger Jahre, den sogenannten „Religionsphänomenologen". Sie alle werden jetzt als subjektiv, willkürlich, unwissenschaftlich, vor allem aber der „Kryptotheologie" und des Irrationalismus verdächtigt.


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