Ulrich Schacht I

aus Sezession 54 / Juni 2013

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Das Tage­buch ist eine ver­füh­re­ri­sche Text­form, weil es dem Autor zwei­er­lei erlaubt und dem Leser eines vor­spie­gelt: Der es schrieb, kann ergän­zen oder strei­chen und eine Druck­fas­sung vor­le­gen, die dem, der sie liest, den­noch authen­tisch vor­kommt. Ger­ma­nis­ten ler­nen mit den Les­ar­ten der­lei Text­ent­ste­hung umzu­ge­hen, und sie wer­den in ein paar Jahr­zehn­ten auch die voll­stän­di­ge Urfas­sung bei­spiels­wei­se jener Nota­te Ulrich Schachts phi­lo­lo­gisch durch­leuch­ten dür­fen, deren Aus­wahl aus den Jah­ren 1983 bis 2011 nun erschie­nen ist.

Schacht ist sicher einer der mora­lisch red­lichs­ten Schrift­stel­ler, die der­zeit an der Arbeit sind. Er kam im Frau­en­gefäng­nis Hoheneck/Stollberg zur Welt, saß als Dis­si­dent in Haft und schrieb gegen lin­ke Uto­pien und Ver­bre­chen an. Schacht gilt zu Recht als unbe­stech­li­che, anti­to­ta­li­tä­re Instanz. Die Lage der Nati­on ist sein The­ma, er dekli­niert es durch: vom 11. Janu­ar 1983 (»Zwei Natio­nen in Deutsch­land? Wer das durch­hal­ten will, muß bereit sein, ein Idi­ot zu wer­den«) über den 28. Mai 1991 (»Die Nati­on ist nichts Hei­li­ges, gewiß; aber sie ist etwas Wesent­li­ches«) bis zum 3. Sep­tem­ber 2011 (»Die Nati­on ist kein Kon­strukt von Theo­re­ti­kern vor jeder Empi­rie, viel­mehr ist sie eine rea­li­täts­ge­sät­tig­te Ablei­tung dar­aus«) – um nur drei von vie­len Text­stel­len zu nennen.

Beseelt ist er ab dem 9. Novem­ber 1989, wenn auch nur für eine kur­ze Span­ne: Die Mau­er fällt, »alle Träu­me waren scham­los sinn­voll. Alles Durch­hal­ten hat in die­se Ziel­ge­ra­de geführt: Deutsch­land hat Gna­de vor der Geschich­te erfah­ren.« Und wei­ter: »Kein Hauch von Rach­sucht durch­zog mich«, das Werk der Auf­ar­bei­tung will ange­gan­gen sein: »Nicht hämisch oder gar tri­um­phie­rend; wohl aber genau, prä­zi­se, nichts aus­las­send.« Das ist nicht hart gesagt, son­dern so, als sei es selbstverständlich.

Aber da die­ses Unter­fan­gen nicht selbst­ver­ständ­lich war und schei­ter­te, notiert Schacht über den Ver­lauf der Jah­re sei­ne Suche nach einer Ruhe, einer Ankunft: am Ende ist es Schwe­den, und ein hei­les Haus auf einem wohl traum­haf­ten Stück­chen Land. Dar­über und über die Lie­be zum Licht, zum Nor­den, zum Schnee, zur Käl­te han­deln die Nota­te eines unbe­irr­ba­ren, sehr bele­se­nen Man­nes, der kämp­fen muß­te, obwohl er auf einen mil­den Grund­ton gestimmt ist.Zu einem beson­de­ren Kampf aller­dings feh­len die Nota­te: Ein­mal hat Schacht in die Resti­tu­ie­rung der Wür­de der Nati­on direkt ein­zu­grei­fen ver­sucht. Das weiß, wer sich mit der Geschich­te der »Neu­en demo­kra­ti­schen Rech­ten« um Rai­ner Zitel­mann, Hei­mo Schwilk und eben Ulrich Schacht beschäf­tigt hat: Die­se Publi­zis­ten beka­men in den frü­hen Neun­zi­gern – jener Pha­se einer Wen­de-para­ly­sier­ten Lin­ken – sowohl in der Welt als auch im Ull­stein-Ver­lag Macht­po­si­tio­nen in die Hand.

Schacht war unter ande­rem Mit­her­aus­ge­ber des Sam­mel­ban­des Die selbst­be­wuß­te Nati­on, gegen den das Feuil­le­ton gera­de­zu panisch Sturm lief. Indes: Über die­sen Kampf um rechts­in­tel­lek­tu­el­le Vor­pos­ten fin­det man in den Tage­bü­chern des Kom­bat­tan­ten Schacht kein Wort. Er hat sie aus­sor­tiert für die­se Ver­öf­fent­li­chung, kein Zwei­fel: Schacht über­springt ein­fach jene Mona­te und Ereig­nis­se, die für uns beson­ders inter­es­sant wären. Nun hof­fen wir, daß der­einst die voll­stän­di­ge Fas­sung für die For­schung frei­ge­ge­ben wird.

Ulrich Schacht: Über Schnee und Geschich­te. Nota­te 1983–2011, Ber­lin: Mat­thes & Seitz 2012. 335 S., 22.90 €.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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