Sezession
22. Juni 2013

Ulrich Schacht II – Unheimliche Paradiese

Gastbeitrag

5379_720x600aus Sezession 54 / Juni 2013

von Heino Bosselmann

Selbst Prosa hat ein empfundenes Alter, insbesondere wenn sie in erster Person daherkommt. Es liest sich an den Inhalten, mehr noch an der Sprache ab. Diese hier tanzt nicht, turnt nicht, sitzt zurückgelehnt und bevorzugt den Plauderton. Sogar der Humor lächelt gemächlich.

Ulrich Schachts Texte klingen altersweise (nicht -milde!), und man hört zu, wie man einem honorigen Herrn zuhört – geduldig, höflich und ohne zu unterbrechen. Da sitzt der Autor in seinem Prager Lieblingscafé, blickt über die Moldau zum Hradschin, genießt Chardonnay, denkt über Absinth nach und raucht. Dieser behagliche Moment wird zum Anlaß, eine Verbindung zu konstruieren zwischen dem Prager Frühling und dem Widerstand gegen das EU-Rauchverbot: »Heute sitzen, ging ich den eingeschlagenen Gedankenweg weiter, die neuesten alternden Revolutionäre zwar weit im Westen, kurz vor dem Ärmelkanal, aber daß in den Restaurants zu Prag noch immer blauer Dunst aufsteigen darf, treibt sicherlich ganze Kommissariate in der Welthauptstadt des Allerneusten Menschen um, in unzähligen Sitzungen zu prüfen, wie man dieses Mal das interventionistische Theorem von der begrenzten Souveränität im Falle Prags anwenden könne …«

Und während man nachsinnt, ob die Invasion der Sowjets und die EU-Bürokratie stimmig zu vergleichen wären und ob solch syntaktische Umständlichkeit gute Literatur ist, zieht der Autor an der Zigarre und erledigt gleich noch den arabischen Frühling, weil er sich sicher ist, der ginge unausweichlich den Weg der iranischen Revolution, hält eine Laudatio auf Vaclav Klaus, der nur die tschechische, nicht aber die EU-Fahne dulde, und wettert gegen die »Wetterapokalyptiker«, die Hysterie verbreiten würden, diese »Priesterkaste der Klimaerwärmungskirche (…), begleitet von schaummauligen Tetzeln, die auf den medialen Marktplätzen dem wohlgenährten Dummvolk die Sündenregister herunterbeten und die große Kehre einfordern, die darin besteht, die Dächer mit vergifteten Sonnenkollektoren zu bepflastern …« Als Suada beachtlich, als Erzählung bemüht.

Der Autor geht lieber shoppen, fidet aber in einem Antiquariat prompt Feuchtwangers Moskau 1937, diese unselige Ehrenrettung des Stalinismus, zitiert daraus das Übelste und erregt sich erneut, bis das Kapitel in einem Absinth-Geschäft verdämmert. Recht großkalibrig, denkt man. Ginge es nicht subtiler? Vor allem: Das ist weniger Prosa als Vortrag, Polemik, Geschichtsdidaktik. Anderes bleibt seltsam, gewinnt aber keine Kraft: »Am Abend las Gregor S., ein Dichter aus den Weiten des Nordens, in einem Schloß an der Grenze zum Böhmischen …« So beginnt Schachts Die Verwandlung. Man erwartet sich also – zumal wegen Gregor S(amsa)! – eine Portion Kafka, wird aber mit einer seltsamen Metamorphose hingehalten, die der »Dichter« aus Erregung während seines Vorlesens durchmacht.


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