Ulrich Schacht II – Unheimliche Paradiese

5379_720x600aus Sezession 54 / Juni 2013

von Heino Bosselmann

Selbst Prosa hat ein empfundenes Alter, insbesondere wenn sie in erster Person daherkommt. Es liest sich an den Inhalten, mehr noch an der Sprache ab. Diese hier tanzt nicht, turnt nicht, sitzt zurückgelehnt und bevorzugt den Plauderton. Sogar der Humor lächelt gemächlich.

 Gastbeitrag

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Ulrich Schachts Tex­te klin­gen alters­wei­se (nicht ‑mil­de!), und man hört zu, wie man einem hono­ri­gen Herrn zuhört – gedul­dig, höf­lich und ohne zu unter­bre­chen. Da sitzt der Autor in sei­nem Pra­ger Lieb­lings­ca­fé, blickt über die Mol­dau zum Hradschin, genießt Char­don­nay, denkt über Absinth nach und raucht. Die­ser behag­li­che Moment wird zum Anlaß, eine Ver­bin­dung zu kon­stru­ie­ren zwi­schen dem Pra­ger Früh­ling und dem Wider­stand gegen das EU-Rauch­ver­bot: »Heu­te sit­zen, ging ich den ein­ge­schla­ge­nen Gedan­ken­weg wei­ter, die neu­es­ten altern­den Revo­lu­tio­nä­re zwar weit im Wes­ten, kurz vor dem Ärmel­ka­nal, aber daß in den Restau­rants zu Prag noch immer blau­er Dunst auf­stei­gen darf, treibt sicher­lich gan­ze Kom­mis­sa­ria­te in der Welt­haupt­stadt des Aller­neus­ten Men­schen um, in unzäh­li­gen Sit­zun­gen zu prü­fen, wie man die­ses Mal das inter­ven­tio­nis­ti­sche Theo­rem von der begrenz­ten Sou­ve­rä­ni­tät im Fal­le Prags anwen­den könne …«

Und wäh­rend man nach­sinnt, ob die Inva­si­on der Sowjets und die EU-Büro­kra­tie stim­mig zu ver­glei­chen wären und ob solch syn­tak­ti­sche Umständ­lich­keit gute Lite­ra­tur ist, zieht der Autor an der Zigar­re und erle­digt gleich noch den ara­bi­schen Früh­ling, weil er sich sicher ist, der gin­ge unaus­weich­lich den Weg der ira­ni­schen Revo­lu­ti­on, hält eine Lau­da­tio auf Vaclav Klaus, der nur die tsche­chi­sche, nicht aber die EU-Fah­ne dul­de, und wet­tert gegen die »Wet­ter­apo­ka­lyp­ti­ker«, die Hys­te­rie ver­brei­ten wür­den, die­se »Pries­ter­kas­te der Kli­ma­er­wär­mungs­kir­che (…), beglei­tet von schaum­mau­li­gen Tetzeln, die auf den media­len Markt­plät­zen dem wohl­ge­nähr­ten Dumm­volk die Sün­den­re­gis­ter her­un­ter­be­ten und die gro­ße Keh­re ein­for­dern, die dar­in besteht, die Dächer mit ver­gif­te­ten Son­nen­kol­lek­to­ren zu bepflas­tern …« Als Sua­da beacht­lich, als Erzäh­lung bemüht.

Der Autor geht lie­ber shop­pen, fidet aber in einem Anti­qua­ri­at prompt Feucht­wan­gers Mos­kau 1937, die­se unse­li­ge Ehren­ret­tung des Sta­li­nis­mus, zitiert dar­aus das Übels­te und erregt sich erneut, bis das Kapi­tel in einem Absinth-Geschäft ver­däm­mert. Recht groß­ka­li­brig, denkt man. Gin­ge es nicht sub­ti­ler? Vor allem: Das ist weni­ger Pro­sa als Vor­trag, Pole­mik, Geschichts­di­dak­tik. Ande­res bleibt selt­sam, gewinnt aber kei­ne Kraft: »Am Abend las Gre­gor S., ein Dich­ter aus den Wei­ten des Nor­dens, in einem Schloß an der Gren­ze zum Böh­mi­schen …« So beginnt Schachts Die Ver­wand­lung. Man erwar­tet sich also – zumal wegen Gre­gor S(amsa)! – eine Por­ti­on Kaf­ka, wird aber mit einer selt­sa­men Meta­mor­pho­se hin­ge­hal­ten, die der »Dich­ter« aus Erre­gung wäh­rend sei­nes Vor­le­sens durchmacht.

Über­haupt wird wenig erzählt. Der Autor sin­niert eher und for­mu­liert Gedan­ken­pro­to­kol­le, in denen er sein Welt­bild aus­brei­tet. – Im ers­ten Abschnitt des Buches aus der Per­spek­ti­ve sei­nes schwe­di­schen Wohn­sit­zes. Man lebt bewußt im Abseits, das Inte­ri­eur wie von Carl Lars­son gemalt, umge­ben von auf­ge­schlos­se­nen Nach­barn, alle­samt intel­lek­tu­ell, ein biß­chen berühmt, gut essend, noch lie­ber gut trin­kend – ein geist­rei­ches Milieu, in dem man mit­ein­an­der spricht, kocht, denkt und in lan­gen Sym­po­si­en alles ver­tieft. Damit die­ser skan­di­na­vi­sche Frie­dens nicht zu sta­tisch gerät, wer­den Kon­tras­te ein­ge­zeich­net. Ein totes Reh­kitz in der Idyl­le. Eine geheim­nis­vol­le alte Frau, die sich als deut­sche Emi­gran­tin erweist, Goe­the lie­bend und Schil­ler, Sel­ma Lager­löf gar noch per­sön­lich ken­nend, aller­lei Geis­tes­grö­ßen biblio­phil und in Bil­dern ver­sam­melnd. Fer­ner eine Grä­fin im Pfle­ge­heim, wie­der Emi­gran­tin, die auf ein Paar unga­ri­scher Exi­lan­ten hin­weist, er von den Sowjets ver­folgt, sie als Jüdin vor­her von den Nazis. Die Num­mer am Arm blitzt auf. Schick­sal über Schick­sal im schwe­di­schen Schnee.

Ein­mal führt ein Strom­aus­fall auf der Bahn­stre­cke einen Wahl­schwe­den mit einem ech­ten und einem Nie­der­län­der zusam­men, und man par­liert über Geschich­te und Natio­nen, über Olof Pal­me, den Fall der Gren­zen, die Glo­ba­li­sie­rung und den Vor­teil der Mon­ar­chie. Was der Autor poin­tiert dar­zu­stel­len meint, was gar als poli­ti­sche Weis­heit inten­diert wird, das wirkt über die zahl­rei­chen Län­gen oft behä­big, banal und mit­un­ter gar selbst­ge­fäl­lig. Sicher, es geht um tie­fe Lotungs­ver­su­che. Wenn der Autor ins Mau­so­le­um unterm Roten Platz hin­ab­steigt, eine dan­tesk colo­rier­te Rei­se, die auch Sta­lin, den »Höl­len­hund aus Gori«, auf­ruft und das tra­gi­sche Schick­sal der Lyri­ke­rin Zweta­jewa. Der Ich-Erzäh­ler ver­harrt als Sie­ger der Geschich­te vorm Glas­sarg, dar­in der »Dia­bo­lus« Lenin.

Im drit­ten Teil nach Paris, schö­ner Jugend­er­in­ne­run­gen voll, eher in Dur, dann nach Vene­dig, der Seri­nis­si­ma, eher in Moll. Stets asso­zi­ie­rend, deu­tend und jede Impres­si­on mit Bedeu­tun­gen auf­la­dend, selbst das, was wenig her­gibt. Man ver­steht das aus Ulrich Schachts trau­ma­ti­sie­ren­der Erfah­run­gen mit dem DDR-Sozia­lis­mus. Man ver­steht es kon­tex­tu­ell, kann es nur nicht durch­weg lite­ra­risch genießen.

Ulrich Schacht: Klei­ne Para­die­se. Erzäh­lun­gen. Berlin/Hörby: Edi­ti­on Ruge­rup 2013. 184 S., 17.90€.

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