Deutsche Religion?

pdf der Druckfassung aus Sezession 16/Februar 2007

von Karlheinz Weißmann

In seiner großen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts hat Thomas Nipperdey die Meinung vertreten, daß die Besonderheit der religiösen Entwicklung in Deutschland während dieses Zeitraums nicht nur auf die Vorbedingungen - Reformation und Glaubensspaltung - zurückzuführen sei, sondern auch auf eine anhaltende, zunehmend anachronistisch wirkende Ernsthaftigkeit in Glaubensfragen.

 Gastbeitrag

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Bereits in der Roman­tik hat­te sich die­se Ernst­haf­tig­keit gel­tend gemacht, aber zu zwei unter­schied­li­chen Reak­tio­nen geführt: der Rück­wen­dung zum katho­li­schen weil mit­tel­al­ter­li­chen Chris­ten­tum einer­seits und der Hin­wen­dung zu einer pan­the­is­ti­schen Natur-Reli­gio­si­tät ande­rer­seits. Letz­te­re hat­te Berüh­rung mit der Auf­klä­rung und mit dem Klas­si­zis­mus, aber das roman­ti­sche Ele­ment kam dar­in zur Gel­tung, daß hier, wenn auch noch nicht im Zen­trum, so doch am Rand, die Fra­ge nach dem reli­gi­ös Eige­nen, dem „teut­schen” oder „ger­ma­ni­schen” wie man sag­te, gestellt wurde.

In sei­nem unlängst erschie­ne­nen Buch Der Ger­ma­nen­my­thos (Darm­stadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft 2005. 408 S., geb, 74.90 €) hat sich Ingo Wiwjor­ra auch mit die­sem Zusam­men­hang beschäf­tigt, denn er bestimmt den poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Ger­ma­nis­mus als geis­ti­ge Bewe­gung, „die einer­seits mit dem Chris­ten­tum, ande­rer­seits mit den weit­rei­chen­den Säku­la­ri­sie­rungs­ten­den­zen der Moder­ne in Kon­kur­renz getre­ten” sei. Wiwjor­ra spürt den Anfän­gen des Ger­ma­nen­my­thos bis in das Mit­tel­al­ter und die Zeit der Renais­sance nach. Er schil­dert die Vor­be­rei­tung im acht­zehn­ten und die Ent­fal­tung im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert, erläu­tert den ideo­lo­gi­schen Plu­ra­lis­mus eben­so wie den Ein­fluß von Sprach- und „Spa­ten­wis­sen­schaft”, von Ras­sen­kun­de und Geo­gra­phie, um schließ­lich auf die gra­vie­ren­de Umprä­gung des Geschichts­bil­des und damit der kol­lek­ti­ven Iden­ti­tät zu kom­men, die nicht nur das „ex ori­en­te lux” fah­ren ließ, son­dern auch die Ori­en­tie­rung an der Anti­ke als Norm in Fra­ge stell­te. Wenn an die­ser Arbeit etwas zu wün­schen übrig blie­be, dann die Klä­rung des Pro­blems, wel­chen Wert man den ras­sen­ge­schicht­li­chen Ablei­tun­gen des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts heu­te noch zuspre­chen kann, deren Ein­fluß wesent­lich wei­ter reicht, als man ver­mu­ten möch­te. Aber die­ses Desi­de­rat soll kei­ne grund­sätz­li­che Kri­tik an dem vor­lie­gen­den Buch sein. Wiwjor­ra hat ein Stan­dard­werk geschrie­ben, das allen frü­he­ren Arbei­ten zu die­sem The­ma über­le­gen ist. Das Urteil gilt in bezug auf die Nüch­tern­heit und Gerech­tig­keit der Dar­stel­lung, in ers­ter Linie aber in bezug auf die außer­or­dent­li­che For­schungs­leis­tung, die ihr zugrun­de liegt.

Etwa das Gegen­teil des eben gesag­ten trifft auf eine Mono­gra­phie zu, die sich mit einer Fra­ge befas­sen soll­te, die ihrer­seits für die reli­giö­sen Debat­ten im Deutsch­land des neun­zehn­ten und des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts von gro­ßer Bedeu­tung war. Es han­delt sich um das Buch Wie Jesus zum „Ari­er” wur­de von Wolf­gang Fens­ke (Darm­stadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft 2005. 288 S., geb, 59.90 €). Unbe­streit­bar spiel­te der Gegen­satz „Ari­er” / „Semit” für den Ger­ma­nis­mus des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts eine außer­or­dent­li­che Rol­le, und in dem Maß, in dem sich die Bewe­gung als eine reli­giö­se ver­stand, nahm sie, wenn schon nicht das Chris­ten­tum selbst, so doch die Her­kunft sei­nes Stif­ters als anstö­ßig wahr. Es gibt inso­fern ein legi­ti­mes Inter­es­se an der genau­en Rekon­struk­ti­on des Anfangs der „Ari­sie­rung” Chris­ti, die zu leis­ten Fens­ke aber außer­stan­de ist.
Sein Buch wirkt mit den ins­ge­samt drei­zehn Exkur­sen schon im Auf­riß des­or­ga­ni­siert, und der Ein­druck ver­bes­sert sich nicht durch das Pha­sen-Sche­ma des Autors. Das Buch läßt jeden­falls kei­ne Vor­stel­lung davon ent­ste­hen, wie und in wel­chem Aus­maß die Vor­stel­lung vom „ari­schen Jesus” auf­kom­men und sich ver­brei­ten konn­te, inwie­fern es ver­gleich­ba­res außer­halb Deutsch­lands gab und in wel­chem Maß sol­che Ideen tat­säch­lich akzep­tiert wurden.
Einer der­je­ni­gen, die in ihrer Bio­gra­phie den Über­gang von einer kirch­lich gepräg­ten Gläu­big­keit über ein „frei­es” – und das hieß viel­fach: „deut­sches”, „ger­ma­ni­sches”, „ari­sches” – Chris­ten­tum hin zu einer dezi­dier­ten anti­christ­li­chen Posi­ti­on voll­zo­gen, war der Maler Lud­wig Fah­ren­krog, der in der Zeit vor dem Ers­ten Welt­krieg als Sym­bo­list eine gewis­se Berühmt­heit erlang­te. Über ihn hat Claus Wolf­schlag eine klei­ne, sehr kennt­nis­rei­che Stu­die ver­öf­fent­licht (Lud­wig Fah­ren­krog – Das gol­de­ne Tor, Dres­den: Zei­ten­wen­de 2006. 86 S., kt, zahl­rei­che Abb., 4 Farb­ta­feln, 12.50 €), die nicht nur die – im Band gut repro­du­zier­ten – Wer­ke erläu­tert, son­dern auch die geis­ti­ge und ideo­lo­gi­sche Ent­wick­lung Fah­ren­k­rogs nach­zeich­net, des­sen „Ger­ma­ni­sche Glau­bens-Gemein­schaft” zu den ältes­ten neu­heid­ni­schen Grup­pie­run­gen in Deutsch­land gehörte.
Fah­ren­krog war auch Mit­ar­bei­ter eines Sam­mel­ban­des, den Richard Unge­wit­ter – ein ande­rer Prot­ago­nist völ­ki­scher Reli­gio­si­tät im wil­hel­mi­ni­schen Deutsch­land – her­aus­ge­ge­ben hat. Das Buch Deutsch­lands Wie­der­ge­burt durch Blut und Eisen erschien jetzt als Nach­druck in der Rei­he „Quellen­tex­te zur Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on” (Die Völ­ki­schen, Bd 1, Top­pen­s­tedt: Uwe Berg 2006. 500 S., geb, eine Bei­la­ge, 26.00 €). Vor­an­ge­stellt fin­det sich ein Blatt im Reprint, mit dem Unge­wit­ter im Früh­jahr 1919 erklär­te, war­um das Buch nicht wie geplant Anfang 1917 erschei­nen konn­te. Ursa­che war, daß die Zen­sur­be­hör­de eine Ver­öf­fent­li­chung ver­bo­ten hat­te, weil ein Bei­trag zur Kriegs­ziel­fra­ge das Exis­tenz­recht eines unter deut­schem Schutz gegrün­de­ten Polens in Fra­ge stell­te. Die Zen­sur wur­de auch sonst in die­ser Rich­tung tätig, so daß neben Publi­ka­tio­nen der radi­ka­len Lin­ken vor allem sol­che aus dem anti­se­mi­ti­schen Lager betrof­fen waren. Ein Sach­ver­halt, der heu­te ähn­lich unbe­kannt ist wie die außer­or­dent­li­che Brei­te der Völ­ki­schen Bewe­gung in der Anfangs­zeit, als ihre Anhän­ger­schaft von Lebens­re­form, Nackt­kul­tur und Wan­der­vo­gel über alle mög­li­chen Glau­bens­be­we­gun­gen bis zu den All­deut­schen und Ras­sen­hy­gie­ni­kern reichte.

In dem Band von Unge­wit­ter fin­det sich das gan­ze Spek­trum der Völ­ki­schen Bewe­gung, deren Bild erst nach­träg­lich durch den Natio­nal­so­zia­lis­mus bestimmt und ein­ge­schränkt wur­de. Wie kom­pli­ziert die­se Bezie­hung tat­säch­lich war, kann man der Tat­sa­che ent­neh­men, daß sich in der NS-Zeit das Ver­hält­nis der poli­ti­schen Füh­rung gera­de zu den völ­ki­schen Hard­li­nern außer­or­dent­lich kom­pli­ziert gestal­te­te. Ein auf­schluß­rei­ches Bei­spiel dafür war die „Deut­sche Glau­bens­be­we­gung” (DG), die unmit­tel­bar nach der Macht­über­nah­me durch den Indo­lo­gen Jakob Wil­helm Hau­er gegrün­det wur­de. Zur Per­son Hau­ers hat vor zwan­zig Jah­ren Mar­ga­re­te Dierks eine umfas­sen­de, in man­chem viel­leicht zu wohl­wol­len­de, Bio­gra­phie vor­ge­legt, aber zur Geschich­te der DG gibt es nach wie vor kei­ne über­zeu­gen­de Gesamtdarstellung.
Vor eini­gen Jah­ren hat­te der klei­ne Mar­bur­ger Dia­go­nal-Ver­lag schon eine Stu­die von Ulrich Nan­ko zu die­sem The­ma ver­öf­fent­licht, die aber weder inhalt­lich noch for­mal über­zeu­gen konn­te. So zurück­hal­tend kann die Kri­tik an der jetzt erschie­ne­nen Arbeit von Schaul Bau­mann, Die Deut­sche Glau­bens­be­we­gung und ihr Grün­der Jakob Wil­helm Hau­er (Mar­burg a.d.L.: Dia­go­nal 2006. 281 S., kt, eini­ge Abbil­dun­gen, 20.00 €), nicht aus­fal­len. Es han­delt sich um ein Buch, des­sen Publi­ka­ti­on als sol­che frag­wür­dig ist: Der Ver­fas­ser zeigt sich der Mate­rie intel­lek­tu­ell nicht gewach­sen, die Men­ge der Feh­ler und Schlam­pig­kei­ten über­schrei­tet das Maß und die Zahl der unbe­leg­ten und schwer­wie­gen­den Behaup­tun­gen ist zu groß. Das erscheint beson­ders ärger­lich, weil die Klä­rung zwei­er von Bau­mann ange­spro­che­ner Kom­ple­xe – die Radi­ka­li­sie­rung der ras­si­schen und reli­giö­sen Auf­fas­sun­gen Hau­ers im Zusam­men­hang mit sei­ner Andie­nung an die SS sowie der Kon­flikt mit Hein­rich Gra­bert – sicher sehr auf­schluß­reich für die Inter­pre­ta­ti­on der Glau­bens­ge­schich­te der NS-Zeit gewe­sen wäre.
Die Bedeu­tung der SS für die­sen Kom­plex ist unbe­streit­bar. Inso­fern erlaubt auch die ver­wi­ckel­te Geschich­te des Nord­land-Ver­la­ges gewis­se Ein­bli­cke. Das 1933 gegrün­de­te Unter­neh­men ver­folg­te von Anfang an einen scharf anti­christ­li­chen, neu­heid­ni­schen Kurs, erhielt aber erst nach und nach eine Schlüs­sel­be­deu­tung unter den Ver­la­gen der SS, die erklärt, war­um in sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen eine neu­ar­ti­ge, nicht nur gegen die Kir­che, son­dern auch gegen vie­le völ­ki­sche Tra­di­ti­ons­be­stän­de gerich­te­te Welt­an­schau­ung zum Tra­gen kam.

In der gleich­falls bei Uwe Berg erschei­nen­den „Top­pen­s­ted­ter Rei­he”, die schon zahl­rei­che, unver­zicht­ba­re Biblio­gra­phien zur Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on her­aus­ge­bracht hat, erschien jetzt ein wei­te­rer Band, der sich ganz dem Nord­land-Ver­lag wid­met (Hein­rich W. Schild und Audrey Gre­go­ry: Der Nord­land Ver­lag. Eine Biblio­gra­phie, Top­pen­s­ted­ter Rei­he, Bd 12, Top­pen­s­tedt: Uwe Berg 2005, 357 S., kt, zahl­rei­che Abb., 25.00 €) und neben einem Ver­zeich­nis der erschie­ne­nen Titel zahl­rei­che Doku­men­te sowie einen Abriß der Ver­lags­ge­schich­te ent­hält. Obwohl Hit­ler das gele­gent­lich spöt­tisch mut­maß­te, kam es auch in den Rei­hen der SS nicht dahin, daß er selbst in einem heid­ni­schen Kult als Gott ver­ehrt wur­de. Der­ar­ti­ge Blü­ten trieb der reli­giö­se Sumpf erst in der Nach­kriegs­zeit und bemer­kens­wer­ter­wei­se außer­halb Deutschlands.
Das bekann­tes­te Bei­spiel dürf­te die Fran­zö­sin Maxi­mi­ne Por­taz sein, die als Wahl­in­de­rin unter dem Namen „Savi­tri Devi” mit ihrer bizar­ren Mischung aus Hin­du­is­mus, Ari­er­kult und Hit­ler­ver­got­tung eine gewis­se Bekannt­heit erreich­te. Mate­ri­al über die­se Selt­sam­keit der reli­giö­sen Zeit­ge­schich­te ist ver­ständ­li­cher­wei­se rar. Inso­fern sei der Inter­es­sier­te hin­ge­wie­sen auf die Num­mer der Zeit­schrift Jun­ges Forum, die dem 100. Geburts­tag Savi­tri Devis gewid­met wur­de und neben zwei Tex­ten aus ihrer Feder eine gan­ze Rei­he von Zeug­nis­sen über ihre Per­son ent­hält (Aus­ga­be 5, hrsg. vom Regin-Ver­lag, Post­fach 21 29, 47632 Strae­len, 80 S., kt, 8.50 €).
Von dem Ver­dacht, auch nur in der Nähe eines reli­giö­sen „Hit­le­ris­mus” zu ste­hen, muß sich jeder fern­hal­ten, der heu­te dar­um bemüht ist, die heid­ni­sche Tra­di­ti­on über­haupt wie­der zu bele­ben. Zu den ambi­tio­nier­tes­ten Ver­su­chen die­ser Art gehört heu­te ohne Zwei­fel der­je­ni­ge Dani­el Jun­kers, der in der Ver­gan­gen­heit schon mit einer Arbeit über Fah­ren­k­rogs Ger­ma­ni­sche Glau­bens-Gemein­schaft her­vor­ge­tre­ten war. Für 2006 hat er außer­dem ein Heid­ni­sches Jahr­buch her­aus­ge­ge­ben (Nor­der­stedt: Dani­el Jun­ker 2005. 352 S., kt, zahl­rei­che Abb., 26.80 €; Bezug über: Ver­lag Dani­el Jun­ker, Post­fach 62 04 52, 22404 Ham­burg), das auf mehr als drei­hun­dert Sei­ten nicht nur Posi­ti­ons­be­stim­mun­gen ent­hält – her­vor­ge­ho­ben sei­en hier die Bei­trä­ge von Baal Mül­ler und Rein­hard Fal­ter -, son­dern auch Arbei­ten, die sich sine ira et stu­dio mit der Geschich­te des Neo­pa­ga­nis­mus befas­sen, ange­fan­gen bei einem Auf­satz von Hans-Jür­gen Lan­ge über „Wun­der­glau­be im Hei­den­tum und in der alten Kir­che” bis zu Tho­mas Lückewerths Abhand­lung über den Maler Her­mann Hend­rich, einen Zeit- und Gesin­nungs­ge­nos­sen Fahrenkrogs.
Das Neu­hei­den­tum der Gegen­wart setzt nur zu einem klei­nen Teil die Tra­di­tio­nen der wil­hel­mi­ni­schen oder der Zwi­schen­kriegs­zeit fort. Häu­fig wird die Über­lie­fe­rung sehr selek­tiv auf­ge­grif­fen und mit ande­ren Ele­men­ten kom­bi­niert. Das för­dert die Indi­vi­dua­li­sie­rung und damit die Anäh­ne­lung an die Aus­gangs­si­tua­ti­on, als der Zer­fall des christ­li­chen Abend­lan­des einen reli­giö­sen Plu­ra­lis­mus ent­ste­hen ließ, der alle mög­li­chen Glau­bens­va­ri­an­ten her­vor­brach­te, aber kei­ne Gestal­tung des Glau­bens­le­bens anstel­le des kirchlichen.

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