Sezession
10. September 2015

Soldatenväter: Belletristik von Koneffke und Rothmann

Ellen Kositza

Zwei große Romane dieses Sommers mit zahlreichen Parallelen: Beide kreisen um die Taten der Väter im Zweiten Weltkrieg. Grundlage für die Fiktion sind jeweils die echten Väter von Koneffke und Rothmann. Beide Autoren gehören der gleichen Generation an (Koneffke 1960, Rothmann 1953), beide sind erfahrene, vielfach preisgekrönte Schriftsteller. Beide Bücher wurden von der Kritik einhellig gelobt, zurecht; es sind beides bildmächtige, atmosphärisch dichte Werke. In beiden geht es nicht um eine „Abrechnung“- es scheint, diese Zeiten sind vorbei.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Beider Väter wurden siebzehnjährig in den Krieg mehr hineingezogen, hatten laufend Skrupel, haben doch getötet, sind nicht desertiert. Beide Väter waren hernach (mindestens) sozialdemokratisch gesinnte Pazifisten, die – selbst im Familienkreis - sich über ihre Kriegsvergangenheit ausschwiegen, Vater Koneffke reüssierte gar als Professor, als linksliberaler Bildungstheoretiker. Wie staunte der Sohn, als er im Nachlaß Briefe fand, in denen Papa prahlt, wie er zwei „ dusslige Iwans zu Suppe aus Blut, Eingeweiden und Knochen“ zusammenschoß!

Nebenbei sind beide Bücher hervorragend recherchiert, und sie pflegen stellenweise ähnliche Bilder, es wird ausgiebig geferkelt (vulgo: gefurzt und gefickt etc.) - man staunt beidemal über all die willigen NS-affinen Weibchen!

Bei Rothmann tendiert die Detailfreude (an Marken, Liedern, Stars, Geschützen und Redewendungen) teils zum eitlen Übermaß, man fühlt sich hier streckenweise als Leser einer „Generation Golf“ der vierziger Jahre. Ohnehin erscheint mir Rothmanns Buch trotz sprachlicher Stärke als das schwächere dieser beiden lesenswerten Bücher. Es ist bei aller Ausdifferenzierung der Emotion das vorhersagbarere. Im Kern ist es ziemlich exakt die ausweitete Prosaform des von Adalbert von Chamisso prominent übertragenen Gedichts von H.C. Anderssons Der Soldat:

Es geht bei gedämpfter Trommel Klang : Ich hab' in der Welt nur ihn geliebt,//Nur ihn, dem jetzt man den Tod doch gibt.//Bei klingendem Spiele wird paradiert// Dazu, dazu bin auch ich kommandiert.

Bei Andersson/Chamisso haben „neun angelegt“ ,

“acht Kugeln haben vorbeigefegt//Sie zitterten alle vor Jammer und Schmerz, // Ich aber, ich traf ihn mitten ins Herz!“

Das ist eine der beiden Kernszenen in Rothmanns Buch: Wie Protagonist Walter (nach verzweifelten Bemühungen, einen Freispruch des Fahnenflüchtigen zu erreichen) bei der Exekution seines Freundes Fiete selbst Hand anlegt, anlegen muß.

Die andere Szene steht zu Beginn des Romans: Wie auf einer feuchtfröhlichen Feier mit Freibier dutzende Jungen als „Freiwillige“ für die SS rekrutiert werden. Indem nämlich mitten im Gelage ein Parteimann sich auf die Bühne stellt und „vorschlägt“, daß „jeder Mann auf diesem Fest, dem das Leben seiner Familie und seiner Scholle lieb ist, noch heute Abend freiwillig in die siegreiche Waffen-SS eintritt. (…) Wer dagegen ist, kann ja jetzt aufstehen.“ Natürlich gibt es keine Drückeberger!

Trotz aller ansonsten vielfach colorierten Bilderhaftigkeit unterwirft Rothmann sein (zumindest das sich jenseits einer schmalen der Grauzone befindliche) Personal grundlegend einem Schwarzweißschema; so sehr, daß der Leser manch kalkuliert wirkender Evokation nur widerstrebend folgt.

Die Bösen haben „fette Hände“, polierte Stiefel“, sind dicklich, haben „ schlaffe breite Lippen“ und gabern Kaffeetropfen auf andachtsvoll vor ihnen ausgebreiteten Madonnenbildern.

War es so? Oder war es viel weniger eindeutig, nämlich wie es uns Koneffke zeigt in seinem großartigen Roman, der den Zeitraum seiner Handlung bis ins Jahr 2007 spannt? Der Vater und traurige Kriegsheld heißt hier Konrad Kannmacher. Über seinem Leben (als Sonntagskind eben) steht der Stern des zwar skrupulösen, stets von Gewissensbissen geplagten, doch letztlich glückhaften Sich-Durchwurschtelns.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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