Sezession
11. April 2014

Ich würde nie zugeben, daß ich vor dem Einschlafen bete

Ellen Kositza

398155f6d56102fb8_720x600aus Sezession 59 / April 2014

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ein Leser, der genug hat von solipsistischen Bewußtseinsströmen verzweifelter, tatenarmer, mitteljunger Protagonisten, wird dieses Buch rasch zur Seite legen. Schade wär’s! Der Philosoph Heinz Helle, Jahrgang 1978, hat kein erfreuliches, doch bei aller Bedrücktheit geniales Romandebüt vorgelegt. Der namenlose Ich-Erzähler dürfte dem Autor näher bekannt sein, er ist ebenfalls Philosoph, verbringt wie Helle eine Zeit an der New Yorker Universität, er ist noch keine Dreißig.

Es ist kurz nach 2006, damals saß er während der WM auf einer Ampel und schrie »Deutschland«.

Ich schreie es ein klein wenig leiser, als ich könnte, weil ich weiß, sie steht irgendwo da unten, und sie schaut zu mir herauf und denkt, jetzt sitzt er auf einer Ampel und schreit Deutschland.

Sie: das ist seine Liebe, an deren Zerfall uns Helle teilhaben läßt. Das Wir ist zerbrochen, nun gibt es nur noch ein armseliges Ich, und auch das zerbröselt. Wo war der Knackpunkt? Vielleicht bei seinem »feierlichen Schwur, ihr zur Seite zu stehen, wie immer sie sich entscheide, wir stehen das durch, wir ziehen gemeinsam ein Kind groß oder holen ein Kind aus ihrem Körper heraus und werfen es weg, ganz wie du willst, mein Schatz«. Letzteres geschieht, sachlich und pragmatisch.

Sie spielen »Nintendo, drei Tage lang, ab und zu drückt sie auf Pause und steht auf, um ein wenig totes, organisches Material in die Toilette laufen zu lassen.« Er beobachtet sich selbst, seine Bewegungen, seine Gedanken, seine Gefühle, im Sekundenstil. Ich! Wer denn? Was maßt dieses Ich sich laufend an? »Ich versuche, nicht zu bemerken, daß der Fahrer eine andere Hautfarbe hat als ich, versuche, mein Portemonnaie nicht so schnell wie möglich wegzustecken, nur weil der Fahrer eine andere Hautfarbe hat als ich.«

Er, das zerstobene Ich, stellt sich vor, den schrill schreienden Jungen im Café, »den ich innerlich als Schwuchtel beschimpfe«, zu schlagen, er stellt sich die Wirkung des Schlags in Zeitlupe vor, er stellt sich vor, den Hahn zu spannen mit dem Lauf an seinem eigenem Jochbein, den Abzug zu drücken. Doch er tut es nicht. Er denkt nur. Er hat nicht genug Mut, zuviel oder zuwenig »Trauer Wut Haß Langeweile …, nur die weichen Begriffe, die sich aneinanderreiben wie eine Menschenmenge, die nur deshalb nicht in Panik gerät, weil sie weiß, es gibt keinen Ausgang.« Helles kleiner Roman ist irrsinnig gut.

Heinz Helle: Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin, Berlin 2014. 160 S., 18,95 € – hier bestellen!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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