Sezession
4. Juni 2014

Simplicius Simplicissimus a dextra

Ellen Kositza

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Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

aus Sezession 60 / Juni 2014

Die Frage, wer sich hinter Raoul Thalheim verberge, beantworten wir nicht. Wenn, dann soll er selbst seinen wirklichen Namen preisgeben und auch den Zeitpunkt für sein »coming out« festlegen. Wir überschlagen: ein Drittel der Sezession-Leser wüßte mit diesem Autor sofort etwas anzufangen.


»Thalheim«: Kennt er die »neurechte«, »konservative«, »kernbügerliche« Szene, die sich hier mit all diesen Etiketten unzufrieden zeigt, weil sie knapp danebenliegen, einengen, zur Ausgrenzung führen? Kennt er das Milieu wirklich, das zum Schauplatz dieses Romans wird? Von innen oder von außen? Er kennt, das wird für Innenseiter klar, sogar Anekdoten aus den frühen Jahre jener Wochenzeitung, die in seinem Roman Freigeist heißt und vom Leser leicht mit einem realexistierenden Medium wird verwechselt werden können. Wer sich an die Aufbaujahre dieser Zeitung erinnern kann, findet in Thalheims spiegellabyrinthischem Roman Entzifferbares.

Vor allem aber sind es die Debatten um Pseudonyme, harte Themen und Gastautoren, die zeigen, daß sich Thalheim in die Widerborstigkeit und den Drang nach Normalität einer nicht wohlgelittenen Redaktion sehr genau hineindenken kann. Da ist die Hauptperson Marcel Martin: Gab oder gibt es sie wirklich? Diesen ambivalenten Held, besser: Antiheld mit Anleihen eines Simplicius Simplicissimus? Marcel arbeitet als Chefreporter der nicht vollends randständigen, aber doch vom Hauptstrom skeptisch beäugten Wochenzeitung Freigeist. Dieses Blatt gilt als »rechts« – einerlei, daß »El Jefe«, der Eigentümer des Blattes, diese Selbstbezeichnung vehement ablehnt – und wird mehr insgeheim rezipiert, jedenfalls von den Meinungsmachern und deren Mitseglern im Windschatten.

Im Dienst dieses Blattes trägt Marcel eine »professionelle Rüstung«: Seine Reportagen gelten als hervorragend. In Wahrheit sind seine souverän wirkenden Berichte Resultate eines langwierigen, von schmerzhaften Skrupeln durchdrungenen Vorgangs: »Zu Marcels Grundsätzen gehörte es, ehrlich zu schreiben. Ohne falsche Seitenlage. (…) Er wollte sein wie eine Waage. Ein Gerät, das still steht, das sorgsam geeicht ist und seine Schalen bereithält. Oder allenfalls, dies als äußerstes, wie der stille Passagier auf dem Boot, der sein Gewicht behutsam backbord neigt, wenn steuerbord leck zu gehen droht.«


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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