Horst Bienek: Workuta

aus Sezession 61 / August 2014 - Horst Bienek: Workuta, Göttingen 2013, 80 S., 14,90 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Der Schrift­stel­ler Horst Bienek, 1930 im ober­schle­si­schen Glei­witz gebo­ren, 1946 ver­trie­ben, 1990 in Mün­chen gestor­ben, traf in einer Cha­rak­te­ri­sie­rung der Ost­deut­schen ein­mal die Wor­te von der Ambi­va­lenz zwi­schen »dump­fem Glau­ben und hel­lem Pro­test« und fand dies auch für sei­ne eige­ne Per­son zutref­fend: »Mit dem Kopf, mit der Ratio bin ich im Wes­ten – aber mei­ne See­le hat eine irgend­wie sla­wi­sche Wur­zel. Ich habe nie­mals die­se sla­wi­schen Bin­dun­gen, auch Unter­grün­de, geleugnet.«

Als Bienek im Früh­jahr vor sei­nem Tod erst­mals in Leip­zig las, traf er auf ein Publi­kum, das sei­ne Roma­ne, vor allem die vier aus sei­ner ober­schle­si­schen Chro­nik (1975–82), gut kann­te. Das The­ma Schle­si­en war tabu gewe­sen in der DDR. »War­um, das wuß­te nie­mand genau zu sagen. Schle­si­en soll­te es nicht geben, nicht ein­mal in der Erin­ne­rung. War jemand aus Bres­lau, so bekam er in sei­nen Aus­weis hin­ein­ge­schrie­ben: Wro­claw, Polen.«

Die Hörer in Leip­zig, so Bienek, woll­ten gar nicht viel über Lite­ra­tur wis­sen. Statt­des­sen stand eine Fra­ge im Raum: War­um haben Sie nicht über Worku­ta geschrie­ben? »Ich schwieg. (…) Ich bin nach Hau­se gefah­ren. Ich habe mich an den Schreib­tisch gesetzt. Es waren 25 Jah­re seit­dem ver­gan­gen. (…) Ich wuß­te, jetzt muß ich dar­über schreiben.«

Bien­eks Worku­ta-Bericht ist Frag­ment gelie­ben, eine Art letz­ter Wor­te. Zu zwan­zig Jah­ren war Bienek 1951 (auf­grund unter­stell­ter »anti­so­wje­ti­scher Het­ze«) ver­ur­teilt wor­den,  er saß und arbei­te­te im Lager Worku­ta jen­seits des nörd­li­chen Polar­krei­ses, als einer von ins­ge­samt zwei Mil­lio­nen Gefan­ge­nen. Ber­tolt Brecht, des­sen Meis­ter­schü­ler Bienek war, hat­te zeit­le­bens zu den Vor­gän­gen geschwie­gen. Bienek war ahnungs­los, was er ver­bro­chen haben soll­te: »Ich ver­stand nicht mei­ne Schuld.«

Dann, vie­le Schlä­ge, Ernied­ri­gun­gen und Ent­beh­run­gen spä­ter, die­ser Gedan­ke: Sei­ne ober­schle­si­sche Kind­heit war durch­drun­gen gewe­sen vom Glau­ben, »bis in die See­le, bis in die Fasern des Herzens.«

Dann kam die DDR. Er bete­te manch­mal, stumm. »Aber die letz­ten Jah­re war das weg. Das gab es nicht mehr. Man sprach nicht dar­über.« Nun, »in der Zel­le, fing ich wie­der an zu beten.« Ihm fal­len alle Gebe­te der Kind­heit wie­der ein, vom Rosen­kranz bis zum Glau­bens­be­kennt­nis, und er denkt: »Viel­leicht haben sie mich des­halb in die Zel­le gewor­fen, weil ich den katho­li­schen Gott ver­ges­sen oder ver­lo­ren habe. Aber dann dach­te ich auch, jetzt ist es genug. Jetzt könn­te er mich aus­sto­ßen aus der Zel­le, wie er Jonas aus dem Bauch des Wals aus­ge­sto­ßen hat.«

Nach vier Jah­ren wur­de Bienek an Land gespuckt. 1994 wur­de das Urteil post­hum aufgehoben.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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