Sezession
6. Dezember 2014

David Vann: Goat Mountain

Götz Kubitschek

David Vann: Goat Mountain, Berlin 2014. 270 S., 22,95 €

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Als Florian Illies (1971) im Jahre 2000 die Generation Golf einer Inspektion unterzog, schlug er deren Grundton mittels einer Aufzählung des Samstagsinventars an: Man habe als Zehnjähriger in Schaum gebadet, dabei das Piratenschiff von Playmobil zu Wasser gelassen, hernach den Frotteemantel angezogen, Fischstäbchen von Iglo verzehrt und sich auf »Wetten daß …« gefreut.

Der amerikanische Autor David Vann (1966) würde vielleicht viel darum geben, seinen eigenen Seelenhaushalt gegen das friedvolle Mobiliar der deutschen Achtziger eintauschen zu können. Jedoch: Worüber sollte er dann schreiben? Wenn man seinen Äußerungen Glauben schenkt, dann hat Vann erst mit seinem jüngsten Buch, Goat Mountain, die »letzten Reste dessen weggebrannt, was mich ursprünglich zum Schreiben trieb, nämlich die Geschichte über meine von Gewalt geprägte Familie.«

Vann wuchs als Sohn eines Militärarztes auf, der sich das Leben nahm, als Vann dreizehn Jahre alt war und schon längst Wild geschossen und (während Illies in der Wanne den Jolly Roger hißte) auf einen Menschen gezielt hatte. Jüngst schilderte Vann diese Szene im Rahmen der Präsentation der deutschen Übersetzung seines neuen Romans: Er habe durch das Zielfernrohr auf dem Gewehr seines Vaters einen Wilderer beobachten dürfen, sei ihm mit dem Lauf gefolgt, und dann »packte mich ein Schwindel, so als stünde ich am Rand einer Klippe, und etwas in mir, von dem ich damals nicht wußte, daß es in mir ist, wollte abdrücken.«

Das ist fast wörtlich aus Goat Mountain übernommen. Aber dort drückt der elfjährige Ich-Erzähler tatsächlich ab und tötet nicht seinen ersten Hirsch, sondern seinen ersten Menschen. Der Schock darüber bleibt aus, ein Psychologe ist nicht notwendig, »vielleicht lag das an den vielen Hirschen und all den anderen toten Dingen, die ich in meinem Leben hatte herumliegen sehen.«

Die Reaktion der drei Männer, mit denen der Junge zur Jagd durfte, kennzeichnet dieses sparsame Personal des Romans: Bis zuletzt bleiben alle vier in ihren Rollen stecken: Der Vater reagiert überfordert, brutal und wehleidig (»Ich kann nichts tun. Du hast mich in eine Lage gebracht, in der ich nichts tun kann«), der Großvater entschieden und überlegen (auch körperlich!). Er stellt in einem der aufs Wesentliche reduzierten Dialoge seinen Sohn vor eine archaische Wahl: Entweder er erweise dem Getöteten Respekt und bestrafe den Enkel (»wir können ihn schlagen oder verbrennen oder erschießen und begraben, was auch immer nötig ist, um es wiedergutzumachen«), oder der Getötete sei bedeutungslos, und das Gesetz zähle nicht für diesen Wilderer (»Wir haben Vorrang. Die Sippe.«).


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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