Roman Ehrlich: Urwaldgäste. Erzählungen

Roman Ehrlich: Urwaldgäste. Erzählungen, Köln 2014. 272 S., 19,99 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nach sei­nem gerühm­ten Debüt Das kal­te Jahr hat der gelern­te Rund­funk­tech­ni­ker Roman Ehr­lich (1983) nun einen Band mit elf Erzäh­lun­gen ver­öf­fent­licht. Magi­scher Rea­lis­mus, absur­der Exis­ten­tia­lis­mus, Hirn­rin­den­pro­sa – sol­che ver­schat­te­ten Schlag­wor­te strei­fen bei der Lek­tü­re den Sinn.

Man mag Duk­tus und Form mit Rans­mayr, Botho Strauß und Kubin ver­glei­chen, allein: Ehr­lich schreibt schon in einer Son­der­klas­se. Weni­ger her­me­tisch – für den Leser: weni­ger anstren­gend –, näher an der aktu­el­len Zeit, und den­noch abge­schie­den von der Zeit­ge­nos­sen­schaft. Ehr­lich schreibt auf Distanz.

Jede die­ser Erzäh­lun­gen will sich in unse­re Träu­me schrau­ben. Eine Geschich­te, die hier in Frag­men­ten erzählt wird, hat den Titel »Ein Gesuch«. Leu­te reagie­ren in All­tags­si­tua­tio­nen ver­bal absurd, wenigs­tens aber uner­war­tet. Ihr kon­ver­sa­tio­nel­ler Kon­ven­ti­ons­bruch wird nicht nur hin­ge­nom­men, son­dern beant­wor­tet. Sie fal­len aus der Rol­le, und kei­ner hin­dert sie zu fal­len. Ihr Grund ist boden­los. Oder, je nach Per­spek­ti­ve, gera­de umge­kehrt, nach Gott­fried Benn: »Ein Wort, ein Satz –: / aus Chif­fren stie­gen / erkann­tes Leben, jäher Sinn.«

Wir haben mit einer Quiz­show­teil­neh­me­rin zu tun, die unver­se­hens ihr Aller­in­ners­tes aus­plau­dert und gegen jede Show­üb­lich­keit erläu­tert, inwie­fern sie die Dia­gno­se »Angst­stö­rung« als »Iden­tif­kat­i­ons­an­ge­bot« ange­nom­men hat. Oder mit einem Arbeit­neh­mer, der dar­um bit­tet, in einem ande­ren Seg­ment tätig sein zu dür­fen: »Aber wenn ich nun falsch zuge­ord­net wur­de. Die­se gan­zen Ent­schei­dun­gen sind so früh gefal­len. Ich mei­ne, wenn es nicht mei­nen Bega­bun­gen ent­spricht. Oder mei­nem Cha­rak­ter. Wenn tief in mir drin ein ande­rer als der, der ich außen sein muß, hockt und lei­det. Wenn der jeden Tag schreit, weil er in Ket­ten liegt.« – »Ich fin­de, Sie soll­ten auf ihre Wort­wahl acht­ge­ben, schließ­lich leben wir in einer frei­en Gesell­schaft«, ent­geg­net der Entscheider.

Und wird bald noch ent­schie­de­ner: »Sie tra­gen ihr Anlie­gen vor mit größ­ter Über­zeu­gung und dabei ken­nen Sie noch nicht mal die Kraft­wer­ke ihrer See­le beim Namen. Sie sehen, daß irgend­wo am Hori­zont Rauch auf­steigt, aber Sie wis­sen nicht zu sagen, ob es sich um eine Fabrik han­delt oder doch nur um ein Kar­tof­fel­feu­er. … Ich sage Ihnen, wo Ihr Ort ist. Ihr Ort hat sich, nach­dem Sie ihn ver­las­sen haben, umge­formt zu einer Pis­to­len­ku­gel. Und jetzt fliegt sie Ihnen hin­ter­her, wohin Sie auch gehen. Einen Het­zer haben Sie sich aus Ihrem Ort gemacht. Gehen Sie jetzt. Der Tag ist noch lang.« Ein Zara­thus­tra redivivus!

In einer wei­te­ren die­ser meis­ter­haf­ten Erzäh­lun­gen ent­wi­ckelt Herr Heym Nach­bil­dun­gen von Zier- und Nutz­pflan­zen. Ihn fas­zi­niert die »pla­nen­de Intel­li­genz«, das gene­tisch ein­ge­schrie­be­ne Repro­duk­ti­ons­pro­gramm der Pflan­zen, das sich lei­der schwer durch Plas­ti­na­te dar­stel­len läßt. Heym ist halb­zu­frie­den mit sei­ner Arbeit und läßt sich von einer Anzei­ge der »Agen­tur Late­ra­lis – Alter­na­ti­ve Rea­li­tä­ten« dazu ver­lo­cken, dort ein Päck­chen Ander­land zu buchen.

Fort­an bleibt nichts, wie es war. Frag­lich bleibt, was die Agen­tur damit zu tun hat. Wenn du denkst, du denkst, denkst du nur, du denkst … »Was folgt, bestimmt die inne­re Ein­stel­lung«, die­ser zwei­deu­ti­ge Sinn­spruch zieht sich auch durch die­se Erzäh­lung. Roman Ehr­lich ist ein groß­ar­ti­ger Beob­ach­ter. Er deu­tet das Bemer­kens­wer­te nie aus. Eine düs­te­re, dabei nie lar­moy­an­te Stim­mung durch­zieht sei­ne sprach­ge­wor­de­nen Bilder.

»Erst will er etwas sagen, dann wird vor­ne eine CD ins Radio gescho­ben, eine Akus­tik­gi­tar­re und eine Frau­en­stim­me schwim­men durch den Bus und fal­len fried­lich in die Land­schaft ein, dik­tie­ren das Schau­en, den Rhyth­mus der vor­über­zie­hen­den Bäu­me und Fern­lei­tungs­mas­ten, das Her­vor­blit­zen der Son­ne durch die Äste, in die Fens­ter.« Gro­ße Kunst? Hier!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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