Sezession
1. Juli 2006

Gottfried Benn – Versuch über einen Faschisten

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 14/Juli 2006

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez_nr_141Vor fünfzig Jahren starb der Schriftsteller Gottfried Benn. Sein Leben ist hundertmal erzählt worden und rasch skizziert: Geburt 1886 in Mansfeld / Westprignitz als Sohn eines evangelischen Pfarrers, 1903 Abitur in Frankfurt / Oder, 1910 Abschluß des Medizin-Studiums in Berlin, 1912 Promotion zum Dr. med.; im selben Jahr Veröffentlichung des ersten Gedichtbands: Morgue; als Oberarzt 1915 im Militärgouvernement Brüssel, im selben Jahr Geburt der einzigen Tochter; 1917 als dienstuntauglich entlassen, 1922 Tod der ersten Frau; bis 1935 Arbeit als Arzt in Berlin, daneben Lyrik, Prosa und Essayistik, unter anderem Fleisch. Gesammelte Lyrik (1917) und Gehirne (ebenfalls 1917, inklusive der Rönne-Novellen, die in Brüssel entstanden waren), dann Gesammelte Schriften (1922), mit denen Benns expressionistische Phase endet; ab 1927 Essayistik mit geschichtsphilosophischer und nihilistischer Thematik, 1932 Literatur-Streit mit Johannes R. Becher und Egon Erwin Kisch, Berufung in die Preußische Akademie der Künste; 1933 Bejahung der nationalsozialistischen Bewegung, Der neue Staat und die Intellektuellen (1933) und Dorische Welt (1934); 1935 Rückzug in die Wehrmacht (die „aristokratische Form der Emigration"), Oberstabsarzt in Hannover, danach Berlin und Landsberg / Warthe; 1938 zweite Ehe, Kriegsende in Berlin, Selbstmord der zweiten Frau; Publikationsverbot in Deutschland bis 1948, dann erscheinen Statische Gedichte (Zürich, 1948) und Drei alte Männer (Wiesbaden, 1948); dritte Ehe ab 1946, Arbeit als Arzt in Berlin bis 1953; Benn-Jahr 1949: es erscheinen Trunkene Flut, Ausdruckswelt und Der Ptolemäer; 1950 folgt Doppelleben, 1951 Probleme der Lyrik; Georg-Büchner-Preis 1951, Ehrungen zum 70. Geburtstag 1956, Tod am 7. Juli im selben Jahr. „Leben - niederer Wahn", beginnt ein berühmtes Gedicht.

Vor ein paar Jahren errang Benn den ersten Platz in einer Umfrage: „Wer ist der bedeutendste deutsche Lyriker des 20. Jahrhunderts?", fragte die Zeitschrift Das Gedicht. Benn rangierte vor Celan und Rilke, Brecht und Enzensberger. Gleich daneben war eine zweite Umfrage abgedruckt: „Wer ist der bedeutendste nicht-deutsche Lyriker des 20. Jahrhunderts?" Der Sieger war Ezra Pound, und es gab einen kurzen Text in einer Zeitung, der das Ergebnis der Umfragen auf einen lapidaren Nenner brachte: „Zwei Faschisten vorn". In der Tat.
An diesem Faktum kommen die Leser und Deuter Gottfried Benns, dessen 50. Todestag am 7. Juli 2006 in allen Feuilletons begangen wurde, natürlich nicht vorbei. Natürlich: Benns expressionistische Auswürfe haben vor, seine Statischen Gedichte nach 1945 seinen Ruf als Lyriker begründet, und neben seiner Dichtung steht als eigene künstlerische Ausdrucksform der Essay: Benns poetologische Texte Probleme der Lyrik sowie Soll die Dichtung das Leben bessern? verhalfen dem modernen Dichten überhaupt und dem seinigen im Besonderen zu einer elitären Theorie. Man kann sagen, daß die Bennsche Gegenüberstellung von „Kultur-Schaffendem" und „Kunst-Schaffendem" bis heute als radikale künstlerische Anthropologie unübertroffen ist. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Benn argumentierte (oder einfach feststellte), hat ihn berühmt gemacht. Berüchtigt hingegen ist er, weil er zwischen Januar 1933 und Mai 1934 im neuen Staat der Nationalsozialisten das Gesamtkunstwerk sah, von dem er geträumt hatte und das er - wie anders - rücksichtslos herbeischreiben wollte.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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