Sezession
6. Oktober 2015

Erschlagt die Armen! Mit einer Rotweinflasche gegen Migranten?

Ellen Kositza / 16 Kommentare

shumona-sinha_erschlagt-die-armen_nautilus_720x600Übermannt von Wut hat sie einem zudringlichen Migranten eine Rotweinflasche über den Kopf gezogen. Eine gefüllte! Das war nicht nur ein spontaner Akt. Der Zorn hatte sich lange angestaut. Wieso das? Und, überhaupt, gerade sie! Selbst eine Zugewanderte! Shumona Sinha, geboren 1973 in Kalkutta, läßt in ihrem kurzen Roman Erschlagt die Armen! eine Namenlose ihre Geschichte erzählen: Wie es so weit kommen konnte.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Romanautorin Sinha arbeitete genau wie ihre Protagonistin als Dolmetscherin in einer französischen Asylbehörde. Nachdem – nach mehreren Gedichtbänden – 2011 ihr asylkritisches Buch (Original: Assommons les pauvres!) in Frankreich erschienen war, verlor sie ihre Arbeit.

Ihr Büchlein hingegen wurde mehrfach ausgezeichnet. Die Frau im Buch ist aus Liebe zur französischen Sprache nach Frankreich gekommen. Und aus Verachtung für ihre bäuerische, einfältige Familie in jenem „Land aus Lehm“.

Unsere Dolmetscherin geht hart ins Gericht mit dem Asylsystem, dessen fauler Atem sie aus allen Ecken und Enden anhaucht.
Sie lügen alle: Die elenden Flüchtlinge, die Schlepper- und Fälscher-Industrie, die Willkommensbürger und ebenso (die am gemeinsten!) die Anwälte, die für das Bleiberecht der Betrüger prozessieren. Gelegentlich (letztlich: selten) empfindet die Dolmetscherin jähes Mitleid für denjenigen, dessen Leidensgeschichte sie übersetzen soll.

Meistens bleibt ihr nur Verachtung für die Dreistigkeit, mit der die elenden Glücksritter sich ihr vorgeblich politisch verfolgtes Schicksal zusammenlügen:

Wir hatten eine gemeinsame Sprache, aber es war, als schrie ich aus dem neunten Stock zu einem Passanten auf den Gehsteig hinunter, zu einem zusammengekauerten, in seinen Lumpen verborgenen Bettler.

Sie hört vielhundertmal, wie ein angeblich verfolgter Christ keinen Schimmer vom Weihnachtsfest hat; wie akademische und politische Zusammenhänge dreist und ohne Kohärenz erfunden werden; wie harmlose Narben aus Kindertagen zu Beweisen von Folter werden sollen; wie Chili und Zwiebeln zerrieben werden, um Tränenfluß zu begünstigen; wie Säuglinge bös gezwickt werden, um den Eindruck von Elend zu verstärken.

Ferner kennt sie die Tricks der Migrantencommunities, wonach es am günstigsten sei, möglichst schnell Vater eines weißen Kindes zu werden: Von den zurückgelassenen Ehefrauen in der Heimat kann man sich problemlos Sterbeurkunden beschaffen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (16)

S. D.
6. Oktober 2015 09:41

Der Typus des "Fluchthelfers" wird im "Heerlager der Heiligen" treffend beschrieben:

Er hatte lange Haare, blond und schmutzig, trug Jeans und abgenutzte Turnschuhe. Sein Blick verriet eine schlappgewordene Seele. Damit war er ein ziemlich typisches Exemplar jener randständigen Parasiten, die Europa heute zu Hunderttausenden absondert und die in seiner Brust zum Krebsgeschwür einer Art dritter Welt von innen herangewachsen sind.

marodeur
6. Oktober 2015 12:02

Ein guter Tipp. Leider lese ich keine Romane mit 128 Seiten. Selbst meine (oberflächliche) Diplomarbeit hatte mehr Umfang. Ich bezweifle aber nicht, dass solche Bücher richtig und wichtig sind.
Meine ganze Verachtung gilt den "Künstlern und Aktivisten". Die Invasoren wenden ja nur die Strategien an, die ihnen von jeher das Überleben in ihren archaischen Heimatländern sichern. Die Gutmenschen tragen die Verantwortung für dieses unsäglichen Gesellschaftsexperiment. Sie haben es aufgegeben, aktiv an ihrer mutikulturellen Utopie zu arbeiten. Stattdessen wird der Endzustand einfach herbeigeredet. Die Realität ist dabei nur im Wege. Missbrauch, Gewalt und soziale Verwerfungen gelten in Gutmenschenkreisen nicht als fundamentale Probleme sondern schlicht als Argumente für die falsche Seite. Das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Das ist so ähnlich, als würden ein paar Jungs bei einem Kindergeburtstag die Vorhänge anzünden. Die meisten Kinder spielen weiter oder sehen fassungslos zu, während andere die Menge mit Jubelgeschrei und Durchhalteparolen bearbeiten, damit bloß "die Stimmung nicht kippt".

Andreas Walter
6. Oktober 2015 12:04

Die seltsamen Metaphern, Frau Kositza, sind der Herkunft der Schriftstellerin geschuldet. Doch selbst in einem ehemals Dritte Welt Land aufgewachsen musste ich gerade den Atem anhalten, als ich Ihren Artikel gelesen habe.

Genau so ist es.

Dieses Buch ist derzeit das schärfste Messer in Ihrer Küche und sein Inhalt auch der Grund, warum ich mir derzeit solche Sorgen mache. Ich kenn' die Armen. 16 Jahre lang habe ich sie jeden Tag erlebt, gesehen und getroffen. Wobei Muslime noch mal ein anderes Kaliber sind. Noch heftiger. Wobei auch in Mexiko mittlerweile wieder gerne geköpft wird, nicht nur mit dem Messer erstochen. Anknüpfung an Zeiten vor Cortez. Niemals den Rücken zukehren.

Der_Jürgen
6. Oktober 2015 12:26

@Vielen Dank, Ellen Kositza, für den Hinweis auf dieses Buch, das ich bei Gelegenheit lesen werde.

Es erinnert mich an mein eigenes Saulus-Erlebnis. 1988/1989 war ich in Basel als Asylantenbefrager tätig. Die von einem Grossteil der "Flüchtlinge" aufgetischten unverschämten Lügengeschichten und die Bereitschaft der naiven Asylantenlobby, diese Märchen für bare Münze zu nehmen, erzeugten damals in mir grosse Wut. Ich schrieb später ein Buch mit dem Titel "Das Narrenschiff. Als Asylantenbefrager auf der Basilea", in dem ich die Misere der schweizerischen Asylpolitik ungeschminkt darlegte und Reformvorschläge unterbreitete. Dass diese die Verantwortlichen nicht im geringsten interessierten, begriff ich schon bald danach, weil mir klar wurde, dass die Ueberfremdung gewollt war. Damals wurde ich zum Gegner des im Westen herrschenden politischen Systems.

Filarete
6. Oktober 2015 14:17

"Assomons les Pauvres!" ist der Titel eines Prosa-Stücks von Baudelaire aus den Petits Poemes en prose. Der Text ist ein in Frankreich berühmtes Stück Literatur und gibt einem proto-nietzeanischen Ressentiment gegen die Benachteiligten in ironischer und mehrdeutiger Weise Ausdruck. Offenbar hat der Verfasserin dieser Rekurs auf ein Stück literarisches Tafelsilber nicht geholfen, wenn sie allen Ernstes wegen dieses Buches ihre Position verloren hat. Interessant - die postmodernen Meister der Lektüre, die jede Scheußlichkeit als ironischen innerliterarischen Bezug rechtfertigen, haben sich hier, wie es scheint, nicht zur Verteidigung der Autorin aufgerufen gefühlt, obwohl Baudelaire von ihnen als der(!) Hausheilige der Moderne verehrt wird.
Die genannten Metaphern finde ich keineswegs schief: sie sind innovativ, insbesondere das Bild vom Regen, der herabläuft wie Katzenhaare, ist sehr schön: wenn es nicht sehr stark regnet, gibt es kurze, dünne, Schläge geben die Scheiben und optisch entsprechende, quasi granenhaarige Spuren, das passt durchaus und zeigt die Fähigkeit zu individueller Beobachtung.

Claus
6. Oktober 2015 15:38

In Mannheim gibt es den Stadtteil Jungbusch. Hier wohnen (neben einigen deutschen Studenten, Künstlern und Bohemians) fast nur noch Ausländer. Die Ausländer erhalten eine staatliche Rundum-Betreuung durch Sozpäds, Psychologen, Helfer, Berater, Dolmetscher, Coaches, Kommunikationstrainer, Integrationsexperten, und Quartiermanagement. Siehe:
https://www.jungbuschzentrum.de

Daran flanschen sich Künstler, Musiker und Aktivisten (z.B. Bürgerinitiative "Mannheim sagt Ja" [zur Masseneinwanderung]) an, Multikultis, bunte Straßenfeste ("Nachtwandel"), rot-grüne Politiker, Antifa, Linksextreme, Musikstudenten (die SPD hat z.B. den Musikclip "Mannheim sagt Ja" in Auftrag gegeben) usw. usf.

Und das alles wird mit Steuergeld finanziert.

W. Wagner
6. Oktober 2015 17:48

Werden Sie noch den heutigen Bericht in Welt.de zu Kubitschek besprechen, die Kommentare sind sehr interessant, u.a. der Hinweis, dass ziviler Ungehorsam heute von ganz anderer Seite praktiziert wird, warum sollten wir dann kein Recht dazu haben?!?!

HansC
6. Oktober 2015 19:15

Der Text, aus übersetzten Originalauszügen und Rezension berührt mich.
Vielleicht auch deshalb, weil es mir das Gefühl gibt, dasss wir Deutschen nicht allein sind mit unseren Sorgen.

Andrenio
6. Oktober 2015 22:41

Warum gibt es keinen Wallraff von der anderen Seite?

Telemachos
7. Oktober 2015 04:24

Danke, Frau Kositza, für die Besprechung. Wobei ich meine, daß die gewählten Metaphern gar nicht so falsch liegen. Angesichts der General-Vermengelierung von Allem, also auch des Stils, der Erkenntnis und der Gewohnheiten und Orientierungen hin zur Stabilität mit ... Schlüpfrigkeit, Chaos, Lüge, 'Chance' (Glücksrittertum) innerhalb der Morphologie der Möglichkeiten und somit Zersetzung/Neuanfang mögen die beschriebenen Dinge vermeintlich unsauber rüberkommen, oder bestenfalls undeutlich. Aus entropischer Perspektive heraus ergibt das dennoch Sinn. Allerdings wäre eine literarische Besinnung auf's 'Negentropische' schlichtweg geboten. Mehr noch: angebracht. Aber hey...: Als literarischer Aufschrei hat das Buch seine Funktion erfüllt und wird sie weiterhin erfüllen.

@W. Wagner: gibt es zu dem 'Welt-Artikel' einen Link oder muß man sich das Blatt vom Dienstag nachkaufen?

t.gygax
7. Oktober 2015 06:48

"Als sie ihr kritisches Buch veröffentlichte, verlor sie ihre Arbeit". Das sagt alles aus über den Zustand der "westlichen Wertedemokratie" und "Zivilgesellschaft". Trauerspiel.

Rumpelstilzchen
7. Oktober 2015 13:40

@Telemachos
Sie müssen das Blatt nicht kaufen:

https://www.welt.de/politik/deutschland/article147264586/Pegida-ruft-zu-zivilem-Ungehorsam-auf.html

Andreas Walter
7. Oktober 2015 22:10

Achtung, auch starker Tobak:

https://de.europenews.dk/Daenischer-Psychologe-Die-Integration-von-Muslimen-in-europaeischen-Gesellschaften-ist-nicht-moeglich-81104.html

Wobei wir Deutschen auch sehr wild werden können, wenn man uns zu sehr auf die Pelle rückt oder ununterbrochen mit Blödsinn auf die Nerven geht. Wir haben lediglich durch die vielen Kriege im Herzen Europas wahrscheinlich gelernt, uns besser zu beherrschen, länger abzuwarten, uns zurückzuhalten. Wenn wir dann aber losschlagen, zuschlagen, dann ist auch das nicht im Affekt, sondern eiskalte, koordinierte und wohl überlegte Berechnung. Vielleicht ein Fehler, darum nicht früher anderen Grenzen aufzuzeigen, doch dann stünden wir auch nicht kulturell und wirtschaftlich dort, wo wir gerade stehen. Denn Kultur, Fortschritt, Kraft entstehen nur durch Einigkeit, durch Zusammenhalt und Vertrauen, Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit. Nicht durch ununterbrochene Streiterei um Nichtigkeiten. Darum ist ja Destabilisierung auch so ein wirkungsvolles Instrument, um im Grunde jede Form von Kultur und Gesellschaft, Gemeinschaft zu zerstören. Das Stammhirn hat seinen Sinn.

Erik Sieven
10. Oktober 2015 23:13

was Europa derzeit macht ist wie wenn Bayern München 4 Spieltage vor Saisonende Meister ist, dann gegen einen Abstiegskandidaten mit der betrunkenen B-Elf aufläuft und verliert. Wettbewerbsverzerrung. In China und Leben leben kombiniert mal locker 1 Milliarde Menschen die sich auch einen Aufenthaltsgenehmigung, Krankenversicherung etc. in Nord/Westeuropea sehnen. Und nicht alle, aber viele haben dabei einen unheimlichen Respekt vor Europa, gerade vor Deutschland, vor Kultur und Technologie. Sie haben aber keine Chance.
Stattdessen kommen muslimische Westasiaten und Leute aus Subsaharaafrika, denen etwa die deutsche Kultur bestenfalls gleichgültig ist.
Wenn Deutschland nun tatsächlich in den nächsten 5 Jahren den Bach runter geht ist das bitte für die Deutschen selbst, bitter aber auch für viele Menschen in Ländern wie Indien und China für die das Vorbild schlechthin verschwindet.

A. Norath
10. Oktober 2015 23:54

https://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/friederike-beck/wie-das-big-money-die-migrationskorridore-nach-europa-steuert-teil-i-die-international-migration.html?allekom=1

Kaliyuga
13. Oktober 2015 01:39

Werte Frau Kositza,

die „schiefen Metaphern“, die Sie bei der „Bengalischen Tigerin“ am Ende aufmerksam bemerken: unbedingt. Kein neumodisch relativierendes Zurechtbiegen kann das ausbuchten.

Klonovsky hat sich letzthin eher überraschend an Benns Lyrik gerieben, wie ich meine unglücklich, unter seinem sonstigen Vermögen. Sie liegen bei der von Ihnen besprochenen Autorin richtig.

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