Sezession
1. Juli 2006

Fußball 2006

Gastbeitrag

aus Sezession 14/Juli 2006

sez_nr_145von Wiggo Mann

Nein, es war keine nationale Erhebung, wie einige vielleicht vermuteten. Die Deutschen holten ihre Fahnen raus und klebten sie an ihre Autos, denn die Welt war zu Gast bei Freunden, und so stellte man eine imponierende, schwarz-rot-gold eingefärbte Partytauglichkeit unter Beweis. Beckenbauer und Schily - mittlerweile durch Schäuble ausgetauscht - hatten gemeinsam mit der Fifa zur WM geladen, die plötzlich „Fußball-Großereignis" hieß und als Teil der Popkultur inszeniert wurde. Jeder konnte sich anschließen, konnte seine Begeisterung für den einstigen Proletensport entdecken und auf den Fan-Meilen ausleben.

Der Fußball war nun nicht mehr eine schnöde Ballsportart, die im
19. Jahrhundert in England kultiviert wurde, sondern völkerverständigendes Element, gesellschaftlicher Kitt, alle und alles verbindend, die schönste Nebensache der Welt, Grenzen, Unterschiede und Ungerechtigkeiten aufhebend und negierend. Die Botschaft, die Kofi Annan wirklich verkündete, lautete: Wenn alle Fußball spielen würden, gäbe es keine Kriege mehr und die ganzen anderen furchtbaren Dinge, die einer schönen Welt im Wege stehen. Ideologisch erfahrene Ex-DDR-Bürger fühlten sich an das Lenin-Jahr 1970 erinnert. Damals hatte alles irgendwie mit Lenin zu tun, diesmal war es der Fußball. Kritik, Nörgelei konnte nur aus dem finsteren Antrieb heraus kommen, das sorgenfreie Fest der kickenden Völker zu versauen. Kritik mußte zu Recht in die Nähe antihumanistischer Tendenzen gerückt werden.
„Die Welt zu Gast bei Freunden" - irgendwie schien sich dieses Motto der WM 2006 zu bewahrheiten, schienen die deutschen Organisatoren und die Fifa die Deutungshoheit über den Fußball errungen zu haben, schien Fußball keine quasi-transzendentale Sache mehr zu sein, kein organisierter Rückfall an archaische Stammesrituale, keine Männerdomäne mit Hang zu Verrohung, Dummheit und Gewalt. Vielmehr ist eine neue Dimension des Fußballs erreicht: entschärft und noch konsensfähiger, denn was den Markt störte, muß vermieden und verhindert werden. Die Zeit war längst reif für den in ein Freudenfest verpackten totalen Kommerz.

Das Wochenende des 13. und 14 Mai dieses Jahres, Endspieltag in vielen europäischen Ligen. Legia Warschau wird polnischer Meister, 5.000 Fans feiern den Titel, 231 werden festgenommen, 52 Polizisten sind verletzt. - In der Schweiz schlägt der FC Zürich den FC Basel in dessen Stadion 2:1 und wird damit in letzter Minute Meister. Dutzende Basler Fans stürmen nach Abpfiff den Rasen und greifen die Gästespieler an. - Das Berliner Oberligaderby zwischen dem BFC und Union wird nach 76 Minuten wegen Randale auf dem Spielfeld abgebrochen. 1.000 Polizisten können, trotz der bekannten Brisanz des Duells, die Konfrontation der rivalisierenden Fangruppen nicht verhindern.


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