Wie weiter? (VI): Wahrnehmungselite

pdf der Druckfassung aus Sezession 30/Juni 2009

Folgendes steht fest: Auch gestern und vorgestern mußten die...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Sach­ver­wal­ter des deut­schen Staa­tes dafür sor­gen, daß 80 Mil­lio­nen Ein­woh­ner ein­kau­fen, kochen, heiß duschen, fern­se­hen und tele­fo­nie­ren konn­ten. Heu­te gilt ihre Sor­ge den­sel­ben Tätig­kei­ten, und auch mor­gen – wenn sie erwa­chen und aus dem Bett stei­gen, um Poli­tik zu trei­ben – wer­den sie gleich und ohne Aus­weg von dem gigan­ti­schen Ver­sor­gungs­be­dürf­nis unse­res zahl­rei­chen Vol­kes in die Man­gel genommen.

Wo bleibt – wenn Grund­da­seins­funk­tio­nen (Nah­rung, Arbeit, Woh­nung, Fort­pflan­zung, Frei­zeit) mil­lio­nen­fach auf­recht­erhal­ten wer­den müs­sen – der Spiel­raum für die Poli­tik? Wor­in unter­schei­den sich die Vor­ga­ben von Lin­ken, Grü­nen, SPD, FDP, CDU und NPD, wenn zunächst und ganz unab­hän­gig von der Tages­form die schie­re Ver­sor­gung einer rie­si­gen Mas­se Mensch sicher­ge­stellt wer­den muß?

Und das Kon­zept der Meta­po­li­tik – die­ser Ver­such, Begrif­fe aus dem vor­po­li­ti­schen Raum in den poli­ti­schen Raum hin­ein­zu­bug­sie­ren, wie beim Bil­lard, viel­leicht über die Ban­de – das kann doch am Ende maxi­mal dazu füh­ren, daß unse­re Leu­te des mor­gens mäch­tig auf­ste­hen, um sich gleich und ohne Aus­weg von dem gigan­ti­schen Ver­sor­gungs­be­dürf­nis unse­res zahl­rei­chen Vol­kes ihres Spiel­raums berau­ben las­sen zu müs­sen. Was für ein Ziel, was für eine Perspektive!

Wir haben also ein rie­si­ges Pro­duk­ti­ons- und Ver­tei­lungs­ge­fü­ge auf­ge­baut, in dem sich Ele­men­te der frei­en wirt­schaft­li­chen Initia­ti­ve mit sehr zahl­rei­chen geziel­ten Pro­duk­ti­ons­hil­fen des Staa­tes mischen und durch­drin­gen, in dem in einer bei­spiel­lo­sen Voll­stän­dig­keit Mil­lio­nen von Men­schen wirk­sam gegen die ver­schie­dens­ten Lebens­ri­si­ken abge­si­chert sind, und das eine lang­fris­ti­ge Stei­ge­rung des Lebens­stan­dards und des Anspruchs­ni­veaus aller Klas­sen erzielt hat; das alles mit einer sehr wach­sa­men Rechts­schutz­ga­ran­tie, einer ein­zig­ar­ti­gen Bewe­gungs­frei­heit, Gesin­nungs­frei­heit, Äuße­rungs­frei­heit selbst gegen­über sol­chen Men­schen, deren Bin­dung an die­ses Sys­tem bloß noch dar­in zu bestehen scheint, daß sie die­se Frei­hei­ten in Anspruch nehmen.

Die »Kri­se« hat das Gespür dafür ver­fei­nert, daß der Staat und sei­ne Mecha­nis­men und sein der­zei­ti­ges Erschei­nungs­bild undurch­schau­bar sind – und an vie­len Stel­len dem berühm­ten Tun­nel­sys­tem in Alfred Kubins Roman Die ande­re Sei­te gleicht: Im Unter­grund galop­piert ohne Pau­se ein wil­der Hengst durch die Dun­kel­heit, und manch­mal hört jemand, hören vie­le die­sen rasen­den Huf­schlag, viel­leicht so, wie wenn man in Ber­lin in einem jener Cafés sitzt, die in die Bögen einer S‑Bahn-Brü­cke gebaut sind, und in denen man also regel­mä­ßig sozu­sa­gen über­fah­ren wird.

Der Hengst galop­piert, aber er ent­fernt sich auch immer wie­der und ist sowie­so nie zu sehen: Es geht eben das Gerücht über ihn, und auch ein Gang hin­ab in das Sys­tem aus Tun­neln und Abzwei­gun­gen bringt kei­ne Sicher­heit, kei­ne Auf­klä­rung. Oben macht man wei­ter, und es ist uner­heb­lich, ob man ziel­ge­rich­tet oder gro­tesk han­delt: Es gibt am Ende nichts zu begrei­fen, es gibt kei­ne Linie, es geht so oder so oder auch ganz anders. Gibt es über­haupt jeman­den, der weiß, wie es funk­tio­niert? Gibt es die Wäch­ter des Abends, gibt es eine Elite?

Man kann zu der Vor­stel­lung kom­men, die Kom­pli­ziert­heit der gro­ßen gesell­schaft­li­chen Trends mit ihrer Ver­wick­lung von wirt­schaft­li­chen, bio­lo­gi­schen, geis­ti­gen Daten habe einen sol­chen Grad erreicht, daß wir uns durch dazwi­schen­ge­scho­be­ne Begrif­fe und Scha­blo­nen ihre Erkenn­bar­keit vor­täu­schen müs­sen, um über­haupt mit­spie­len zu kön­nen. Und wenn, was heu­te vor­geht, sich kaum noch durch­schau­en läßt, so muß um so rät­sel­haf­ter wer­den, was in der Ver­gan­gen­heit sich abspiel­te oder gar, was sich ereig­nen wird. Die Fra­ge, was eigent­lich in den USA wäh­rend des 11. Sep­tem­ber 2001 vor­ging, scheint mir eben­so dun­kel wie die, was aus den Ver­schie­bun­gen in Chi­na oder Indi­en sich erge­ben wird. Dabei ist es selbst­ver­ständ­lich, daß es Men­schen gibt, für die sol­che Fra­gen im Umkreis ihrer Berufs­ar­beit lie­gen; aber gera­de der Exper­te hat ein genau­es Bewußt­sein sei­ner Wis­sens­gren­zen, er erweckt umso mehr Ver­trau­en, je bereit­wil­li­ger er die­se Gren­zen zugibt.

Das ist aber nur die eine Sei­te der Medail­le: In einer Repor­ta­ge über des Finanz­mi­nis­ters Wir­ken Aug in Aug mit der Kri­se war zu lesen, daß Peer Stein­brück glaub­wür­dig sei, weil er offen sei­ne Ahnungs­lo­sig­keit in bezug auf das aus­spre­che, was noch alles kom­men könn­te. Wenn der Exper­ten­stab des Finanz­mi­nis­te­ri­ums noch im Novem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res nichts von dem ahn­te, was uns jetzt, im Mai als urplötz­lich sicht­ba­res 300-Mil­li­ar­den-Euro-Loch im Bun­des­sä­ckel prä­sen­tiert wird, dann ist es um die­se Funk­ti­ons­eli­te nicht gut bestellt: Es han­delt sich ja nicht um nuan­cier­te Abwei­chun­gen von einer in sich stim­mi­gen Rich­tungs­pro­gno­se, son­dern um den Ein­sturz einer tra­gen­den Wand.

Da unten ist also wirk­lich ein Hengst unter­wegs, von des­sen Bewe­gungs­ge­wohn­hei­ten Peer Stein­brück in der Tat kei­ne Ahnung zu haben scheint. Sei­ne Glaub­wür­dig­keit mag wach­sen, wenn er ähn­lich unsi­cher auf mor­gen war­tet wie wir alle. Aber es unter­höhlt unser Ver­trau­en in das Sys­tem als Gan­zes, wenn selbst die Spit­zen­kräf­te nicht wis­sen, wann das Tier durch den Boden stößt und wie es dann zu bän­di­gen wäre – zumal es ja aus­reicht, wenn es in den USA oder in Chi­na an die Ober­flä­che tritt: Sein Huf­schlag erschüt­tert rund um den Erd­ball das, was ein­an­der laut Waren­be­schrei­bung eigent­lich stüt­zen soll­te, und sich dann doch begriff­lich und fak­tisch als Kar­ten­haus erweist.

Um das Gan­ze zusam­men­zu­fas­sen, so mei­ne ich: Der Erd­ball ist von der Tech­nik her klein gewor­den, die Ereig­nis­mas­sen, über die wir infor­miert wer­den, wach­sen mit der Schnel­lig­keit der Über­mitt­lung und der Grö­ße des Ein­zugs­be­rei­ches. Den­noch ist unser Bescheid­wis­sen zum größ­ten Teil fik­tiv, die Erst­ma­lig­keit und Kom­pli­ziert­heit der Ereig­nis­se macht sie undurch­dring­lich, aber sie rücken uns auf die Haut. Folg­lich reagie­ren wir mit Mei­nun­gen, mit hül­sen­haf­ten, sche­ma­ti­schen Vor­stel­lun­gen, die wir mit Gefüh­len auf­la­den, von denen schwer zu sagen ist, ob sie nicht auch Hül­sen sind. Man kann die Lage auch mit dem Begriff »Über­for­de­rung« kenn­zeich­nen. Ich habe kei­ne Zwei­fel an der Tat­sa­che einer Bewußt­s­eins­über­for­de­rung als all­ge­mei­ner Fol­ge des tech­ni­schen Infor­ma­ti­ons-Poten­ti­als. Hier im Kopf erlebt man, daß die Men­schen eher Opfer als Kon­trol­lie­ren­de einer Gesell­schaft sind, die zu groß gewor­den ist, um in mensch­li­chen Maßen ver­steh­bar zu sein.

Mit­ten­drin: Wir – wahr­neh­mend, sor­tie­rend, schrei­bend tätig und ein wenig bis sehr über­for­dert mit der »Ver­ar­bei­tung« des­sen, was täg­lich in uns hin­ein­ge­schüt­tet wird. Gibt es einen Aus­weg? Man könn­te sich als Spe­zia­list posi­tio­nie­ren und zum Bei­spiel als Spre­cher des Ver­ban­des Deut­scher Ver­pa­ckungs­her­stel­ler die Lage der Ver­pa­ckung im all­ge­mei­nen und welt­weit im Auge behal­ten. Es könn­te aber leicht pas­sie­ren, daß dann eine Ver­pa­ckung zwi­schen Ich und »dem Gan­zen« steht und die Sicht auf die Zusam­men­hän­ge ein wenig verstellt.

Umge­kehrt birgt jedoch auch die moder­ne Form des Dilet­tan­tis­mus gro­ße Gefah­ren: Wer Infor­ma­tio­nen in Häpp­chen kon­su­miert und per Radio, Fern­se­hen, Inter­net und Twit­ter in Echt­zeit Schüs­se in Sin­del­fin­gen und Not­lan­dun­gen im Hud­son-River mit­be­kommt, der muß die­se Din­ge auch in Echt­zeit von sich weg­ar­bei­ten. Ihn hin­dert am Blick auf das gro­ße Gan­ze nicht das eine Spe­zi­al­the­ma (also bei­spiels­wei­se »die Situa­ti­on der Ver­pa­ckungs­her­stel­lung«), son­dern der gan­ze klei­ne Infor­ma­ti­ons­müll, den er stünd­lich vom Bild­schirm schau­feln und aus dem Gehirn til­gen muß.

Dies ist eine aus­ge­spro­chen frucht­lo­se Tätig­keit, und sie darf nicht mit Arbeit ver­wech­selt wer­den. Auch führt sie mit Sicher­heit nicht zu dem, was man ein Durch­schau­en und Durch­drin­gen der uns alle prä­gen­den und ein­spin­nen­den gesell­schaft­li­chen Vor­gän­ge nen­nen dürfte.

Aber das Kom­men­tie­ren, Kri­ti­sie­ren, Beschul­di­gen, Prä­sent-Sein und Netz­wer­ken: das macht poli­tik­fä­hig. Dann ist der Ziel­punkt auch nicht die Erkennt­nis des Gan­zen, son­dern der Kampf um die Macht, also: um einen der vor­de­ren Plät­ze am Futtertrog.

Dafür habe ich vol­les Ver­ständ­nis, ich sehe in einem Anspruch auf Macht nichts Ver­werf­li­ches, und zwar des­we­gen, weil man sein Ethos nur aus der Lage des Oben­seins her­aus voll aus­le­ben kann, nicht aus einer gedrück­ten, ein­ge­schnür­ten gesell­schaft­li­chen Lage her­aus. Auch dem pro­gres­sivs­ten Intel­lek­tu­el­len, der gegen die Macht kämpft, geht es doch immer um sei­ne Macht, denn er will ja doch das durch­set­zen hel­fen, was er für Fort­schritt hält. Wenn nun, wie es scheint, die Ver­bit­te­rung zunimmt, so kann ich das ver­ste­hen, wenn man eine Ahnung der Aus­weg­lo­sig­keit unter­stellt, und damit kämen wir am Schluß wie­der auf den Aus­gangs­punkt zurück: zu der Frus­tra­ti­on, dem Vergeblichkeitsbewußtsein.

Ich möch­te beto­nen: Die­ses Ver­geb­lich­keits­be­wußt­sein rich­tet sich nicht auf die kon­kre­ten Chan­cen einer rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewe­gung etwa oder auf die Durch­set­zung eines kon­ser­va­ti­ven Tons in der deut­schen Wochen­zei­tungs­land­schaft. Deren Zeit kommt, ganz sicher.

Das Gefühl der Aus­sichts­lo­sig­keit emp­fängt sei­ne Nah­rung viel­mehr aus jedem Blick, den man auf die nicht­ge­führ­te, nicht in Form gebrach­te Mas­se wer­fen muß: Wo der Kom­mu­nis­mus zur Implo­si­on und der Natio­nal­so­zia­lis­mus zur Explo­si­on führ­te, führt der Libe­ra­lis­mus zur Ver­rot­tung. Nur ein Igno­rant oder ein Ver­tu­scher kann das anders nen­nen. Also gibt es auf die Her­aus­for­de­rung der Mas­sen­ge­sell­schaft noch kei­ne Ant­wort: Die Balan­ce zwi­schen per­ma­nen­ter Revo­lu­ti­on und Ver­haus­schwei­nung, zwi­schen Idee und Elend ist noch nicht gefun­den, und die Suche nach ihr – das sage ich jetzt ein­mal ganz unge­schützt – wird auf die For­mu­lie­rung eines neu­en 1789 oder 1917 oder 1933 oder wenigs­tens eines 1968 hin­aus­lau­fen müssen.

Wer das bestrei­tet, muß zuge­ben, daß es ihm ange­sichts der Mas­se nicht um das gro­ße Gan­ze geht. Und man kann gute Grün­de dafür anfüh­ren, das »Gan­ze« in Ruhe zu las­sen: Denn irgend­wo sitzt in jedem Stich­wort­ge­ber ein Bild, das mit der Wirk­lich­keit »Mensch« nichts zu tun hat, und wer das weiß, macht sich viel­leicht noch recht­zei­tig klar, daß auch eine »for­mier­te Mas­se« noch immer eine »Mas­se« ist, die zunächst ver­sorgt sein will – und zwar nicht vor allem mit schö­nen Büchern!

Was ich hier wahr­zu­neh­men und zu durch­den­ken emp­feh­le, ist nicht neu. Wir ste­hen ange­sichts der Mas­sen­ge­sell­schaft und nach den gro­ßen For­mie­rungs­ver­su­chen noch immer vor Fra­gen, die unse­re Vor­den­ker in gro­ßer Durch­drin­gungs­tie­fe schon vor – sagen wir – 45 Jah­ren anspra­chen. Wir sind Epi­go­nen, das belegt auch mein Bei­trag, ganz for­mal: Die ein­ge­rück­ten Zita­te stam­men aus Arnold Geh­lens Auf­satz »Das Enga­ge­ment der Intel­lek­tu­el­len gegen­über dem Staat«. Nur mini­ma­le Aktua­li­sie­run­gen waren zur Tar­nung not­wen­dig, etwa der Ver­weis auf den 11. Sep­tem­ber (dort stand bei Geh­len die »Kuba-Kri­se«).

Wie wei­ter also, Epigonen?

Es gibt ein Brü­der­paar, das Anfang der drei­ßi­ger Jah­re vor der Fra­ge stand, ob man den Schritt auf die Sei­te der radi­ka­len Prak­ti­ker machen soll­te oder nicht. Ernst und Fried­rich Georg Jün­ger waren als Stim­men der Front-Genera­ti­on mit natio­na­lis­ti­schen Tex­ten, Büchern und Zeit­schrif­ten­pro­jek­ten her­vor­ge­tre­ten. Sie ver­kehr­ten in natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren, jung­kon­ser­va­ti­ven und natio­nal­bol­sche­wis­ti­schen Zir­keln und arbei­te­ten an der geis­ti­gen Mobi­li­sie­rung Deutsch­lands zur gro­ßen Revan­che für das Ver­sail­ler Diktat.

Gip­fel­punk­te sind Ernsts Der Arbei­ter und Die tota­le Mobil­ma­chung oder Fried­rich Georgs Der Auf­marsch des Natio­na­lis­mus sowie Gedich­te wie Die Schlacht. Der Ger­ma­nist Ulrich Frösch­le hat vor eini­gen Mona­ten Eine Fall­stu­die zum lite­ra­ri­schen Radi­ka­lis­mus der Zwi­schen­kriegs­zeit vor­ge­legt, er unter­sucht dar­in bis in Ver­äs­te­lun­gen hin­ein den »radi­ka­len Geist« Fried­rich Georg Jün­gers, des­sen Ent­wick­lung natür­lich ver­wo­ben ist mit der sei­nes Bru­ders: Es ent­steht das Kalei­do­skop der Wei­ma­rer Repu­blik, vor allem in Ber­lin und aus der Sicht natio­na­ler Prot­ago­nis­ten – die bei­de wäh­rend und nach dem Drit­ten Reich mit ihrer poli­tisch-publi­zis­ti­schen Pha­se nicht koket­tie­ren woll­ten und (nach 1945) konnten.

Was uns hier jetzt inter­es­siert, das ist der Umschlag­punkt: Weder Ernst noch Fried­rich Georg misch­ten ja – wie zunächst etwa Benn oder Hei­deg­ger und ziem­lich gründ­lich Bae­um­ler – im neu­en natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staat mit. Sie sorg­ten viel­mehr für Irri­ta­ti­on, indem sie sich der zumin­dest teil­wei­sen prak­ti­schen Umset­zung ihrer theo­re­ti­schen Vor­ga­ben ver­wei­ger­ten und nach und nach ins Inne­re emigrierten.

don-quichoteDie­sen Umschlag­punkt lei­tet Frösch­le für Fried­rich Georg Jün­ger von Hegel her, und er ist nicht poli­tisch, son­dern ästhe­tisch moti­viert: »Das Sub­jekt ver­liert sei­ne Auto­no­mie, sei­ne Selbst­herr­lich­keit, je wei­ter sich die Gesell­schaft funk­tio­nal aus­dif­fe­ren­ziert. Das Indi­vi­du­um wird zum funk­tio­nie­ren­den Räd­chen, des­sen Optio­nen und Ent­schei­dun­gen zuneh­mend einer Fremd­be­stim­mung unter­lie­gen.« Hegel prü­fe zwar noch die Mög­lich­kei­ten einer »Rekon­struk­ti­on der indi­vi­du­el­len Selb­stän­dig­keit« in der Kunst: Aber Don Qui­chot­te schaue dem, der noch für das Vater­land antre­ten wol­le, stets über die Schulter.

Also: Die Jün­ger­schen extrem indi­vi­dua­lis­ti­schen Wege wäh­rend und dann voll­ends nach dem Zei­ten Welt­krieg sind ästhe­ti­scher Wider­stand und Stra­te­gien der Selbst­ret­tung, und sie grün­den genau in der Aus­sichts­lo­sig­keit beim Blick auf das Gan­ze, von der oben die Rede war. Und weil die Jün­gers das so plau­si­bel und nicht ohne Erfolg vor­leb­ten, zogen und zie­hen sie wei­ter­hin gera­de auch aus dem rechts­in­tel­lek­tu­el­len Milieu Leu­te von der Poli­tik ab, hin­über in ein post­mo­der­nes Leben der abge­wand­ten Selbst­ver­wirk­li­chung. Frösch­le bie­tet dafür den Begriff der »Wahr­neh­mungs­eli­te« an und zitiert aus Fried­rich Georg Jün­gers Nietz­sche-Buch die Beschrei­bung die­ser Elite:

Sie sind Beob­ach­ter der Zeit und leben hin­ter den Ereig­nis­sen. Sie üben sich, sich frei von der Zeit zu machen und sie nur zu ver­ste­hen, wie ein Adler, der dar­über fliegt. Sie beschrän­ken sich zur größ­ten Unab­hän­gig­keit und wol­len nicht Bür­ger und Poli­ti­ker und Besit­zer sein. Sie reser­vie­ren hin­ter allen Vor­gän­gen die Indi­vi­du­en, erzie­hen sie – die Mensch­heit wird sie viel­leicht einst nötig haben, wenn der gemei­ne Rauch der Anar­chie vor­über ist. Pfui über Die, wel­che sich jetzt zudring­lich der Mas­se als Hei­lan­de anbie­ten! Oder den Natio­nen! Wir sind Emigranten.

Ist das ein Ange­bot? Wahr­neh­mungs­eli­te, das modern for­mu­lier­te Pen­dant zu Höl­der­lins »Dich­ter in dürf­ti­ger Zeit«? Es ist nur dann ein Weg, wenn man sich mit die­sem stol­zen Wort nicht den eige­nen Gang in die Deka­denz verbrämt.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (29)

Hubert

3. Juni 2009 08:32

Nun ja, es gibt eigentlich schon ein Wort für «Wahrnehmungselite», und das ist «Künstler».

Hesperiolus

3. Juni 2009 10:28

Vergessen wir nicht "die einsamen Wächter" (Das abenteuerliche Herz zweite Fassung) und sammeln mit an jenem Schatz, der spät verzehrt werden wird.

kolkrabe

3. Juni 2009 10:57

Zum Verständnis der Funktionsweise der Wahrnehmungselite im Sinne Ernst Jüngers empfehle ich die gründliche (um nicht zu sagen: meditative) Lektüre von "Besuch auf Godenholm".

Wolle

3. Juni 2009 12:27

Hallo!

Was verflochten ist, läßt sich kaum mehr entknoten. Disziplinieren ja, wenn man Größenwahn, Gier beschneidet, Verantwortung als Verantwortung begreift, die Welt als Einheit. "Wilde Hengste" spürt die Menschheit fortwährend, nicht nur in globalen Krisen.
Nehmen die arroganten Eitelkeiten in den Parteien ab, damit das Unwissen, und werden die Ministerialbürokratien auf Realalitätsbedürfnisse gestutzt, werden auch die "Hengste" der Angstwahrnehmung wieder ruhig grasende Gäule.
Wer soll das bewirken? In Demokratien beginnt die Verantwortung beim Wähler...
Allerdings, so darf man folgern, ist das die Rabatt - Orgie nach Warenhaus - Muster: Das System bleibt, nur die Kampagnen werden dreister und oberflächlicher;die Führungsköpfe auch. Da wiehert unser Hengst und trabt weiter durch die Menschheitsgeschichte. Wäre doch sehr schade, wenn sich der " Krass - Mensch" nicht seine eigene Knute wählen dürfte. So bleibt alles fein im Lot der Systeme.
Ach ja, zum Wochenende Rabatte im Baumarkt, da muß ich hin, schließlich bin ich nicht blöd...

Viele Grüße!
Wolle

Friedrich

3. Juni 2009 13:51

Nicht die „schiere Versorgung“ ist es, sondern die immer bessere Versorgung, wenigstens, so nicht in Realität umzusetzen, in der Werbenachricht vor den Wahlen. Der Hengst, das könnte die mehr oder weniger unbewußt an uns nagende Verunsicherung sein, daß diese Versprechen nicht einzulösen sind, und falls teilweise eingelöst, nichts bringen als weitere Versprechungen, damit weitere Verwicklungen und Unübersichtlichkeit: Nimmersatt.

Wer sich der Masse von Lemmingen, die diese Spirale selbstreflexionslos abrennen, in den Weg stellte, würde überrannt, damals wie heute.

Nur muß, da sie dem eigenen Gewissen standzuhalten verpflichtet ist, die ‚Wahrnehmungselite’ heutzutage eine warnende Elite sein – der wie weiland der trojanischen Dame kaum einer wird lauschen wollen.

Hinterher recht gehabt zu haben wird angesichts kommender Trümmer wenig trösten.

nwr

3. Juni 2009 14:32

Der Text ist treffend und sagt alles, was er sagen will, so daß eine Diskussion sich eigentlich erübrigt. Es stellt sich lediglich bei der Bewertung: „Sie sind Beobachter der Zeit und leben hinter den Ereignissen“ die Frage: „Was ist dann noch Ziel?“ Warten auf einen Messias? Auf den Untergang? Die Massengesellschaft ist Ergebnis der Zivilisation, welche die Kultur zwangsläufig totwalzt, und in welcher lediglich Massenbewegungen auf niedrigem Niveau erfolgreich sind.

Dann ist es nur noch eine Frage des persönlichen Geschmackes, ob man sich angewidert abseits oder den Bedürfnissen der Masse zur Verfügung stellt. So oder so: Den Untergang der tradierten Gemeinschaft(en) aufzuhalten, jetzt, wo sich das sterbende Abendland in seinen letzten Zuckungen befindet, das ist eine geschichtliche Unmöglichkeit. Daher sollte man den bornierten Konservativismus, der Untergangsgesellschaften noch nie weitergeholfen hat, über Bord werfen und progressiv darüber nachdenken, ob die Konzeption bzw. Bildung einer neuen, einer attraktiven Not- und Überlebensgemeinschaft nicht zielführender ist.

Hesperiolus

3. Juni 2009 17:49

Oder atmosphärisch am Aufbau einer Gegen-Elite bauen und ebenso atmosphärisch die Ent-Massung bestreben. Eine Gegen-Elite von geistig und gemüthaft durchdrungenen Einzelnen, die in Schaltstellen gelangen und punktuell wirksam werden. Dazu Vernetzungen. Bewahrer, Umlenker, Entschleuniger - Aufhalter (Katechonten), an allen Ecken und Enden. Substrat und Resonanz für die Entscheidungen der kommenden Jahre schaffen. Sind die katastrophalen Weichenstellungen der genannten Jahreszahlen auch weder restaurativ noch alternativ einzuholen, bleibt das Möglich immer zu tun.

Th.R.

3. Juni 2009 18:47

Jetzt überlege ich schon den halben Tag, was ich als Wortmeldung zu dieser Debatte schreiben könnte.

Die Kompliziertheit des Großen Ganzen kann man ja zunächst einmal schrittweise entschärfen und über- und verdeckte Zusammenhänge offenlegen. Meine Gedanken sind folgende:

"Masse", das ist doch nur die Kumulation bzw. die Aufaddierung aller zur Masse gehörenden Einzelteile. Angenommen, dass deutsche Volk sei hier Betrachtungs- und Untersuchungsgegenstand, dann ist Masse im hier diskutierten Zusammenhang Summe aller einzelnen Deutschen. Der Massenmensch wäre demnach der - seinem Wollen, Fühlen und Denken gemäß - dem durchschnittlichen Deutschen am optimalsten entsprechende Mensch.

Und dieser Durchschnittsdeutsche, sein Denken und sein Fühlen, seine geistige Aufnahmekapazität, seine Sehnsüchte und Leidenschaften - schlicht sein inneres Wollen, Wesen und Gemüt - müßten, denke ich, die eigentlichen Untersuchungs- und Analyseobjekte sein, um überhaupt eine modellhafte Vorstellung zu bekommen, mit wem wir es hier überhaupt zu tun haben, denn schließlich bräuchten wir diese Informationen als Grundlage, wenn wir unsere Botschaft optimal und effektiv an eben diesen Durchschnittsdeutschen bringen wollen.

Denn wollen wir unsere Idee, unsere Vorstellung von einem ideallen Geist an Mann und Frau bringen, dann wird dies nur gelingen, wenn unser "Produkt" (also unsere Idee) möglichst breit und tief die erwähnten seelisch-geistigen Bedürfnisse des Durchschnittsdeutschen ihrer Befriedigung zuführt. Nur unter dieser Voraussetzung wird sich eine Bindung und Verankerung unserer Idee mit dem Wollen des Durschnittsdeutschen, und schließlich der Masse, ergeben.

Wir müssen dem Durchschnittsdeutschen überzeugend die Frage beantworten können, warum es für ihn von Wert und Nutzen sein soll, zu wollen, dass sein eigenes Volk erhalten bleibt. Denn nur was man selber für Wert erachtet, erhält, schützt und verteidigt man auch.

Unser Produkt - also die Idee, Deutschland und das dt. Volk erhalten zu müssen - muß daher solche Eigenschaften aufweisen, die den Durchschnittsdeutschen, bewußt oder unbewußt, zur dieser Einsicht und zu diesem Wollen bringen.

Erwalf

3. Juni 2009 19:19

Sehe ich das in dem Zusammenhang falsch, oder ist aus dem Hause Edition Antaios nicht als neueste Möglichkeit oder Notwendigkeit der Persönlichkeitsentwicklung der Homo Absolutus nahegelegt worden, der doch auch einer von der Wahrnehmungselite ist? Beim Durchdenken des Werkes von Frank Lisson bin ich mir immer noch nicht sicher, ob dieser Homo ein Vorbild bzw. eine Alternative sein kann - sein soll - oder auch nur, wenn auch immerhin, ein einsamer Jünger im Gebirge, der zwangsläufig auch noch die Kultur hinter sich lassen mußte, von Politik ganz zu schweigen.

Hesperiolus

3. Juni 2009 21:18

Als aus einer Art autopsychographischer Untergangs-Lektüre Lissons hervorgegangen, ist dieses popspenglereske Großamalgam unzähliger Aphorismenschätze der KR zweifelsohne grandioses Feuilleton, dessen erstes Drittel ich vor einiger Zeit gelesen und mit zahlreichen Für- und Gegen-Ausrufezeichen versehen habe. Wahrnehmungselitäre Synästhesie findet man da, aber kein Lebensmodell. Es sei denn Homo absolutus inferior als den das "langsame Heraufdringen urmenschlicher Zustände in eine hochzivilisierte Lebenshaltung" bezeugenden Über-Fellachen (meine Lektüreglosse S. 97 ff.).

tiberius

3. Juni 2009 21:37

Guten Abend,

als bekennender Durchschnittdeutscher, kleiner Hinweis an die Wahrnehmungselite:

Einem großen Teil von uns ist durchaus bewußt, was falsch läuft nur leider: Welche Chance haben wir denn dagegen einzutreten ?

Wir haben leider keine Lobby, keine Interessenvertretung, keine Medien, keine Verbände.

Wir sind halt eine aussterbende Gattung.

Tja und ob uns die Wahrnehmungselite weiterhilft...

Thorsten

3. Juni 2009 22:43

Das wahre Glück auf Erden: Dumm sein und Arbeit haben. Einfach, aber richtig. Das persönliche Leben passt dabei zur intellektuellen Gegebenheit, zu den geistig möglichen Vorstellungen von Lebenssinn und persönlichen Wünschen. Wer nicht weiß was er verpassen kann, verpaßt nichts. Wer nicht weiß wo er herkommt, will nicht wissen wo es hingeht. Wer nicht weiß was schief läuft, will nichts verändern ...

Der Intellekt steht dem persönlichen Glück oft im Weg - wenn der Anspruch über eigene Macht und Möglichkeiten hinausgeht. Viele Unzufriedene (Anspruchsvolle) schaffen Veränderung. Die grundsätzlichen Möglichkeiten und das Wohl (Glück) des Volkes ist demnach abhängig von der durchschnittlichen Intelligenz der Masse. Und um die ist es nicht zum Besten bestellt.

Wahrnehmungselite? Ist jeder irgendwann, meist in der Jugend. Die meisten arrangieren sich, passen sich an, reduzieren Wünsche und Ansprüche, wenige schaffen es persönliche (meist unpolitische) Wünsche zu realisieren. Einige unverbesserliche Idealisten, die nicht nur im persönlichen Hier-und-Jetzt leben, oder sich nicht damit abfinden wollen, sondern in Generationen der Gegenwart und Zukunft denken, werden mit einer tiefen und letztlich unstillbaren Unzufriedenheit, die nicht zuletzt in der Depression endet (siehe die große Wahrnehmungselite Spengler) leben müssen. Das ist der Preis der Wahrnehmung, der Erkenntnis. Oder mit Robert Musil: "Man kann seiner eignen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen". Darüber muß man sich im klaren sein. Es gibt kein Wohlfühl-Wahrnehmungselitentum.

Und so bezweifle ich, dass uns eine Wahrnehmungselite helfen kann. Diese Leute können maximal selbst unbeflekt untergehen, aber einen Untergang nicht verhindern. Das sind die Herren mit Zigarre und Whiskyglas in der Hand ... auf der Titanic.

Sich bewußt zu werden, dass nur wenige, zu wenige, die Probleme, und auch Möglichkeiten der Abhilfe, wahrnehmen, muß der Anfang sein. Was kommt nach dieser elitären Erkenntnis. Das ist die Frage.

Frau P.

3. Juni 2009 23:32

Was denn nun, "kein Wohlfühl-Wahrnehmungselitentum" oder "Herren mit Zigarre und Whiskyglas"?

Mein eigenes Erleben erkennt eher ersteres wieder: es ist SCHWER. Richtig schwer. Wer ein gewisses Maß an Durchblick vorweist, findet sich nicht selten in der mißlichen Lage wieder, daß gerade dies für (entlohnte) geistige Arbeit "disqualifiziert" - entsprechende Tätigkeiten werden lieber mit Leuten besetzt, die fachlich zwar ausreichend, politisch aber nicht zu viel merken.

Trotz mittlerweile jahrzehntelangem "Querdenker"-Gesabbel ist echtes Querdenken, also ein freier Kopf, ein Karrierekiller, und man muß nicht ein Rechter sein, um sowas zu erleben. Mir sind persönlich sogenannte 68er bekannt, denen die große Öffnung der Universitäten geradezu alles versaut hat, weil sie als fachlich saubere, unideologische Talente in der frisch hereingespülten Masse keine Chance hatten - auf einmal war der Typus des Schnackers König, und wer wirklich was konnte, wünschte sich nicht selten die Ordinarienuniversität zurück.

Wenn nun aber gerade diejenigen, die den geeigneten Verstand hätten, in diesem ihrem Begabungsgebiet ausgesondert werden, bleiben Existenzen zurück, die sich "artfremd" und durchaus auch unter Niveau über Wasser halten müssen, was nicht wenig Energie frißt. Da ist der Rückzug dann kein Wunder.

Zudem ist zu befürchten, daß Wahrnehmung ein schwindendes Gut ist, weil sie etwas voraussetzt was innerhalb relativ weniger Jahre rapide ausmanövriert worden ist: Bildung, Zeit zur Vertiefung, durchaus auch stilles Kämmerlein - aber selbst an Hochschulen wird teilweise das Quellenstudium durch Wikipedia ersetzt. Nicht wenige kommen mit einem nicht auf Suchmaschinen basierenden, physischem Bibliothekskatalog überhaupt nicht zurecht. Ich selbst merke gegenüber meinen Eltern schon, was ich in der Oberstufe alles nicht mehr gelernt habe. Wenn Bildung zur zügigen Wissensvermittlung für kommende Fachkräfte umgemünzt wird, wieviele echte Köpfe bleiben dann über?

Ich nehme an, es geht hier vielleicht darum wie man dieser Klientel eine Heimat bieten könnte.

Ein Ansatz wäre sicherlich, denjenigen, denen an echter Vertiefung gelegen ist, hierzu Gelegenheit und Forum zu geben, was ja auch schon geschieht. Wobei sicher noch eine gewisse Schnittmenge wegbricht, weil sie sich nicht als rechts oder links identifizieren mag. Man muß damit rechnen, daß hier nicht unbedingt in Flügeln gedacht wird.

Harry

4. Juni 2009 00:03

Ich verstehe den Text wie folgt: Er ist ein Plädoyer für eine "Wahrnehmungselite", die zeitgleich stille Reserve, Leitbild, Deuterin der Wirklichkeit und alternative Existenzform ist.

Auf dem Weg dahin hatte ich den Autor in Verdacht, eine neue Stufe der Entwicklung des IfS/Sezession-Kreises einschlagen zu wollen. Nach der Ausdifferenzierung aktiv/passiv (mit der Schaffung der KSA), sah ich schon einen neuen Ableger vor mir: die Konservative-Aufbau-Organisation (KAO), welche den Part des poltischen Machtkampfes einleitet (und damit IfS und Sezession von dem Druck befreit, tagespolitisch aktiv zu werden; so wie die KSA eine eigene Plattform für die Aktivisten sein soll). Dann der Umschlag, ob eine solche Tätigkeit letztlich den eigenen Wunsch stillen kann, gewisse Probleme tatsächlich zu LÖSEN (und nicht nur mitzureden oder gar Kompromisse mit aushandeln zu dürfen, um das Schlimmste zu verhindern). Die klare Antwort: Nein. Die Probleme lassen sich (so GK) - auf absehbare Zeit und bei diesen äußeren Umständen - nicht lösen. Zudem habe der Einzelne immer das Problem, dass er, selbst wenn er aktiver Teil einer Erneuerungsbewegung werden sollte, seine Unahhängigkeit verliert. Er wäre dann nur ein Rädchen im Getriebe (ein Spezialist). Deshalb der Weg, als "Wahrnehmungselite" sich nicht im Tagesgeschäft zu verbrennen.

Ziel ist es - so meine Deutung des Textes -, eine Position zu gewinnen, die einerseits einen radikal individualistischen Standpunkt erlaubt (auch und gerade durch den Verzicht auf Macht) und zeitgleich die Wirklichkeit beeinflussen will (zB durch Erkenntnis von dem was ist, was nur möglich ist, wenn man sich bewußt abseits stellt, und dadurch einen Überblick behält oder indem die gewonnenen Erkenntnisse "über Bande" in die Tagespolitik gebracht werden).

Den für mich vielleicht interessantesten Knackpunkt als Zitat "Und man kann gute Gründe dafür anführen, das »Ganze« in Ruhe zu lassen: Denn irgendwo sitzt in jedem Stichwortgeber ein Bild, das mit der Wirklichkeit »Mensch« nichts zu tun hat, und wer das weiß, macht sich vielleicht noch rechtzeitig klar, daß auch eine »formierte Masse« noch immer eine »Masse« ist, die zunächst versorgt sein will"

Ich verstehe das als Absage an die Formbarkeit der Masse. (Dem nicht uninteressanten Einwand, dass die Masse geformt IST würde ich entgegenhalten, dass dies keine bewußte, gesteuerte Formung gewesen ist - wenn man will: Natur, nicht Kultur). Formung der Masse ist nicht möglich, weil die Formung EIN Bild des Menschen voraussetzt, welches Zwangsläufig nicht einer Masse an Menschen (deren Anlagen etc) gerecht werden kann. Möglich ist mithin nur die Formung von Individuen (siehe Zitat im Text von FGJ "Sie reservieren hinter allen Vorgängen die Individuen, erziehen sie") .

Die Beiträge von tiberius, Hesperiolus, Th.R. ... zeigen in eine ganz andere Richtung. Ihnen geht es um Tagespolitik und um Macht (was ich nicht negativ werten will), eben darum geht es GK - zumindest in diesem Text - nicht.

Ich höre da auf leisen Sohlen den Hufschlag eines Hengstes...

Ich zitiere Th.R. "Wert und Nutzen ... dass sein eigenes Volk erhalten bleibt ... die Idee, Deutschland und das dt. Volk erhalten zu müssen". Darin sehe ich den Gedanken, dass eine Masse geformt werden muss, eine bestimmte Ethnie (deswegen auch der Verweis auf den "Durchschnitsdeutschen", hier haben wir EIN modellhaftes Bild des Menschen). Wird womöglich auch deshalb der direkte Weg zur Macht gesucht, weil man den flüchtigen und vergänglichen biologischen Stoff bewahren will? Weil man nicht an die formende Kraft rein geistiger Ideen glaubt?

Vielleicht - so meine These - zielt das Konzept der Wahrnehmungselite auf etwas anderes. Nämlich nicht auf die (formende) Biologie, sondern auf den (formenden) Geist, wie er beispielhaft im preußischen Staat gewirkt hat, bevor...

HJ Schoeps schrieb in seinem Aufsatz "Preußentum und Gegenwart":

Zitat: Das alte Preußen hat keinen erbitterteren Gegner gehabt als das völkische Prinzip. Im Revolutionsjahr 1848 schrieb die Neue Preußische Zeitung oder Kreuzzeitung "Widersinnig oder frevelhaft ist der Versuch, die bestehenden Staaten in Nationalitäten aufzulösen. Wer sich verlocken läßt, diesem Irrlicht zu folgen, der muß im Sumpf des Radikalismus enden."

Letztlich geht es also um die Frage, ob man ein preußisches oder ein völkisches Deutschland will.

Tiberius

4. Juni 2009 21:01

Hallo Harry,

zum Thema Tagespolitik: Ich bestreite einfach zum einen, dass die Umstände und auch der Weg "wo es hin geht", der "breiten Masse", dem Durchschnittsdeutschen oder wem auch immer (naja eigentlich den Adressaten konservativen Denkens und als Folge politischen Handelns) nicht sichtbar wären und das es darum einer "Wahrnehmungselite" bedürfe um sich dieser Gegebenheiten bewußt zu werden.

Zum anderen ist es aus meiner Sicht einfach so, dass da wo lautstarke Propaganda, nackter Hass auf alles andersdenkende, perfide (linke würde es auch treffen) Vernichtungsstrategien zum "gesellschaftlichen Plattmachen von Menschen und schlussendlich auch einfach Gewalt auf der einen Seite stehen, das Problem nicht in der Erkenntnis liegt, sondern einfach an der Möglichkeit dem zu begegnen.

Die vorstehende Diskussion erinnert mich vom Sachverhalt und Sprache an die Elfenbeinturm-Erörterungen linken Intelektuellentums, bedingt durch das einfache nicht-betroffen-sein der "Umstände".

Und ehrlich: Eine Elite der die die Massen betreffende tagespolitik zu banal ist um sich damit auseinderzusetzen, haben wir schon - meine konkrete Wahrnehmung ist, das mich das auch nicht mehr rettet.

Harry

4. Juni 2009 22:28

Hallo Tiberius,

Erkenntnis ohne Resonanz ist sinnlos - da hast Du sicher völlig recht. Ich möchte aber dagegenhalten, dass es auch nicht nur darum geht, "andere Schweine an den Trog zu lassen". Und die Frage der Erkenntnis halte ich für nicht so einfach, wie Du sie siehst. Das siehst man sehr gut an den Zielen "der Rechten": christlich, völkisch, national, ...? Wenn die eigene Meinung das Ziel bestimmt, dann ist es mit der Erkenntnis nicht weit her.

Viele Grüße

Harry

Th.R.

5. Juni 2009 13:26

@Harry

Zitat: "Die Beiträge von tiberius, Hesperiolus, Th.R. … zeigen in eine ganz andere Richtung. Ihnen geht es um Tagespolitik und um Macht (was ich nicht negativ werten will), eben darum geht es GK – zumindest in diesem Text – nicht."

Mir geht es weder um Tagespolitik, noch ist es mein Anliegen, das Volk mit einem neuen Parteiprogramm zu beglücken. Mir geht es um das, was man heute mit dem Begriff Metapolitik zu beschreiben versucht - und natürlich auch um Macht, allerdings um metapolitische, nicht um politische (Die wird sich zwangsläufig ergeben, sobald die metapolitische Macht errungen ist.).

Anliegen ist es, eine Idee - die in diesem Falle die Idee, das dt. Volk erhalten zu müssen - zu konkretisieren, um sie anschließend, wie eine Art geistiges Produkt, in den geistig-kulturellen Äther zu schicken, so dass die in dieser Idee enthaltenen Botschaften, Gedanken, Imperative, Dogmen und Heilsversprechen in Konkurrenz zu den anderen, im geistigen Äther der BRD bereits etablierten Ideen treten (Einerseits insbesondere zu den dominierenden antideutschen Dogmen der 68er, evangel. Kirche und anderer Linker, andererseits zu den alles beherrschenden und vereinnahmednen Imperativen des Dämons Materialismus - also der Botschaft des Konsumieren-Müssens, des Karriere-Machen-Müssens, des Reich-Werden-Müssens, des Statussymbole-Haben-Müssens -, die vom Kapital mittels hoher Werbebudgets in den geistigen Äther dieses Volkes und damit in die Gedanken der Masse transportiert werden).

"Idee" also als ein Konglomerat von Gedanken, Informationen, Weisheiten, Imperativen, Dogmen, Heilsversprechen usw., dessen Kerngedanke bzw. innerstes Ziel der Erhalt des deutschen Volkes ist, von dem alle Bestandteile dieses Konglomerates ihr inneres Wesen, Richtung und Orientierung beziehen. Diese müßte zum einen inhaltlich konkretisiert, zum anderen in einer dem durchschnittsdeutschen Gemüt entsprechenden Weise "verpackt" und verabreicht werden.

Sie sehen also, dass dieser Ansatz keineswegs (nur) passive Wahrnehmungsaufgabe, sondern auch aktive Gestaltung und Beeinflussung sein soll. Das "Ganze" soll eben nicht in Ruhe gelassen, sondern mit einer Idee, einem neuen rechten Geist gefüttert werden.

Harry

5. Juni 2009 17:06

@ Th.R.

Sie wissen, um welche Idee sie kämpfen und sie sind bereit, diese in die Tagespolitik zu tragen. Bei mir ist das Gegenteil der Fall.

Harry

6. Juni 2009 09:12

@ Th.R.

Nachtrag:

Weder christlich-fundamentalistische, völkische und schon gar nicht rassistische Weltanschauungen finde ich unterstützenswert. Weder kann ich mich mit dem angestrebten Gesellschaftsmodell anfreunden, noch kann ich deren "Erkenntnisse" (besser: Meinungen) über unsere Gesellschaft teilen. Das sind aber nun mal leider die stärksten rechten Strömungen. Die rechtspopulistischen Bewegungen halte ich zwar für eine annehmbare politische Alternative, um das Boot wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Deren Erkenntnisse bewegen sich allerdings nur im Rahmen der Tagespolitik. Sonstige rechte Strömungen sind marginalisiert und haben ebenfalls Erkenntnisdefizite.

Und die Frage der Erkenntnis halte ich für wesentlich (gerade für die Rechte!). Wofür lohnt es sich zu kämpfen? Welche Lehren muss man aus der Geschichte ziehen? Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es? Usw.

Ich bezweifle auch, dass eine fixe Idee ausreicht, der Wirklichkeit gerecht zu werden. Grundsätze und Grundvorstellungen sind wichtig, zweifellos. Aber Erkenntnis setzt auch stetige Veränderung voraus. Und wenn ich bei einer Idee feststelle, dass die Gesellschaft / ein Gemeinwesen an diese angepasst werden soll (und nicht umgekehrt), dann halte ich sie für falsch.

Letztlich ist es wohl auch eine Frage der eigenen Person, ob und in welcher Situation man seine Unabhängigkeit bewahren will und wann nicht. Siehe auch den Lebensweg der Gebrüder Jünger. Die Herren wussten sehr gut, was sie taten.

Hesperiolus

6. Juni 2009 10:02

@ Harry

Um nur mal eines herauszugreifen: Was wäre denn diese Welt ohne die gestaltverschiedenen und ihr Wesen zu eigenem Kulturausdruck bringenden und bewahrenden Völker? Volk ist für mich ein unverhandelbares fundamentum wie auch immer rechter Weltauffassung! Sich der forcierten Auflösung dieser Gestaltträger in eine menschheitliche Masse, die ihre dadurch enteigneten Überlieferungen nurmehr musealisiert und folklorisiert, entgegenzustellen, scheint mir zum Minimum zu gehören. Auch und gerade ohne im engeren Sinn "völkisch" zu sein. Sonst bliebe nur ein funktionalistischer Konservatismus, bei dem ich mich frage, wozu eigentlich noch?

Harry

6. Juni 2009 12:56

@ Hesperiolus

Nun, für mich ist das "Volk" (verstanden als ethnische Gemeinschaft oder als Blutsgemeinschaft) eben kein "unverhandelbares fundamentum ...rechter Weltauffassung". Ich verweise einfach mal auf die Vielzahl nicht völkisch geprägter rechter Bewegungen und Weltanschauungen, zitiere KH Weißmann ("konstruktiver Gehalt ... war bei den Völkischen ... stets gering ... denen stand immer die undurchdachte Grundannahme eines natürlichen Volkes im Wege. Dessen Natürlichkeit ist aber nur ein Grenzwert, bei der Entstehung ... sind Institutionen im Spiel gewesen... Das romantische Selbstbild der Völkischen läuft auf Anerkennung des fremden Volkstums hinaus, aber dafür gibt es bezeichnenderweise keine Beispiele...", aus: Unsere Zeit kommt, Seiten 32-34) und verlasse diesen unergiebigen Nebenkriegsschauplatz.

Thorsten

6. Juni 2009 18:55

Ich muß Hesperiolus zustimmen. Ohne "Volk" als bestimende Kategorie zwischen "Familie" und "Menschheit", wird eine wie auch immer geartete konservative Politik völlig sinnlos und irrwitzig. Denn ohne den Bezugspunkt "Volk" ist alles Persönlich und Privat. Es bleiben nur Menschen unter Menschen, Gleiche unter Gleiben. Dann sollte man so konsequent sein und gleich den Weltstaat anstreben. Wozu ein Preußen?

Nur mal so als Hinweis an Harry: Es hindert einen in der westlichen Wertegemeinschaft niemand daran konservativ zu sein. Wo ist also das Problem? Oder sollen es über das Persönliche hinaus doch alle werden? Aber Erziehung/Umerziehung wird doch auch abgelehnt. Wozu bedarf es eines Staates, wenn man sich scheut die Gemeinschaft/Gesellschaft anzupassen, also auch Grenzen zu setzen, zu maßregeln etc.? Und wer darf diesem Staat überhaupt angehören? Wird das dann eine Glaubensgemeinschaft ("wir glauben an das heilige konservative Preußen") wenn "Volk" zu vernachlässigen ist.

Harry

7. Juni 2009 12:21

Halten wir einfach einmal abschließend fest: wer schon alles weiß und die Antworten vor den Fragen kennt, der benötigt keine Wahrnehmungselite.

Und nur mal so als Hinweis an Thorsten: Zwischen Familie und Menschheit gibt es zB noch Nachbarschaft, Region, Nation, Kulturnation, Monarchien, Kirchen etc. Hier werden Grenzen gesetzt, hier findet Erziehung statt (oder kann stattfinden) Warum manche Rechte ausschließlich völkisch denken - und dabei auch ignorieren, dass völkisches Denken eine linke Idee war, die sich erst später und immer nur zeitlich befristet mit dem Konservatismus vereinigt hat - konnte mir bisher noch niemand schlüssig erklären. Der "Glaube" an das Volk hat sich mir bisher tatsächlich nicht erschlossen, dazu benötigt man vermutlich tatsächlich eine Erleuchtung. Jedenfalls ist Preußen (vor 1871) ein wunderbares historischen Beispiel, dass ein Staat sehr gut und sogar viel besser ohne völkische Nebelschaden funktioniert.

Marc F.

7. Juni 2009 15:00

Lieber Harry,

da mißverstehen Sie Karlheinz Weißmann aber ganz gewaltig. Auch für ihn ist das Volk absolut zentral. Er kritisiert lediglich die einseitigen naturalistischen Vorstellungen der „Völkischen“ im engeren Sinne (unter anderem das Verkennen der Bedeutung von Staat und Institutionen). Hesperiolus hatte das ja ebenfalls bereits geschrieben. Weißmann bezieht sich immer wieder auf die geistige Tradition der „Deutschen Bewegung“ und ihr diesbezügliches Verständnis, sehr schön nachzulesen in seiner Neubearbeitung von Mohlers Standardwerk zur KR „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932“.

Hier ein kurzer Auszug:

Die Grenze zwischen den Historisch-Liberalen und dem, was man die „Deutsche Bewegung“ genannt hat, war fließend. „Deutsche Bewegung“ war keine Selbstbezeichnung, sondern wurde als Begriff von Wilhelm Dilthey geprägt und von Herman Nohl präzisiert, um eine sonst sehr schwer faßbare Strömung abzugrenzen, die Anregungen aus Sturm und Drang, Klassik und Idealismus mit denjenigen der Romantik verschmolzen hatte. Ihre Leitvorstellungen waren geprägt von der Idee des kulturschaffenden Heros, der „subjektiven Religion“ und der Ausrichtung aller Politik auf das „Volk“.
Wenn Herder noch 1765 gemeint hatte, daß man unter Volk „gemeiniglich soviel als Pöbel und Canaille“ verstehe, dann war unter seinem und dann unter dem Einfluß der Romantik eine nachhaltige Veränderung eingetreten. Durch die zentrale Stellung, die das Volk im Denken der Deutschen Bewegung einnahm, war sie aber nur schwer in das oben skizzierte Links-Rechts-Schema einzuordnen. „Volk“ bedeutete eben nicht nur die ethnische und kulturelle Gemeinschaft oder die politische im Sinn der französischen Nation. „Volk“ diente auch nach wie vor als Bezeichnung für die „Menge“, für „arme liute“, was jeder Berufung auf das Volk einen „gefühlsdemokratischen“ Zug gab und zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Unbehagen einer aristokratischen oder monarchischen Obrigkeit wachrufen mußte. Bei Ernst Moritz Arndt, dem wichtigsten Vertreter des neuen Volksgedankens, findet sich mehrfach der Hinweis auf die Dekadenz der Fürsten und Herren und auf die natürliche Güte oder wenigstens beeindruckende Regenerationskraft der einfachen Leute.
Arndt verknüpfte die positive Vorstellung von Volk mit anderen Ideen, die seit der Zeit des Humanismus den deutschen Nationalgedanken nachhaltig bestimmt hatten. Dazu gehörte vor allem, daß die Einheit der Deutschen nicht in der Gemeinsamkeit von Staat und Territorium gründe, sondern in der Gemeinsamkeit von Sprache, Kultur und Abstammung. Volk in diesem Sinne entsprach ganz den Vorgaben des romantischen Denkens, weil es eine organische Einheit bildete, historisch geworden, Dauer verbürgend und den Einzelnen einordnend.
Erst die Exzesse der Französischen Revolution und die Erfahrungen mit der republikanischen wie mit der napoleonischen Herrschaft hatten zu einer wirksamen Politisierung der romantischen Volksidee im Sinne eines deutschen Nationalismus geführt. Trotzdem erhielt sich in der Deutschen Bewegung die Vorstellung, daß das Politische nicht alles für das Nationale bedeutete. Dieses überschießende, nicht nur-politische Moment erklärt den Enthusiasmus der Bewegung für „Volksstaat“, „Volksreligion“ und „Volksbildung“ als Grundlagen einer neuen Ordnung des Gemeinwesens.
(...)

(Armin Mohler/Karlheinz Weißmann: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Ein Handbuch, 6., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Graz 2005, S. 18 ff.)

Harry

7. Juni 2009 21:08

Hallo Marc,

mir erschließt sich nicht, wie Sie aus der von Ihnen zitierten beschreibenden historischen Darstellung Weißmanns eine Wertung seinerseits herauslesen wollen?

Ebendiese war in meinem Zitat ausdrücklich vorhanden.

Außerdem: Ich zitiere noch einmal "... bei der Entstehung jedes historischen Volkes sind Institutionen im Spiel gewesen, unvermeidlich." Klarer kann man es doch nicht sagen, oder?

Mit dem Begriff "Volk" habe ich i.Ü. auch kein Problem - wenn es ein Staatsvolk oder ein Kulturvolk meint. Und das bezüglich Migration eine gewisse Vorsicht notwendig ist, damit bin ich auch d`accor. (Kurz der Hinweis auf das Konzept der "Kulturfernen" von Irenäus Eibl-Eibesfeldt). Aber doch bitte nicht diese völkischen Haarspaltereien...

....

Zur "Wahrnehmungselite" gibt es nichts mehr zu sagen? Auch gut.

Hesperiolus

7. Juni 2009 21:34

"Für mich ist "Volk" eine Einheit der Seele."

Um diese Zitatstelle des wunderbaren O. Spengler, UdA S. 754 herum möge man schweifen. Was "Volk" meint, sagt doch mehr Intuition als Definition. Durch die Väter im Seelenraum einer Landschaft wurzeln!

Thorsten

7. Juni 2009 21:41

"Zwischen Familie und Menschheit gibt es zB noch Nachbarschaft, Region, Nation, Kulturnation, Monarchien, Kirchen etc."

Sie vermischen die Begrifflichkeiten aber willkürlich. Nichts Ihrer Aufzählung gehört in meine. Ich rede von Laufen, Fahrrad und Auto. Sie listen Mercedes, Opel, Rollstuhl und ADAC.

Marc F.

8. Juni 2009 11:20

@Harry:

Die Wertung lese ich nicht aus dieser Textstelle heraus, sondern vor allem aus von Weißmann gehaltenen Vorträgen, in denen er immer wieder die Bedeutung der „Deutschen Bewegung“ für das Denken der KR herausstellte und sehr deutlich wurde, daß auch er selbst sich in dieser Tradition sieht.

Wenn Sie seine Sicht der Dinge nachlesen möchten, kann ich Ihnen vor allem sein Buch „Nation?“ empfehlen, das 2001 bei Antaios erschienen ist. Darin arbeitet er sehr schön den Unterschied zwischen „Staatsnation“ (frz. Modell) und „Volksnation“ (dt. Modell) heraus, macht aber auch die grundsätzliche Bedeutung der Existenz einer ethnischen Basis für die Entstehung von Nationen deutlich (sowohl für Staatsnationen wie für Volksnationen!).

Zum „deutschen Weg“ schreibt er, daß für das deutsche Denken die „Vorstellung von der Selbständigkeit des Volkes (...) als einer auch außerhalb der staatlichen Zusammenfassung bereits erkennbaren und sich seiner in einem gewissen Maße bewußten, vor allem kulturellen und sprachlichen Einheit“ eine ganz besondere Rolle gespielt habe. Diese „ethnopathetische“ Auffassung des „Volkes“ sei bestimmend für die deutsche Vorstellung von der „Nation“ geworden. Das Volk sei insofern nicht Natur, aber auch nicht künstlich wie der Staat. Es beruhe oft auf „Abstammungs“-, in jedem Fall jedoch auf „Fortpflanzungsgemeinschaft“. Die Genetik bestätige die Auffassung, daß ethnische Gruppen auch über Erbinformationen definiert sind und – er verweist hier auf die Forschungen von Cavalli-Sforza– meßbare genetische Gemeinsamkeiten aufweisen.

Zwei Literaturhinweise zu diesem Themenkomplex:

Besonders empfehlen möchte ich das Hauptwerk eines bedeutenden jungkonservativen Denkers, auf den Weißmann sich an der wiedergegebenen Stelle bezieht:

Max Hildebert Boehm: Das eigenständige Volk. Volkstheoretische Grundlagen der Ethnopolitik und Geisteswissenschaften (1932)

Zu den biologischen Grundlagen von Völkern dann noch eine sehr informative aktuelle Bucherscheinung:

Andreas Vonderach: Anthropologie Europas. Völker, Typen und Gene vom Neandertaler bis zur Gegenwart (2008)

Olaf Ramcke

8. Juli 2009 23:22

Die Frage ist, wessen Bücher die Menschen aufschlagen werden, wenn sich der Rauch verzogen hat. Daß man sich auf's Theoretische verlegt, wenn man gerne Dinge ändern würde, die man nicht ändern kann, ist hingegen logisch zwingend.

Aber um eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage zu versuchen, es werden die Bücher sein, welche den Menschen versprechen, bei der Erfüllung ihrer Hoffnungen behilflich zu sein.

Womit wir bei den Hoffnungen der Menschen wären.

Aber fragen wir mal andersherum: Haben sich die Hoffnungen der Menschen jemals im Anschluß an eine Zeit, in der es geraucht hat, erfüllt?

Trotz aller Wirren mag man sagen, daß die Franzosen bekommen haben, was sie wollten, 1789. Dennoch, wirklich unser Leben geändert hat die Industrialisierung, und ihre technischen und monetären Vorbereitungen hatten nichts Revolutionäres an sich, sondern vollzogen sich in aller Stille.

Unsere soziale Verfassung betrifft das freilich nicht. Diesbezüglich ist 1789 das entscheidende Datum. Aber damals gab es eine Instanz, welche der Neuverfassung feindlich entgegen stand. Das ist aber doch heute gar nicht das Problem. Heute gibt es schlicht keinen Konsens, wie die soziale Verfassung zu verbessern wäre. Mehr noch, es gibt noch nicht einmal klare Ziele.

Die Hoffnungen der Menschen, welche einst Bücher aufschlagen werden, sie müssen uns wohl fremd sein.

Nun, wer selber hofft, hofft auch, daß er nicht alleine hofft. Nur kann man den Menschen nicht zur Liebe zwingen, und auch nicht überreden. Beobachten... das heißt auch, neutral zu sein, sich auf's Technische zu beschränken und damit den Kern des eigenen Strebens fahren zu lassen.

Vielleicht wird man andere vom Werte der eigenen Beobachtungen überzeugen, vielleicht werden sie einen darum einst aufschlagen. Ernst Jünger allerdings ist da kein Vorbild, freilich, seine wirklichen Beobachtungen (über den Krieg) sind exzellent, seine theoretischen Betrachtungen im Arbeiter sind es nicht. Das hat Aldous Huxley weit besser beschrieben, aber auch ihn schlägt man nicht der Qualität seiner Beobachtungen wegen auf, selbst wenn man es sollte. Das Problem hierbei ist natürlich, daß Säue Perlen nunmal nicht zu schätzen wissen. Daß Huxley Recht haben könnte, versteht man. Daß er Recht haben muß, nicht. Niemand liest "A brave new world" als Warnung, es wird als Satire mißverstanden.

Die Menschen wollen versorgt werden, ja. Aber das System, welches uns eine bessere Zukunft verspricht, beinhaltet unermüdlich wirkende Gesetzmäßigkeiten, welche uns durchaus vorhersehbar in einen Zustand des totalen Handels (ein Zustand, in dem buchstäblich alles gehandelt wird) und des obligaten Konsums (als einer sozialen Verpflichtung) treiben. Dieses System kann aber nur dadurch außer Kraft gesetzt werden, daß die Menschen soziale Ziele formulieren. Und die Bausteine dazu sind gemeinsame Werte. Auch das spricht Huxley an, wenngleich auf schon geradezu makabre Weise, als gesellschaftlich sanktionierten Wahnsinn.

Und freilich, zur Liebe kann man die Menschen zwar nicht überreden, zum Wahnsinn dafür aber schon. Dieses Feld ist gefährlich, das hat nichts mit speziell deutschen Erfahrungen zu tun. Schon eher etwas damit, daß man aus etwas Falschem Beliebiges ableiten kann: ein widersprüchlicher Kodex erlaubt seine willkürliche Verdrehung, und das macht ihn attraktiv. Und das liegt weniger an der Schlechtigkeit der Menschen als daran, daß Anwendbarkeit das entscheidende Erfolgskriterium für eine Gesinnung ist. Schließlich werden derartige Gesinnungen dann aber auch gnädigerweise wieder von der schieren Last der aus ihnen hervorsprießenden Widersprüche erdrückt.

Ich formuliere meine Vorstellungen, wie die Dinge zu bewältigen wären, trotzdem. Daß die Masse darin keinen Platz hat, ficht mich nicht an. Ob die Masse sich langsam wandelt oder in einer Katastrophe untergeht, ist ihr eigenes Werk und ihre eigene Verantwortung. Eine Position markieren, für welche es weder Bedarf gibt, noch das menschliche Material, nun, das mag dasselbe sein. Aber warum nicht?

Verdienen es eine gesellschaftliche Struktur und ein sie begründendes Menschenbild weniger um ihrer selbst Willen untersucht und dargestellt zu werden als mathematische Strukturen, etwa der Primzahlen?

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Platon hat das schon richtig gesehen.

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