Heidegger zwischen Antifaschismus und Theologie

george-remete_heidegger-orthodoxie_720x600aus Sezession 69 / Dezember 2015

Zwei sehr unterschiedliche Annäherungen an Heidegger sind erschienen. Während sich Bernards Willms’ Text über Antifaschismus und Heideggerrezeption in Deutschland im »Vorhof der Philosophie bewegt«, führt uns George Remetes Werk über Heidegger und die Gottesfrage tief in das Denken des Philosophen.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Will­ms, Pro­fes­sor für Polit­wis­sen­schaf­ten, Repu­bli­ka­ner und aus­ge­wie­se­ner Hob­bes-Exper­te, nahm in sei­nem um 1989 ent­stan­de­nen Text die Kon­tro­ver­se um Hei­deg­ger zum Anlaß einer geschlif­fe­nen Anti­fa­schis­mus­kri­tik. Vor dem Erschei­nen der Schwar­zen Hef­te ver­faßt, ist sei­ne Ana­ly­se der Struk­tur intel­lek­tu­el­ler Debat­ten in Deutsch­land immer noch gültig.

In sprit­zi­gem Stil führt er die anti­fa­schis­ti­sche »Betrof­fen­heit« der lin­ken Kul­tur­he­ge­mo­nie vor. Er sieht im moder­nen Anti­fa­schis­mus ein über­leb­tes Kon­zept, das sich zu Unrecht auf sei­ne »Mär­ty­rer« beruft. Will­ms stellt fest, daß die sowje­ti­sche Paro­le des Anti­fa­schis­mus, anders als die trans­at­lan­ti­sche Tota­li­ta­ris­mus­the­se, den Kal­ten Krieg über­lebt hat. Sie füh­re zu einer »Bar­ba­ri­sie­rung« des Den­kens, die von einem »Ver­lust der Fähig­keit zur Dif­fe­ren­zie­rung« gekenn­zeich­net sei. Es herr­sche ersti­cken­der Bekennt­nis­zwang. Bereits der Vor­wurf des »Faschis­mus« kom­me dem Schuld­spruch gleich.

Der »eli­mi­na­to­ri­sche Anti­fa­schis­mus« ent­schul­de den Archi­pel Gulag und wol­le zugleich die gesam­te kon­ser­va­ti­ve Tra­di­ti­ons­li­nie aus­til­gen. Gera­de weil Hei­deg­ger die­se »Signa­tur des Zeit­geis­tes« am klars­ten gese­hen habe, wer­de er zum Opfer des Anti­fa­schis­mus. Er ist nach Will­ms der letz­te und größ­te Ver­tre­ter einer Tra­di­ti­on, die sich der Ver­mas­sung und der »mate­ri­el­len Gesin­nung des tech­ni­schen Zugriffs auf die Welt« ent­ge­gen­stellt. Lesens­wert ist die­ser Text in der Zeit von »refu­gees wel­co­me« vor allem durch sei­ne scho­nungs­lo­se Bloß­stel­lung der »betrof­fe­nen« Gut­men­schen, die eigent­lich die wah­ren »Dun­kel­män­ner« (Will­ms) sind.

Der ortho­do­xe Theo­lo­ge Geor­ge Reme­te nähert sich Hei­deg­ger anders. Kon­tro­ver­sen sind ihm kei­ne Erwäh­nung wert. Er geht ohne Umschwei­fe »ad rem«, Ken­ner der Mate­rie füh­len sich hier sofort zu Hau­se. Reme­te ist ein geschul­ter Hei­deg­ge­ria­ner. Sei­ne The­se, die das gan­ze Werk durch­zieht, lau­tet: Hei­deg­gers Ableh­nung des Chris­ten­tums bezieht sich pri­mär auf die West­kir­che und ihren »ratio­na­lis­ti­schen« christ­lich-pla­to­ni­schen Got­tes­be­griff. Die »apo­phan­ti­sche Theo­lo­gie« der Ortho­do­xie ist, so Reme­tes Über­zeu­gung, mit Hei­deg­gers Phi­lo­so­phie voll­kom­men vereinbar.

In ela­bo­rier­ter und quel­len­na­her Aus­füh­rung arbei­tet er Hei­deg­gers Kri­tik an der west­lich-scho­las­ti­schen Onto­theo­lo­gie her­aus. Er sieht dar­in eine »got­tes­fürch­ti­ge Gott­lo­sig­keit«, einen »heroi­schen A‑Theismus«, der kei­ne Gleich­gül­tig­keit, son­dern ein ehr­li­ches Rin­gen mit der Got­tes­fra­ge ist. In einem »götzenvernichtende[n] Apo­phan­tis­mus« nietz­schea­ni­scher Prä­gung »legt er die Kata­stro­phe bloß«. Gott, als »das, wozu ihn die Theo­lo­gen mach­ten«, ist tot.

Er trifft so jene, die »mit Gott umge­hen wie mit einem Taschen­mes­ser« (Hei­deg­ger) und denen Reme­te ein »kon­for­mis­ti­sches, gemüt­li­ches, trä­ges und schein­hei­li­ges theo­lo­gi­sches Den­ken« vor­wirft. Hei­deg­ger sei damit ein »Kor­rek­tiv«, ein Feu­er der Kri­tik, durch das alle wah­re Theo­lo­gie und Gläu­big­keit gehen müsse.

Reme­te sieht in sei­nem Seins­den­ken und der »lich­ten­den Ver­ber­gung« eine Struk­tur­ähn­lich­keit zum sich ver­ber­gen­den »apo­phan­ti­schen« Gott der Ortho­do­xie. Der ortho­do­xen Mys­tik ent­spricht, daß Hei­deg­ger der Wahr­heit der Kunst ihre Wür­de zurück­gibt und die Allein­herr­schaft des ratio­na­len Den­kens bestreitet.

Bei aller Bewun­de­rung und Sym­pa­thie bekennt Reme­te aber ehr­lich die Dif­fe­renz. Hei­deg­ger war ein Grenz­gän­ger des Hei­li­gen. Er steck­te hütend und weh­rend den Raum des Sakra­len den­ke­risch ab. Doch sei­ne phä­no­me­no­lo­gi­sche »Rigo­ro­si­tät«, so Reme­te, ver­un­mög­lich­te ihm einen »leap of faith«. Hei­deg­ger sei end­lich an Jesus Chris­tus, dem »allei­ni­gen Dasein«, »vor­bei­ge­zo­gen«.

Sein Glau­ben sei eine »unmög­li­che Mischung von Hei­den­tum und Chris­ten­tum« gewe­sen, doch sei­ne geleb­te »lebens­lan­ge Fröm­mig­keit« gegen­über den hei­li­gen Din­gen über­zeugt Reme­te: Hei­deg­ger sei in sei­ner heroi­schen Gläu­big­keit, sei­ner from­men Rebel­li­on im »Schoß der christ­li­chen Urkir­che« geblieben.

Reme­te ist in sei­ner Quel­len­kennt­nis beein­dru­ckend, in sei­nem Feu­er mit­rei­ßend, in sei­ner Empa­thie berüh­rend und in sei­nen The­sen her­aus­for­dernd. Schüt­zen­hil­fe bekommt er von kei­nem Gerin­ge­ren als Fried­rich-Wil­helm von Herr­mann. Die­ser mein­te unlängst in einem Inter­view mit Alex­an­der Dugin, daß er Hei­deg­gers gesam­te Phi­lo­so­phie mit einem christ­li­chen Glau­ben für ver­ein­bar hält. Mehr noch – von Herr­mann wird zum Kron­zeu­gen von Reme­tes The­se: Hei­deg­ger habe expli­zit im »ost­kirch­li­chen Got­tes­ver­ständ­nis« eine Mög­lich­keit zur Erneue­rung des aus­ge­trock­ne­ten, west­li­chen Glau­bens gesehen.

Ber­nard Will­ms: Hei­deg­ger und der Anti­fa­schis­mus, hrsg. von Till Kin­zel, Wien: Karo­lin­ger 2015. 135 S., 19.90 € – hier bestel­len!
Geor­ge Reme­te: Mar­tin Hei­deg­ger zwi­schen Phä­no­me­no­lo­gie und Theo­lo­gie, Wach­ten­donk: Hagia Sophia. 198 S., 18.90 € – hier bestel­len!

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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