Metropolis kehrt heim

Wie mancher Teilnehmer an den Akademien in Schnellroda mitbekommen hat, habe ich eine große Leidenschaft für Stummfilme. Im März 2008 traktierte ich das Publikum des Seminars zum Thema "Masse" mit epischen Ausschnitten aus Fritz Langs "Die Nibelungen"  (1923/24) und "Metropolis"(1927).

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Letz­te­rer ist heu­te einer der bekann­tes­ten Sci­ence-Fic­tion-Klas­si­ker, und jeder kennt den iko­ni­schen gol­de­nen Robo­ter, den spä­ter Geor­ge Lucas für “Star Wars” geklaut hat.

Der Film war eine der auf­wen­digs­ten und wahn­wit­zigs­ten Pro­duk­tio­nen der UFA, wur­de aber schon bald nach Erschei­nen aus kom­mer­zi­el­len Grün­den beträcht­lich gekürzt, und im Lauf der Jahr­zehn­te ging wei­te­res Mate­ri­al ver­lo­ren. Etli­che Fas­sun­gen unter­schied­li­cher Län­ge und Qua­li­tät kur­sier­ten auf der gan­zen Welt. In Zei­ten, als es weder Video noch Fern­se­hen für wei­te­re Aus­wer­tung gab, wur­den Kopien von abge­früh­stück­ten Fil­me oft stief­müt­ter­lich behan­delt; dazu kommt, daß das alte Nitrat-Mate­ri­al sich im Lau­fe der Zeit che­misch zer­setzt. Wie vie­le Stumm­film­klas­si­ker muß­te Metro­po­lis in jah­re­lan­ger, müh­sa­mer Klein­ar­beit rekon­stru­iert wer­den, und 2001 hat­te die restau­rier­te Fas­sung auf der Ber­li­na­le fei­er­lich Pre­mie­re. Den­noch wies der Film immer noch erheb­li­che Hand­lungs­lü­cken auf, die mit erklä­ren­den Titeln über­brückt wer­den mußten.

Kaum drei Mona­te nach dem Semi­nar in Schnell­ro­da mel­de­te die ZEIT einen sen­sa­tio­nel­len Fund: in Bue­nos Aires war eine abge­spiel­te Kopie des Films aus dem Jahr 1928 ent­deckt wor­den, die tat­säch­lich die seit Jahr­zehn­ten ver­schol­le­nen und ver­zwei­felt gesuch­ten, seit Jahr­zehn­ten von nie­man­dem mehr gese­he­nen Sze­nen ent­hielt. Die­se Kopie ist ver­mut­lich die ein­zi­ge über­le­ben­de ihrer Art auf der gan­zen Welt über­haupt. An ihre Exis­tenz hat kein Mensch mehr geglaubt. Nicht-Cine­as­ten kön­nen kaum ermes­sen, wie unwahr­schein­lich ein sol­cher Fund ist – für Film­ar­chi­va­re kommt der­glei­chen der Ent­de­ckung des Hei­li­gen Grals nahe.

Die erneu­te Restau­ra­ti­on ist nun in vol­lem Gan­ge. Die eng­li­sche Netz­sei­te “The Local” mel­de­te am 14. Mai, daß die Film­ko­pie nun nach 81 Jah­ren Exil nach Deutsch­land ins Fried­rich-Wil­helm-Mur­nau-Insti­tut in Wies­ba­den heim­ge­kehrt ist und dort bear­bei­tet wird.

“Metro­po­lis” ist eines der Wun­der­wer­ke aus einer nie wie­der erreich­ten Blü­te­zeit des deut­schen Films. Insze­niert vom teu­to­nisch­ten aller Regis­seu­re, dem genia­len Fritz Lang, ist sei­ne atem­be­rau­ben­de visu­el­le Meis­ter­schaft unbe­strit­ten; schwer ver­dau­lich, gran­di­os ver­murkst und fas­zi­nie­rend zugleich ist sein über­bor­den­des inhalt­li­ches Pot­pour­ri aus Kunst und Kitsch, Expres­sio­nis­mus, Maschi­nen­ro­man­tik, Melo­dra­ma, christ­lich-mys­ti­scher Iko­no­gra­phie, Wei­ma­rer Nacht­klub-Deka­denz, bol­sche­wis­ti­schen Refle­xen und prä-faschis­ti­schen Mas­sen­in­sze­nie­run­gen, Gothic Hor­ror, Sci­ence-Fic­tion und Sozialkritik.

Die Bil­der­welt des Films hat inzwi­schen ein pop­kul­tu­rel­les Eigen­le­ben ent­wi­ckelt. Ihr Video­clip-Poten­ti­al hat in den Acht­zi­ger Jah­ren bereits Gior­go Moro­der erkannt, der den Film bunt ein­färb­te (eine belieb­te Pra­xis in der Stumm­film­zeit) und mit Rock­mu­sik unter­leg­te; ein hüb­sches haus­ge­mach­tes Video mit Musik von Pen­gu­in Café Orches­tra kann man sich hier angu­cken (dank an den SiN-Web­mas­ter für den Hin­weis). Auf die end­lich voll­stän­di­ge Fas­sung des Films muß man nun hof­fent­lich nicht mehr lan­ge warten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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