Sezession
19. Januar 2016

»Sinngebungen des Kriegs« – Gespräch mit Prof. Günter Scholdt

Nils Wegner

scholdt_autorenschlacht5548ba8d0ba6e_720x600Fragt man nach Literatur weniger über als vielmehr aus dem Ersten Weltkrieg, so werden Ernst Jünger und Erich Maria Remarque die meistgenannten Autoren sein. Das liegt nicht nur an ihrer fortdauernden Strahlkraft, sondern auch an ihrem Wirken als publizistische Antipoden in der Weimarer Republik. Prof. Dr. Günter Scholdt, Literaturwissenschaftler und bis 2011 Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsaß, hat mit Die große Autorenschlacht. Weimars Literaten streiten über den Ersten Weltkrieg eine (geschichts-)politischen Einordnung der Kriegsliteraten insgesamt vorgenommen. Er beantwortete uns einige Fragen zur Thematik:

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Sezession: Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Scholdt, mit dem Herannahen des hundertsten Jahrestags des Kriegsausbruchs 1914 und insbesondere der Veröffentlichung von Christopher Clarks Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog ist es möglich geworden, die geschichtlichen Umstände des ersten großen Weltenbrands des 20. Jahrhunderts auch in der breiten Öffentlichkeit abseits von Fritz Fischers Dogma der alleinigen deutschen Kriegsschuld zu diskutieren. Das hat der Geschichtswissenschaft gutgetan.
In Ihrem Werk Die große Autorenschlacht geht es nun um die literarische Perspektive auf das Massensterben und die in der Zwischenkriegszeit darüber geführte Kontroverse. Da drängen sich eingangs zwei Fragen auf: Warum gerade die Schriftsteller in die Gesamtdebatte hineinholen? Und: Muß man Germanist sein, um von Ihrer Studie zu profitieren?

Scholdt: Zunächst einmal sind Schriftsteller Zeitzeugen wie andere auch, besitzen allerdings meist besondere Formulierungsqualitäten. Als Teil der Medienbranche beteiligen sie sich an massenwirksamen Deutungen geschichtsträchtiger Ereignisse, prägen Schlagworte, produzieren kollektivmächtige Mythen oder zerstören sie. Wir dürfen sie also nicht einfach nur in Wolkenkuckucksheimen phantastischer Roman- oder Poesiewelten verorten. Eher sollten wir uns bewußt sein, daß gerade sie auf metapolitischer Basis einen kaum zu unterschätzenden Einfluß auf unsere politischen Vorstellungen haben. Sie tun das, indem sie komplizierte historische, soziale, psychologische oder kulturelle Sachverhalte in plastischen Handlungen und Personen veranschaulichen, die zur Identifikation einladen und Verständnis erleichtern. Damit wirken sie im besonderen Maße auf die Mehrheit der Leser oder Filmbesucher in der Funktion von eigentlichen Volkshistorikern, und ihr Einfluß übersteigt gewiß den ihrer akademischen Kollegen.
Ob man Germanist sein muß, um von der Autorenschlacht etwas zu haben? Gewiß nicht, denn mein Buch ist mindestens so sehr eine historische Studie wie eine zur Literatur. Auch geht es abseits der sog. Geisteswissenschaft alle an, die wissen wollen, was mit Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg bewußtseinsmäßig geschehen ist. Schließlich tragen wir an diesem Erbe noch heute als Teil einer hundertjährigen geschichtspolitischen Disziplinierung.

Sezession: Der allgemeine Zugang zum Weltkrieg und seiner Literatur orientiert sich an leicht durchschaubaren Mechanismen: Schon im Schulunterricht wird etwa Remarques Im Westen nichts Neues (samt der Folgeromane) als frühe "Widerstandsliteratur" gegenüber den düster-revanchistischen Romanen der Militaristen à la Jünger, Schauwecker, Beumelburg oder Seldte in Stellung gebracht. Viel mehr interessiert daran nicht. Sie wiederum sehen in der zeitgenössischen Alternative "Krieg versus Frieden" oder "Bellizisten gegen Pazifisten" nur die Fassade einer heute eher verdeckten, viel grundsätzlicheren Auseinandersetzung und sprechen von einer ersten Phase der "Vergangenheitsbewältigung". Wie begründen Sie das?

Scholdt: Bei Diskussionen über rechte und linke Literatur in Weimar fiel mir immer wieder auf, welche Verständnisprobleme heutige Leser mit nationalistischen Frontautoren hatten: mit ihrer Sinngebung des Kriegs etwa oder ihrer erbitterten Ablehnung pazifistischer Kollegen und Werke. Denn scheint nicht die Friedensbotschaft nach solcher Menschheitskatastrophe alternativlos, dagegen die Rechtfertigung des Kriegs oder gar Inkaufnahme eines erneuten Waffengangs geradezu obszön? Doch die Vorstellung von den friedlich-humanen Weltbürgern auf der einen Seite und den halsstarrigen Rambos und Landsknechtsnaturen auf der anderen, die unbelehrbar Deutschland in den NS-Abgrund rissen, ist allenfalls die halbe Wahrheit. Um zu einem tieferen Verständnis zu gelangen, müssen wir die inzwischen weithin vergessenen Begleitdiskurse wieder bewußt machen. Und dazu gehört vor allem die politisch-ideologische Ausbeutung des Kriegs als Kontrast- bzw. Abgrenzungsfolie gegenüber dem alten System und seinen Trägern.
Denn mit dem Krieg stand zugleich eine nun als Hauptfeind ausgemachte politische und ökonomische Klasse am Pranger. Damit einher ging die kollektive Entwertung des Soldaten und besonders des Offiziers. »Über Nacht war Irrtum, ja war Verbrechen geworden, was früher Pflicht gewesen war«, schrieb Ernst Jünger, und er hatte dabei Statements im Auge wie Tucholskys »Soldaten sind Mörder«. Hiergegen opponierten zahlreiche Frontschriftsteller. Auch sahen sie die Pietät verletzt gegenüber gefallenen Kameraden, denen sie glaubten, Totenklagen, Helden- und Opfergesänge schuldig zu sein, keineswegs aber jene vernichtende Einschätzung: »Umsonst gefallen« bzw. »Gestorben für Thyssen« in Nachbarschaft mit dem schnöden »Selbst schuld«. Werner Beumelburg nannte solche Diagnostiker »Leichenschänder, die auf die Gräber spucken«.

Sezession: Was können Sie den linken bis antinationalen Werken abgewinnen?

Scholdt: Kritischen linken oder liberalen Kriegsdarstellungen ist zugutezuhalten, daß ihre Verfasser dem patriotischen Ansatz nach solchen Exzessen mißtrauten und sie eine Desillusionierung der Motive von Kriegsteilnehmern für geboten hielten, um künftige Fehlentwicklungen zu vermeiden. Klug und einfühlend angesichts der damals vorherrschenden Lage und mentalen Disposition war dies gewiß nicht. Wer jahrelang gedarbt, geopfert und vielfach geliebte Menschen im Krieg verloren hatte, wehrte sich erwartbarerweise gegen die pauschalisierende Unterstellung, Teilnehmer eines absurden oder gar kriminellen Geschehens gewesen zu sein. In Frankreich, England oder den USA verfuhr man weithin ganz anders. Hinzu kam, daß bereits im Weltkrieg deutsche Pazifisten nicht nur das Morden an sich bekämpften, sondern sich von einer deutschen Niederlage den gewünschten Systemwechsel erwarteten: allen voran Heinrich Mann im Zola-Essay von 1915. Der britische Schriftsteller H. G. Wells urteilte über solche »Anti-Kaiser-Germans« 1918 vernichtend. Auch er habe sein Vaterland zuweilen heftig kritisiert, aber »recht oder unrecht«, wolle er »doch den Anblick nicht ertragen, daß es einer siegreichen fremden Nation zu Füßen liegt. Kein Deutscher, der überhaupt in Betracht kommt, kann anders denken«.
Da die Republik selbst unter Druck stand, lag es in ihrem Interesse, die Demokratie (übrigens gegen jegliche Statistik) als naturgegeben friedliche Herrschaftsform zu zeichnen, im Kontrast zu Wilhelms Regiment, das man schon vom Staats- und Gesellschaftssystem her schuldigsprach. Darüber hinaus plädierte man durch seine spezifische Kriegserinnerung für oder gegen die Republik, den Kommunismus, die westliche Demokratie oder die Revolution. Und natürlich zielte manche Aufarbeitung direkt auf den gewünschten Elitenaustausch, auch im Bereich Kultur. Eine gesellschaftlich unerläßliche (Selbst-)Reinigung verkam so nicht selten zu einem zweckgerichteten medialen Schauprozeß, zu oft getragen von vergeßlichem Pharisäertum.

Sezession: Kennen wir aus der Literatur 1945ff in gesteigerter Form ...

Scholdt: In der Tat. Vergleichbares vollzog sich – um Dimensionen erweitert – ab 1945 als "Vergangenheitsbewältigung Teil II". Beidesmal forderte die überwältigende Schriftstellermehrheit fraglos zu Recht ein striktes »Nie wieder!«. Ihre Ursachenforschung der Katastrophe als Systemkritik erweiterte sich allerdings zu einer nahezu anthropologischen Deutschen- oder Preußenschelte, quasi als "Daseinsverfehlung", "Sonderweg" oder verspäteter "Weg nach Westen". Und die Anfänge eines (vom Konsum nur übertünchten) Nationalmasochismus reichen schon ein Jahrhundert zurück, als Werke wie Heinrich Manns Der Untertan das Bild der Wilhelminischen Epoche gänzlich verdüsterten. 1945 mündeten solche Vorstellungen, von einem Völkermord zusätzlich beschwert, in die Kollektivschuldthese.
Auch 1918 folgte die Reeducation einer militärischen Niederlage. Die zweifellos gebotene Moraldiskussion darüber, wie sich Völker in wilder Enthumanisierung in ein monströses Schlachthaus begeben konnten, verkam dabei allzuoft zu einer bigotten, außengesteuerten und von Kreuzzugspropaganda stimulierten Siegerveranstaltung. Indem Autoren die Interessenpolitik der Alliierten mit innenpolitischer Befreiung gleichsetzten, demonstrierten sie neben echter Besinnung etwas bis heute Charakteristisches: jenen typisch deutschen Mangel an politischem Realismus. Auffällig war zudem eine Entsolidarisierung vieler Intellektueller in der Stunde größter Not. Bereits damals zeigt sich die Bereitschaft deutscher Kultureliten, sich (geistig) in die Arme anderer Mächte zu flüchten. Hinzu kamen in Abkehr von der Nation zahlreiche naiv-enthusiastische Moskaupilger. Einer Hypersolidarisierung folgte also eine kaum noch verborgene Aufkündigung der Loyalität.

Die radikale Distanzierung einer selbsternannten neuen Moralelite von allem, was bisher als gemeinsame patriotische Basis gegolten hatte, ihre massiv einsetzende, nach innen gerichtete Kriegsschuld- und Kriegsverbrecherdiskussion zu einer Zeit, als Versailles vorbereitet wurde, lief von der Wirkung her auf eine Bestätigung alliierter Kriegsvorwände und des verheerenden propagandistischen Deutschlandbilds der Entente hinaus. Wer sich seinen Landsleuten gegenüber so empathielos äußerte, verhielt sich wie ein innenpolitischer Kriegsgewinnler, der sich vom Feind demokratisch beschenkt fühlte und dem Verdacht aussetzte, die Niederlage billigend in Kauf genommen zu haben.
Damit hatte man bald schlechte Karten in einem Land, das damals mit Schuld- und Bestrafungswünschen noch ebensowenig anfangen konnte wie mit der Verklärung des US-Präsidenten Wilson, dessen pseudoneutraler Kriegskurs als machtpolitische Heuchelei begriffen wurde. Und damit wären wir beim gewaltigen Unterschied zwischen Vergangenheitsbewältigung I und II. Denn in der Weimarer Epoche besaß auch das rechte Lager eine beachtliche (populäre) Infrastruktur, die zum Gegenspiel geradezu einlud. Die Folgen sind bekannt.

Sezession: Die streng dichotome und moralische Herangehensweise an das weite Feld der Weltkriegsliteratur – "Falken" hier, "Tauben" da – ist noch immer weitverbreitet, gerade an Gymnasien und germanistischen Fakultäten. Das ist angesichts der ansonsten angeblich so wichtigen "breiten Perspektive" bemerkenswert. Wie exakt sind die scheinbaren Lager der Kriegsschriftsteller tatsächlich voneinander zu scheiden, und weswegen bedient man sich einer so simplen Kategorisierung?

Scholdt: Simplizität ist meist Folge des Umstands, daß es weniger um die Sache als um Effekte geht. Und der literarische Streit um die Darstellung des Kriegs war oder ist stets weniger Geschichts- oder Ästhetikdebatte als Konkurrenzkampf um politische Deutungsmacht. Zu den Weimarer Texten: Natürlich lagen die gegnerischen klassischen Frontromane damals literarisch viel näher beieinander, als man sich dies heute meist eingesteht. Sie ähneln sich in vielem und reagierten durchweg aufeinander, teils durch Anpassung, teils durch polemische Abgrenzung. Maximal 5 % Textänderungen genügten, und wir könnten kaum noch unterscheiden, welchem Lager die Werke angehören.

Und was moralische Rangfolgen betrifft: Vergessen Sie alles, was Sie von unzweideutigen Pazifisten und Kosmopoliten im kriegskritischen Autorenlager gehört haben, besonders, daß sie sich durch Einsicht und Menschlichkeit fundamental von ihren nationalistischen Kollegen unterschieden hätten. Zumindest handelt es sich bei ihnen in der Regel um erst spät Gewandelte. Das gilt für Arnold und Stefan Zweig, Ludwig Renn, Fritz von Unruh, Bert Brecht, Alfred Döblin, Erich Maria Remarque, Ernst Toller, Adrienne Thomas, Maximilian Harden oder Sigmund Freud. Zuvor beschworen sie meist die Augusttage 1914 als Zusammenwachsen der Nation, als persönliche Chance zur Integration von Klassen, Religionsgemeinschaften, Ethnien oder Geschlechtern. Prominente wie Karl Kraus, die bereits 1914 gegen den Strom schwammen, lassen sich an zwei Händen abzählen. Der Wandel kam erst allmählich, als sie das Entsetzliche des Kriegs durch persönliche Erfahrung kennengelernt hatten, darben und sterben mußten, als ihre kühnen privaten und nationalen Träume verblichen, als sie den Krieg für verloren gaben oder schlicht nicht mehr konnten.

Das spricht gewiß nicht gegen sie oder zeigt sogar einen Lernprozeß. Aber sie hätten nach 1918 ihre Selbstgerechtigkeit zügeln sollen gegenüber denjenigen, die glaubten, etwa um eines glimpflicheren Friedens willen noch durchhalten zu müssen. Stattdessen dominierten in der öffentlichen Wahrnehmung sogar vielfach diejenigen, die erst kurz vor zwölf das Gesinnungslager gewechselt hatten, nach dem "Bewältigungs"motto: »Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.« (Fritz Weigle) Konversionen wie die der Arnold Zweig, Fritz von Unruh, Tucholsky oder Döblin waren zu spektakulär, zu radikal oder spontan, um nicht Ärgernis zu erregen. (So mancher müßte sein vereinfachtes Bild gerade der beiden Letztgenannten revidieren, nähme er Texte zur Kenntnis, die diese noch wenige Monate vor Kriegsende publiziert haben. Aber das sind natürlich Dokumente, die von Mainstreamgermanisten ignoriert oder kleingeredet werden.) Hinzu kam, daß nicht wenige der Neupazifisten im Rahmen ihrer Antikriegsagitation mit keineswegs gewaltfreien Parteien und Ideologien sympathisierten.

Kurz: Wer den Gegensatz zwischen beiden Gruppen vor allem vom Ergebnis eines erneuten Weltkriegs her deutet, verstellt sich das historische Verständnis. Und natürlich triumphierte auch damals schon Doppelmoral. Auch 1918/19 fehlte es der Kommunikationselite wahrlich nicht an Wendehälsen, und ihr Verhalten erwies sich zugleich als vorausweisendes Muster für eine Hundertschaft von "Bewältigungs"protagonisten nach 1945 (Stichwort: Günter Grass, Walter Jens e tutti quanti). Das bestechend Attraktive bei dieser Methode lag nicht zuletzt darin, daß man mit einem Schritt von der Sünder- zur Anklagebank promovieren konnte, sofern noch genügend Zeitgenossen übrigblieben, die bei der Wende einen Schritt langsamer waren.

Sezession: Mit Blick auf die Tradition der literarischen Verarbeitung des Kriegserlebnisses (und des öffentlichen Diskurses darüber) ist es auf den ersten Blick erstaunlich, daß es beispielsweise nach 13 Jahren der Beteiligung am ISAF-Einsatz noch immer keinen Roman über den Kampf in Afghanistan gibt. Ist eine solche Aufarbeitung in unseren Tagen "unzeitgemäß", oder sind Werke wie In Stahlgewittern, Der Kampf als inneres Erlebnis oder Jedermann heute stilistisch schlicht nicht mehr denkbar? Und wenn ja, wieso?

Scholdt: Kaum ein Autor mag für die Schublade oder einen Hungerlohn in einem Nischenverlag produzieren. So einfach ist das.

Was möglich ist, bestimmt die Gesellschaft respektive deren politmediale Repräsentanz. Und da ist das Heroische nun einmal out. Selbst gern konsumierte Kampfszenen werden nur noch als "Antikriegs-" oder "Antinazi"texte bzw. -filme zugelassen. Dann jubeln selbst deutsche Pazifisten den Schießenden zu, siehe Inglourious Basterds.

Günter Scholdt: Die große Autorenschlacht. Weimars Literaten streiten über den Ersten Weltkrieg, Berliner Schriften zur Ideologienkunde, Bd. 5, Schnellroda 2015. 284 Seiten, 15 Euro – hier bestellen!


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.