»Sinngebungen des Kriegs« – Gespräch mit Prof. Günter Scholdt

Fragt man nach Literatur weniger über als vielmehr aus dem Ersten Weltkrieg, so werden Ernst Jünger und Erich Maria Remarque die meistgenannten Autoren sein. Das liegt nicht nur an ihrer fortdauernden Strahlkraft, sondern auch an ihrem Wirken als publizistische Antipoden in der Weimarer Republik. Prof. Dr. Günter Scholdt, Literaturwissenschaftler und bis 2011 Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsaß, hat mit Die große Autorenschlacht. Weimars Literaten streiten über den Ersten Weltkrieg eine (geschichts-)politischen Einordnung der Kriegsliteraten insgesamt vorgenommen. Er beantwortete uns einige Fragen zur Thematik:

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Sezes­si­on: Sehr geehr­ter Herr Prof. Dr. Scholdt, mit dem Her­an­na­hen des hun­derts­ten Jah­res­tags des Kriegs­aus­bruchs 1914 und ins­be­son­de­re der Ver­öf­fent­li­chung von Chris­to­pher Clarks Die Schlaf­wand­ler. Wie Euro­pa in den Ers­ten Welt­krieg zog ist es mög­lich gewor­den, die geschicht­li­chen Umstän­de des ers­ten gro­ßen Wel­ten­brands des 20. Jahr­hun­derts auch in der brei­ten Öffent­lich­keit abseits von Fritz Fischers Dog­ma der allei­ni­gen deut­schen Kriegs­schuld zu dis­ku­tie­ren. Das hat der Geschichts­wis­sen­schaft gutgetan.
In Ihrem Werk Die gro­ße Autoren­schlacht geht es nun um die lite­ra­ri­sche Per­spek­ti­ve auf das Mas­sen­ster­ben und die in der Zwi­schen­kriegs­zeit dar­über geführ­te Kon­tro­ver­se. Da drän­gen sich ein­gangs zwei Fra­gen auf: War­um gera­de die Schrift­stel­ler in die Gesamt­de­bat­te hin­ein­ho­len? Und: Muß man Ger­ma­nist sein, um von Ihrer Stu­die zu profitieren?

Scholdt: Zunächst ein­mal sind Schrift­stel­ler Zeit­zeu­gen wie ande­re auch, besit­zen aller­dings meist beson­de­re For­mu­lie­rungs­qua­li­tä­ten. Als Teil der Medi­en­bran­che betei­li­gen sie sich an mas­sen­wirk­sa­men Deu­tun­gen geschichts­träch­ti­ger Ereig­nis­se, prä­gen Schlag­wor­te, pro­du­zie­ren kol­lek­tiv­mäch­ti­ge Mythen oder zer­stö­ren sie. Wir dür­fen sie also nicht ein­fach nur in Wol­ken­ku­ckucks­hei­men phan­tas­ti­scher Roman- oder Poe­sie­wel­ten ver­or­ten. Eher soll­ten wir uns bewußt sein, daß gera­de sie auf meta­po­li­ti­scher Basis einen kaum zu unter­schät­zen­den Ein­fluß auf unse­re poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen haben. Sie tun das, indem sie kom­pli­zier­te his­to­ri­sche, sozia­le, psy­cho­lo­gi­sche oder kul­tu­rel­le Sach­ver­hal­te in plas­ti­schen Hand­lun­gen und Per­so­nen ver­an­schau­li­chen, die zur Iden­ti­fi­ka­ti­on ein­la­den und Ver­ständ­nis erleich­tern. Damit wir­ken sie im beson­de­ren Maße auf die Mehr­heit der Leser oder Film­be­su­cher in der Funk­ti­on von eigent­li­chen Volks­his­to­ri­kern, und ihr Ein­fluß über­steigt gewiß den ihrer aka­de­mi­schen Kollegen.
Ob man Ger­ma­nist sein muß, um von der Autoren­schlacht etwas zu haben? Gewiß nicht, denn mein Buch ist min­des­tens so sehr eine his­to­ri­sche Stu­die wie eine zur Lite­ra­tur. Auch geht es abseits der sog. Geis­tes­wis­sen­schaft alle an, die wis­sen wol­len, was mit Deutsch­land seit dem Ers­ten Welt­krieg bewußt­s­eins­mä­ßig gesche­hen ist. Schließ­lich tra­gen wir an die­sem Erbe noch heu­te als Teil einer hun­dert­jäh­ri­gen geschichts­po­li­ti­schen Disziplinierung.

Sezes­si­on: Der all­ge­mei­ne Zugang zum Welt­krieg und sei­ner Lite­ra­tur ori­en­tiert sich an leicht durch­schau­ba­ren Mecha­nis­men: Schon im Schul­un­ter­richt wird etwa Remar­ques Im Wes­ten nichts Neu­es (samt der Fol­ge­ro­ma­ne) als frü­he “Wider­stands­li­te­ra­tur” gegen­über den düs­ter-revan­chis­ti­schen Roma­nen der Mili­ta­ris­ten à la Jün­ger, Schau­we­cker, Beu­mel­burg oder Sel­dte in Stel­lung gebracht. Viel mehr inter­es­siert dar­an nicht. Sie wie­der­um sehen in der zeit­ge­nös­si­schen Alter­na­ti­ve “Krieg ver­sus Frie­den” oder “Bel­li­zis­ten gegen Pazi­fis­ten” nur die Fas­sa­de einer heu­te eher ver­deck­ten, viel grund­sätz­li­che­ren Aus­ein­an­der­set­zung und spre­chen von einer ers­ten Pha­se der “Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung”. Wie begrün­den Sie das?

Scholdt: Bei Dis­kus­sio­nen über rech­te und lin­ke Lite­ra­tur in Wei­mar fiel mir immer wie­der auf, wel­che Ver­ständ­nis­pro­ble­me heu­ti­ge Leser mit natio­na­lis­ti­schen Fron­t­au­toren hat­ten: mit ihrer Sinn­ge­bung des Kriegs etwa oder ihrer erbit­ter­ten Ableh­nung pazi­fis­ti­scher Kol­le­gen und Wer­ke. Denn scheint nicht die Frie­dens­bot­schaft nach sol­cher Mensch­heits­ka­ta­stro­phe alter­na­tiv­los, dage­gen die Recht­fer­ti­gung des Kriegs oder gar Inkauf­nah­me eines erneu­ten Waf­fen­gangs gera­de­zu obs­zön? Doch die Vor­stel­lung von den fried­lich-huma­nen Welt­bür­gern auf der einen Sei­te und den hals­star­ri­gen Ram­bos und Lands­knechts­na­tu­ren auf der ande­ren, die unbe­lehr­bar Deutsch­land in den NS-Abgrund ris­sen, ist allen­falls die hal­be Wahr­heit. Um zu einem tie­fe­ren Ver­ständ­nis zu gelan­gen, müs­sen wir die inzwi­schen weit­hin ver­ges­se­nen Begleit­dis­kur­se wie­der bewußt machen. Und dazu gehört vor allem die poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Aus­beu­tung des Kriegs als Kon­trast- bzw. Abgren­zungs­fo­lie gegen­über dem alten Sys­tem und sei­nen Trägern.
Denn mit dem Krieg stand zugleich eine nun als Haupt­feind aus­ge­mach­te poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Klas­se am Pran­ger. Damit ein­her ging die kol­lek­ti­ve Ent­wer­tung des Sol­da­ten und beson­ders des Offi­ziers. »Über Nacht war Irr­tum, ja war Ver­bre­chen gewor­den, was frü­her Pflicht gewe­sen war«, schrieb Ernst Jün­ger, und er hat­te dabei State­ments im Auge wie Tuchol­skys »Sol­da­ten sind Mör­der«. Hier­ge­gen oppo­nier­ten zahl­rei­che Front­schrift­stel­ler. Auch sahen sie die Pie­tät ver­letzt gegen­über gefal­le­nen Kame­ra­den, denen sie glaub­ten, Toten­kla­gen, Hel­den- und Opfer­ge­sän­ge schul­dig zu sein, kei­nes­wegs aber jene ver­nich­ten­de Ein­schät­zung: »Umsonst gefal­len« bzw. »Gestor­ben für Thys­sen« in Nach­bar­schaft mit dem schnö­den »Selbst schuld«. Wer­ner Beu­mel­burg nann­te sol­che Dia­gnos­ti­ker »Lei­chen­schän­der, die auf die Grä­ber spucken«.

Sezes­si­on: Was kön­nen Sie den lin­ken bis anti­na­tio­na­len Wer­ken abgewinnen?

Scholdt: Kri­ti­schen lin­ken oder libe­ra­len Kriegs­dar­stel­lun­gen ist zugu­te­zu­hal­ten, daß ihre Ver­fas­ser dem patrio­ti­schen Ansatz nach sol­chen Exzes­sen miß­trau­ten und sie eine Des­il­lu­sio­nie­rung der Moti­ve von Kriegs­teil­neh­mern für gebo­ten hiel­ten, um künf­ti­ge Fehl­ent­wick­lun­gen zu ver­mei­den. Klug und ein­füh­lend ange­sichts der damals vor­herr­schen­den Lage und men­ta­len Dis­po­si­ti­on war dies gewiß nicht. Wer jah­re­lang gedarbt, geop­fert und viel­fach gelieb­te Men­schen im Krieg ver­lo­ren hat­te, wehr­te sich erwart­ba­rer­wei­se gegen die pau­scha­li­sie­ren­de Unter­stel­lung, Teil­neh­mer eines absur­den oder gar kri­mi­nel­len Gesche­hens gewe­sen zu sein. In Frank­reich, Eng­land oder den USA ver­fuhr man weit­hin ganz anders. Hin­zu kam, daß bereits im Welt­krieg deut­sche Pazi­fis­ten nicht nur das Mor­den an sich bekämpf­ten, son­dern sich von einer deut­schen Nie­der­la­ge den gewünsch­ten Sys­tem­wech­sel erwar­te­ten: allen vor­an Hein­rich Mann im Zola-Essay von 1915. Der bri­ti­sche Schrift­stel­ler H. G. Wells urteil­te über sol­che »Anti-Kai­ser-Ger­mans« 1918 ver­nich­tend. Auch er habe sein Vater­land zuwei­len hef­tig kri­ti­siert, aber »recht oder unrecht«, wol­le er »doch den Anblick nicht ertra­gen, daß es einer sieg­rei­chen frem­den Nati­on zu Füßen liegt. Kein Deut­scher, der über­haupt in Betracht kommt, kann anders denken«.
Da die Repu­blik selbst unter Druck stand, lag es in ihrem Inter­es­se, die Demo­kra­tie (übri­gens gegen jeg­li­che Sta­tis­tik) als natur­ge­ge­ben fried­li­che Herr­schafts­form zu zeich­nen, im Kon­trast zu Wil­helms Regi­ment, das man schon vom Staats- und Gesell­schafts­sys­tem her schul­dig­s­prach. Dar­über hin­aus plä­dier­te man durch sei­ne spe­zi­fi­sche Kriegs­er­in­ne­rung für oder gegen die Repu­blik, den Kom­mu­nis­mus, die west­li­che Demo­kra­tie oder die Revo­lu­ti­on. Und natür­lich ziel­te man­che Auf­ar­bei­tung direkt auf den gewünsch­ten Eli­ten­aus­tausch, auch im Bereich Kul­tur. Eine gesell­schaft­lich uner­läß­li­che (Selbst-)Reinigung ver­kam so nicht sel­ten zu einem zweck­ge­rich­te­ten media­len Schau­pro­zeß, zu oft getra­gen von ver­geß­li­chem Pharisäertum.

Sezes­si­on: Ken­nen wir aus der Lite­ra­tur 1945ff in gestei­ger­ter Form …

Scholdt: In der Tat. Ver­gleich­ba­res voll­zog sich – um Dimen­sio­nen erwei­tert – ab 1945 als “Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung Teil II”. Bei­des­mal for­der­te die über­wäl­ti­gen­de Schrift­stel­ler­mehr­heit frag­los zu Recht ein strik­tes »Nie wie­der!«. Ihre Ursa­chen­for­schung der Kata­stro­phe als Sys­tem­kri­tik erwei­ter­te sich aller­dings zu einer nahe­zu anthro­po­lo­gi­schen Deut­schen- oder Preu­ßen­schel­te, qua­si als “Daseins­ver­feh­lung”, “Son­der­weg” oder ver­spä­te­ter “Weg nach Wes­ten”. Und die Anfän­ge eines (vom Kon­sum nur über­tünch­ten) Natio­nal­ma­so­chis­mus rei­chen schon ein Jahr­hun­dert zurück, als Wer­ke wie Hein­rich Manns Der Unter­tan das Bild der Wil­hel­mi­ni­schen Epo­che gänz­lich ver­düs­ter­ten. 1945 mün­de­ten sol­che Vor­stel­lun­gen, von einem Völ­ker­mord zusätz­lich beschwert, in die Kollektivschuldthese.
Auch 1918 folg­te die Ree­du­ca­ti­on einer mili­tä­ri­schen Nie­der­la­ge. Die zwei­fel­los gebo­te­ne Moral­dis­kus­si­on dar­über, wie sich Völ­ker in wil­der Ent­hu­ma­ni­sie­rung in ein mons­trö­ses Schlacht­haus bege­ben konn­ten, ver­kam dabei all­zu­oft zu einer bigot­ten, außen­ge­steu­er­ten und von Kreuz­zugs­pro­pa­gan­da sti­mu­lier­ten Sie­ger­ver­an­stal­tung. Indem Autoren die Inter­es­sen­po­li­tik der Alli­ier­ten mit innen­po­li­ti­scher Befrei­ung gleich­setz­ten, demons­trier­ten sie neben ech­ter Besin­nung etwas bis heu­te Cha­rak­te­ris­ti­sches: jenen typisch deut­schen Man­gel an poli­ti­schem Rea­lis­mus. Auf­fäl­lig war zudem eine Ent­so­li­da­ri­sie­rung vie­ler Intel­lek­tu­el­ler in der Stun­de größ­ter Not. Bereits damals zeigt sich die Bereit­schaft deut­scher Kul­ture­li­ten, sich (geis­tig) in die Arme ande­rer Mäch­te zu flüch­ten. Hin­zu kamen in Abkehr von der Nati­on zahl­rei­che naiv-enthu­si­as­ti­sche Mos­kau­pil­ger. Einer Hyper­so­li­da­ri­sie­rung folg­te also eine kaum noch ver­bor­ge­ne Auf­kün­di­gung der Loyalität.

Die radi­ka­le Distan­zie­rung einer selbst­er­nann­ten neu­en Morale­li­te von allem, was bis­her als gemein­sa­me patrio­ti­sche Basis gegol­ten hat­te, ihre mas­siv ein­set­zen­de, nach innen gerich­te­te Kriegs­schuld- und Kriegs­ver­bre­cher­dis­kus­si­on zu einer Zeit, als Ver­sailles vor­be­rei­tet wur­de, lief von der Wir­kung her auf eine Bestä­ti­gung alli­ier­ter Kriegs­vor­wän­de und des ver­hee­ren­den pro­pa­gan­dis­ti­schen Deutsch­land­bilds der Entente hin­aus. Wer sich sei­nen Lands­leu­ten gegen­über so empa­thie­los äußer­te, ver­hielt sich wie ein innen­po­li­ti­scher Kriegs­ge­winn­ler, der sich vom Feind demo­kra­tisch beschenkt fühl­te und dem Ver­dacht aus­setz­te, die Nie­der­la­ge bil­li­gend in Kauf genom­men zu haben.
Damit hat­te man bald schlech­te Kar­ten in einem Land, das damals mit Schuld- und Bestra­fungs­wün­schen noch eben­so­we­nig anfan­gen konn­te wie mit der Ver­klä­rung des US-Prä­si­den­ten Wil­son, des­sen pseudo­neu­tra­ler Kriegs­kurs als macht­po­li­ti­sche Heu­che­lei begrif­fen wur­de. Und damit wären wir beim gewal­ti­gen Unter­schied zwi­schen Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung I und II. Denn in der Wei­ma­rer Epo­che besaß auch das rech­te Lager eine beacht­li­che (popu­lä­re) Infra­struk­tur, die zum Gegen­spiel gera­de­zu ein­lud. Die Fol­gen sind bekannt.

Sezes­si­on: Die streng dicho­to­me und mora­li­sche Her­an­ge­hens­wei­se an das wei­te Feld der Welt­kriegs­li­te­ra­tur – “Fal­ken” hier, “Tau­ben” da – ist noch immer weit­ver­brei­tet, gera­de an Gym­na­si­en und ger­ma­nis­ti­schen Fakul­tä­ten. Das ist ange­sichts der ansons­ten angeb­lich so wich­ti­gen “brei­ten Per­spek­ti­ve” bemer­kens­wert. Wie exakt sind die schein­ba­ren Lager der Kriegs­schrift­stel­ler tat­säch­lich von­ein­an­der zu schei­den, und wes­we­gen bedient man sich einer so simp­len Kategorisierung?

Scholdt: Sim­pli­zi­tät ist meist Fol­ge des Umstands, daß es weni­ger um die Sache als um Effek­te geht. Und der lite­ra­ri­sche Streit um die Dar­stel­lung des Kriegs war oder ist stets weni­ger Geschichts- oder Ästhe­tik­de­bat­te als Kon­kur­renz­kampf um poli­ti­sche Deu­tungs­macht. Zu den Wei­ma­rer Tex­ten: Natür­lich lagen die geg­ne­ri­schen klas­si­schen Front­ro­ma­ne damals lite­ra­risch viel näher bei­ein­an­der, als man sich dies heu­te meist ein­ge­steht. Sie ähneln sich in vie­lem und reagier­ten durch­weg auf­ein­an­der, teils durch Anpas­sung, teils durch pole­mi­sche Abgren­zung. Maxi­mal 5 % Text­än­de­run­gen genüg­ten, und wir könn­ten kaum noch unter­schei­den, wel­chem Lager die Wer­ke angehören.

Und was mora­li­sche Rang­fol­gen betrifft: Ver­ges­sen Sie alles, was Sie von unzwei­deu­ti­gen Pazi­fis­ten und Kos­mo­po­li­ten im kriegs­kri­ti­schen Autoren­la­ger gehört haben, beson­ders, daß sie sich durch Ein­sicht und Mensch­lich­keit fun­da­men­tal von ihren natio­na­lis­ti­schen Kol­le­gen unter­schie­den hät­ten. Zumin­dest han­delt es sich bei ihnen in der Regel um erst spät Gewan­del­te. Das gilt für Arnold und Ste­fan Zweig, Lud­wig Renn, Fritz von Unruh, Bert Brecht, Alfred Döblin, Erich Maria Remar­que, Ernst Tol­ler, Adri­en­ne Tho­mas, Maxi­mi­li­an Har­den oder Sig­mund Freud. Zuvor beschwo­ren sie meist die August­ta­ge 1914 als Zusam­men­wach­sen der Nati­on, als per­sön­li­che Chan­ce zur Inte­gra­ti­on von Klas­sen, Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, Eth­ni­en oder Geschlech­tern. Pro­mi­nen­te wie Karl Kraus, die bereits 1914 gegen den Strom schwam­men, las­sen sich an zwei Hän­den abzäh­len. Der Wan­del kam erst all­mäh­lich, als sie das Ent­setz­li­che des Kriegs durch per­sön­li­che Erfah­rung ken­nen­ge­lernt hat­ten, dar­ben und ster­ben muß­ten, als ihre küh­nen pri­va­ten und natio­na­len Träu­me ver­bli­chen, als sie den Krieg für ver­lo­ren gaben oder schlicht nicht mehr konnten.

Das spricht gewiß nicht gegen sie oder zeigt sogar einen Lern­pro­zeß. Aber sie hät­ten nach 1918 ihre Selbst­ge­rech­tig­keit zügeln sol­len gegen­über den­je­ni­gen, die glaub­ten, etwa um eines glimpf­li­che­ren Frie­dens wil­len noch durch­hal­ten zu müs­sen. Statt­des­sen domi­nier­ten in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung sogar viel­fach die­je­ni­gen, die erst kurz vor zwölf das Gesin­nungs­la­ger gewech­selt hat­ten, nach dem “Bewältigungs“motto: »Die schärfs­ten Kri­ti­ker der Elche / waren frü­her sel­ber wel­che.« (Fritz Wei­g­le) Kon­ver­sio­nen wie die der Arnold Zweig, Fritz von Unruh, Tuchol­sky oder Döblin waren zu spek­ta­ku­lär, zu radi­kal oder spon­tan, um nicht Ärger­nis zu erre­gen. (So man­cher müß­te sein ver­ein­fach­tes Bild gera­de der bei­den Letzt­ge­nann­ten revi­die­ren, näh­me er Tex­te zur Kennt­nis, die die­se noch weni­ge Mona­te vor Kriegs­en­de publi­ziert haben. Aber das sind natür­lich Doku­men­te, die von Main­stream­ger­ma­nis­ten igno­riert oder klein­ge­re­det wer­den.) Hin­zu kam, daß nicht weni­ge der Neu­pa­zi­fis­ten im Rah­men ihrer Anti­kriegs­agi­ta­ti­on mit kei­nes­wegs gewalt­frei­en Par­tei­en und Ideo­lo­gien sympathisierten.

Kurz: Wer den Gegen­satz zwi­schen bei­den Grup­pen vor allem vom Ergeb­nis eines erneu­ten Welt­kriegs her deu­tet, ver­stellt sich das his­to­ri­sche Ver­ständ­nis. Und natür­lich tri­um­phier­te auch damals schon Dop­pel­mo­ral. Auch 1918/19 fehl­te es der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­eli­te wahr­lich nicht an Wen­de­häl­sen, und ihr Ver­hal­ten erwies sich zugleich als vor­aus­wei­sen­des Mus­ter für eine Hun­dert­schaft von “Bewältigungs“protagonisten nach 1945 (Stich­wort: Gün­ter Grass, Wal­ter Jens e tut­ti quan­ti). Das bestechend Attrak­ti­ve bei die­ser Metho­de lag nicht zuletzt dar­in, daß man mit einem Schritt von der Sün­der- zur Ankla­ge­bank pro­mo­vie­ren konn­te, sofern noch genü­gend Zeit­ge­nos­sen übrig­blie­ben, die bei der Wen­de einen Schritt lang­sa­mer waren.

Sezes­si­on: Mit Blick auf die Tra­di­ti­on der lite­ra­ri­schen Ver­ar­bei­tung des Kriegs­er­leb­nis­ses (und des öffent­li­chen Dis­kur­ses dar­über) ist es auf den ers­ten Blick erstaun­lich, daß es bei­spiels­wei­se nach 13 Jah­ren der Betei­li­gung am ISAF-Ein­satz noch immer kei­nen Roman über den Kampf in Afgha­ni­stan gibt. Ist eine sol­che Auf­ar­bei­tung in unse­ren Tagen “unzeit­ge­mäß”, oder sind Wer­ke wie In Stahl­ge­wit­tern, Der Kampf als inne­res Erleb­nis oder Jeder­mann heu­te sti­lis­tisch schlicht nicht mehr denk­bar? Und wenn ja, wieso?

Scholdt: Kaum ein Autor mag für die Schub­la­de oder einen Hun­ger­lohn in einem Nischen­ver­lag pro­du­zie­ren. So ein­fach ist das.

Was mög­lich ist, bestimmt die Gesell­schaft respek­ti­ve deren polit­me­dia­le Reprä­sen­tanz. Und da ist das Heroi­sche nun ein­mal out. Selbst gern kon­su­mier­te Kampf­sze­nen wer­den nur noch als “Anti­kriegs-” oder “Antinazi“texte bzw. ‑fil­me zuge­las­sen. Dann jubeln selbst deut­sche Pazi­fis­ten den Schie­ßen­den zu, sie­he Ing­lou­rious Bas­ter­ds.

Gün­ter Scholdt: Die gro­ße Autoren­schlacht. Wei­mars Lite­ra­ten strei­ten über den Ers­ten Welt­krieg, Ber­li­ner Schrif­ten zur Ideo­lo­gien­kun­de, Bd. 5, Schnell­ro­da 2015. 284 Sei­ten, 15 Euro – hier bestel­len!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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