2. Juni 2009

Unser Brecht 1

Gastbeitrag

brecht-1von Adolph Przybyszewski

"Als Thomas Mann vorigen Sonntag, die Hände im Schoß, zurückgelehnt sagte: Ja, eine halbe Million muß getötet werden in Deutschland, da klang das ganz und gar bestialisch." Anjenem 1. August 1943 hatten sich in Los Angeles verschiedene deutsche Emigranten, darunter die Brüder Mann und Brecht, zusammengefunden, um die ihnen eben bekannt gewordene Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland durch deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion mit einer gemeinsamen Resolution zu begrüßen.

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Der "Linke" Brecht war empört über Manns dort geäußerte Massenmordphantasie: "Der Stehkragen sprach. Kein Kampf war erwähnt, noch in Anspruch genommen für diese Tötung, es handelte sich um kalte Züchtigung, und wo schon Hygiene als Grund viehisch wäre, was ist da Rache (denn das war Ressentiment von dem Tier)", so regte sich Brecht über die "entschlossene Jämmerlichkeit" dieses "Kulturträgers" auf, der es "nicht unbillig" gefunden habe, "wenn 'die Alliierten Deutschland zehn oder zwanzig Jahre lang züchtigen'", wie er Manns Äußerungen weiter kolportierte (Brecht: Werke, Bd. 27, S. 163 f.).

Daß Thomas Mann sich von der beabsichtigten gemeinsamen Resolution schon einen Tag später -- in einer, wie's scheint, typisch bürgerlichen Weise -- wieder distanziert hatte, war nur der Anlaß für Brechts Notate über dessen Züchtigungsphantasien gewesen. Dabei vermerkte Brecht auch, daß der Literaturnobelpreisträger die Resolution als "patriotische Erklärung" ablehne, weil er befürchte, daß man damit "den Alliierten in den Rücken falle". Mit "Goebbels' Behauptung, Hitler und Deutschland sei eins, stimmen sie überein", vermerkte Brecht bitter über solche Repräsentanten eines 'demokratischen Deutschland', "wenn Hearst sie übernimmt", also wenn sie in der US-Massenpresse entsprechend breitgetreten wird.

Was würde dieser Schriftsteller wohl heute zum Zustand der deutschen Linken sagen? Diesem Haufen vaterlandsloser GesellInnen, die sich wie die hübsche, aber einfältige SED-Sächsin Julia Bonk darin gefallen, die Fahne von 1848 mit den revolutionären Farben des Befreiungskrieges zu bekämpfen, in ihren häßlicheren, meist westdeutschen und grünen Varianten aber in rassistische Stereotype gegen "die Deutschen" verfallen, sie am liebsten ausrotten, wenigstens aber "multikulturell" zwangsassimilieren möchten? Er würde wohl in Anlehnung an Karl Kraus sagen, ihm falle zu diesen "Linken" nichts mehr ein, die von ihm doch so viel lernen könnten, was ein zwar kritisches, aber grundlegend positives Verhältnis zum eigenen Volk und seiner Nation angeht. Allerdings fiele ihm gewiß auch zum Zustand der heutigen "Rechten" kaum etwas ein, weil dort ebenso vor allem alte Reflexe gepflegt zu werden scheinen.

Wäre man nicht Pole, würde man als Deutscher, der sich jenseits der alten Bürgerkriegsideologien zu positionieren versuchte, aber rufen: Brecht ist unser! Von Brecht lernen heißt kritisch denken lernen, und hier als erstes: Es gibt keine kollektive Schuld der Deutschen.

Dazu nächstens mehr.


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