Alter Rechter, junger Rechter, kein Rechter: Mohler, Hepp, Strauß

pdf der Druckfassung aus Sezession 67 / August 2015

Die unterschiedlichen, doch nicht voneinander zu trennenden Ausformungen (radikal) rechten politischen Engagements sind spätestens seit der Wiedervereinigung für deutsche Politik- und Sozialwissenschaftler zum einträglichen Ersatz für das weite Forschungsfeld Nationalsozialismus/Faschismus geworden.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Im Hin­blick auf par­tei­för­mi­ge Zusam­men­schlüs­se stan­den anfangs auf­grund ihrer über­ra­schen­den, anfäng­li­chen Wahl­er­fol­ge die »Repu­bli­ka­ner« im Fokus. Nach­dem die­se sich schnell selbst erle­digt hat­ten, folg­te zur Jahr­tau­send­wen­de die eben­so real­po­li­tisch moti­vier­te (Wieder-)Aufarbeitung der klas­si­schen Rechts­par­tei NPD, wie­wohl die­se sich seit dem knapp ver­paß­ten Bun­des­tags­ein­zug 1969 in einem Zustand der Ago­nie befand.

Auf der ande­ren Sei­te war seit den frü­hen sieb­zi­ger Jah­ren eine soge­nann­te Neue Rech­te mit neu­en, fran­zö­si­schen Vor­den­kern ent­lie­he­nen Argu­men­ten und Aktio­nen jugend­li­chen Über­schwangs auf den Plan getre­ten, die sich dezi­diert von »alt­rech­tem« Natio­nal­kon­ser­va­tis­mus und Par­tei­en­scha­cher abzu­gren­zen suchte.

Indem sich der ursprüng­li­che Nukle­us die­ser natio­nal- und sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung – mit Hart­wig Sin­ger / Hen­ning Eich­berg und Wolf­gang Strauss als wesent­li­chen Prot­ago­nis­ten – als­bald in unzäh­li­ge Klein­grup­pen und Neben­strö­mun­gen auf­zweig­te, tat sich ein wei­te­res Feld für wis­sen­schaft­li­che Deu­tungs­ver­su­che aller Art auf, das bis heu­te »Exper­ten« wie Hajo Fun­ke und Alex­an­der Häus­ler ein gutes Aus­kom­men und media­le Auf­merk­sam­keit garantiert.

Bis­lang wenig beach­tet oder igno­riert wur­de hin­ge­gen, daß es außer­dem eine gewis­se Zahl sowohl zeit­lich wie auch orga­ni­sa­ti­ons­för­mig dazwi­schen­lie­gen­der Ein­zel­per­sön­lich­kei­ten gab, die Armin Moh­ler als »jun­ge Rech­te« bezeichnete.

Moh­ler selbst hat­te – wie sein eige­ner Leh­rer Carl Schmitt – an ihrer Her­an­bil­dung wesent­li­chen Anteil gehabt; inso­weit lag die SPD-His­to­ri­ke­rin Hel­ga Gre­bing nicht ganz falsch, als sie Ende der 1960er bei­de als »Hin­ter­män­ner« zu zen­tra­len Prot­ago­nis­ten ihrer 1971 unter dem rei­ße­ri­schen Namen Kon­ser­va­ti­ve gegen die Demo­kra­tie erschie­ne­nen Habi­li­ta­ti­ons­schrift bei Iring Fet­scher machte.

In ihrer jeweils sehr lan­gen Lebens­zeit brach­ten Schmitt und Moh­ler es bei­de zu etli­chen direk­ten oder indi­rek­ten Schü­lern, die – wie etwa der spä­te­re Ver­fas­sungs­rich­ter Ernst-Wolf­gang Böcken­för­de – in poli­ti­sche Schlüs­sel­po­si­tio­nen auf­stei­gen und die (west-)deutsche Poli­tik prä­gen sollten.

Wäh­rend Gre­bings Titel das indes unge­recht­fer­tig­te Bild einer geziel­ten Kon­spi­ra­ti­on gegen die Bon­ner Repu­blik auf­baut, deu­tet er doch an, was in jener Zeit im Rah­men rech­ten Poli­tenga­ge­ments noch stel­len­wei­se mach­bar war: die Ein­nah­me eines kon­se­quent gegen wahl­tak­ti­sche Rück­sicht­nah­men ver­tei­dig­ten, natio­na­len Inter­es­sen ver­pflich­te­ten Standpunkts.

Nach­ge­ra­de apo­dik­tisch zeigt sich die­ses Wir­ken am Bei­spiel von Mar­cel Hepp (1936–1970), des zeit­wei­li­gen Adla­tus von Franz Josef Strauß – des­sen­un­ge­ach­tet, daß er und sein jün­ge­rer Bru­der Robert (geb. 1938) in Stu­di­en zum bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Nach­kriegs­kon­ser­va­tis­mus zumeist nur in Fuß­no­ten auftreten.

Mar­cel Hepp lern­te Moh­ler schon als Jugend­li­cher ken­nen. In Lan­ge­nens­lin­gen gebo­ren, hat­te die­ser Ernst Jün­ger im nur einen Fuß­marsch weit ent­fern­ten Wilf­lin­gen besucht, als Moh­ler von 1949 bis 1953 dort Pri­vat­se­kre­tär war. Auch hat­ten bei­de Hepps bereits zu Gym­na­si­al­zei­ten Moh­lers Dis­ser­ta­ti­on Die Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on in Deutsch­land 1918–1932 gele­sen und dort eini­ge maß­geb­li­che Inspi­ra­tio­nen gefun­den, die ihnen nach Schul­ab­schluß und Stu­di­en­be­ginn von Nut­zen sein soll­ten. (Die zwei­te Auf­la­ge sei­ner Stu­die soll­te Moh­ler dann bereits Mar­cel Hepp wid­men mit der Erklä­rung, die­ses Werk habe ihm jenen Freund eingebracht.)

1959 grün­de­ten die Brü­der an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen die Stu­den­ten­grup­pe »Katho­li­sche Front«, die durch bis­si­ge Flug­blät­ter in einer eigen­wil­li­gen sti­lis­ti­schen »Mix­tur aus Tho­mas von Aquin, Carl Schmitt und Enzens­ber­ger« (Moh­ler, einen anony­men »halb erschreck­ten Beob­ach­ter« zitie­rend) schnell sol­ches Auf­se­hen erreg­te, daß auf kirch­li­che Inter­ven­ti­on hin der Name in »Kon­ser­va­ti­ve Front« geän­dert und so gleich­sam der Zusam­men­schluß auch für Nicht­ka­tho­li­ken geöff­net wurde.

Beson­de­res Ver­dienst der »Front« war es, bereits ein Jahr­zehnt vor den ’68er-Revo­luz­zern die in den USA und Frank­reich erprob­ten, »neu­ar­ti­gen Kampf­me­tho­den (…) modern-aktio­nis­ti­schen Stil(s)« (Hans-Die­ter Bam­berg) in der Bun­des­re­pu­blik bekannt gemacht zu haben: Go-Ins, das »Kapern« von Ver­samm­lun­gen oder die Auf­for­de­rung an Pro­fes­so­ren, ihre Lehr­mei­nung zu recht­fer­ti­gen, wur­den als genu­in rech­te Wort­er­grei­fungs­stra­te­gien in den aka­de­mi­schen Raum der BRD eingeführt.

Ein ers­ter Ver­such Mar­cel Hepps, in brief­li­chen Aus­tausch zu tre­ten, erweck­te das Miß­trau­en des alten Schmitt, der hin­ter der rechts­ka­tho­li­schen Offen­si­ve einen lin­ken Pro­vo­ka­ti­ons­ver­such vermutete.

Nach Erkun­di­gun­gen sei­nes Freunds Hans Bari­on vor Ort und einer Ver­mitt­lung Armin Moh­lers kam es dann doch zur Kon­takt­auf­nah­me; in der Fol­ge wur­den die Brü­der Hepp im Gefol­ge Moh­lers zu gern gese­he­nen Gäs­ten bei den »Ebra­cher Semi­na­ren«, der »Ver­schwö­rer­zen­tra­le« (Dirk van Laak) um Schmitt und Ernst Forst­hoff, sowie den »Ammer­län­der Gesprä­chen« Cas­par von Schrenck-Notzings.

1962 hat­te Mar­cel Hepp sein Rechts­re­fe­ren­da­ri­at in Erlan­gen ange­tre­ten und gemein­sam mit dem Bru­der – den Theo­dor Eschen­burg infol­ge einer auf­se­hen­er­re­gen­den Akti­on aus sei­nem Tübin­ger Ober­se­mi­nar gewor­fen hat­te – die »Kon­ser­va­ti­ve Front« an die dor­ti­ge Uni­ver­si­tät über­führt. Die­se ver­häng­te gegen den älte­ren Hepp ein Haus­ver­bot, nach­dem in einem »Front«-Flugblatt gegen die BRD-Ent­wick­lungs­hil­fe­po­li­tik von afri­ka­ni­schen Kom­mi­li­to­nen (in sar­kas­ti­scher Abwand­lung eines Zitats von Albert Schweit­zer) als »schwar­zen Min­der­brü­dern« die Rede gewe­sen war.

Drei Jah­re spä­ter erlang­te Hepp mit Abschluß des Zwei­ten Staats­examens den Asses­so­ren­ti­tel, und es war Armin Moh­ler, der ihm über­gangs­los eine Anstel­lung ver­schaf­fen soll­te: Franz Josef Strauß, zu des­sen Ver­trau­ten Moh­ler seit sei­ner Par­tei­nah­me für den CSU-Vor­sit­zen­den wäh­rend der »Spie­gel-Affä­re« zähl­te, such­te einen per­sön­li­chen Refe­ren­ten von außer­halb Bay­erns, ohne Berüh­rungs­punk­te zur poli­ti­schen Gschaftlhuberei.

Im März 1965 trat Mar­cel Hepp eine Stel­le als Sach­be­ar­bei­ter in der CSU-Lan­des­lei­tung an, wur­de im Mai bereits Refe­rent für Öffent­lich­keits­ar­beit und im Herbst von Strauß zu sei­nem »Bera­ter in poli­ti­schen Fra­gen« ernannt. Damit stand er unver­mit­telt im Zen­trum des »kon­ser­va­tiv-katho­li­schen Gaul­lis­mus« in der Bun­des­re­pu­blik, der sich im Lau­fe des poli­tisch span­nungs­rei­chen Jah­res 1965 durch maß­geb­li­ches Zutun Moh­lers um Strauß gebil­det hatte.

Seit Som­mer des Jah­res zir­ku­lier­ten ers­te Ent­wür­fe eines inter­na­tio­na­len Nicht­ver­brei­tungs­ver­trags über Atom­waf­fen (»Non-Pro­li­fe­ra­ti­on Trea­ty«, NPT), den die USA und Groß­bri­tan­ni­en unter dem Ein­druck des ers­ten chi­ne­si­schen Atom­bom­ben­tests vom Okto­ber 1964 anstreb­ten und der in der Bun­des­re­pu­blik auf erbit­ter­ten Wider­stand der auf Unab­hän­gig­keit von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten bedach­ten »Gaul­lis­ten« in den Uni­ons­par­tei­en stieß.

Neben zeit­wei­li­gen Bestre­bun­gen, die Bun­des­wehr nukle­ar zu bewaff­nen, war ins­be­son­de­re das Bedürf­nis nach fried­li­cher Nut­zung der Kern­ener­gie hier­für aus­schlag­ge­bend – Hepp und Moh­ler präg­ten des­halb den pau­scha­li­sie­ren­den Kampf­be­griff »Atom­sperr­ver­trag«, den Strauß über­nahm. Nach­dem im Sep­tem­ber der CDU-»Atlantiker« Lud­wig Erhard als Bun­des­kanz­ler bestä­tigt wor­den war, schien die Zeit für eine Medi­en­of­fen­si­ve reif.

Wäh­rend der eben­falls mit Moh­ler eng ver­bun­de­ne Axel Sprin­ger sein Zei­tungs­im­pe­ri­um auf die Ein­schwö­rung des Wahl­vol­kes hin aus­rich­te­te, wur­de Mar­cel Hepp mit Wir­kung vom 1.  Mai 1967 zum Geschäfts­füh­ren­den Her­aus­ge­ber des CSU-Wochen­blatts Bay­ern­ku­rier (und damit unmit­tel­ba­ren Stell­ver­tre­ter Strauß’ selbst) ernannt und begann – ganz im aggres­siv-pro­vo­kan­ten Stil sei­ner Stu­den­ten­zeit – sofort eine schar­fe Agi­ta­ti­on der Leser­schaft, die ihm schnell Bei­na­men wie »Maul­schel­le des F. J. Strauß« (Rudolf Aug­stein) oder »Ein­peit­scher vom Dienst« (Wulf Schön­bohm) einbrachte.

Neben Moh­ler akti­vier­te Hepp wei­te­re kämp­fe­ri­sche Rechts­in­tel­lek­tu­el­le für den Bay­ern­ku­rier, allen vor­an Win­fried Mar­ti­ni und Emil Fran­zel, die sei­ne jour­na­lis­ti­schen »Frei­schär­ler-Aktio­nen« gegen inner­par­tei­li­che Abweich­ler, SPD, FDP und Gewerk­schaf­ten mittrugen.

Auf­grund des dras­tisch ver­schärf­ten Ton­falls im Par­tei­blatt beklag­ten poli­ti­sche Geg­ner »die dif­fa­mie­ren­de Wei­se, in der sich die Aus­ein­an­der­set­zung bewegt« (Paul Noack) und Hepps offen­kun­di­ge Ten­denz zu einer »Ver­ab­so­lu­tie­rung des Freund-Feind-Ver­hält­nis­ses« (Gisel­her Schmidt). Moh­ler hin­ge­gen soll­te sich spä­ter aner­ken­nend der an den Schrif­ten Schmitts geschul­ten, dezisio­nis­tisch-eta­tis­ti­schen Poli­tik­auf­fas­sung des Freunds erinnern:

Dies war wohl das Erstaun­lichs­te an Mar­cel Hepp: daß ein jun­ger Mann wie er (…) einen so aus­ge­präg­ten Sinn hat­te für das, was den indi­vi­du­el­len Wün­schen und Süch­ten über­ge­ord­net war. Eine roman­ti­sche­re Zeit hät­te es ›das Gemein­wohl‹ genannt, wie­der eine ande­re ›das Reich‹. Er nann­te es nüch­tern den Staat.

Hepp ver­folg­te einen dezi­dier­ten inner­par­tei­li­chen Rechts­kurs und fiel publi­zis­tisch gna­den­los über poli­ti­sche Oppo­nen­ten her. Nicht von unge­fähr mehr­ten sich Ende der 1960er Jah­re vor allem inner­halb der CDU die Stim­men gemä­ßig­ter Funk­tio­nä­re, die ein Ende der Bür­ger­kriegs­rhe­to­rik forderten.

Die Jah­res­ver­samm­lung der Jun­gen Uni­on Bay­ern for­der­te bereits 1968 die Abbe­ru­fung Hepps von sei­nem Pos­ten als Geschäfts­füh­ren­der Her­aus­ge­ber; im Fol­ge­jahr bat der Spre­cher des Main­zer CDU-Bun­des­par­tei­tags Simon sei­nen Par­tei­freund und dama­li­gen Bun­des­kanz­ler Kie­sin­ger unter Bei­fall »ein­dring­lich«, dahin­ge­hend auf Strauß ein­zu­wir­ken, »daß Mar­cel Hepp end­lich abge­löst wird, damit die­se unwür­di­gen Arti­kel, die dort ver­öf­fent­licht wer­den, end­lich wegkommen«.

Der CSU-Vor­sit­zen­de stell­te sich bei allen die­sen Angrif­fen vor sei­nen Inti­mus; die Gestal­tung des Bay­ern­ku­riers sei allein Sache der CSU, die Schwes­ter­par­tei habe sich her­aus­zu­hal­ten, im übri­gen habe man mit dem offen­si­ven Kurs den Bezie­her­kreis jen­seits der baye­ri­schen Lan­des­gren­zen immens stei­gern kön­nen. Hepp, dem Kri­ti­ker längst – nach dem bekann­ten Logo der Plat­ten­fir­ma EMI – den grim­mig-aner­ken­nen­den Spitz­na­men »His Master’s Voice« ver­lie­hen hat­ten, hat­te in die­sen Jah­ren sei­nen per­sön­li­chen Zenit erreicht.

Noch vor der schlei­chen­den Auf­ga­be der Hall­stein­dok­trin durch die Bun­des­re­gie­rung und die »Neue Ost­po­li­tik« unter Wil­ly Brandt blieb der NPT Hepps Haupt­an­griffs­ziel. Ihm galt ein Groß­teil sei­nes Wir­kens beim Bay­ern­ku­rier eben­so wie sein ein­zi­ges, 1968 erschie­ne­nes Buch Der Atom­sperr­ver­trag. Die Super­mäch­te ver­tei­len die Welt – »die schärfs­te Pole­mik gegen den Atom­sperr­ver­trag aus ›gaul­lis­ti­scher‹ Per­spek­ti­ve« (Karl­heinz Weiß­mann) –, mit dem er den Ver­trag auch zum Wahl­kampf­the­ma 1969 machte:

Mit Hil­fe der »kom­pro­miß­lo­sen Ableh­nung der von den Super­mäch­ten von Bonn gefor­der­ten Unter­schrift« (Klap­pen­text) soll­te ver­hin­dert wer­den, daß der NPD, die sich bis dato als ein­zi­ge Par­tei aus­drück­lich gegen eine Unter­zeich­nung posi­tio­niert hat­te, Uni­ons­wäh­ler zuge­trie­ben wür­den. Die Plan, dem rechts­ra­di­ka­len Kon­kur­ren­ten the­ma­tisch das Was­ser abzu­gra­ben, ging schließ­lich auf; im Rück­blick soll­te sich der dama­li­ge NPD-Bun­des­vor­sit­zen­de Adolf von Thad­den aner­ken­nend an Mar­cel Hepp als den »hervorragendste(n) Wort­füh­rer« in der Debat­te um den Nicht­ver­brei­tungs­ver­trag erinnern.

Im März des Wahl­jah­res reis­te Hepp außer­dem in Strauß­schem Geheim­auf­trag zusam­men mit Wal­ter Becher in die USA, um dort repu­bli­ka­ni­sche Kon­greß­ab­ge­ord­ne­te auf den Wider­stand gegen den NPT ein­zu­stim­men; eine Dienst­rei­se, die bei ihrem Auf­flie­gen drei Mona­te spä­ter für eini­ge Ver­stim­mung in US-Regie­rung und Bun­des­tag sorg­te. Auch Armin Moh­ler bear­bei­te­te den zöger­li­chen Strauß aus­gie­big: Die anste­hen­de Wahl wer­de über den zukünf­ti­gen Stel­len­wert der Uni­ons­par­tei­en eben­so ent­schei­den wie über den außen­po­li­ti­schen Kurs der Bundesrepublik.

In die­sem Sin­ne über­sand­te Moh­ler dem Par­tei­vor­sit­zen­den im unmit­tel­ba­ren Vor­feld der Wahl ein – ver­mut­lich mit Hepp abge­spro­che­nes – ulti­ma­ti­ves Wahl­kampf­kon­zept; Strauß schlug den Rat sei­nes alten Ver­trau­ten in den Wind und hat­te am 28. Sep­tem­ber 1969 eine kra­chen­de Wahl­nie­der­la­ge zu ver­kraf­ten. Hier­über und über den Bei­tritt der BRD zum Nicht­ver­brei­tungs­ver­trag ent­täuscht, ging Moh­ler lang­sam auf Distanz zu Strauß und zur Parteipolitik.

Daß der NPT am 5. März 1970 gleich­wohl in Kraft trat, erleb­te Mar­cel Hepp noch knapp mit. Anfang des Jah­res war eine fort­ge­schrit­te­ne Krebs­er­kran­kung des Rücken­marks dia­gnos­ti­ziert wor­den, an der »eine der gro­ßen Hoff­nun­gen der jun­gen Rech­ten« (Moh­ler) im Okto­ber mit 34  Jah­ren in einem Hei­del­ber­ger Kli­ni­kum ver­starb. Er hin­ter­ließ Frau und Tochter.

Auf sei­ner Trau­er­fei­er hielt Franz Josef Strauß die Grab­re­de – Armin Moh­ler regis­trier­te dem­ge­gen­über ver­bit­tert, daß der Par­tei­chef sei­nen Inti­mus wäh­rend des­sen Siech­tum nicht ein ein­zi­ges Mal im Kran­ken­haus besucht hat­te, und wand­te sich end­gül­tig vom sei­nes Erach­tens fei­gen Tak­tie­rer Strauß ab.

In sei­ner 1973 ver­öf­fent­lich­ten Phä­no­me­no­lo­gie »Der faschis­ti­sche Stil« beschrieb Moh­ler den Faschis­mus als weni­ger poli­ti­sche, viel­mehr ästhetisch-»kalte« Aus­rich­tung iko­ni­scher Figu­ren wie Ernst Jün­gers und Gott­fried Ben­ns, deren Ide­al­ty­pus jedoch im spa­ni­schen Falan­gis­ten­füh­rer José Anto­nio Pri­mo de Rive­ra Fleisch gewor­den sei – umso bemer­kens­wer­ter, daß jener im Geburts­jahr des älte­ren Hepp hin­ge­rich­tet wor­den war und Moh­ler stets – laut Karl­heinz Weiß­mann – »sich José Anto­nio wie MH (Mar­cel Hepp) vorstellte«.

Das kur­ze Leben und der kome­ten­haf­te Auf­stieg Mar­cel Hepps im Kräf­te­feld eines losen, doch weit aus­grei­fen­den rechts­in­tel­lek­tu­el­len Netz­werks der Prä-68er-Bun­des­re­pu­blik zei­gen auf, was vor einem hal­ben Jahr­hun­dert in der polit­me­dia­len Land­schaft des frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Deutsch­lands noch mach­bar war.

Ein mäch­ti­ger Par­tei­vor­sit­zen­der, des­sen CSU sei­ner­zeit einen bun­des­wei­ten Wahl­an­tritt gegen die libe­ra­li­sier­te Schwes­ter­par­tei erwog und der nicht vor der Ein­be­zie­hung bedeu­ten­der Non­kon­for­mis­ten in sei­nen Bera­ter­kreis zurück­scheu­te, und eine noch nicht gänz­lich gleich­ge­schal­te­te Pres­se­land­schaft mit der CSU-Zei­tung Bay­ern­ku­rier als finan­zi­ell abge­si­cher­tem Kampf­blatt schu­fen einen argu­men­ta­to­ri­schen Frei­raum, an dem sich poli­ti­sche wie publi­zis­ti­sche Geg­ner abzu­ar­bei­ten hatten.

Vor die­sem Hin­ter­grund, der inzwi­schen selbst ein Betrach­tungs­ge­gen­stand der Zeit­ge­schich­te ist, hebt sich die heu­ti­ge Mise­re umso grel­ler ab – die CSU ist an ihren baye­ri­schen Kat­zen­tisch ver­bannt, der Bay­ern­ku­rier zu einem monat­lich erschei­nen­den Kom­mu­ni­qué her­un­ter­ge­kom­men, und eine nen­nens­wer­te jour­na­lis­ti­sche Gegen­öf­fent­lich­keit erschöpft sich zumeist in sauer­töp­fi­schen Kom­men­tie­run­gen der jüngs­ten dpa-Mel­dun­gen. Die Ant­wort auf die Fra­ge nach dem, was mach­bar sei, wur­de 1968ff. auf den Kopf gestellt – und war doch erfolg­reich. Nach­dem sich die deut­sche Par­tei­land­schaft durch­gän­gig als unre­for­mier­bar her­aus­ge­stellt hat, steht ledig­lich noch eine neue Gras­wur­zel­re­vo­lu­ti­on als Opti­on im Raum. Die »Kon­ser­va­ti­ve Front« wäre wohl dabeigewesen.

 

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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