Polyamorie

pdf der Druckfassung aus Sezession 67 / August 2015

Quizfrage: Was haben die Flugpionierin Amelia Earhart, der Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell, der romantische Dichter Percy Shelley, die Kinderbuchautorin Edith Nesbit, der Regisseur Dieter Wedel, der Maler Gustav Klimt, die Poetenphilosophen Rainer Maria Rilke und Lou Salomé, der Physiker Erwin Schrödinger, der »Starkoch« Paul Bocuse und der Theologe Karl Barth gemeinsam? Linkshänderei? Sternzeichen Stier? Mitnichten. Schlag nach bei Wikipedia: All diese Prominenten waren oder sind Polyamoristen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Viel­lie­ben­de? Wir ken­nen den Begriff der Polygamie, der Mehr­e­he, und uns fal­len nor­ma­ler­wei­se ein: Der ortho­do­xe Islam. Die Mor­mo­nen. Rai­ner Lang­hans. Gemäß Volks­mund prak­ti­zie­ren die­se unter­schied­li­chen Grup­pen und Men­schen eine Art Harems­bil­dung, also: Poly­gy­nie. Die Viel­wei­be­rei ver­knüpft der gemei­ne Betrach­ter mit einem sexu­al­phan­tas­ti­schen Para­dies. Indes trifft dies auf die genann­ten Poly­gy­nis­ten zumin­dest vor­der­grün­dig nicht zu.

Ver­kürzt gesagt: Im Islam wer­den öko­no­mi­sche Grün­de und sol­che der Wit­wen­ver­sor­gung ange­führt, bei den Hei­li­gen der Letz­ten Tage ging es um die »beson­de­re Situa­ti­on des Neu­auf­baus der Kir­che« (nur mor­mo­ni­sche Kleinst­grup­pen erlau­ben heu­te noch Poly­gy­nie), bei Lang­hans und sei­nem kom­plett frucht­lo­sen fünf­köp­fi­gen Harem geht es um (ver­kehrs­be­frei­te) Spi­ri­tua­li­tät, Selbst­fin­dung und viel, viel Gere­de, Mot­to: »Nicht ein Mann hat fünf Frau­en, son­dern fünf Frau­en haben einen Mann.«

Unter Säu­ge­tie­ren ist Polyandrie im Gegen­satz zur Polygynie rar ver­brei­tet. In mensch­li­chen Gesell­schaf­ten, auch in der his­to­ri­schen und glo­ba­len Über­schau, noch sel­te­ner. Im Fall der Viel­män­ne­rei ist das Repro­duk­ti­ons­po­ten­ti­al der Ver­bin­dung auf die Kapa­zi­tät der Frau beschränkt und somit, pro Per­son gerech­net, stark begrenzt – in vor­zi­vi­li­sa­to­ri­schen Gesell­schaf­ten und in der Tier­welt ein kla­rer evo­lu­tio­nä­rer Nachteil.

Blei­ben wir bei den mensch­li­chen Zeit­ge­nos­sen unse­res Kul­tur­krei­ses. Die lebens­lan­ge Ein­ehe hat ihre Zeit schon lan­ge hin­ter sich, selbst in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen. Sozio­lo­gen spre­chen von »seri­el­ler Mono­ga­mie« als dem Nor­mal­fall: Unge­ach­tet des zivi­len Stan­des hat fast jeder im Lau­fe sei­nes Lebens meh­re­re sexu­el­le Bezie­hun­gen, die meist für ihre jewei­li­ge Dau­er Treue und Exklu­si­vi­tät beanspruchen.

Heim­li­che Sei­ten­sprün­ge mag es seit Mensch­heits­ge­den­ken geben. Sie bar­gen frü­her ein ver­gleichs­wei­se hohes Risi­ko: das der Schan­de, die auf’s Ertapptwer­den folg­te, das der Gefahr, gat­ten­los (und damit ohne gesi­cher­te Ver­sor­gung) Mut­ter zu wer­den, und jen­seits der prak­tisch-welt­li­chen Kon­se­quen­zen den defi­ni­ti­ven Nach­teil der ewi­gen Verdammnis.

All die­se Aspek­te, sowohl der gesell­schaft­lich-mora­li­sche als auch der ver­sor­gungs­tech­ni­sche und der himm­li­sche oder höl­li­sche, sind seit Jahr­zehn­ten aus­ge­he­belt – letz­te­rer zumin­dest, was das irdi­sche Geschick betrifft.

Einen Grund­stein zur neu­en sexu­el­len Offen­heit hat­ten die von der Rocke­fel­ler-Stif­tung finan­zier­ten »Kin­sey-Berich­te« des ame­ri­ka­ni­schen Sexu­al­for­schers Alfred Charles Kin­sey gelegt. Sie waren 1954/55 in den USA erschie­nen und schwapp­ten mit Ver­zö­ge­rung nach Europa.

Kin­sey berich­te­te dar­in über aus­schwei­fen­de, auch homo­ero­ti­sche und päd­eras­ti­sche Sexu­al­phan­ta­sien und ‑pra­ti­ken »ganz nor­ma­ler« Bür­ger. Die Dis­kus­si­on, ob eine lebens­lan­ge, mono­ga­me Ehe ein anstre­bens­wer­ter Nor­mal­fall sei, nahm hier ihren Lauf.

Um 1968 wur­de der bis heu­te geläu­fi­ge Spon­ti­spruch »Wer zwei­mal mit der­sel­ben pennt, gehört schon zum Estab­lish­ment« popu­lär, eine win­zi­ge Min­der­heit nahm ihn sich zu Her­zen. Wie sehr die Pra­xis die­ser halb­wit­zig, halb pro­vo­kant gemein­ten Paro­le damals sogar dem inner cir­cle als Selbst­über­win­dung galt, bekannn­ten spä­ter pro­mi­nen­te 68er-Frau­en wie Else­ma­rie Maletzke:

Zum Estab­lish­ment woll­te ja schon mal kei­ne gehö­ren. Und so hat man sich – manch­mal gegen eine inne­re Stim­me – auf schnell wech­seln­de Bezie­hun­gen ein­ge­las­sen. Es war wich­tig, die Eifer­sucht zu über­win­den, das klein­bür­ger­li­che Klam­mern, das reak­tio­nä­re Besitz­den­ken. Wenn das geschafft war, fühl­te sich die Frau recht stolz.

Die Gret­chen­fra­gen stell­te sich nicht nur Rudi Dutsch­kes Frau Gret­chen: »Ich war nicht prin­zi­pi­ell dage­gen, hat­te aber schon ein Pro­blem bei der Vor­stel­lung, mit allen Män­nern schla­fen zu müs­sen. Noch schwie­ri­ger fand ich die Vor­stel­lung, was man mit den Leu­ten machen soll­te, mit denen über­haupt nie­mand schla­fen woll­te.« Gefolgt wur­de nicht der »inne­ren Stim­me«, son­dern (eben nicht seit Mensch­heits­ge­den­ken, son­dern erst in jüngs­ter Zeit üblich) der umge­ben­den Peergroup.

Einem brei­te­ren Publi­kum zur Dis­po­si­ti­on gestellt wur­de die sexu­el­le Bin­dung an den exklu­si­ven einen Gelieb­ten, die eine Gelieb­te im Gefol­ge der 68er-Kul­tur­re­vo­lu­ti­on. 1972 ver­öf­fent­lich­te das US-ame­ri­ka­ni­sche Ehe­paar Nena und Geor­ge O’Neill den Rat­ge­ber Open Mar­ria­ge, der als Die offe­ne Ehe auch in Deutsch­land ein Ver­kaufs­schla­ger wur­de. Die O’Neills ermu­tig­ten, »Fremd­ge­hen« zuzu­las­sen, weil dies ein Ver­trau­ens­vor­sprung sei, der eine Ehe nur stärke.

In der öffent­li­chen Dis­kus­si­on wur­den vor­he­ri­ge Skru­pel nun ins mora­li­sche Gegen­teil gewen­det: Bin ich, weil ich exklu­si­ve Treue for­de­re, ein Besitz­den­ker? Hand­le ich gegen die Natur? Ist womög­lich nur »freie Lie­be« wah­re Lie­be? Ist es viel­leicht nicht wah­re Treue, näm­lich »Treue zu sich selbst«, sei­ne ero­ti­schen Impul­se nicht nur »zuzu­las­sen«, son­dern ihnen nachzugeben?

Poly­amo­rie nun ist nicht deckungs­gleich mit dem heu­te alt­ba­cken anmu­ten­den Begriff der »offe­nen Ehe«. Ver­sprach letz­te­re gleich­sam, aus der Not (der Sehn­sucht nach Auf­fri­schung der Libi­do durch gele­gent­li­che Amou­ren) eine Tugend zu machen, hat der polyamant Umtrie­bi­ge nicht das sexu­el­le »Neben­gleis« als Frisch­zel­len­kur im Sinn, son­dern ist qua Defi­ni­ti­on an viel­fa­chen, »inklu­si­ven«, län­ger­fris­ti­gen, »emo­tio­na­len Bezie­hun­gen« interessiert.

Geleb­te Poly­amo­rie bedeu­tet also neben viel­fäl­ti­gen prag­ma­ti­schen Vor­keh­run­gen (Schutz vor uner­wünsch­ten Krank­hei­ten und Schwan­ger­schaf­ten, Ter­min­ka­len­der­pla­nung) vor allem »Bezie­hungs­ar­beit«.

Unter Poly­amo­ren muß viel gere­det, geklärt und ver­bind­lich gere­gelt wer­den: mit dem aktu­el­len Haupt­ge­gen­über, mit Drit­ten und sich selbst (»sexu­el­le Selbst­fin­dung«), so daß vie­le Poly­amo­re ein­ge­ste­hen, ihre Erwerbs­tä­tig­keit zuguns­ten des Fei­lung ihres Lie­bes­pro­fils zurück­ge­steckt zu haben.

Dies hin­ge­gen, das Hint­an­stel­len der Pro­duk­ti­vi­tät und die Ver­rü­ckung des geni­ta­len Lebens in den Vor­der­grund des Lebens­voll­zugs, ist kei­ne Neben­wir­kung, son­dern wur­de von den mar­xis­ti­schen Vor­den­kern der neu­en Sexu­al­öko­no­mie bereits kern­haft mit­be­dacht. Einer der wich­tigs­ten Väter der befrei­ten Sexu­al­mo­ral ist Wil­helm Reich (1897–1957), der in der Zwi­schen­kriegs­zeit mit Titeln wie Die Funk­ti­on des Orgas­mus (1927) und Die Sexua­li­tät im Kul­tur­kampf (1930) von sich reden machte.

Reichs Wer­ke waren sowohl von Natio­nal­so­zia­lis­ten (als kul­tur­schäd­lich) als auch von den Kom­mu­nis­ten (als kon­ter­re­vo­lu­tio­när) geäch­tet. Von der 68er-Bewe­gung wur­den sie im Rah­men der Sex-Pol-Arbeit wie­der­be­lebt. Sie dien­ten dazu, jeg­li­che Fami­li­en­po­li­tik als »repres­siv« zu brandmarken.

Nach Reich unter­drü­cke die staat­li­che Unter­stüt­zung der mono­ga­men Mann-Frau-Bezie­hung ers­tens die sexu­el­len Bedürf­nis­se und mache damit krank. Zwei­tens ent­stün­de durch Ein­ehe und Klein­fa­mi­lie ein auto­ri­tä­rer Cha­rak­ter, der sich wil­lig den Zwän­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft unterwerfe.

Hoff­nung schöpf­te Reich durch die zuneh­men­de (heu­te frei­lich zur Unun­ter­scheid­bar­keit voll­zo­ge­ne) Ver­mi­schung des Pro­le­ta­ri­ats mit dem Klein­bür­ger­tum. Da der Druck der kul­tu­rel­len Ansprü­che auf das Pro­le­ta­ri­at nied­ri­ger sei als in den »besit­zen­den Klas­sen«, trä­ten (Sexual-)Neurosen sel­te­ner her­vor, zudem sei die Geni­ta­li­tät umso unge­bun­de­ner, des­to schlech­ter die mate­ri­el­len Lebens­be­din­gun­gen sind.

Der Pro­le­ta­ri­er pro­du­zie­re aus sei­ner Klas­sen­la­ge her­aus sexu­el­le Vor­stel­lun­gen und Lebens­wei­sen, die für die Klas­sen­in­ter­es­sen der Bür­ger töd­lich, für die von Reich anvi­sier­te Gesell­schaft aber wün­schens­wert waren. Erst wenn den bin­dungs­frei­en Sexual­in­ter­es­sen von Kin­dern, Jugend­li­chen und Erwach­se­nen frei­en Lauf gege­ben wer­de, sei eine Befrei­ung von den (als ver­skla­vend emp­fun­de­nen) Inter­es­sen der Wirt­schaft möglich.

Den leben­di­gen und sei­ner­zeit fast unaus­bleib­li­chen Fol­gen des poly­amo­ren sexu­el­len Han­delns stand Reich frei­lich skep­tisch gegen­über: Kin­der­reich­tum emp­fand er als patho­lo­gi­schen Ersatz für aus­ge­blie­be­ne Sexu­al­be­frie­di­gung, die Rede vom »trau­ten Heim« als Rück­zugs­punkt brand­mark­te er als »sen­ti­men­ta­les Gerede«.

Max Hork­hei­mer (1895–1973) als Begrün­der und Ver­tre­ter der Frank­fur­ter Schu­le und der kri­ti­schen Theo­rie sekun­dier­te Reich in sei­nem Auf­satz zu Auto­ri­tät und Fami­lie: Die mono­ga­me Klein­fa­mi­lie beschrän­ke die Sinn­lich­keit der Men­schen, und die fami­li­är statt kol­lek­tiv erzo­ge­nen Kin­der erlern­ten das »Lust­ver­bot«.

Die heu­ti­gen, durch­aus zahl­reich ver­brei­te­ten Wer­be­schrif­ten für poly­amo­re Lie­bes­for­men klam­mern die Früch­te der Poly­amo­ris­ten kei­nes­wegs aus. Es soll nicht so wir­ken, als sei die sexu­ell-emo­tio­na­le Viel­lie­be­rei ein Betä­ti­gungs­feld für kin­der­lo­se Pär­chen, die allein in eige­ner Ver­ant­wor­tung und somit ego­is­tisch handeln.

Im Gegen­teil, die stets anonym blei­ben­den Vorzeige-»Polys« haben oft Nach­wuchs, denen von Kin­des­bei­nen an das »Kon­zept Eifer­sucht« als unlo­gisch antrai­niert wird: Statt­des­sen herrscht »Mit­freu­de« beim Papa, wenn Mama ganz offen einen ande­ren küßt.

Ins öffent­li­che Bewußt­sein getre­ten ist die­se Lie­bes­kon­stel­la­ti­on um das Jahr 2012 her­um, als der dama­li­ge poli­ti­sche Geschäfts­füh­rer der Pira­ten­par­tei, Johan­nes Pona­der, sich publi­kums­wirk­sam als »poly­amor« bekann­te. Das wirk­te viel­leicht auch des­halb inter­es­sant, weil der vega­ne Pona­der nicht nur Arbeits­lo­sen­geld­be­zie­her war, son­dern mit San­da­len, Halb­glat­ze und »Good-Night-White-Pride«-T-Shirt auf­trat, also (in Abse­hung der inne­ren Wer­te) als Mensch mit offen­kun­di­ger Verliererattitüde.

Das Publi­kum wur­de neu­gie­rig: Es muß­te wohl etwas dran sein an einer polyaman­ten Ein­stel­lung, wenn ein nach all­ge­mei­nem Dafür­hal­ten eher unat­trak­ti­ver Mensch in gleich meh­re­ren Lie­bes­hä­fen ankern kann.

Seit eini­gen Jah­ren jeden­falls ist Poly­amo­rie in aller Mun­de. Bücher mit Titeln wie Wenn man mehr als einen liebt, Treue ist auch kei­ne Lösung, Poly­amo­rie und phi­lo­so­phi­sche Pra­xis, 111 Grün­de offen zu lie­ben ver­kau­fen sich blen­dend. Nicht nur die taz fragt: »War­um sind wir nicht ehr­lich und leben in offe­nen Bezie­hun­gen oder poly­amor?«; nahe­zu sämt­li­che Zei­tun­gen und Maga­zi­ne hat­ten ihre (sel­ten kri­ti­schen) Repor­ta­ge­rei­hen, Erfah­rungs­be­rich­te und Inter­view zum neu­en way of love.

Wer wis­sen will, ob Poly­amo­rie für ihn/sie in Betracht kommt, kann bei­spiels­wei­se im ein­schlä­gi­gen Fach­blatt fit for fun nach­schla­gen. Dem­nach müs­sen vier »wich­ti­ge Phi­lo­so­phien« beher­zigt wer­den: Selbst­er­kennt­nis, Gleich­wer­tig­keit, Tole­ranz und Kom­mu­ni­ka­ti­ve Intelligenz.

Das ist alles in allem nicht wenig an Vor­aus­set­zung, erklärt aber nicht den Grund, in Mehr­zahl zu lie­ben. Im Tier­reich wird mono­gam gevö­gelt (90 Pro­zent der Vogel­ar­ten leben mono­gam), unter Pri­ma­ten lebt hin­ge­gen nur etwa ein Vier­tel monogam.

Zweck der Poly­gy­nie ist die mög­lichst brei­te Streu­ung des Erb­guts, Zweck der Mono­ga­mie ist es, die Auf­zucht frem­den Erb­guts zu ver­hin­dern. Poly­ga­me Affen haben die Nei­gung, frem­den Nach­wuchs zu töten. Laut Fried­rich Engels mach­te erst das Auf­kom­men des Pri­vat­ei­gen­tums den Men­schen zum mono­ga­men Tier.

Die Fra­ge wäre: Ent­wi­ckelt sich der »viel­lie­ben­de« Mensch zurück zum Affen? Oder streift er nur hin­der­li­che, wider­na­tür­li­che, zivi­li­sa­to­ri­sche Ban­de ab? Da wir, demo­gra­phisch gese­hen, defi­ni­tiv in einer abso­lu­ten Kri­sen­zeit leben, könn­te damit ein anything goes zur evo­lu­tio­nä­ren Avant­gar­de erklärt werden.

In die­se Rich­tung gehen die Vor­stel­lun­gen der frei­sin­ni­gen Mil­la von Prosch, die 1918 in einem kurz­wei­li­gen Brief­wech­sel mit Hans Blü­her (Sezes­si­on 15 / 2006) zu beden­ken gibt, daß durch »all­zu gro­ße Ord­nung und Geset­zes­zwang Durch­schnitt und Mas­se her­an­ge­züch­tet wer­de. (…) Die Tat­sa­che, daß in ein­zel­nen Ehen ein bedeu­ten­der Mensch und eine Rei­he unbe­deu­ten­der gebo­ren wer­den, spricht gegen die Dau­er­ehe bei kom­pli­zier­ten Natu­ren.« Aber ein sol­cher Trend ent­wi­ckel­te sich nicht: Eher gibt es unter Poly­amo­ren Müt­ter mit zahl­rei­chen »sozia­len Vätern«.

In beson­de­rem Maße hat sich Die Zeit seit Jah­ren des poly­amo­ren Trends ange­nom­men. Im Mai 2015 – die Leser­kom­men­ta­to­ren stöhn­ten: »schon wie­der« – brach­te sie den aus­führ­li­chen Erfah­rungs­be­richt einer (logisch: anony­men) beson­ders poly­amo­ren Frau:

Nach der Geburt unse­res zwei­ten Kin­des waren wir mal auf einer Par­ty, fin­gen gemein­sam an einen frem­den Mann zu mas­sie­ren, und nach weni­gen Minu­ten fand ich mich auf einem Podest wie­der, wo ich qua­si im Ram­pen­licht genom­men wur­de. A. hat­te dazu kei­ne Lust und mas­sier­te jemand ande­ren. Spä­ter gin­gen wir lachend gemein­sam zurück zu unse­ren schla­fen­den Kindern.

Die Online­kom­men­ta­re zu die­sem »lust­vol­len« Bericht pro­du­zier­ten eine sol­che Zahl miß­mu­ti­ger und spöt­teln­der Leser­zu­schrif­ten, daß sich die Ver­ant­wort­li­chen zu einer Fuß­no­te mit der viel­sa­gen­den Über­schrift »Redak­tio­nel­ler Bil­dungs­auf­trag zum The­ma Sex und Lie­be« genö­tigt sah:

Wir sehen sehr wohl, daß die Arti­kel die­ser Serie zum Teil kon­tro­ver­se Reak­tio­nen her­vor­ru­fen und wir es hier offen­bar mit einem The­ma von gesell­schaft­li­cher Rele­vanz zu tun haben (…). Hier geben Leser preis, wie sie selbst in den von ihnen prak­ti­zier­ten Bezie­hungs­mo­del­len damit umge­hen. Sie zei­gen Mög­lich­kei­ten jen­seits kon­ven­tio­nel­ler Erwar­tun­gen an eine Bezie­hung auf und set­zen damit Impul­se für eine hoch­in­ter­es­san­te Debatte.

Die »hoch­in­ter­es­san­te Debat­te« ist kein Min­der­hei­ten­the­ma, son­dern gleicht einem über­flüs­si­gen Klecks, der mit Was­ser­far­ben auf ein Papier getupft wur­de. Er franst aus, kriecht in die­se und jene Rich­tung, so daß bis zur Trock­nung das gan­ze Blatt gewellt ist. Einer durch-und-durch auf­ge­klär­ten, ratio­na­li­sier­ten, reli­gi­ös befrei­ten Gesell­schaft müs­sen poly­amo­re Lebens­for­men als Gebot der Stun­de erschei­nen, nicht nur bei beson­ders frei­zü­gi­gen oder hedo­nis­ti­schen Zeitgenossen.

Die klu­ge Publi­zis­tin Ant­je Schmel­cher (Feind­bild Mut­ter­glück, 2014) hat sich in einer hüb­schen Pole­mik mit dem aktu­el­len »män­ner­recht­li­chen« Best­sel­ler Geht alles gar nicht von Hein­rich Wefing und Marc Brost aus­ein­an­der­ge­setzt: In den klei­nen Fami­li­en von Brost/Wefing wür­den nicht nur Arbeits­zei­ten und Haus­halt ver­han­delt, son­dern auch das abso­lut Pri­va­te: Lie­be und Sex.

Schmel­cher zitiert die trau­ri­gen Autoren: »Denn als wäre das Schwei­gen nicht schon schlimm genug, fällt häu­fig irgend­wann auch noch der Sex weg. Erst manch­mal, dann häu­fi­ger, schließ­lich ganz.«

Für die­se Not­la­ge gibt es laut Schmel­cher zwei Lösungen:

Eine, die rechts­kon­ser­va­ti­ve, hat Hou­el­le­becq schel­men­haft aus­führ­lich vor­ge­stellt: eine gemä­ßig­te isla­mi­sche Dik­ta­tur, die die Frau­en aus der Erwerbs­ar­beit zieht, die Poly­ga­mie für Män­ner ein­führt und die Sozi­al­aus­ga­ben hoch­fährt. Fol­ge für die Män­ner: mehr Sex, kein Haus­halt. Oder eben eine lin­ke Dik­ta­tur wie bei Hux­ley. Die Kin­der wer­den kol­lek­ti­viert, fes­te Part­ner­schaf­ten ver­bo­ten. Fol­ge für alle: mehr Sex, wenig Haus­halt. Das jeden­falls ist die geschlech­ter­ge­rech­te Vari­an­te. Die Häwel­män­ner [Schmel­cher spielt auf Fon­ta­nes über­dreh­ten klei­nen Häwel­mann ein, der stets »Mehr! Mehr« for­dert] schei­nen mit der ers­ten Lösung zu lieb­äu­geln, denn sie zitie­ren eine Stu­die, nach der die Sex­quo­te um ein Drit­tel sin­ke, wenn die Män­ner auch bügel­ten und staubsaugten.

Darf man ange­sichts sol­cher Gemenge­la­ge ein biß­chen rumal­bern? Wie­so nicht? Und wie­so eigent­lich: albern?

Man den­ke an Dut­zen­de Sze­na­ri­en aus eben jenem Bereich, der frü­her unter »Fami­li­en­po­li­tik« sub­su­miert wur­de, längst aber in ein Mane­gen­band mit der Auf­schrift Bezie­hun­gen-Repro­duk­ti­on-Sex-Gen­der zusam­men­ge­faßt wur­de: Wer vor rela­tiv kur­zer Zeit (neh­men wir 30 Jah­re als über­schau­ba­re Span­ne) als Poli­ti­ker, Medi­zi­ner oder Medi­en­mensch sich ernst­haft öffent­lich und affir­ma­tiv mit Adop­ti­ons­wün­schen schwu­ler Paa­re, mit der Lega­li­sie­rung von Geschwister»liebe«, mit vor­pu­ber­tä­ren Hor­mon­ga­ben zur Ver­hin­de­rung einer »fal­schen Puber­tät« von Fuß­ball­mäd­chen und Pup­pen­vä­tern (also poten­ti­el­len Trans-Men­schen) aus­ein­an­der­ge­setzt hät­te – er hät­te sich voll­ends ins Abseits gestellt.

Heu­te hin­ge­gen wird eine Talk­show­teil­neh­me­rin, die homo­se­xu­el­le Eltern­schaft für »ungüns­tig« hält, als »Hexe« gebrand­markt. Mas­sen­me­di­en wie Neon oder FAZ berich­ten ver­ständ­nis­voll über Män­ner, die mit Hun­den kopu­lie­ren, die Bun­des­re­gie­rung spen­diert eine Anti-Aids-Wer­bung, die Pro­mis­kui­tät als Norm dar­stellt – und eine Zwan­zig­jäh­ri­ge, die unbe­rührt in die Ehe gehen will, fällt heu­te unter die Über­schrift »Bizar­res«.

lso, albern wir in aller Ver­nunft und mut­ma­ßen wir (für die nähe­re Zukunft) eine Syn­the­se aus den bei­den Lösun­gen, die Ant­je Schmel­cher auf­ge­führt hat: Fes­te, über Jahr­zehn­te dau­ern­de Paar­be­zie­hun­gen wer­den nicht ver­bo­ten, aber unüb­lich. Sie gel­ten bei unter Fünf­zig­jäh­ri­gen als vor­gest­rig, da der Nut­zen nicht klar ist. Sie sind unbe­lehr­ba­ren Roman­ti­kern und Reli­giö­sen vor­be­hal­ten. Staat­lich geschätzt oder geschützt wer­den sie nicht.

Heu­te bereits exis­tie­ren­de Stu­di­en, wonach Kin­der, die in poly­amo­ren Bezie­hun­gen auf­wach­sen, bes­se­re »Start­be­din­gun­gen« (durch die Mehr­zahl an »Bezugs­part­nern«) haben, wer­den in die­ser Zukunft durch zahl­rei­che Fol­ge­stu­di­en erhär­tet. Die heu­te bereits in Kana­da gül­ti­ge Opti­on, meh­re­re Eltern für ein Kind ein­zu­tra­gen, wird auf Euro­pa aus­ge­wei­tet. Es gibt ein Lite­ra­tur­gen­re, genannt »Jea­l­ou­sy-Books«, das vom Groß­feuil­le­ton als Kitsch­kunst abge­tan wird (»abge­schmack­te Eifer­suchts­lek­tü­re aus der alten Welt«), aber abseits der Ver­lags­häu­ser allen Top­ti­teln den Rang abläuft.

Gegen den tele­vi­sio­nä­ren Con­test »Der kras­ses­te Sex« gibt es hier und da Pro­test, vor allem von femi­nis­tisch-kon­ser­va­ti­ver und reli­giö­ser Sei­te – aber 48 Pro­zent der EU-Bür­ger sind live zuge­schal­tet. Kin­der wer­den kol­lek­ti­viert, sowohl in der mehr­heit­lich wei­ßen Grup­pe (dort herr­schen Staats­pro­gramm und pro­gres­si­ve Päd­ago­gik), als auch in den reli­giö­sen Grup­pen (dort gilt das glau­bens­mä­ßig vor­ge­ge­be­ne Programm).

Die Zuge­hö­rig­keit der Kin­der erfolgt bei den wei­ßen, nicht reli­gi­ös gebun­de­nen Grup­pen strikt matri­li­ne­ar, also gemäß ute­ri­ner Des­zen­denz. Die Fra­ge nach der väter­li­chen Abstam­mung gilt als inde­zent und urgroß­vä­ter­lich. Männ­li­che homo­se­xu­el­le Väter unter­lie­gen geson­der­ten Regeln. Vater Staat steht in jedem Fall bei Ver­sor­gungs­fra­gen gera­de. Die Frau­en­er­werbs­quo­te geht gegen 100 Pro­zent, der Steu­er­satz ist beträchtlich.

Eine Spott­fra­ge lau­tet: »Ja, willst du dei­ne Kin­der am Ende noch im eige­nen Haus groß­zie­hen?« Mit Arbeits- und Bezie­hungs­ter­mi­nen ist man weiß­gott aus­ge­bucht. Und wer mäht den Rasen? Besorgt Müll, Abwasch, Fens­ter­rei­ni­gung, Wäsche? Leu­te aus ande­rer Her­ren Län­der. Und deren Kin­der? Not­dürf­tig kol­lek­ti­viert. Und deren Haus­halt? Leu­te aus wie­der ande­rer Her­ren Län­der – dort, wo der UN-wei­te Min­dest­lohn noch nicht gegrif­fen hat. Set­zen. Lie­gen. Zer­set­zen. Ist es das?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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