Metapolitik und Aufklärung

pdf der Druckfassung aus Sezession 67 / August 2015

Ganz ähnlich wie bei ihrem Vorbild, der Metaphysik, gibt es auch bei der Metapolitik einige Unklarheiten darüber, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Ähnlich ist beiden nicht nur der Anspruch, hinter das Offensichtliche und Greifbare zu schauen, sondern auch, daß ihre Verächter ihnen gegenüber regelmäßig den Verdacht hegen, sie spielten nicht mit offenen Karten.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Kann man der Meta­phy­sik wahl­wei­se unter­stel­len, mit ihr begin­ne der Irr­weg neu­zeit­li­chen Den­kens (Hei­deg­ger) oder sie sei ledig­lich eine Ansamm­lung von Schein­fra­gen, die den Men­schen davon abhal­ten, die Wirk­lich­keit zu erfas­sen (Posi­ti­vis­mus), lie­gen die Din­ge bei der Meta­po­li­tik etwas einfacher.

Ihr gegen­über wird regel­mä­ßig der Vor­wurf erho­ben, eine Art Dun­kel­män­ner­po­li­tik zu sein, die im Hin­ter­grund die Strip­pen zie­he und damit die demo­kra­ti­sche Hoch­schät­zung von Mehr­heits­ent­schei­dun­gen und Trans­pa­renz verrate.

Auch hier ver­birgt sich hin­ter der Ankla­ge der Posi­ti­vis­mus, der davon aus­geht, daß Poli­tik eine öffent­li­che Ange­le­gen­heit sei und sich poli­ti­sches Han­deln dar­in zu erschöp­fen habe. Meta­po­li­tik steht im Geruch des Vor­de­mo­kra­ti­schen, in des­sen Raum es ein­fluß­rei­chen Män­nern gefal­le, das Volk zu mani­pu­lie­ren und zu betrügen.

Nicht weni­ge geben sich mit die­ser Ansicht zufrie­den und beschrän­ken sich dar­auf, genau das zu glau­ben. Gegen sol­cher­art »Bescheid­wis­sen« kann anspruchs­vol­les Den­ken nichts aus­rich­ten, denn es ist ja bereits der Anspruch, der sich hin­ter dem »Meta« ver­birgt, in Abre­de gestellt. Dabei meint »Meta« nichts Über­sinn­li­ches, son­dern einen erkennt­nis­ge­lei­te­ten Blick, der hin­ter die Din­ge, hin­ter den Schein, auf die Prin­zi­pi­en und Bedin­gun­gen, die sie kon­sti­tu­ie­ren, schaut.

Bei der Meta­phy­sik mag das manch­mal um der Erkennt­nis selbst gesche­hen. Die prak­ti­sche Anwend­bar­keit meta­phy­si­scher Erkennt­nis­se bleibt ein Wag­nis mit offe­nem Aus­gang. Selbst Pla­ton muß­te zuge­ben, daß ihn sein Nach­den­ken nicht dazu befä­higt hat, einen Mus­ter­staat ein­zu­rich­ten, als er auf Sizi­li­en die Gele­gen­heit dazu bekam.

Beim Blick hin­ter die Poli­tik liegt der Ver­dacht nahe, daß die Erkennt­nis vor allem dazu dient, mit ihr einen bes­se­ren Zugriff auf die Wirk­lich­keit zu haben. Der Vor­wurf lau­tet: Mani­pu­la­ti­on eines Vor­gangs, der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung, dem eine Mehr­heit aus irgend­ei­nem Grun­de eine Urwüch­sig­keit zubil­ligt, die ihn von allen ande­ren mensch­li­chen Hand­lun­gen unter­schei­den würde.

Aber jedem ist ins­ge­heim klar, daß Nach­den­ken Kon­se­quen­zen hat. Was ihm auf dem Gebiet der Phi­lo­so­phie viel­leicht egal ist, macht ihm im Bereich der Poli­tik daher Angst.

Bei der Meta­po­li­tik besteht dazu zunächst kein Anlaß, denn sie ist ein im bes­ten Sin­ne auf­klä­re­ri­sches Pro­jekt, wenn man dar­un­ter mit Kant das Ziel ver­steht, sich sei­nes Ver­stan­des ohne Anlei­tung eines ande­ren zu bedie­nen. Den­noch ist der Vor­wurf nicht völ­lig absurd, wenn man bedenkt, daß sich ein nicht gerin­ger Teil der Auf­klä­rer in Frei­mau­rer­lo­gen und Geheim­ge­sell­schaf­ten ver­sam­mel­te, um dort ein nur Ein­ge­weih­ten zugäng­li­ches Geheim­wis­sen zu pflegen.

Der Ter­mi­nus »Meta­po­li­tik« ent­stammt jedoch nicht sol­chen Zir­keln, son­dern den Natur­rechts­schrif­ten des aus­ge­hen­den 18. Jahr­hun­derts. Der Staats­recht­ler Lud­wig August von Schlö­zer hat ihn als »Unter­su­chung des Men­schen vor dem Staat« defi­niert. Es geht um die vor­po­li­ti­sche Natur des Men­schen und die dar­aus fol­gen­den Kon­se­quen­zen für die Staatsbildung.

Die Fra­ge lau­tet, wie sich Staats­bil­dung erklä­ren und recht­fer­ti­gen las­se. Erst all­mäh­lich wird dar­aus die Leh­re vom Staat, die der prak­ti­schen Poli­tik vor­aus­zu­ge­hen hat, wie sie impli­zit bereits in der Anti­ke zu fin­den ist.

Die Ahnen­rei­he der Meta­po­li­tik reicht wei­ter zurück als nur in das klas­si­sche Zeit­al­ter der Auf­klä­rung. Es beginnt mit Pla­tons Staat, der den Staat aus der Tugend der Gerech­tig­keit her­lei­tet und damit eine Idee des Staa­tes bie­tet, die für die abend­län­di­sche Geschich­te das Nach­den­ken über den Staat in eine bestimm­te Rich­tung gelenkt hat. Aris­to­te­les spricht den Grund­ge­dan­ken in prä­gnan­ter Knapp­heit aus, wenn er sagt: Der Mensch ist von Natur zum staat­li­chen Leben bestimmt, er ist ein poli­ti­sches Wesen.

Eben­so wird man Machia­vel­lis Fürs­ten zu den meta­po­li­ti­schen Grund­la­gen­wer­ken zäh­len müs­sen. Die Rei­he lie­ße sich durch die Klas­si­ker der Staats­phi­lo­so­phie oder Poli­ti­schen Phi­lo­so­phie fort­set­zen: Mores Uto­pia, Hob­bes Levia­than bis hin zu den vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Schrif­ten von Locke, Mon­tes­quieu und Rous­se­au und schließ­lich Kants Meta­phy­sik der Sit­ten.

Sie alle trei­ben Meta­po­li­tik im dop­pel­ten Sin­ne: Sie wol­len ergrün­den, wel­che Kräf­te in der Poli­tik wir­ken, und sie wol­len mit­tels die­ser Erkennt­nis Poli­tik beein­flus­sen. In Schlö­ze­rs Vor­le­sun­gen saßen mit Stein und Har­den­berg zwei ange­hen­de Poli­ti­ker, die weni­ge Jah­re spä­ter dafür gesorgt haben, daß ein zer­ris­se­nes, gede­mü­tig­tes und zum Vasal­len gedrück­tes Preu­ßen eine Wie­der­ge­burt erle­ben konnte.

Schlö­zer hat ihnen kein Pro­gramm dik­tiert, son­dern Grund­la­gen ver­mit­telt und als Auf­klä­rer die Kon­se­quenz aus den Ereig­nis­sen um 1789 gezo­gen, daß, wenn man die Welt schon nicht so ein­rich­ten kann, wie man es gern hät­te, es in der Poli­tik zumin­dest Fak­to­ren gibt, die über Sieg und Nie­der­la­ge entscheiden.

Wir müs­sen mit Clau­se­witz nicht den nächs­ten Auf­klä­rer her­an­zie­hen, son­dern kön­nen in der Geschich­te der Kriegs­kunst bis ins Alte Chi­na zurück­ge­hen und wer­den bereits bei Sun­zi (6. Jahr­hun­dert v. Chr.) fün­dig. Der Aus­gangs­punkt ist die Bewer­tung der Lage.

Sun­zi nennt dazu fünf Gesichts­punk­te, die jeder Heer­füh­rer bewer­ten muß, wenn er erfolg­reich sein will: Moral, Kli­ma, Gelän­de, Füh­rung und Ord­nung. All das läßt sich auf das Feld der Poli­tik über­tra­gen, ins­be­son­de­re, wenn man wie Sun­zi davon aus­geht, daß die Kriegs­füh­rung dem Prin­zip der Täu­schung gehorcht: »Wer auf Gewinn aus ist, wird gekö­dert … wer reiz­bar ist, wird provoziert.«

Letzt­end­lich ist Meta­po­li­tik nichts ande­res als eine poli­ti­sche Lage­be­ur­tei­lung, die von der Fra­ge aus­ge­hen muß, wer der Feind ist, wo er steht und mit wel­chen Mit­teln er den Kampf führt. Die­ses rück­halt­lo­se Befra­gen hat auch für einen selbst Kon­se­quen­zen, weil man sich selbst scho­nungs­los beur­tei­len muß.

Aller­dings gilt es auch hier, in der Selbst­kri­tik Maß zu hal­ten. Es muß einen Bereich geben, der nicht ver­han­del­bar ist, der gleich­sam den Grund des Enga­ge­ments bil­det. Riva­rol, der frü­he Kri­ti­ker der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, hat den Zusam­men­hang deut­lich gese­hen: »Es wäre sträf­lich, einem Frem­den unse­re Fes­tungs­plä­ne aus­zu­lie­fern, er hät­te den Schlüs­sel zum Königreich.«

Auch wenn er mit dem König­reich sein eige­nes Gewis­sen meint, an dem die »feins­ten, pein­lichs­ten Fra­gen des Rechts und der Moral ent­schie­den wer­den«, ist die Ana­lo­gie zum Poli­ti­schen doch deut­lich. Auch wir wer­den dem Frem­den den Zugriff auf den Rück­halt unse­rer Tugend ver­wei­gern, weil die Kon­se­quenz klar sind: »Wenn man jene Pfor­te zeigt, wür­de bald die Gier und alle Spitz­fin­dig­keit der Lei­den­schaft ein­drin­gen und das Gewis­sen in sei­nem letz­ten Hor­te vergewaltigen.«

Denn Auf­klä­rung ist, das zeigt auch das Bei­spiel der Meta­po­li­tik, ein zwei­schnei­di­ges Schwert. Einer­seits hat sie dazu geführt, daß die Selbst­er­hal­tung eines Vol­kes in Form der Nati­on zu einem poli­ti­schen Pro­gramm erho­ben wur­de. Ande­rer­seits hat das Ergrün­den der Zusam­men­hän­ge zu einem auto­ma­ti­schen Infra­ge­stel­len geführt.

Denn wenn ich weiß, wie etwas funk­tio­niert, stellt sich die Fra­ge, ob es gut ist, daß es so funk­tio­niert und ob es nicht doch bes­ser wäre, wenn es anders funk­tio­nie­ren wür­de. Wenn ich das alles aus Grün­den der Tra­di­ti­on unan­ge­tas­tet las­se, haben wir zwar ein kon­ser­vie­ren­des Moment, aber eines, das nicht lebens­fä­hig sein dürfte.

Man kann wie die Gebrü­der Ger­lach mit dem Argu­ment der gott­ge­füg­ten Ord­nung gegen Bis­marck kämp­fen und wird ver­lie­ren, wenn die Zeit sich gewan­delt hat. Gegen den meta­po­li­ti­schen Umschwung, den die Auf­klä­rung, die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on und die Ent­ste­hung der Natio­nal­staa­ten bewirk­ten, kann man nur kon­sta­tie­ren, wie es Graf Cho­j­ni­cki in Roths Radetz­ky­marsch tut:

Die Zeit will uns nicht mehr! Die­se Zeit will sich erst selbst­stän­di­ge Natio­nal­staa­ten schaf­fen! Man glaubt nicht mehr an Gott. Die neue Reli­gi­on ist der Natio­na­lis­mus. Die Völ­ker gehn nicht mehr in die Kir­chen. Sie gehn in natio­na­le Ver­ei­ne. Die Mon­ar­chie, unse­re Mon­ar­chie, ist gegrün­det auf der Fröm­mig­keit: auf dem Glau­ben, daß Gott die Habs­bur­ger erwählt hat, über sound­so vie­le christ­li­che Völ­ker zu regieren.

Daß es die­se Welt nicht mehr gibt, ist bedau­er­lich. Es war die schö­ne­re Welt, sie wur­de abge­löst durch eine Welt, die in vie­lem uner­bitt­li­cher agiert als es sich die alte aus­zu­den­ken ver­mocht hät­te. Aber es ist im poli­ti­schen Sin­ne belang­los, so etwas festzustellen.

Daß es eine Dia­lek­tik der Auf­klä­rung gibt, haben nicht zuletzt Ador­no und Hork­hei­mer erkannt. Dabei ging es ihnen weni­ger um die kon­ser­va­ti­ven Vor­wür­fe an die Auf­klä­rung, etwa daß sie durch Refle­xi­on zer­set­ze, son­dern dar­um, daß die Auf­klä­rung wie­der einen neu­en Mythos schaf­fe, der dar­in besteht, alles schon von vorn­her­ein zu wis­sen, weil sie der Mei­nung sei, den Schlüs­sel zu haben, und das Den­ken zu einem auto­ma­ti­schen Pro­zeß degra­die­re: »Denn Auf­klä­rung ist tota­li­tär wie nur irgend­ein System.«

Die­ser Weg führt direkt in die Ideo­lo­gie, mit der ent­spre­chen­den Kohä­renz und den bekann­ten Wert­ge­gen­sät­zen, die schon von den Gegen­auf­klä­rern als Manichäis­mus geschol­ten wurden.

Vor die­sem Pro­blem steht die Auf­klä­rung und es ist ein siche­res Indiz dafür, daß es sich um einen immer wie­der­keh­ren­den Zustand han­delt, wenn die gro­ßen Kri­ti­ker der Ereig­nis­se von 1789, die Gegen­auf­klä­rer, sich im Grun­de der­sel­ben Prin­zi­pi­en bedie­nen, um eben die­se Auf­klä­rung zu bekämpfen.

Inso­fern wird jede Situa­ti­on, jede Lage die Fra­ge nach dem Feind neu beant­wor­ten müs­sen. Der in die­sem Zusam­men­hang viel­zi­tier­te Kom­mu­nist Anto­nio Gram­sci hat sei­ne Fra­ge eben­so angepaßt. Der Feind, die bür­ger­li­che Gesell­schaft, stand fest. Das Mit­tel, die­se zu besie­gen, war die Revolution.

Sei­ne meta­po­li­ti­schen Lehr­meis­ter Marx und Engels hat­ten ihm erklärt, daß die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats nur mög­lich ist, wo die bür­ger­li­che Gesell­schaft an ihren eige­nen Wider­sprü­chen ange­langt ist. Je höher ent­wi­ckelt ein Land, umso eher kommt die Revo­lu­ti­on zum Ziel. Das hat­te sich nach Ruß­land als falsch erwie­sen, wes­halb er sich die Unter­schie­de zwi­schen den west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen und Ruß­land genau­er ansah.

Der Fak­tor, der ihm bei sei­ner Lage­be­ur­tei­lung übrig blieb, war die Zivil­ge­sell­schaft, die es in Ruß­land nicht gege­ben hat­te und die im Wes­ten den Sieg der Revo­lu­ti­on ver­hin­der­te. Die­se Zivil­ge­sell­schaft muß­te mit­tels Kul­tur­re­vo­lu­ti­on auf die poli­ti­sche Macht­über­nah­me vor­be­rei­tet werden.

Aus dem Gesag­ten ergibt sich, daß Meta­po­li­tik in der Regel für die­je­ni­gen ein The­ma ist, die mit den gegen­wär­ti­gen Zustän­den und der Poli­tik unzu­frie­den sind. Ihnen ist klar, daß sie unter den gegen­wär­ti­gen Umstän­den kei­ne Chan­ce haben, poli­tisch wirk­sam zu werden.

Die Ver­äch­ter der Meta­po­li­tik hal­ten das für einen sinn­lo­sen Zeit­ver­treib, weil ihrer Mei­nung nach Poli­tik in einer Par­tei­en­de­mo­kra­tie mit­tels Par­tei und Wahl­teil­nah­me gemacht wird, oder für gefähr­lich, weil Meta­po­li­tik die Grund­la­gen ihrer Herr­schaft in Fra­ge stellt. Wenn es also um die »ver­bor­ge­nen Grund­la­gen des Gesell­schafts­auf­baus« (de Maist­re) geht, dann weil es nicht um Par­ti­zi­pa­ti­on am poli­ti­schen Betrieb geht, son­dern um die Grund­le­gung eines Wan­dels im objek­ti­ven Geist.

Es kann also nicht dar­um gehen, in ewi­ger Selbst­re­fle­xi­on die Grund­la­gen zu hin­ter­fra­gen und am Ende mit dem Ergeb­nis dazu­ste­hen, daß uns der Nie­der­gang schon recht gesche­he und wir nicht bes­ser als die ande­ren seien.

Wenn es in der Poli­tik laut Max Weber dar­um geht, die »eige­ne Art« zu erhal­ten, und dazu zählt eben auch die Kul­tur, die sie reprä­sen­tiert, dann wird Meta­po­li­tik sich dar­um zu küm­mern haben, was erhal­tens­wert ist und wie es erhal­ten wer­den kann, sie muß par­ti­ku­la­re Inter­es­sen for­mu­lie­ren und durchsetzen.

Das gilt auch und gera­de, wenn die poli­ti­sche Eli­te des Lan­des kei­ne Anstal­ten macht, in die­sem Sin­ne tätig zu wer­den und damit nicht nur ihre Herr­schaft, son­dern die Lebens­grund­la­ge unse­res Gemein­we­sens gefährdet.

Nach Riva­rol ist das Volk »Kraft, sei­ne Regie­rung ist Werk­zeug; ihre Ver­bin­dung bewirkt poli­ti­sche Macht. Trennt sich die Kraft von ihrem Werk­zeug, so ent­schwin­det die Macht. Wenn das Werk­zeug zer­stört ist und die Kräf­te blei­ben, gibt es nur noch Zuckung, Krampf oder Wut; und wenn das Volk sich von sei­nem Werk­zeug, das heißt von sei­ner Regie­rung, trennt, gibt es Revo­lu­ti­on.« Herr­schaft bedeu­tet Erhal­tung des Zusam­men­han­ges. Wenn die­ser nicht mehr gewähr­leis­tet ist, wird es ernst.

Das zu erken­nen, ist heu­te schwie­ri­ger, weil der objek­ti­ve Geist, der Zeit­geist oder auch die gegen­wär­ti­ge Men­ta­li­tät kei­ne Vor­stel­lung davon hat, was Poli­tik bedeu­tet. Alles scheint poli­tisch zu sein. In Abwand­lung eines Nietz­sche-Sat­zes wird die »Gesund­heits­leh­re des Lebens« lau­ten: das Unpo­li­ti­sche und das Meta­po­li­ti­sche sind die natür­li­chen Gegen­mit­tel gegen die Über­wu­che­rung des Lebens durch das Poli­ti­sche, gegen die poli­ti­sche Krank­heit. Die­se zeigt sich dar­in, daß es kaum noch unpo­li­ti­sche Räu­me gibt, Räu­me, in denen nicht das Freund-Feind-Den­ken regiert.

Doch das Poli­ti­sche ist eben nur eine Kate­go­rie des Lebens. In ihr sind Dif­fe­ren­zen ver­bo­ten, die im per­sön­li­chen Umgang im Unpo­li­ti­schen gebo­ten sind. Daß die Fami­lie als poli­ti­scher Raum begrif­fen wird, zer­stört die Fami­lie. Daß das Poli­ti­sche mit Moral ver­mengt wird, zer­stört das Politische.

Meta­po­li­tik kann kei­nen neu­en Mythos schaf­fen. Das ist etwas, was sich der Mach­bar­keit entzieht.

Sie kann aber die Bedin­gun­gen dafür schaf­fen, daß sich die Lücke wie­der schließt, die sich zwi­schen Wirk­lich­keit und Ideo­lo­gie auf­ge­tan hat. Deren Ursa­chen hat Johan Hui­zin­ga bereits 1935 beschrieben:

Es ist eine Ver­küm­me­rung des intel­lek­tu­el­len Bewußt­seins mit im Spiel. Das Bedürf­nis, über ver­stan­des­mä­ßig erfaß­ba­re Din­ge so exakt und objek­tiv wie mög­lich zu den­ken und die­ses Den­ken selbst kri­tisch zu prü­fen, wird schwä­cher. Eine weit­ge­hen­de Trü­bung des Denk­ver­mö­gens hat sich vie­ler Geis­ter bemäch­tigt. Jede Abgren­zung zwi­schen den logi­schen, den ästhe­ti­schen und den affek­ti­ven Funk­tio­nen wird absicht­lich vernachlässigt.

Es kann in der gegen­wär­ti­gen Lage, in der der Geg­ner noch über eine halb­wegs intak­te Moral, Füh­rung und Ord­nung ver­fügt, nichts ande­res geben, als die Stär­kung der Urteils­kraft über­haupt als Ziel auszugeben.

Nur dann wird deut­lich wer­den, daß es sich bei Moral, Füh­rung und Ord­nung des Geg­ners um einen Schein­zu­stand han­delt, der nur des­halb als gefes­tigt ange­nom­men wird, weil das Zutrau­en in die eige­ne Beur­tei­lung der Lage nicht aus­rei­chend ist.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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