Sezession
29. August 2015

Notizen zu einer Wallfahrt nach Chartres

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 67 / August 2015

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wenn ich mich auf eine Reise begebe, packe ich stets ein paar Bücher ein, die mit Ziel und Sinn der Fahrt zu tun haben. Meistens beschwere ich damit mein Gepäck nur unnötig, da ich unterwegs in der Regel kaum zum Lesen komme. Wichtiger ist ihre symbolische Anwesenheit; sie reisen mit mir wie Totems oder vielmehr Genien, lebendige Gefährten. Als ich am 19. Mai 2015 nach Paris aufbrach, waren es die folgenden Titel:

Unterwerfung von Michel Houellebecq; Die Kathedrale von Joris-Karl Huysmans; eine Auswahl aus den Schriften von Charles Péguy; zwei Romane von Jean Raspail, Das Heerlager der Heiligen, an dessen Neuübersetzung ich zu diesem Zeitpunkt arbeitete, und Sire. Diese Bücher sind über eine Vielzahl von thematischen Fäden miteinander verknüpft, von denen ich einige in meiner eigenen Hand zusammenlaufen sah.

Ich kam nach Frankreich, um die Kathedrale von Chartres zu sehen – ein Traum, der seit zwei Jahren stetig in mir angewachsen war. Inspiriert hatte ihn, wie bei so vielen anderen vor mir, das Beispiel Péguys. Als Apostat der sozialistischen Partei hatte sich Péguy zunehmend dem katholischen Christentum zugewandt, damit auch dem vormodernen, dem ewigen, sakralen Frankreich Ludwigs des Heiligen und der Jeanne d’Arc, der er zwei große Versdichtungen widmete. Dieses Frankreich kristallisierte sich für ihn im Bild der großen Kathedrale.

Am 14. Juni 1912 brach er zu seiner ersten Fußwallfahrt von Paris nach Chartres auf, um der Jungfrau Maria seine Fürbitten für seinen lebensgefährlich erkrankten Sohn darzubringen. Er wiederholte diese Pilgerreise im Juli 1913 und ein letztes Mal im April 1914. Fünf Monate später war er tot, gefallen für die »patrie charnelle«, das »fleischliche Vaterland«, am 5. September 1914, dem Vorabend der Schlacht an der Marne, im Alter von nur 41 Jahren.

Später folgten viele enthusiastische Leser Péguys Spuren. 1953 berichtete Hans-Urs von Balthasar über »abertausend Studenten«, die nach Péguys Vorbild alljährlich gen Chartres zogen, unter ihnen »Juden und Heiden«. In den Kanon der französischen Literatur ist insbesondere das Gedicht »Darbringung der Beauce an unsere Liebe Frau von Chartres« eingegangen: »Seefahrer wir zu deinem Dome streben. / Ein Kranz von Feimen ist von fern zu sehen, / Reich und abseits, wie runde Türme stehen, / Kastelle sich vom Admiralsschiff heben.«

Heute wird die Wallfahrt, die am Pfingstsamstag vor der Notre Dame de Paris beginnt und am Pfingstmontag vor der Notre Dame de Chartres endet, vom traditionalistisch-katholischen Milieu Frankreichs getragen und von der Priesterbruderschaft St. Petrus organisiert. Bis zu 10 000 Menschen nehmen daran teil.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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