Notizen zu einer Wallfahrt nach Chartres

pdf der Druckfassung aus Sezession 67 / August 2015

Wenn ich mich auf eine Reise begebe, packe ich stets ein paar Bücher ein, die mit Ziel und Sinn der Fahrt zu tun haben. Meistens beschwere ich damit mein Gepäck nur unnötig, da ich unterwegs in der Regel kaum zum Lesen komme. Wichtiger ist ihre symbolische Anwesenheit; sie reisen mit mir wie Totems oder vielmehr Genien, lebendige Gefährten. Als ich am 19. Mai 2015 nach Paris aufbrach, waren es die folgenden Titel:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Unter­wer­fung von Michel Hou­el­le­becq; Die Kathe­dra­le von Joris-Karl Huys­mans; eine Aus­wahl aus den Schrif­ten von Charles Péguy; zwei Roma­ne von Jean Ras­pail, Das Heer­la­ger der Hei­li­gen, an des­sen Neu­über­set­zung ich zu die­sem Zeit­punkt arbei­te­te, und Sire. Die­se Bücher sind über eine Viel­zahl von the­ma­ti­schen Fäden mit­ein­an­der ver­knüpft, von denen ich eini­ge in mei­ner eige­nen Hand zusam­men­lau­fen sah.

Ich kam nach Frank­reich, um die Kathe­dra­le von Char­tres zu sehen – ein Traum, der seit zwei Jah­ren ste­tig in mir ange­wach­sen war. Inspi­riert hat­te ihn, wie bei so vie­len ande­ren vor mir, das Bei­spiel Péguys. Als Apostat der sozia­lis­ti­schen Par­tei hat­te sich Péguy zuneh­mend dem katho­li­schen Chris­ten­tum zuge­wandt, damit auch dem vor­mo­der­nen, dem ewi­gen, sakra­len Frank­reich Lud­wigs des Hei­li­gen und der Jean­ne d’Arc, der er zwei gro­ße Vers­dich­tun­gen wid­me­te. Die­ses Frank­reich kris­tal­li­sier­te sich für ihn im Bild der gro­ßen Kathedrale.

Am 14. Juni 1912 brach er zu sei­ner ers­ten Fuß­wall­fahrt von Paris nach Char­tres auf, um der Jung­frau Maria sei­ne Für­bit­ten für sei­nen lebens­ge­fähr­lich erkrank­ten Sohn dar­zu­brin­gen. Er wie­der­hol­te die­se Pil­ger­rei­se im Juli 1913 und ein letz­tes Mal im April 1914. Fünf Mona­te spä­ter war er tot, gefal­len für die »patrie charnel­le«, das »fleisch­li­che Vater­land«, am 5. Sep­tem­ber 1914, dem Vor­abend der Schlacht an der Mar­ne, im Alter von nur 41 Jahren.

Spä­ter folg­ten vie­le enthu­si­as­ti­sche Leser Péguys Spu­ren. 1953 berich­te­te Hans-Urs von Bal­tha­sar über »aber­tau­send Stu­den­ten«, die nach Péguys Vor­bild all­jähr­lich gen Char­tres zogen, unter ihnen »Juden und Hei­den«. In den Kanon der fran­zö­si­schen Lite­ra­tur ist ins­be­son­de­re das Gedicht »Dar­brin­gung der Beauce an unse­re Lie­be Frau von Char­tres« ein­ge­gan­gen: »See­fah­rer wir zu dei­nem Dome stre­ben. / Ein Kranz von Fei­men ist von fern zu sehen, / Reich und abseits, wie run­de Tür­me ste­hen, / Kas­tel­le sich vom Admi­rals­schiff heben.«

Heu­te wird die Wall­fahrt, die am Pfingst­sams­tag vor der Not­re Dame de Paris beginnt und am Pfingst­mon­tag vor der Not­re Dame de Char­tres endet, vom tra­di­tio­na­lis­tisch-katho­li­schen Milieu Frank­reichs getra­gen und von der Pries­ter­bru­der­schaft St. Petrus orga­ni­siert. Bis zu 10 000 Men­schen neh­men dar­an teil.

Unter der Lei­tung der Pius­brü­der zie­hen zur sel­ben Zeit ande­re Pil­ger­scha­ren in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Mir erschien es aller­dings wenig reiz­voll, in Char­tres zu begin­nen und in der Groß­stadt zu enden, als wür­de man von einer Berg­spit­ze ins Tal hinabsteigen.

In der fla­chen, von wei­ten Korn­fel­dern gesäum­ten Land­schaft der Beauce ist die Kathe­dra­le die allei­ni­ge, unbe­strit­te­ne Herr­sche­rin; sie erhebt sich über dem Land­strich wie eine Grals­burg, deren cha­rak­te­ris­ti­sche Turm­spit­zen man bereits auf etwa zwan­zig Kilo­me­ter Ent­fer­nung erspä­hen kann. Char­tres gilt zudem als beson­ders voll­ende­tes Bau­werk der Gotik, gera­de wegen ihrer in sich ruhen­den, majes­tä­ti­schen Nüch­tern­heit, die weit ent­fernt ist vom »Flam­boyant« spä­te­rer goti­scher Kathedralen.

Mona­te vor Pfings­ten fing ich an, mich wie ein zuneh­mend Beses­se­ner mir ihr zu beschäf­ti­gen, und fraß so ziem­lich alles, was ich über sie fin­den konn­te, von seriö­ser kunst­ge­schicht­li­cher Lite­ra­tur bis zu spe­ku­la­ti­ven Schmö­kern über die eso­te­ri­sche Bedeu­tung die­ses in der Tat rät­sel­haf­ten und hoch­kom­ple­xen Bau­wer­kes, das glei­cher­ma­ßen Abbild des Kos­mos, des gött­li­chen Heils­pla­nes und der Welt des Hoch­mit­tel­al­ters ist, die vie­len moder­nen Köp­fen, die die Moder­ne zu über­win­den such­ten, als unwi­der­steh­li­ches Para­dig­ma einer abso­lu­ten – lich­ten und nicht fins­te­ren! – Gegen­welt erschien, die näher an Gott wie auch der Erde war als ihre eige­ne auf­ge­klär­te, säku­la­re, ent­zau­ber­te Zeit.

Die­se Lis­te ist lang und schil­lernd: Sie reicht von den frü­hen Roman­ti­kern bis zu den spä­ten Déca­dents, von Gil­bert Keith Ches­ter­ton zu Egon Frie­dell, von Hen­ry Adams über Dri­eu La Rochel­le bis zu den Anhän­gern der Guénon-Schule.

Nicht zu ver­ges­sen natür­lich Huys­mans: Die Kathe­dra­le (1898) war der drit­te Teil sei­nes qua­si-auto­bio­gra­phi­schen Roman­zy­klus, des­sen Held Dur­tal, ange­wi­dert vom Mate­ria­lis­mus sei­nes Zeit­al­ters und von sei­nem eige­nen las­ter­haf­ten Leben, sich vom sata­nisch ver­such­ten Dan­dy zum büßen­den Lai­en­bru­der entwickelt.

In Char­tres taucht Dur­tal tief in die Mys­te­ri­en des Glau­bens hin­ab, die sich ihm, dem über­zi­vi­li­sier­ten Ästhe­ten, vor allem über die Schön­heit der For­men offen­ba­ren: der Lit­ur­gie, der har­mo­ni­schen Archi­tek­tur, der Wohl­ge­rü­che, der atem­be­rau­ben­den Glas­fens­ter mit ihren »azur­blau­en Flammen«.

In sei­nem Roman Unter­wer­fung, der eine isla­mi­sche Macht­über­nah­me in einem Frank­reich der nahen Zukunft schil­dert, läßt Michel Hou­el­le­becq einen 44jährigen Lite­ra­tur­pro­fes­sor, sei­nes Zei­chens Exper­te für Huys­mans, einen ähn­lich Weg beschrei­ten wie Dur­tal. Aus der Sack­gas­se eines ent­wur­zel­ten, sinn­ent­leer­ten Lebens, in dem allen­falls der Sex – vom Autor wohl absicht­lich absto­ßend beschrie­ben – ab und zu einen flüch­ti­gen Trost bie­tet, führt im Roman nur die Kon­ver­si­on zum Islam, den der Autor lis­tig als sta­bi­li­sie­ren­des Heil­mit­tel für eine kran­ke und inner­lich halt­lo­se Gesell­schaft schildert.

Ehe er zu die­sem fina­len Schritt bereit ist, sucht Fran­çois in den Res­ten des Katho­li­zis­mus nach einem gött­li­chen Fun­ken: in der Abtei von Ligu­gé, wohin sich einst Huys­mans zurück­ge­zo­gen hat­te, beginnt er sich rasch zu lang­wei­len, und eben­so ergeb­nis­los ist sei­ne Rei­se zum Wall­fahrts­ort Roca­ma­dour in den Pyrenäen.

Zu Füßen der »schwar­zen« Madon­na, eines Typus, den man auch in der Kryp­ta von Char­tres fin­det, fühlt er vor allem eine unend­li­che Distanz: die »über­mensch­li­che«, »bei­na­he furcht­ein­flö­ßen­de« Gestalt der Mut­ter­got­tes löst sei­ne Indi­vi­dua­li­tät gera­de­zu in Nichts auf; er fin­det kei­nen Zugang zu dem »voll­stän­dig ver­schwun­de­nen Uni­ver­sum«, das sie und das könig­lich-unkind­li­che Jesus­kind in ihren Armen bezeugen.

Unmit­tel­bar danach besucht Fran­çois eine Lesung aus Wer­ken von Péguy. Ange­sichts des eher zahm wir­ken­den Publi­kums fragt er sich jedoch, »was die­se jun­gen, men­schen­freund­li­chen Katho­li­ken von Péguy, von sei­ner patrio­ti­schen und unge­stü­men See­le« über­haupt noch verstehen.

Ihm selbst bleibt der Zugang zu den Quel­len des alten, hei­li­gen Frank­reich ver­schlos­sen. Der Islam lockt ihn aller­dings auch durch eine Rei­he mate­ri­el­ler Vor­tei­le, die ihm die neu­en Macht­ha­ber in Aus­sicht stellen.

In einem Inter­view mit dem Spie­gel (10/2015) äußer­te Hou­el­le­becq: »Per­sön­lich bin ich über­zeugt, daß noch viel Kraft im Katho­li­zis­mus steckt. Ich glau­be, er hat Zukunft, obwohl sich die Ent­wick­lung im Buch anders dar­stellt.« Über­ra­schend posi­tiv äußer­te er sich über jun­ge Katho­li­ken, die er wäh­rend der Pro­tes­te gegen die Ein­füh­rung der gleich­ge­schlecht­li­chen Ehe ken­nen­ge­lernt hatte:

… eine neue Genera­ti­on jun­ger Katho­li­ken, modern, offen, sym­pa­thisch, brü­der­lich, leuch­tend, wie ich sie nie gese­hen hat­te. Ganz anders als die alten Tra­di­tio­na­lis­ten oder die Pro­gres­sis­ten, die in Wahr­heit ver­kapp­te Pro­tes­tan­ten sind.

Wenig Chan­cen gibt der Autor dage­gen den geis­ti­gen Grund­la­gen der libe­ra­len Moder­ne: bald wer­de sich die Auf­klä­rung selbst erle­digt haben, und einer »Rück­kehr des Reli­giö­sen« den Weg berei­ten. Ich möch­te behaup­ten: Die gan­ze Raf­fi­nes­se und Tie­fe von Unter­wer­fung, einem Buch, das gna­den­los durch die Kulis­sen der heu­te obli­ga­to­ri­schen links­li­be­ra­len Welt­sicht blickt, kann man wohl nur als »rech­ter« Leser voll­auf erfassen.

Thors­ten Hinz (Jun­ge Frei­heit) und Alex­an­der Psche­ra (Vati­can-Maga­zin) wie­sen zu Recht dar­auf hin, daß Jean Ras­pails Das Heer­la­ger der Hei­li­gen als Kom­ple­men­tär­stück zu Hou­el­le­becq gele­sen wer­den kann, viel­leicht sogar muß. Die Aus­brei­tung des Islams hängt direkt mit der jahr­zehn­te­lan­gen Flu­tung Euro­pas durch außer­eu­ro­päi­sche Völ­ker zusammen.

Wer heu­te Paris besucht, kann mit dem blo­ßen Auge erken­nen, daß Frank­reich als »patrie charnel­le« demo­gra­phisch weit­ge­hend am Kip­pen ist. Das Stra­ßen­bild wird stark geprägt von Schwarz­fri­ka­nern und Maghre­bi­nern, die in man­chen Stadt­tei­len schon in der Mehr­heit sind. Manch­mal betritt man in Paris unver­se­hens eine Neben­stra­ße, die aus­schließ­lich von Schwar­zen bevöl­kert ist, häu­fig jun­ge, unru­hi­ge Män­ner, die wei­ße Pas­san­ten mit gereiz­ten und feind­se­li­gen Mie­nen anblicken.

Der Anstieg die­ser Noch-Min­der­hei­ten macht sich bereits selbst in einer Pro­vinz­stadt wie Char­tres bemerk­bar. Es liegt auf der Hand, daß die­se Ent­wick­lung auf die Dau­er zu einem fun­da­men­ta­len Bruch mit der noch ver­blie­be­nen kul­tu­rel­len Kon­ti­nui­tät des Lan­des füh­ren wird.

Da wäre etwa die ein­fa­che Tat­sa­che, daß sich künf­ti­ge afri­ka­nisch-ara­bi­sche Popu­la­tio­nen allein phy­sisch kaum mehr in den Men­schen wie­der­erken­nen wer­den, die auf den Gemäl­den im Lou­vre oder auf den Fas­sa­den der Kathe­dra­len dar­ge­stellt sind.

Man muß aller­dings prä­zi­sie­ren: der Bevöl­ke­rungaus­tausch macht einen Bruch der Kon­ti­nui­tät bio­lo­gisch mani­fest, den die »Stamm­fran­zo­sen« bereits selbst im geis­ti­gen Sinn voll­zo­gen haben. Es hat sich erfüllt, wovor der spä­ter zum sufis­ti­schen Islam kon­ver­tier­te René Gué­non 1927 warn­te: daß die größ­te Gefahr, die dem »Wes­ten« dro­he, aus ihm selbst her­aus erwachse.

Gleich­zei­tig steht Frank­reich Deutsch­land kaum mehr nach, was den »Schuld­kult«, den natio­na­len Selbst­haß und die Adop­ti­on einer Art Holo­caust-Zivil­re­li­gi­on betrifft. Die Wochen­zei­tung Val­eurs actu­el­les, die Jun­ge Frei­heit Frank­reichs, brach­te Ende Mai ein acht­sei­ti­ges Dos­sier über die­se Ten­denz unter dem Titel: »Genug mit der Reue!«.

Daß die »Erin­ne­rungs­po­li­tik«, die ins­be­son­de­re die Sün­den des Kolo­nia­lis­mus immer wie­der aufs neue ein­klagt, ein­sei­tig ange­wandt wird, ver­steht sich von selbst: die »stamm­fran­zö­si­sche«, wei­ße Jugend wird mit Schuld­ge­füh­len gefüt­tert, die Kin­der der ehe­mals Kolo­ni­sier­ten mit Res­sen­ti­ments und Rachegelüsten.

Wie immer steht auch hier der »Anti­ras­sis­mus« für eine Poli­tik, die den Ras­sen­haß und die Frag­men­tie­rung der Gesell­schaft ins Irrepa­ra­ble ver­tieft. Das, was wir als Frank­reich ken­nen, und das im Wan­del der Jahr­hun­der­te sei­ne Kon­ti­nui­tät erhal­ten hat, ist augen­schein­lich im phy­si­schen wie geis­ti­gen Ver­schwin­den begriffen.

Einen Tag vor dem Pfingst­wo­chen­en­de besuch­te ich mit einer fran­zö­si­schen Bekann­ten das Grab von Fran­çois Truf­faut auf dem Fried­hof von Mont­mart­re, auf dem auch Hein­rich Hei­ne begra­ben liegt. Auch die Fil­me der Nou­vel­le Vague, die ich einst über alles geliebt habe, zei­gen ein Frank­reich, das immer wei­ter in die Ver­gan­gen­heit rückt. Nach­dem wir zu Ehren Truf­fauts eine Fla­sche Beau­jo­lais geleert hat­ten, spra­chen wir über Char­tres, das mei­ne Beglei­te­rin zufäl­li­ger­wei­se kurz zuvor besucht hatte.

Die Kathe­dra­le beher­bergt neben der Eichen­holz­fi­gur in der Kryp­ta – die Kopie eines 1793 zer­stör­ten Ori­gi­nals – eine zwei­te, bis­lang »schwar­ze« Madon­na aus dem 16. Jahr­hun­dert, die nun seit ihrer Restau­rie­rung im Jahr 2013 wie­der eine his­to­risch angeb­lich kor­rek­te rosa Haut­far­be hat.

Mei­ne eher links­ge­rich­te­te Beglei­te­rin echauf­fier­te sich über die­se »Ver­un­stal­tung« – sie sei so typisch für das heu­ti­ge Frank­reich. Ich ent­geg­ne­te, daß mir das heu­ti­ge Frank­reich im Gegen­teil immer »schwär­zer« zu wer­den schei­ne und daß die Madon­na unge­ach­tet ihrer Haut­far­be im geis­ti­gen Sin­ne »weiß« sei.

Hier rühr­te ich an ein The­ma, das nach den USA nun auch in Euro­pa wie tro­cke­ner Zun­der in einem Wald­bo­den liegt und Ver­drän­gungs­kom­ple­xe erzeugt wie die Sexua­li­tät im vik­to­ria­ni­schen Zeit­al­ter. Denn obwohl das Chris­ten­tum natür­lich einen völ­ker­über­grei­fen­den Anspruch hat, so hat es eben doch dem euro­päi­schen Men­schen ein ganz bestimm­tes, ein­zig­ar­ti­ges Gesicht zuge­wandt, in dem er sich wie­der­erken­nen konnte.

Jean-Paul Sart­re pole­mi­sier­te in sei­nem Vor­wort zu Frantz Fanons anti­ko­lo­nia­lis­ti­scher Bibel Die Ver­damm­ten die­ser Erde (1961) fol­gen­der­ma­ßen gegen das abge­half­ter­te Abend­land, das nichts ande­res mehr zur Recht­fer­ti­gung sei­ner Exis­tenz vor­zu­brin­gen habe als sei­ne Gewissensbisse:

Frü­her hat­te unser Kon­ti­nent ande­re Stüt­zen: den Par­the­non, Char­tres, die Men­schen­rech­te, das Haken­kreuz. Heu­te weiß man, was sie wert sind. Und man kann uns nur noch durch das ganz christ­li­che Gefühl von unse­rer Schuld aus dem Schiff­bruch ret­ten. Das ist das Ende: Euro­pa ist an allen Ecken leck.

Heu­te ist die­se »Schuld«, die immer­wäh­rend sein soll und auf kei­ne Ver­ge­bung hof­fen darf, einer der Haupt­grün­de, war­um das Schiff versinkt.

Zwei­ein­halb Tage im Pil­ger­zug nach Char­tres – das gleicht einem Abtau­chen in ein ande­res Frank­reich, das par­al­lel zu dem von Hol­lan­de und Tau­bi­ra exi­si­tiert. Als wir am Sams­tag­mor­gen Paris ver­lie­ßen, pas­sier­ten wir maka­brer­wei­se die mit Blu­men gekenn­zeich­ne­te Stel­le, an wel­cher der Poli­zist Ahmed Mera­bet Anfang des Jah­res von dschi­ha­dis­ti­schen Ter­ro­ris­ten erschos­sen wurde.

Nicht nur dies lie­ßen wir hin­ter uns. Wäh­rend in Paris noch eini­ge Gesich­ter mit skep­ti­schen und ableh­nen­den Fal­ten in der Stirn aus den Fens­tern blick­ten, hell­ten sich die Mie­nen außer­halb der Stadt stets freu­dig bis amü­siert auf, wenn sich die ihrer­seits fröh­li­chen Pil­ger näherten.

Es ist auch kein Zufall, daß jenes Frank­reich, das zu Mil­lio­nen auf die Stra­ße gegan­gen ist, um die Insti­tu­ti­on der Kern­fa­mi­lie zu ver­tei­di­gen, »impli­zit weiß« ist, wie die Ame­ri­ka­ner sagen (far­bi­ge Men­schen sind hier in einer ver­schwin­den­den Min­der­heit), und gleich­zei­tig ein his­to­risch län­ge­res Gedächt­nis hat.

Die könig­li­chen Lili­en und die Herz-Jesu-Sym­bo­le auf den Ban­nern ver­wei­sen deut­lich und durch­aus pole­misch auf das vor-repu­bli­ka­ni­sche Frank­reich vor der gro­ßen anti­christ­li­chen Wen­de im Zuge der Revo­lu­ti­on von 1789, in deren spä­te­rem Ver­lauf auch die Königs­grä­ber in der Kathe­dra­le von Saint-Denis geschän­det wur­den – die­se Grün­dungs­kir­che der Gotik liegt heu­te übri­gens in einer vor­wie­gend von Ein­wan­de­rern bewohn­ten, berüch­tig­ten Ban­lieue mit hohen Kri­mi­na­li­täts- und Arbeitslosigkeitsraten.

Die­ses Milieu eint das stol­ze Selbst­be­wußt­sein der Oppo­si­ti­on gegen den lai­zis­ti­schen Strom der Zeit, der schein­bar all­mäch­tig und unauf­halt­sam ist.

Auf­fal­lend ist die Jugend der Teil­neh­mer: geschätz­te 80 Pro­zent waren wohl zwi­schen 15 und 25 Jah­ren alt. Häu­fig stam­men die­se jun­gen Pil­ger aus katho­li­schen Pfad­fin­der­or­ga­ni­sa­tio­nen und tra­gen ent­spre­chen­de Uniformen.

Wenn sich die ein­zel­nen »Cha­pi­tres« am Sams­tag­mor­gen nach der – natür­lich latei­ni­schen – Mes­se unter Glo­cken­läu­ten und Gesang mit wehen­den, heral­disch pracht­vol­len Fah­nen vor Not­re Dame ver­sam­meln, dann hat das eine Kraft und ein Pathos, wie man es sich in Deutsch­land kaum vor­stel­len kann.

Ich schloß mich der klei­nen öster­rei­chi­schen Grup­pe von etwa vier­zig Teil­neh­mern an, die sich unter einem rot­weiß­ro­ten und einem gel­ben Ban­ner mit dem Dop­pel­ad­ler ver­sam­melt hat­te, wo ich auch prompt auf eini­ge hoch­ge­schätz­te Bekann­te aus kon­ser­va­tiv-katho­li­schen Krei­sen traf. Die neben den Fran­zo­sen wohl zweit­größ­te Grup­pe stamm­te aus Deutsch­land (etwa 200 bis 300 Leu­te), des wei­te­ren gab es schwei­ze­ri­sche, eng­li­sche, iri­sche, pol­ni­sche und sogar US-ame­ri­ka­ni­sche Teilnehmer.

Der Fuß­marsch ist noto­risch beschwer­lich, es wer­den bis zu 40 Kilo­me­ter pro Tag zurück­ge­legt, wobei das Gepäck auf Last­fahr­zeu­gen eigens zu den Zelt­la­gern trans­por­tiert wird. Die­se glei­chen den Feld­la­gern gro­ßer Arme­en; wenn erst die Beauce mit ihren wei­ten Ebe­nen und lan­gen Feld­we­gen erreicht ist, dann zieht sich die Schlan­ge die­ser moder­nen Kreuz­fah­rer des Glau­bens bis zum Horizont.

Da ich selbst lie­ber als Par­ti­san als in der regu­lä­ren Trup­pe tätig bin und zudem die ande­ren Cha­pi­tres erkun­den woll­te, seil­te ich mich des öfte­ren von der mobi­len öster­rei­chi­schen Hei­mat ab. In den deut­schen Cha­pi­tres, die sich vor allem in Stutt­gart und Köln gesam­melt hat­ten, begeg­ne­ten mir sogar eini­ge Leser der Sezes­si­on.

Trotz der Mas­sen, die hier in Bewe­gung gesetzt wer­den, läuft die Orga­ni­sa­ti­on ver­blüf­fend rei­bunglos und dis­zi­pli­niert ab. Wer nicht mehr wei­ter kann, wird in Bus­se ver­frach­tet, und an den Weg­kreu­zun­gen war­ten die Schutz­en­gel des Mal­te­ser-Ordens und wer­fen den Rei­sen­den Was­ser­fla­schen und Äpfel zu.

Auf der Fahrt wird viel gemein­sam gebe­tet und gesun­gen, auch Lie­der aus der Jugend­be­we­gung. Zwi­schen­durch hal­ten die lei­ten­den Pries­ter erbau­li­che Vorträge.

Der Lei­ter des öster­rei­chi­schen Cha­pi­tres war ein zacki­ger, sport­li­cher Petrus­bru­der, des­sen Reden in mir aller­dings gele­gent­lich nietz­schea­ni­sche Affek­te her­vor­rie­fen, und das nicht nur wegen Sät­zen wie »Gott ist ein durch und durch kom­mu­ni­ka­ti­ves Wesen«. Hier gäbe es eini­ges zu sagen, aber es sei nur soviel bemerkt, daß ich eine Ahnung davon bekam, daß in der andau­ern­den, nahe­zu schwel­ge­ri­schen Rede von Tod­sün­de, Lei­den, Ver­zicht und Mar­ty­ri­um eben­so­viel Gift lie­gen kann wie in dem heu­te so ver­brei­te­ten Kuschelchristentum.

Wir mar­schier­ten durch einen son­nen­durch­flu­te­ten, schat­ti­gen Wald, einer wah­ren Kathe­dra­le aus Licht, deren grün-gol­de­ne Spitz­bö­gen sich sub­lim über unse­ren Köp­fen wölb­ten. Der Pries­ter, gera­de in vol­ler Fahrt sei­ner Pre­digt, erblick­te ein Auto­wrack am Weg­rand: »So sehen wir aus, wenn wir gesün­digt haben!« Ich woll­te ihm zuru­fen: Herr­gott noch­mal, heb doch die Nase und blick nach oben!

Und natür­lich sah ich dane­ben vie­le Chris­ten, für die sich auch Nietz­sche nicht hät­te schä­men müs­sen: kraft­voll, fröh­lich, jung, tat­säch­lich genau­so, wie sie auch Hou­el­le­becq erlebt hat.

Ich wer­de nie die letz­te Etap­pe der Wall­fahrt und den Ein­zug in Char­tres ver­ges­sen. Mit dem Ziel unmit­tel­bar vor Augen fließt den müden Wan­de­rern neue Ener­gie zu. Eine über­per­sön­li­che Kraft, die man um sich her­um spü­ren kann wie einen Rücken­wind oder einen Sog, der einen schwung­voll mit sich reißt.

Ich über­hol­te die aus­län­di­schen Cha­pi­tres, um mög­lichst weit an die Spit­ze, zu den Fran­zo­sen zu gelan­gen, die nun sin­gend den gewun­de­nen Weg zur Kathe­dra­le hin­auf­mar­schier­ten, vor­bei an einem pom­pö­sen Krie­ger­denk­mal aus dem Ers­ten Welt­krieg, ent­lang alter Mau­ern und roma­ni­scher Häuser.

Dann kam der über­wäl­ti­gen­de Moment, an dem der Strom, der mich trug, um die Ecke bog und die Not­re Dame de Char­tres uns gebie­te­risch gegen­über­stand, wie ein hel­ler, gewal­ti­ger Gott. Ich habe nie eine ver­gleich­bar herr­li­che Kir­che gese­hen, die Köst­lich­keit des Anblicks gestei­gert durch die Anstren­gung, die er gekos­tet hat­te. Wäh­rend sich der Platz vor der Kathe­dra­le mit den Pil­ger­hee­ren füll­te, sank ich erschöpft, aber froh vor dem West­por­tal, dem »Königs­por­tal« nieder.

Vor dem Ein­gang stand eine Grup­pe von Pfad­fin­dern mit Fah­nen, die im auf­kom­men­den Wind flat­ter­ten. Ein alter, »gal­lisch« aus­se­hen­der Herr mit einem wei­ßen, her­ab­hän­gen­den Schnurr­bart hock­te sich neben mich, und frag­te, ob ich auch ein »pèle­rin« sei. Er war sechs­und­acht­zig Jah­re alt.

Frank­reich, sag­te er zu mir, sei seit den sech­zi­ger Jah­ren einer schreck­li­chen Ent­chris­tia­ni­sie­rung zum Opfer gefal­len. Heu­te gäbe es nur mehr weni­ge Katho­li­ken im Land, die­se aber sei­en umso ent­schlos­se­ner – »très for­tes!«. Ich ant­wor­te­te ihm, daß ich das bemerkt hät­te und daß ich mich über die vie­len jun­gen Men­schen freue und wun­de­re. »Das ist das Frank­reich von mor­gen!« sag­te er.

Die nun fol­gen­de Mes­se wur­de für die­je­ni­gen, die kei­nen Platz mehr in der Kir­che fan­den, auf einem Bild­schirm über­tra­gen. Der Platz war über­voll mit knie­en­den und beten­den Men­schen. Auf den Geh­stei­gen kau­er­ten die Pfad­fin­der, man­che lagen wie gefal­le­ne Sol­da­ten aus­ge­streckt auf dem Boden.

Es war das ers­te Mal in mei­nem Leben, daß ich eine Mas­se nicht als bedrü­ckend emp­fand, son­dern als wür­de­voll, geord­net, auf ein Ziel aus­ge­rich­tet, beseelt, aber ohne Hys­te­rie. Wäh­rend die Pil­ger­scha­ren abzo­gen, betrat ich die Kir­che und ver­senk­te mich ins Licht der gro­ßen Fens­ter­ro­sen. Ein bewe­gen­des Detail traf mich unvor­be­rei­tet: in einer Nische war eine Gedenk­ta­fel für Charles Péguy aus dem Jahr 1962 ange­bracht, dar­un­ter Dut­zen­de bren­nen­de Kerzen.

Am nächs­ten Tag betrach­te­te ich ein­ge­hend die Fens­ter und die berühm­ten Figu­ren: der »sola­re«, tri­um­pha­le Chris­tus-Pan­to­kra­tor im Zen­trum der west­li­chen Por­tal­an­la­ge, umge­ben von den Sym­bol­tie­ren der Evan­ge­lis­ten; Maria als Him­mels­kö­ni­gin auf dem Thron am lin­ken West­por­tal; der Chris­tus des Jüngs­ten Gerichts am Süd­por­tal, flan­kiert von Hei­li­gen und Rit­tern; das Mari­en­por­tal an der Nord­sei­te mit der unver­gleich­li­chen Erschaf­fung Adams; die Pro­phe­ten, Patri­ar­chen, Köni­ge und Apos­tel; die Tier­kreis­bil­der und Engels­hier­ar­chien; sogar Aris­to­te­les und die Reprä­sen­tan­ten der »artes liberales«.

An Begeg­nun­gen wie die­se habe ich gedacht, als ich mei­nem Buch Kann nur ein Gott uns ret­ten? einen Satz aus der Apos­tel­ge­schich­te vor­an­stell­te: »Tu dir kein Leid an, denn wir sind alle noch hier.«

In der Kryp­ta blick­te ich in den »kel­ti­schen« Brun­nen, der aus vor­christ­li­chen Zei­ten stammt. Er ist unend­lich tief und unend­lich alt, wie auch die Fun­da­men­te der Kir­che, die teil­wei­se bis ins 4. Jahr­hun­dert zurück­rei­chen. Ich sah die »schwar­ze Madon­na« und ein Reli­quia­ri­um, das ein Stück des »Schlei­ers« der Maria ent­hal­ten soll.

Nein, es ging mir nicht wie Hou­el­le­becqs Fran­çois in Roca­ma­dour. Die­se Din­ge spra­chen zu mir, lei­se, flüs­ternd, aber bestimmt. Viel­leicht war ich ledig­lich auf­ge­wühlt wie eine Acker­fur­che von der Müh­sal und der Freu­de der vor­an­ge­gan­ge­nen Tage; viel­leicht hat­te mir die Gna­de zumin­dest einen Fun­ken aus dem Feu­er des Hei­li­gen Geis­tes gewährt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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