Sezession
13. August 2015

Vor dem Bücherschrank (IX) – In den Weimarer Schützengräben

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 67 / August 2015

von Michael Rieger

Zahlreiche Studien haben die Rolle der Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen im Ersten Weltkrieg untersucht. Steffen Bruendels Zeitenwende 1914 sei hier als jüngste Veröffentlichung genannt. Wie wurde aber der Erste Weltkrieg von Schriftstellern und Intellektuellen gewertet, nachdem er im November 1918 zu Ende gegangen war? Wie schätzten die Autoren in der Zeit der Weimarer Republik das eben erlebte epochale Geschehen rückblickend ein?

Zu dieser Thematik lag bisher »nur« ein bio-bibliographisches Handbuch vor. In Die große Autorenschlacht hat Günter Scholdt diese literarische Auseinandersetzung nun nachgezeichnet.

Der Weimarer Streit um die Deutung des Ersten Weltkriegs erschöpft sich bei weitem nicht in der Analyse berühmter Kriegsbücher wie etwa Ernst Jüngers In Stahlgewittern oder Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, zumal es sich meist um Texte handelt, die, bei allen Unterschieden, »ein Kriegsbild teilen, das den Schrecken und das Gräßliche keineswegs ausklammert und den Gegner im Schützengraben menschlich respektiert«. Scholdt entwirft darüber hinausgehend ein Panorama des weiten kulturellen und ideologischen Feldes, auf dem diese »Autorenschlacht« stattgefunden hat.

Dabei wird zunächst mit dem Klischee aufgeräumt, es hätten sich im Streit um die Erinnerung, um das Bild des Krieges zwei »homogene Autorenblöcke« gegenübergestanden, hier die guten, friedliebenden, linken Demokraten, dort die bösen, kriegsverherrlichenden, rechten Reaktionäre. Tatsächlich waren die Lager – was eigentlich niemanden verwundern kann  – in sich selbst fragmentiert.

Neben den Pazifisten wie Remarque oder Tucholsky fanden sich auf der Linken mit Johannes R. Becher und anderen KPD-Autoren im Umfeld der Linkskurve auch gleich deren Kritiker, Ex-Pazifisten, die sich derweil der neuen Militanz des revolutionären Klassenkrieges und stalinistischer Säuberungen verschrieben hatten.

Daß Bechers wilder, so expressionistischer wie dokumentarischer Zukunftsroman (CHCl=CH)3As (Levisite) oder Der einzig gerechte Krieg (1926) Anleihen gerade bei Jüngers In Stahlgewittern macht, überrascht dann doch auch wieder nicht.


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