Vor dem Bücherschrank (IX) – In den Weimarer Schützengräben

PDF der Druckfassung aus Sezession 67 / August 2015

von Michael Rieger

Zahlreiche Studien haben die Rolle der Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen im Ersten Weltkrieg untersucht. Steffen Bruendels Zeitenwende 1914 sei hier als jüngste Veröffentlichung genannt. Wie wurde aber der Erste Weltkrieg von Schriftstellern und Intellektuellen gewertet, nachdem er im November 1918 zu Ende gegangen war? Wie schätzten die Autoren in der Zeit der Weimarer Republik das eben erlebte epochale Geschehen rückblickend ein?

 Gastbeitrag

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Zu die­ser The­ma­tik lag bis­her »nur« ein bio-biblio­gra­phi­sches Hand­buch vor. In Die gro­ße Autoren­schlacht hat Gün­ter Scholdt die­se lite­ra­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung nun nachgezeichnet.

Der Wei­ma­rer Streit um die Deu­tung des Ers­ten Welt­kriegs erschöpft sich bei wei­tem nicht in der Ana­ly­se berühm­ter Kriegs­bü­cher wie etwa Ernst Jün­gers In Stahl­ge­wit­tern oder Erich Maria Remar­ques Im Wes­ten nichts Neu­es, zumal es sich meist um Tex­te han­delt, die, bei allen Unter­schie­den, »ein Kriegs­bild tei­len, das den Schre­cken und das Gräß­li­che kei­nes­wegs aus­klam­mert und den Geg­ner im Schüt­zen­gra­ben mensch­lich respek­tiert«. Scholdt ent­wirft dar­über hin­aus­ge­hend ein Pan­ora­ma des wei­ten kul­tu­rel­len und ideo­lo­gi­schen Fel­des, auf dem die­se »Autoren­schlacht« statt­ge­fun­den hat.

Dabei wird zunächst mit dem Kli­schee auf­ge­räumt, es hät­ten sich im Streit um die Erin­ne­rung, um das Bild des Krie­ges zwei »homo­ge­ne Autoren­blö­cke« gegen­über­ge­stan­den, hier die guten, fried­lie­ben­den, lin­ken Demo­kra­ten, dort die bösen, kriegs­ver­herr­li­chen­den, rech­ten Reak­tio­nä­re. Tat­säch­lich waren die Lager – was eigent­lich nie­man­den ver­wun­dern kann  – in sich selbst fragmentiert.

Neben den Pazi­fis­ten wie Remar­que oder Tuchol­sky fan­den sich auf der Lin­ken mit Johan­nes R. Becher und ande­ren KPD-Autoren im Umfeld der Links­kur­ve auch gleich deren Kri­ti­ker, Ex-Pazi­fis­ten, die sich der­weil der neu­en Mili­tanz des revo­lu­tio­nä­ren Klas­sen­krie­ges und sta­li­nis­ti­scher Säu­be­run­gen ver­schrie­ben hatten.

Daß Bechers wil­der, so expres­sio­nis­ti­scher wie doku­men­ta­ri­scher Zukunfts­ro­man (CHCl=CH)3As (Levi­si­te) oder Der ein­zig gerech­te Krieg (1926) Anlei­hen gera­de bei Jün­gers In Stahl­ge­wit­tern macht, über­rascht dann doch auch wie­der nicht.

Auf der Rech­ten fin­den wir neben den Jün­ger-Brü­dern Autoren wie Franz Schau­we­cker, Edwin Erich Dwin­ger und Ernst Wie­chert, die man eben­so­we­nig in eine Schub­la­de ste­cken mag wie Remar­que und Becher.

In Schau­we­ckers Roman Auf­bruch der Nati­on (1929), einem zen­tra­len Text der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, wird die Nie­der­la­ge kei­nes­wegs als Ende, son­dern als der Beginn einer natio­na­len Neu­be­sin­nung gese­hen, als »Wie­der­ge­burt des neu­en deut­schen Men­schen aus der lodern­den Flam­me des Krie­ges«, wie Josef Nad­ler mit vol­lem Pathos schrieb.

Die Ent­wick­lung bei Wie­chert zeigt hin­ge­gen eine deut­li­che Selbst­kri­tik: Ent­täuscht von der neu­en Gesell­schaft, die nach dem Krieg schnell zur Tages­ord­nung über­ge­hen will, reagiert »Wie­cherts Titel­held von Der Toten­wolf (1924)«, so Scholdt, »als eine Art frü­her Ram­bo auf den Amü­sier­be­trieb der Nach­kriegs­zeit mit aggres­si­ver Mili­tanz«. Spä­ter erschien Wie­chert die­se Hal­tung aber »aso­zi­al«, gleich­wohl vor­über­ge­hend uner­läß­lich, wie »ein Fie­ber, das den Kör­per lang­sam reinigte«.

Erst nach über­stan­de­nem Fie­ber nahm Wie­chert Abschied »vom natio­na­lis­ti­schen Res­sen­ti­ment« und schlug in Jeder­mann (1931) dif­fe­ren­zier­te­re Töne an, um »zwi­schen dem lin­ken und dem rech­ten Kriegs­gen­re« zu vermitteln.

Bei aller Kri­tik am Mili­ta­ris­mus und der Absa­ge an die »schau­er­li­che Absur­di­tät« des Krie­ges beton­te Wie­chert den­noch die Bedeu­tung von Pflicht und Opfer, den Wert der Kame­rad­schaft, den es, wie Scholdt aus­führt, »als neue Frucht und Sinn­ge­bung des Krie­ges in die Nach­kriegs­zeit« hin­über­zu­ret­ten gelte.

Damit sind wir bei der Fra­ge nach dem Sinn des Krie­ges – und die­se Fra­ge war es, an der sich die Geis­ter im publi­zis­tisch und lite­ra­risch geführ­ten »Mei­nungs- und Gesin­nungs­krieg« schieden.

For­mal gese­hen könn­ten man­che Tex­te sowohl von Autoren der Lin­ken wie der Rech­ten stam­men, die dann nur durch »pole­mi­sche Zuschrei­bung« (Scholdt) einem Lager zuge­ord­net wur­den. Aber die Ant­wort auf die Fra­ge nach dem sinn­ge­ben­den Gehalt des Krie­ges sorg­te für Klarheit.

Die Lin­ke mach­te es sich leich­ter und negier­te jeden Anspruch auf eine sinn­haf­te Deu­tung, denn Sol­da­ten waren, Tuchol­sky zufol­ge, Mör­der, der Krieg war ein Ver­bre­chen und »spä­tes­tens mit der Revo­lu­ti­on begann eine pazi­fis­ti­sche Total­de­kon­struk­ti­on des Sinns«, schreibt Scholdt. »Dem Krieg ver­blieb meist nur mehr die Rol­le als zivi­li­sa­ti­ons­feind­li­cher Zer­stö­rer, Ent­fes­se­ler nie­ders­ter Trie­be und urbö­ser Leidproduzent.«

Was er ja alles auch war, aber eine der­art pau­schal attes­tier­te Sinn­lo­sig­keit wird von Scholdt auf ihre »poli­ti­sche Wir­kungs­ab­sicht« hin befragt. Indem die Lin­ke ihre radi­ka­le Absa­ge an einen sinn­lo­sen Krieg for­mu­lier­te, der als logi­sches Resul­tat des des­po­ti­schen Wil­hel­mi­nis­mus erschien, schuf sie ein staats­tra­gen­des ideo­lo­gi­sches Ele­ment der Republik.

In die­ser Per­spek­ti­ve stan­den dem mili­ta­ris­ti­schen Geist des Kai­ser­reichs die heh­ren demo­kra­ti­schen Wer­te des Wes­tens gegen­über, was zumin­dest teil­wei­se auf eine Über­nah­me der Per­spek­ti­ve der Entente hin­aus­lief und als Erfolg ihrer Pro­pa­gan­da gewer­tet wer­den konn­te. Die »Deutsch­land-Kari­ka­tur« dien­te »nun ihrer­seits ver­meint­lich höhe­ren poli­ti­schen Zielen«.

1916 kon­sta­tier­te Robert Breu­er in der Schau­büh­ne, es gehö­re zu den »Unbe­greif­lich­kei­ten die­ses Krie­ges, daß unse­re Fein­de ernst­haft zu glau­ben schei­nen, in Deutsch­land die Bar­ba­rei nie­der­kämp­fen zu müssen«.

Und obwohl man in Frank­reich durch­aus auf eine Revan­che für 1871 spe­ku­lier­te, gerier­te man sich dort bei Kriegs­be­ginn, »als sei­en deut­sche Hun­nen in ein fried­li­ches Gar­ten­idyll von Ahnungs­lo­sen ein­ge­bro­chen«. Ein­schät­zun­gen, die dann nach 1918 auch von deut­schen Autoren und Publi­zis­ten gepflegt wur­den, die sich 1914 vom bösen Mili­ta­ris­mus hat­ten ver­füh­ren las­sen, nun aber ihre Rol­len als mora­li­sche Instan­zen der Demo­kra­tie spielten.

Doch der Wider­spruch geht noch wei­ter: Wer schon das Kai­ser­reich kurz­um als Des­po­tie brand­mark­te, »war ein frag­wür­di­ger Repu­bli­ka­ner, wenn er sei­nen Lands­leu­ten nun den sowje­ti­schen Tota­li­ta­ris­mus empfahl«.

Die Fra­ge nach dem Sinn wur­de auf der Rech­ten erwar­tungs­ge­mäß anders beant­wor­tet. Denn sobald der Krieg als sinn­haft erfah­ren wor­den war, etwa als Ver­tei­di­gung des eige­nen Lan­des gegen Mäch­te, die kei­nes­wegs eine höhe­re Huma­ni­tät gel­tend machen konn­ten und nicht frei von eige­nen Inter­es­sen waren, muß­ten ande­re Kon­se­quen­zen gezo­gen wer­den. »Sinn­los war es aus natio­na­ler War­te also kei­nes­wegs, alles dafür zu tun, das abzu­wen­den, was durch die Nie­der­la­ge schließ­lich geschah.«

Dabei mal­ten die Rech­ten, zumal die Ver­tre­ter der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, den Wil­hel­mi­nis­mus auch nicht in leuch­ten­den Far­ben, viel­mehr ziel­ten sie auf etwas Neu­es ab, auf eine natio­na­le Wie­der­ge­burt aus der Nie­der­la­ge, aus dem Zusam­men­bruch her­aus. Die Ein­heit des »Burg­frie­dens« und die Ideen von 1914 soll­ten wie­der­be­lebt wer­den, um das dar­auf bezo­ge­ne »Sozi­al­pro­jekt neu zu jus­tie­ren« (Scholdt).

Die Rech­te hät­te »also mit Remar­que, der die Front­ka­me­rad­schaft pries, Offi­zier­stap­fer­keit respek­tier­te und (…) sogar höher wer­te­te als revo­lu­tio­nä­re Belan­ge, gewiß am ehes­ten leben können«.

Daß man ihn aber auf den denun­zia­to­ri­schen Nen­ner der »Latri­nen­per­spek­ti­ve« (Hans Zöber­lein) brin­gen woll­te, lag gera­de nicht am lager­über­grei­fen­den Rea­lis­mus, son­dern an der Wei­ge­rung, dem Krieg einen Sinn zuzusprechen.

Und so ging die Rech­te in die »welt­an­schau­li­che Gegen­of­fen­si­ve«: Scholdt wer­tet Schau­we­ckers Auf­bruch der Nati­on (1929), Fried­rich Leh­manns Wir von der Infan­te­rie (1929), auch Wer­ner Beu­mel­burgs Die Grup­pe Bose­mül­ler (1930) als Reak­tio­nen auf die pazi­fis­ti­schen Erfolgs­bü­cher. Sie zei­gen die Rea­li­tät des Krie­ges, mythi­sier­ten ihn aber gleich­zei­tig aus der Per­spek­ti­ve der Front­sol­da­ten, denen auf­grund ihrer spe­zi­fi­schen, neu­ar­ti­gen Grenz- und Gemein­schafts­er­fah­rung eine beson­de­re Rol­le für die Zukunft Deutsch­lands zukomme.

Der »groß­städ­ti­sche Zeit­geist« begüns­tig­te aber die »schran­ken­lo­se Fei­er des Indi­vi­du­ums« jen­seits von Ord­nung und Pflicht­vor­stel­lun­gen, und jenes für die Rech­ten so zen­tra­le »August­er­leb­nis« wur­de mehr und mehr als »Legen­de« hingestellt.

Eine »Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der deut­schen Sache« fand auf lin­ker oder pazi­fis­ti­scher Sei­te kaum mehr statt, so daß es in den Aus­ein­an­der­set­zun­gen nicht nur zu pole­mi­schen Über­spit­zun­gen kam, son­dern zu einer grund­sätz­li­chen Radi­ka­li­sie­rung. Das Poli­ti­sche ver­band sich dabei auch mit fun­da­men­ta­len psy­cho­lo­gi­schen und kul­tu­rel­len Dis­po­si­tio­nen der Akteure:

»Die Erbit­te­rung bis zuletzt stand­haf­ter Front­of­fi­zie­re dar­über war groß, daß nun aus­ge­rech­net die­je­ni­gen das Wort führ­ten, die in ihren Augen weit­ge­hend ver­sagt hat­ten« und ihnen als »noto­ri­sche Drü­cke­ber­ger, Simu­lan­ten, Wan­kel­mü­ti­ge, unmänn­lich feig, dumm in ihrer Spe­ku­la­ti­on auf Fein­des­mil­de und cle­ver nur im per­sön­lich ein­träg­li­chen Ver­rat« galten.

Anstatt den Krieg ledig­lich mora­lisch zu ver­wer­fen, was eine rela­tiv leich­te Übung ist, hat es Autoren und Intel­lek­tu­el­le gege­ben, die sich dar­um bemüht haben, den Krieg zu ergrün­den, aus­zu­mes­sen, viel­leicht sogar zu ver­ste­hen. Dabei haben sie in ande­ren Kate­go­rien gedacht, als ihre Oppo­nen­ten, die eilig mit dem Bad des Krie­ges auch gleich das Kind des »poli­ti­schen Rea­lis­mus« aus­ge­schüt­tet haben.

Die zwei­fel­los gebo­te­ne Moral-Dis­kus­si­on dar­über, wie sich Völ­ker in wil­der Ent­hu­ma­ni­sie­rung in ein mons­trö­ses Schlacht­haus bege­ben, aus dem sie jah­re­lang nicht mehr ent­rin­nen konn­ten, ver­kam dabei all­zu­oft zu einer bigot­ten, außen­ge­steu­er­ten und von Kreuz­zugs­pro­pa­gan­da sti­mu­lier­ten Sieger-Veranstaltung.

Es ist Scholdt gelun­gen, zahl­rei­che, auch weni­ger bekann­te Autoren wie Alfred Pol­gar oder Edlef Köp­pen zu Wort kom­men zu las­sen, nach Ambi­va­len­zen zu fra­gen, auf die­se Wei­se die übli­chen Ein­sei­tig­kei­ten der Ger­ma­nis­tik und des Feuil­le­tons zu über­win­den und statt­des­sen ein sehr bun­tes und stark dif­fe­ren­zier­tes Bild die­ser weit­rei­chen­den Kon­tro­ver­se zu zeichnen.

Das ist schon sehr viel. Zudem setzt er die geschichts­po­li­ti­sche Dimen­si­on der »Autoren­schlacht« auf erkennt­nis­för­dern­de Wei­se in Bezie­hung zur Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung nach 1945.

Kri­tisch anzu­mer­ken bleibt, daß die Rede von Wei­mars »Lite­ra­ten« als über­grei­fen­de Bezeich­nung für Autoren, Kri­ti­ker, Jour­na­lis­ten, Ver­le­ger im all­ge­mei­nen hin­ge­hen mag, es sich aber, gera­de im kon­ser­va­ti­ven Kon­text, um einen abwer­tend kon­no­tier­ten Ter­mi­nus han­delt, der dem Ansatz und der Les­art des Buches nicht entspricht.

Von die­sem Detail abge­se­hen bie­tet Scholdts Arbeit reich­lich Gele­gen­heit, sich anre­gen zu las­sen und von Caros­sa oder Remar­que aus­ge­hend über die ande­ren hier genann­ten Autoren bis hin zu Schau­we­cker in eine kon­tro­ver­se The­ma­tik ein­zu­drin­gen, deren Bewer­tung bis heu­te umstrit­ten ist und daher auch bis heu­te geschichts­po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen hat.

Damit zu der Fra­ge, wel­che Bücher zum The­ma man heu­te noch lesen soll? Jün­gers In Stahl­ge­wit­tern ist an die­ser Stel­le, gleich im ers­ten Bücher­schrank, bereits zur Lek­tü­re emp­foh­len wor­den (Sezes­si­on 55) und man neh­me den Kampf als inne­res Erleb­nis (1922) noch dazu.

Wem der Roman noch nicht durch Schul­lek­tü­re ver­dor­ben wur­de, lese Im Wes­ten nichts Neu­es von Remar­que, denn daß er schrei­ben konn­te, ist bekannt: »Auf­rich­tig­keit, nicht Effekt­ha­sche­rei kenn­zeich­net sei­nen Stil« (Scholdt). Bereits erwähnt wur­den Schau­we­ckers Auf­bruch der Nati­on und Wie­cherts anders gela­ger­ter Jeder­mann, die bei­de als reprä­sen­ta­ti­ve Tex­te unter­schied­li­cher Seg­men­te der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on zu emp­feh­len sind.

Ein fast ver­ges­se­ner Text sei noch her­vor­ge­ho­ben, Hans Caros­sas Rumä­ni­sches Tage­buch (1924). Tho­mas Mann und Rai­ner Maria Ril­ke waren in Frie­dens­zei­ten unter sei­nen Pati­en­ten gewe­sen, als Batail­lons­arzt hat­te Caros­sa dann zwi­schen Sep­tem­ber 1916 und sei­ner Ver­wun­dung in der Schlacht von Arman­tiè­res im April 1918 am Ers­ten Welt­krieg teilgenommen.

Zunächst in Rumä­ni­en sta­tio­niert, führ­te Caros­sa von Okto­ber bis Dezem­ber 1916 ein Jour­nal, das zur Grund­la­ge des Rumä­ni­schen Tage­buchs wur­de, aber bei allen genau­en Beschrei­bun­gen doch weit davon ent­fernt ist, die Front­zeit detail­liert auf­zu­zeich­nen. Statt­des­sen folgt Caros­sa einer lite­ra­ri­schen Stra­te­gie, die ihren bes­ten Aus­druck im Mot­to des Tex­tes fin­det: »Rau­be das Licht aus dem Rachen der Schlange!«

Es geht also dar­um, nicht von der Schlan­ge des Krie­ges ver­schlun­gen zu wer­den, son­dern aus ihrem Rachen Erkennt­nis zuta­ge zu för­dern. Dem Krieg will Caros­sa etwas abtrot­zen, Sinn, Bedeu­tung, Ein­sicht, so bedroh­lich nahe der Schlund der Bes­tie auch ist. In einem Brief aus dem Jahr 1935 hat der Autor die­se Vor­ge­hens­wei­se leicht vari­iert erläu­tert. Er muß­te »den Krieg als etwas Gege­be­nes« hin­neh­men, ver­such­te aber, »den dunk­len Stoff geis­tig zu durchleuchten«.

Beim Spiel zün­den drei Kin­der eine schar­fe Hand­gra­na­te und wer­den von ihr zer­fetzt, auch die Mut­ter stirbt. Kran­ken­trä­ger neh­men sich der Lei­chen an.

Die Groß­mutter, eine Sie­ben­bür­ger Säch­sin, die wei­nend den stil­len Zug beglei­te­te, mein­te, man müs­se sol­che Vor­fäl­le den Kai­sern und Köni­gen der gan­zen Welt zu wis­sen machen, damit sie trau­rig wür­den und von dem gott­lo­sen Krieg­füh­ren ablie­ßen. Indes­sen war auf ein­mal die Son­ne frei gewor­den und beleuch­te­te sehr hell einen hohen Berg, der allen auf­fiel. Der unte­re Teil zeig­te fahl­grü­ne, mit Stei­nen durch­setz­te Mat­ten, dann folg­te, wie mit Sorg­falt umge­legt, ein schma­ler Tan­nen­gür­tel, und aus die­sem spitz­te sich schnee­glän­zend eine mäch­ti­ge Pyra­mi­de in das zer­flie­ßen­de Grau.
Der fei­er­li­che Anblick bann­te jeden; sogar die alte Frau ver­stumm­te, und ich, darf ich mirs zuge­ben, daß das Jam­mer­bild der zer­fetz­ten Kin­der mir im Nu völ­lig aus­ge­löscht war? Daß es mir in der herr­li­chen Schau zer­schmolz, als wäre es zufäl­lig und nur am Ran­de gesche­hen wie die meis­ten Bege­ben­hei­ten der Zeit, dort aber, gel­tend und geis­ter­be­hü­tet, stün­de ein gehei­mes Gesetz, das längst all uns­re Lei­den und Schre­cken über­nom­men hat.

Ver­harm­lo­sung? Man­gel an Mit­ge­fühl? Ästhe­ti­sie­rung des Krieges?

Die Beschrei­bung ver­an­schau­licht sehr genau, wie Caros­sa »den dunk­len Stoff« geis­tig »durch­leuch­tet« hat: die absur­de Zer­stö­rungs­kraft des Krie­ges, auch sei­ne »Kol­la­te­ral­schä­den« wer­den nicht ver­drängt, aber sie wer­den Teil eines grö­ße­ren Bildes.

Caros­sa hält sei­ne an Goe­the und Stif­ter geschul­te poe­ti­sche Wahr­neh­mung auch dann und gera­de dann durch, wenn um ihn her­um Cha­os und Gewalt regie­ren, so »raubt« er aus dem Grau­en buch­stäb­lich »das Licht«, sieht durch den Krieg hin­durch auf eine ande­re, viel grö­ße­re, wei­te­re Welt, die ein hin­ter den Din­gen lie­gen­des »gehei­mes Gesetz« ahnen läßt, das von Dau­er ist, immer da.

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