Sehenswert: Das Wetter in geschlossenen Räumen

Mit Das Wetter in geschlossenen Räumen läuft derzeit ein nachgerade genialer Film in deutschen Kinos.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wun­dert es mich, daß er nicht breit dis­ku­tiert wird? Schaue ich mir den Früh­lings­buch­markt an (Flücht­lings­kri­se? Wo?), dann kaum, und den­noch: Daß die­ser Strei­fen ein wenig unter­ge­gan­gen ist, verwundert:

Er nimmt die Flücht­lings­kri­se, bes­ser: die gro­ße Insze­nie­rung der­sel­ben sowie west­li­che Deka­denz und das gro­ße Geschäft mit den Refu­gees mit höchs­tem Aktua­li­täts­be­zug auf’s Korn nimmt. Und wie! Die­ser Film mit Maria Furtwäng­ler in der Haupt­rol­le ist messerscharf.

Doro­thea Nagel (eben: Furtwäng­ler; ich moch­te sie vor­her nie beson­ders und fand sie über­schätzt: eine Fehl­mei­nung!) arbei­tet als PR-Frau und Fund­rai­se­rin für die UNHCR, also das gro­ße Flücht­lings­hilfs­werk der Ver­ein­ten Natio­nen. Sie befin­det sich in einem ara­bi­schen Land im Kriegs­zu­stand, bewohnt eine groß­zü­gi­ge Hotel­sui­te. Sie ist eine knall­har­te, toughe Kar­rie­re­frau aller­ers­ter Güte.

Frau Nagel weiß, wie man macht­voll kom­mu­ni­ziert, wie man wann wie lächelt, wie Kon­tak­te geknüpft wer­den. Spricht flie­ßend eng­lisch, fran­zö­sisch, ita­lie­nisch. Sie ist wahn­sin­nig cool. Wie geschmack­voll sie sich klei­det! Und allein der Auf­wand für die Fri­sur! Ihr beson­de­res Augen­merk gilt dem Enga­ge­ment für unter­drück­te Mäd­chen, und als erfah­re­ne Kom­mu­ni­ka­to­rin weiß sie all jenen den Wind aus den Segeln zu neh­men, die „Mäd­chen­bil­dung“ im Ange­sicht des Kriegs als Luxus­pro­blem bewer­ten. Die Kla­via­tur des femi­nis­ti­schen Mar­ke­ting­sprechs beherrscht sie aus dem eff­eff. Frau Nagel kennt die neur­al­gi­schen Tränendrüsenpunkte.

Nun gibt es ein Pro­blem: Für den von der UNHCR aus­ge­lob­ten Wett­be­werb (Preis: ein Sti­pen­di­um an einer bri­ti­schen Eli­te­uni­ver­si­tät) gibt es in den gigan­ti­schen Flücht­lings­la­gern jenes Lan­des kei­ne Kan­di­da­tin. Män­ner, Kin­der, ja, aber kei­ne ein­zi­ge jun­ge Frau, die sich für eine aka­de­mi­sche Kar­rie­re emp­feh­len wür­de. Für einen gewief­ten Voll­pro­fi wie Frau Nagel kein Pro­blem: Sie schickt die ein­zig auf­find­ba­re 17jährige nach Lon­don und weiß das vor den Fern­seh­ka­me­ras tele­gen als pres­ti­ge- und geld­brin­gen­de Erfolgs­maß­nah­me zu verkaufen.
Das Mäd­chen wird ver­schwin­den, aber dies erscheint hand­hab­bar; gelernt ist gelernt!

Pri­vat aller­dings beginnt der 46jährigen Doro­thea Nagel ihr Luxus­le­ben in der Suite zu ent­glei­ten. Sie säuft maß­los und hält sich neu­er­dings einen jun­gen, ver­spiel­ten Halbar­a­ber (Meh­met Sözer) als Lieb­ha­ber. Der kos­tet. Aber an Geld man­gelt es weder der Orga­ni­sa­ti­on noch Frau Nagel.

Irgend­wann jedoch kommt ihr eine jün­ge­re, fast eben­so super­coo­le Kol­le­gin aus dem UNHCR-„Headquater“ auf die Schli­che. Die, Aure­lie, nimmt sich Doro­thea samt ihrer groß­spu­ri­gen Trick­se­rei­en tüch­tig zur Brust. Aller­dings kom­men just auf dem Höhe­punkt die­ser knall­har­ten Aus­ein­an­der­set­zung unter auf der Gut­men­schen­wel­le rei­ten­den Geschäfts­frau­en die Ein­schlä­ge näher. Die Hotel­sui­te dröhnt von den Deto­na­tio­nen der Kriegs­ge­scheh­nis­se, und Power­frau Aure­lie fin­det sich hilf­los wim­mernd in den Armen der Power­frau Dorothea.

Der Film (als Dreh­buch­be­ra­ter fun­gier­te der Ende 2015 ver­stor­be­ne Harun Faro­cki, Regis­seu­rin ist Isa­bell Ste­ver) hat deut­li­che Anklän­ge an Jonas Lüschers groß­ar­ti­ge Novel­le Früh­ling der Bar­ba­ren (2013; Sezes­si­on 59) und über­deut­li­che an den Kino­film Zeit der Kan­ni­ba­len (2014). Der älte­re Film Schlaf­krank­heit (2011, das ambi­va­len­te The­ma Ent­wick­lungs­ar­beit mit schnei­den­der Schär­fe the­ma­ti­sie­rend) wäre am Ran­de als Vor­bild zu erwähnen.

Hier nun, im Wet­ter in geschlos­se­nen Räu­men, bleibt wahr­lich kein Auge tro­cken, das hier ist Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik reins­ten Was­sers. Über­am­bi­tio­nier­te Kar­rie­re­frau­en und ihre Kri­sen, Flücht­lings­busi­ness, Lücken­pres­se, das Wir­ken trans­na­tio­na­ler Groß­netz­wer­ke: Hier wird nicht geschont. „Sie müs­sen wis­sen: Mit dem Flücht­lings­ge­schäft läuft es wie an der Bör­se: Es wird gepo­kert!“ Daß ein solch knall­har­ter Film die übli­chen För­der­töp­fe pas­siert hat: Das ver­wun­dert dann schon. Die letz­te Sze­ne des Films zeigt eine deran­gier­te Doro­thea Nagel, ein­ge­wi­ckelt in eine Woll­de­cke mit der Logo & Auf­schrift des Flüchtlingshilfswerks.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (10)

Grau

20. Februar 2016 17:46

Sorry, aber eh ich mir die Furtwängler antu, gefriert die Hölle.
Doch selbst wenn Sie recht haben und der Film was taugt, wieso verwundert es, dass er dann in der medialen Wahrnehmung untergeht?
Als würde auch nur Halbkritisches propagiert.

Peter

20. Februar 2016 18:57

Mich wundert, dass Sie es verwundert, dass dieser Film deutsche Filmförderungen erhalten hat. Vermutlich verwundert Sie es noch mehr, dass als Koproduzierende Sender der WDR, BR und NDR mit gearbeitet und finanziert haben.

Beste Grüße

Peter

20. Februar 2016 21:35

Fuocoammare, freu mich auf die nächste Filmkritik.

https://www.youtube.com/watch?v=uRPBH3LC4aU

Weltversteher

21. Februar 2016 11:30

Vielleicht ist der film auch doch nicht zwangsläufig so hintergründig und vielsagend, wie die Rezension hier erhofft und meint. In der Qualitätspresse wird es viel banaler abgehandelt.
Man wird sehen müssen. Kommt der überhaupt in die "Filmpaläste" oder nur in Spartenkinos?

ene

21. Februar 2016 13:11

Weltversteher,

wo läuft der Film? Siehe unten. In Berlin gleich viermal - allerdings in Kinos, die immer ein ausgewähltes Programm präsentieren. In Dresden können Sie ihn auch sehen:

https://www.kino.de/film/cooking-cats/kinoprogramm/

ingres

22. Februar 2016 07:46

Entschuldigung, aber letztlich doch feministische Popaganda. Auch wenn andere Inhalte drin sein mögen. Denn diese Frauen gibts halt nur im Märchen. Entschuldigung, aber mußte mal sein.

Kositza: Wie ein Film, der als eine der Kernszenen den neurotischen Zusammenbruch der einen Karrierefrau aufweist und die völlige Desavouierung und eitle Selbstzerstörung der anderen Karriefrau überhaupt zum Thema hat, als feministische Propaganda gehandelt werden sollte, ist mir unbegreiflich! Märchenhaft ist es sicher nicht. Kubitschek hat mir aus seiner Tätigkeit in der Entwicklungshilfe (Kamerun) von zahlreichen solcher Figuren berichtet.

Urwinkel

22. Februar 2016 10:46

Zu diesem heiklen Thema gibt es einen noch jungen Fernsehfilm. Der trägt den Titel: "Syvia S. - Wut". Wer in Borderline-Abgründe abtauchen möchte: bitte. Ingres: Die Frauen sind nicht so harmlos, wie sie oft dargestellt werden. Auch das deutsche Kino bietet so einiges in der Sache. Die Hauptdarstellerin bekam dafür irgend-so-einen Preis verliehen. Sehenswert. Eine zusätzliche Empfehlung.

Nichtliberaler

22. Februar 2016 13:45

@ingres. Ich muss Frau Kositza recht geben, ich habe diesen Film noch nicht gesehen, ich kann mich aber aus meiner Tätigkeit in einer Hilfsorganisation in einem osteuropäischen Land in den 90ger Jahren an ähnliche Personen, (darunter in nicht gerade geringer Zahl auch Frauen) erinnern. Ich will meine damaligen Kollegen aber hier nicht desavouieren. Meist waren das einfach Menschen, die ursprünglich nur der heimatlichen Enge entfliehen wollten, wozu es seit dem Ende der Weltgeltung Europas nicht mehr so viele Möglichkeiten gibt wie anno dazumal. Oft waren es keineswegs gutmenschlich Blinde sondern sehr klarsehende Personen. Aber der Tätigkeitsbereich, dessen Finanzierung meist von Medienhypes abhängt, bewirkte alsbald eine entsprechende "deformation professionelle". Ich vermute, der besprochene Film hat unter anderem das zum Thema und werde ihn mir anschauen.

Waldgänger aus Schwaben

23. Februar 2016 08:06

Daß ein solch knallharter Film die üblichen Fördertöpfe passiert hat: Das verwundert dann schon.

Unser System ist eine Gummizelle.

Winston Smith 78699

23. Februar 2016 16:40

@ ingres

Denn diese Frauen gibts halt nur im Märchen.

Birgit Naujoks ?

Ich gehe nicht mehr ins Kino und werde daher noch warten müssen, welche Art Frau da wirklich gezeigt wird. Schockiert hat mich aber ein Interview im Herbst bei Phoenix mit Birgit Naujoks, einer hellstblonden, unfemininen Dame, die schnell, fehler- und mimikfrei wie ein Roboter sprach, als wären die Texte auswendig und sowieso gar nicht von Herzen. Ich habe in diesem Zusammenhang noch keine Person erlebt, die eine solche Kälte ausstrahlt und für das humanitäre Thema so ungeeignet erscheint – was wiederum tiefer blicken ließ auf vieles, z.B. wer in NRW was wird und in welchem Verhältnis dort Funktion und Charakter stehen. Und noch tiefer. Von Psychopathologie möchte ich bei diesem Beispiel gerade nicht sprechen, nur von einem anscheinend historischem Tiefststand an Emotionalität

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