3. Oktober 2013

Ökologie ist rechts

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 56 / Oktober 2013

von Norbert Borrmann

»Es wird eine Zeit kommen, in der man erkennt: Der Mensch lebt nicht von Pferdekräften und Werkzeugen allein. Es gibt auch Güter, die er daneben nicht entbehren will und kann. Und er wird haushalten lernen, und er wird das eine nicht zu gewinnen suchen, um mit ihm alles andere zu verlieren.

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Denn, wenn der Mensch alles gewonnen hätte, was sich mit seiner Technik gewinnen läßt, dann würde er zu der Erkenntnis kommen, daß das so maßlos erleichterte Leben auf der entstellten Erde eigentlich nicht mehr lebenswert ist, daß wir zwar alles an uns gerissen, was unser Planet herzugeben hatte, daß wir aber bei dieser Wühlarbeit ihn und damit uns selbst zerstört haben. Sorge ein jeder an seinem Teile, daß die Umkehr kommt, ehe es überall für immer zu spät ist.«

Diese Sätze – obwohl über hundert Jahre alt – klingen auch heute noch aktuell. Zu lesen waren sie erstmals 1904, in der Zeitschrift Der Kunstwart.

Verfaßt hatte sie der Maler, Lebensreformer, Publizist und Architekt Paul Schultze-Naumburg (1869 –1949), der sich im Laufe seines Lebens von einem Wertkonservativen zu einem Vertreter der völkischen Bewegung wandelte. Er stand also rechts der Mitte.

Den heutigen Normalbürger mag das verwundern, verortet er das Thema Umweltschutz doch eher links. Schließlich handelt es sich bei den »Grünen« um eine linke Partei.

Doch den etwas tiefer Blickenden kann es eigentlich nicht überraschen, daß die Umweltbewegung überwiegend rechte und nicht linke Wurzeln hat – ist es doch ein Merkmal rechter Weltsicht, sich zu den eigenen Traditionen und damit auch zur eigenen Heimat zu bekennen.

Zur Heimat gehört aber nicht zuletzt die Natur, der sie und ihre Kultur erst entwachsen sind.

Heimat, Natur, Landschaft waren aber gerade der klassischen Linken vollkommen fremd. Karl Marx sprach verächtlich vom »Idiotismus des Landlebens«.

Für die Schönheit der Natur, aber auch für ihre Gefährdung durch die Industrialisierung hatte die Linke zumeist keinen Blick. Ihr Blick war ganz woandershin gerichtet – nach Utopia.

Erste Spuren zu einem Heimat- und Naturschutz lassen sich in Deutschland bis weit ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Bereits 1834 hatte Preußens Königshaus unter dem Druck der Öffentlichkeit den Drachenfels im Siebengebirge mit Umland gekauft und unter Schutz stellen lassen.

Neuen Zündstoff bekam der Gedanke des Heimatschutzes nach der Reichsgründung von 1871, weil nun Industrie und Verstädterung nicht mehr nur die Großstädte, sondern auch zusehends das flache Land bestimmten.

Die soziale Nivellierung aller Lebensbereiche zerstörte immer mehr lokale und regionale Traditionen. So radikal waren die Veränderungen, daß sie sich nicht nur mittelbar in den politischen und sozialen Strukturen auswirkten, sondern auch ganz unmittelbar im Aussehen des Landes und der Ortschaften.

Als Vater des Heimatschutzes gilt der Komponist und Professor an der Berliner Hochschule für Musik Ernst Rudorff (1840 –1916). Rudorff war noch direkt von den Vertretern der Romantik angeregt worden und hatte, so schrieb der Kunstwart anläßlich seines Todes, »deren Anregungen in die Tat umgesetzt«.

Im elterlichen Hause hatte Rudorff Ludwig Tieck, Schleiermacher, Savigny und die Brüder Grimm kennengelernt. 1880 erschien sein Aufsatz Über das Verhältnis des modernen Lebens zur Natur, in dem er ein erstes Panorama der Veränderungen und Verwüstungen der Landschaft entfaltete, die auf die Industrialisierung, vor allem aber auf die Modernisierung der Landwirtschaft zurückzuführen waren.

Als 1897 sein Buch Heimatschutz verlegt wurde, prägte er damit einen neuen Begriff; denn bis dahin war der Begriff »Heimatschutz« nur im militärischen Sinn verwandt worden. Rudorff wollte die Bezeichnung auch durchaus als »Kampfwort« verstanden wissen, der Kampf sollte hier allerdings nicht gegen einen äußeren Feind, sondern gegen eine innere Entwicklung geführt werden.

Im einzelnen wandte er sich gegen schlecht proportionierte Bauten, gegen Hotelpaläste in landschaftlich schönen Gebieten, gegen die hemmungslose Erschließung von Naturschönheiten durch Straßen- und Zahnradbahnen, gegen die immer aufdringlicher auftretende Werbung und besonders gegen die Zerstörung der herkömmlichen kleingliedrigen Landschaft durch die Flurbereinigung und die damit einhergehende Vernichtung des Artenreichtums.

Über die Folgen, die entstehen, wenn der Mensch die Natur nur noch nach ebenso einseitigen wie kurzsichtigen Rentabilitätsgründen behandelt, besser mißhandelt, schrieb Rudorff: »Das bunte, anmuthige Land (wird) zu einem möglichst kahlen, glatt geschorenen, regelmäßig geviertheilten Landkartenschema umgearbeitet. (...) Ein einseithiges Hervorkehren der materiellen Gesichtspunkte, ein völliges Ignorieren der idealen ist längst in der Behandlung aller hierher gehörenden Fragen an der Tagesordnung.«

Er forderte deshalb: »Dieser Einseitigkeit müßte endlich ein Ende gemacht werden.« Als Besitzer eines alten Sattelhofes im Weserlande hatte Rudorff oft genug sein eigenes Land gegen entstellende Eingriffe verteidigen müssen.

Rudorffs Kritik an der Natur- und Heimatzerstörung infolge der Industrialisierung entsprang einer romantisch-wertkonservativen Grundhaltung.

1900, drei Jahre nach Rudorffs Schrift Heimatschutz, erschien im Kunstwart eine Artikelreihe mit dem Titel »Kulturarbeiten«. Ihr Verfasser, Paul Schultze-Naumburg, setzte sich dort in weitester Form mit der Veränderung unserer Umwelt seit der Industrialisierung auseinander.

Nicht nur anhand der Gestalt von Haus und Garten, Dorf und Stadt, sondern auch anhand der Landschaft zeigte er den Wandel; denn fast alles, was uns in Mitteleuropa an Landschaft umgibt, war schon damals nicht mehr ursprüngliche Natur-, sondern Kulturlandschaft.

Schultze-Naumburg konstatierte dabei eine schwindende Gestaltungskraft des Menschen, die sich beim einfachen Hausbau ebenso zeigt wie beim großen, die Umwelt prägenden Landschaftsbild.

Diese Verhäßlichung der Welt belegte er mit einer umfangreichen Fotosammlung, in der er »Beispiel« und »Gegenbeispiel« einander gegenüberstellte. Er verwendete dabei Bilder einer damals noch häufiger vorzufindenden harmonischen Welt, denen er Fotos von häßlichen Gestaltungen des Industriezeitalters gegenüberstellte.

In der sich ausbreitenden Häßlichkeit sah Schultze-Naumburg nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern zugleich ein ökologisches. Umweltverschmutzung und Umweltverhäßlichung bildeten für ihn nur die zwei Seiten ein und derselben Medaille: Der Mensch, der in Harmonie mit seiner Umwelt lebe, wirke auch gestalterisch harmonisch auf sie ein – und umgekehrt.

Auch das Problem des Arten- und Kulturensterbens und der damit verbundenen Ausbreitung einer lebensfeindlichen Monokultur wird in den Kulturarbeiten bereits angesprochen.

Dabei war Schultze-Naumburg kein Maschinenstürmer, er wußte die praktischen Errungenschaften einer Industriegesellschaft durchaus zu schätzen. Aber er forderte schon eine Art Technikfolgeabschätzung und erkannte, daß die Gestaltung der Umwelt nicht vorrangig einem kurzsichtigen Wirtschaftsliberalismus überlassen bleiben dürfe.

Der mit Schultze-Naumburg befreundete Maler Ludwig Bartning äußerte 1929 über die zwischen 1901 bis 1917 auch als neunbändige Buchreihe erschienenen Kulturarbeiten, daß sie nicht zuletzt folgende Frage enthielten:

»Was kann, was wird, was soll der Mensch, ausgerüstet mit ungeheuren neuen Maschinenkräften, aus dem Land machen, das seine Heimat ist?« Und er fährt fort: »Das ist keine Kunstfrage mehr, sondern eine Schicksalsfrage allergrößten Ranges!«

Ernst Rudorff wandte sich, nachdem er die ersten Bände der Kulturarbeiten kennengelernt hatte, an Schultze-Naumburg, um ihm eine enge Zusammenarbeit vorzuschlagen. Bald darauf lud ihn Schultze-Naumburg zu sich auf seinen Landsitz in Saaleck ein, woraufhin sich zwischen beiden eine lebenslange Freundschaft entwickelte.

Rückblickend auf die Begegnung vertraute Schultze-Naumburg seinen »Lebenserinnerungen« an: »Er war an die dreißig Jahre älter als ich, was aber nicht hinderte, daß wir nach wenigen Stunden wie alte, vertraute Bekannte waren, die sich restlos verstanden.«

Nicht zuletzt das enge Zusammenwirken von Rudorff und Schultze-Naumburg führte 1904 zur Gründung des »Deutschen Bundes Heimatschutz«, der in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg eine breite gesellschaftliche Verankerung fand. Zum Vorsitzenden wurde Schultze-Naumburg gewählt.

Aus der Satzung, die sich der Bund gab, wird deutlich, wie weit er seine Aufgaben faßte: »Der Zweck des Bundes ist, die Deutsche Heimat in ihrer natürlichen und geschichtlich gewordenen Eigenart zu schützen. Das Arbeitsfeld des Bundes teilt sich in folgende Gruppen:

  • Denkmalpflege;
  • Pflege der überlieferten ländlichen und bürgerlichen Bauweise;
  • Erhaltung des vorhandenen Bestandes;
  • Schutz des Landschaftsbildes einschließlich der Ruinen;
  • Rettung der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt sowie der geologischen Eigentümlichkeiten;
  • Volkskunst auf dem Gebiete der beweglichen Gegenstände;
  • Sitten, Gebräuche, Feste und Trachten.«

Vergleicht man diese rechte Umweltbewegung mit der heute vorherrschenden linken, so fällt auf, wie ganzheitlich erstere ausgerichtet war.

Ihr ging es nicht nur um Schadstoffwerte oder Artenschwund, sondern um die Einbeziehung der gesamten Umwelt, zu der sie auch den Menschen und seine Kulturleistungen rechnete: Tier und Pflanze, Haus und Hof, Stadt und Land. Nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch die Kulturenvielfalt und damit letztendlich die »Heimatvielfalt« sollten bewahrt werden.

Denn die Gefahr einer heraufziehenden globalen Monokultur war nicht nur Schultze-Naumburg, sondern auch Rudorff und anderen Heimatschützern bewußt.

Deshalb rückte bei ihnen auch der Mensch selbst stärker in das Blickfeld: Schließlich galt seine Verwurzelung mit der ihm angestammten Erde als beste Voraussetzung dafür, daß er keine Wüstenei errichtete, sondern eine von vielfältigem Leben pulsierende Kulturlandschaft.

Heimatschutz, Ernst Rudorff, Schultze-Naumburg – das sind nur einige Namen, die belegen, daß die Ökologiebewegung rechte Wurzeln hat. Viele andere Namen ließen sich noch hinzufügen:

Hermann Löns etwa, der um den Erhalt der Lüneburger Heide kämpfte, oder der mit Hermann Hesse befreundete schwäbische Dichter Ludwig Finkh, dessen Einsatz es zu verdanken ist, daß im Hegau der Vulkanberg des Hohenstoffeln nicht abgebaut wurde.

Schließlich sei an Ludwig Klages erinnert, dessen Aufsatz Mensch und Erde (1913) eine der radikalsten Anklagen gegen das Prinzip »Fortschritt« und den Ausrottungsfeldzug gegen die Natur darstellt.

Und horribile dictu: Das Dritte Reich war nicht nur braun, sondern aufgrund seines biologisch ausgerichteten Weltbildes als erster moderner Industriestaat auch grün.

So wurde während dieser Ära erstmals umfassend der Schutz der Natur durch das Reichsnaturschutzgesetz vom Juni 1935 und durch die Naturschutzverordnung vom März 1936 geregelt. Schützenswerte Pflanzen und Tierarten, bedeutende Naturdenkmale sowie Naturschutzgebiete sollten in ihrer Gesamtheit erhalten bleiben.

In der kurzen Zeitspanne des Dritten Reiches entstanden etwa 700 Naturschutzgebiete. Ausgesprochen »braungrün« war auch der mit Schultze-Naumburg näher befreundete Reichsbauernführer und Minister für Ernährung und Landwirtschaft Richard Walther Darré.

Er trat ebenso für den Erhalt der vielgestaltigen bäuerlichen Lebenswelt ein wie für eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Ökologen nicht von links, sondern von rechts.

Friedrich Georg Jünger löste mit seinem Buch Die Perfektion der Technik (1946) die erste große Debatte über die Technisierung der Lebenswelt in Westdeutschland aus.

Selbst der Kampf gegen die Atomkraft ging von rechter Seite aus. So beschwor der am 25. Juni 1960 unter der Leitung des steirischen Forstverwalters Günter Schwab gegründete »Weltbund zum Schutz des Lebens« auch ausdrücklich die Gefahren einer »friedlichen« Atomkernspaltung.

Daneben verstand sich der Bund als »Aktionsgemeinschaft zur Erhaltung gesunder Lebensgrundlagen für Natur, Landschaft, Tier und Mensch«. Sogar bei der Gründung der »Grünen« spielten Rechte ursprünglich eine entscheidende Rolle:

Hier sei zunächst auf den eher bürgerlichen, der technokratischen CDU entflohenen Herbert Gruhl verwiesen, der mit seinem Öko-Erfolgsbuch Ein Planet wird geplündert: Die Schreckensbilanz unserer Politik (1975) der 1979 gegründeten Partei ein geistiges Grundlagenwerk vorlegte.

Von rechts stammte auch Deutschlands lange Zeit bekanntester Ökobauer, Baldur Springmann, und nicht zuletzt August Haußleiter, Mitbegründer der »Grünen«, der 1979 als einer ihrer drei gleichberechtigten Sprecher gewählt wurde.

Haußleiter war zuvor in der »Deutschen Gemeinschaft« (DG) und seit 1965 in der »Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher« (AUD) politisch aktiv gewesen. Die AUD war die erste bundesdeutsche Partei, die sich ein ökologisches Programm gegeben hatte.

Haußleiter, Springmann und Gruhl wurde es innerhalb der »Grünen« nicht leicht gemacht – entweder sie mußten ihre Ämter niederlegen oder sie wurden schlichtweg aus der Partei hinausgeekelt.

Diese überzeugten Ökologen wichen schließlich den stalinistischen Kadern aus den K-Gruppen, die sich in großer Zahl in die neugegründete Partei einschleusten. Zwar hatten diese nichts mit Ökologie zu tun, witterten aber in dem Thema ihre große Chance, doch noch politische Karriere machen zu können.

Der SPD-Politiker Peter Glotz schrieb 1989 in seinem Buch Die deutsche Rechte, diese habe sich mit dem Thema Ökologie »einen wichtigen Teil ihrer Kronjuwelen klauen lassen«.

Daß es so weit kam, mag an eigener Dummheit gelegen haben, aber in erster Linie doch an der machtpolitischen Bedeutungslosigkeit und damit auch an der Wehrlosigkeit der Rechten.

Nun lagern die »Kronjuwelen« bei einer Partei, bei der das Thema Ökologie in vielem nur aufgepfropft ist; denn zahlreiche Herzensanliegen der »Grünen« sind linke Herzensanliegen, welche nicht nur nichts mit Ökologie zu tun haben, sondern dieser widersprechen: Egalitarismus, Feminismus, Homoehe, Quotendiktatur, Zersetzung organisch gewachsener Familienstrukturen, Nationalmasochismus, Vergangenheitsbewältigung, Masseneinwanderung, Multikulturelle Gesellschaft.

So halten Trittbrettfahrer mit einem naturwidrigen Menschenbild das Thema Ökologie besetzt.

Die »Grünen« sind Großstadtpflanzen, Kinder des Asphalts, nicht der Natur. Ganz im Gegensatz zu den genuin rechten Ökologen: Ernst Rudorff, Paul Schultze-Naumburg, Hermann Löns, Ludwig Finkh, Friedrich Georg Jünger, Baldur Springmann ...


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