Sezession
8. Oktober 2013

Der Bauer ist kein Spielzeug

Gastbeitrag

PDF der Druckausgabe aus Sezession 56 / Oktober 2013

von Sebastian Hennig

Mit der Ballade Das Riesenspielzeug (1831) hat Adelbert von Chamisso eine alte elsässische Sage aufgegriffen. Bei einem unbetreuten Streifzug durch die kleine Menschenwelt klaubt das Riesenfräulein einen Bauern samt Gespann vom Acker in ihre Schürze und nimmt ihn zum Zeitvertreib mit nach Hause auf die väterliche Burg Niedeck. Dort verweist ihr der Vater unverzüglich die Leichtfertigkeit und gebietet, den Raub sorglich an Ort und Stelle zu bringen:

»Sollst gleich und ohne Murren / erfüllen mein Gebot; / denn wäre nicht der Bauer, / so hättest du kein Brot; / es sprießt der Stamm der Riesen / aus Bauernmark hervor, / der Bauer ist kein Spielzeug, / da sei uns Gott davor.«

Auf reizvolle Weise ergänzen sich in diesen Versen Vorstellungen von Schönheit und Nutzen des Bauernstandes. Der schaffende und bewahrende Landmann ergibt selbst einen schönen Anblick. Wie ein Kleinod wird der Mensch von der durch ihn gestalteten Landschaft eingefaßt. Inniger kann ein Boden nicht Heimat sein, als wenn ihm mit der Hände Arbeit die Nahrung für den Leib entnommen wird.

Vielerorts sind wir von dieser ansehnlichen und überschaubaren Tätigkeit inzwischen weit entfernt. Der Hüter der Fluren hat sich vom Acker gemacht. Bereits 1949, mehr als hundert Jahre, nachdem Chamisso seine Verse verfaßt hatte, gab Martin Heidegger in seinem Bremer Vortrag einen »Einblick in Das Was Ist« und vermittelte eine ganz andere Erfahrung: »Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.«

Mit dieser Zuspitzung zielt der Philosoph Heidegger auf die grundsätzliche Änderung des Blickwinkels auf Mensch und Land. So, wie sich der massenhafte Mord durch die Zersetzung des Bildes vom Menschen ankündigt, hebt die Verwüstung des Landes an mit dem Wahrnehmungsverlust des universellen Zusammenhalts. Wo und wann wurde dieser Weg eingeschlagen, der dazu führte, daß die Bearbeitung des Heimatbodens, der einst bei fürsorglicher Pflege Jahr für Jahr in schwankendem Rahmen eine zuverlässige Menge an Nahrung bot, inzwischen mehr Energie bindet als spendet?

In seinem in vieler Hinsicht einleuchtenden Buch Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa führt Hansjörg Küster im Kapitel »Ökologische Krisen, Wandel des Bauerntums« aus, daß die Aufgabe von Siedlungsräumen und die Zusammenlegung von Feldfluren sich schon im 14. Jahrhundert häufig ereignete.

Als Ursache dafür werden in der Regel Kriegszüge und Pestepidemien angenommen, doch Küster meint: »Dieser Schluß ist nicht immer richtig. Man muß sich darüber im Klaren sein, daß nicht nur die Gründung, sondern auch die Aufgabe ländlicher Siedlungen und ihrer Fluren bis zum frühen Mittelalter ein normaler Vorgang im Siedlungsgeschehen war.«

Wesentlich anders ist in neuerer Zeit der Wirkungsgrad der Mittel, die schwerkraftmäßig durch alle Einsichten hindurch ihre Bahn brechen. Trojanische Traktoren und Zyklopenhände haben den kleinteiligen Lebensraum entgrenzt und vergröbert.


 Gastbeitrag

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