Sezession
12. Oktober 2013

Nachhaltigkeit als frommer Wunsch mit Vorbehalt

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 56 / Oktober 2013

von Thomas Hoof

Es ist ein überaus merkwürdiger Sachverhalt, daß eine Gesellschaft, deren materielles Funktionsprinzip tatsächlich nur auf dem Verzehr von Beständen beruht, unablässig ihren Willen zur »Nachhaltigkeit« beteuert und damit verbal einem Prinzip huldigt, das Nutzungsentnahmen strikt auf das beschränkt, was pro anno nachwächst.

Daß diese Gelöbnisse frank und frei und ohne Stottern abgelegt werden, zeigt den Mangel an historischem Sinn und Klarblick. Beides fehlt sowohl den zahlreichen Inhabern eines guten Willens als auch den wenigen eines ökonomischen Lehrstuhls – letzteren jedenfalls dann, wenn sie der marktbeherrschenden neoklassischen Schule ihres Faches anhangen. Dann nämlich ist ihr Blick in beide Richtungen des Zeitpfeils getrübt – nach hinten und nach vorne.

Das resultiert aus einem speziellen Verhängnis: Gerade als es dort mächtig zu brodeln und zu kochen begann (um den Wechsel zum 20. Jahrhundert), machten die Ökonomen den Gegenstandsbereich ihrer Disziplin zu einem Schauplatz »ewiger Gesetze«, und zwar solcher, die man wie die der klassischen Mechanik in Differentialgleichungen ausdrücken kann.

Dort strebten die wirtschaftlichen Kräfte rechnerisch ganz von selbst zu jener zeitlosen Harmonie, in der seit Kepler schon die Himmelskörper tanzen. Es war eine ökonomische Abkehr von einer wechselhaften Wirklichkeit, die weitreichende Folgen auch für das Alltagsbewußtsein hatte:

Die Neoklassik hat nie erklären können, wie es zu der »Industriellen Revolution« des 19. Jahrhunderts kommen konnte. Als exogene Ursache diente ihr der sogenannte »Technische Fortschritt«, den der Himmel plötzlich aus Wolkenbrüchen hatte herabregnen lassen.

Obwohl methodisch also völlig physikalisiert, hatte die ökonomische Orthodoxie nie einen Sinn, geschweige denn einen Blick für den biophysischen Kern der Wirtschaft: Die Produktionsmächtigkeit des mobilisierten Produktionsfaktors »Fossilenergie« rechnet sie mit fünf bis sechs Prozent, weil sie die Grenzproduktivität eines Faktors allein an seinem Preis abliest.

Insofern kommt sie zu dem Schluß, daß ein völliger Ausfall sämtlicher fossilenergetischer Inputs (weltweit 1,4 Mrd. Mannleistungsjahre je Tag) allenfalls eine konjunkturelle Delle von etwa fünf bis sechs Prozent verursachen könnte. Tatsächlich stünde die Weltwirtschaft in diesem Fall auf einen Schlag still. »Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen, kann kein Bürger nichts mehr sehen«, dichtete Erich Mühsam 1907. Die orthodoxen Professoren sind aber schon früher erblindet.

Die Neoklassik unterliegt einem »Substituierbarkeitswahn«: Noch 1978 – sechs Jahre nach dem ersten Bericht des Club of Rome – riefen die amerikanischen Ökonomen H. E. Goeller und A. Weinberg ein »Zeitalter der Substituierbarkeit« aus (The Age of Substitutability, 1978), und Robert Solow erhielt 1987 den Nobelpreis für eine Wachstumstheorie, die unter anderem konstatiert, daß die Erschöpfung von Rohstoffen lediglich ein Ereignis, aber keine Katastrophe sei.

Und wenn die solaren Autoritäten demnächst über die Erde (meinetwegen als einen »Schurkenplaneten«) ein Lichtembargo verhängten, so wäre das nach der neoklassischen Ökonomie eine nur kurze Irritation der Weltwirtschaft, die aber durch Marktanpassungen und Substitutionseffekte alsbald überwunden wäre.

Eine solch souveräne Mißachtung der Wirklichkeit gelingt nur, wenn man sich aus kopfgeborenen Wolkenkuckucksheimen eine ganze Gesetzestafel herunterdeduziert hat und die Wirklichkeit nach deren Vorschriften interpretiert. Genau davor hatten die beiden »Historischen Schulen« der deutschen Volkswirtschaftslehre immer gewarnt. Sie bestanden darauf, daß wirtschaftliche Prozesse aus ihrem zeitlichen und räumlichen Kontext zu betrachten und auch nur so zu verstehen seien.


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