Sezession
12. Oktober 2013

Nachhaltigkeit als frommer Wunsch mit Vorbehalt

Gastbeitrag

Rolf Peter Sieferle empfand es als »merkwürdiges Paradox, wenn gerade diejenige Gesellschaft, welche die Menschen in zuvor unvorstellbarer Weise an funktionale und ideologische Ketten legt, sich selbst in Begriffen der Autonomie, der Selbstbestimmung und Freiheit« definiert (Rückblick auf die Natur, S. 201).

Der ideologische Niederschlag der oben benannten Tendenzen zum »globalen, produktiv entkernten Dorf« mit dünner feudaler Oberschicht findet sich – vor allem bei den nur noch wiederkäuenden journalistischen Gewerben – in Gestalt einer Sehnsucht nach jener Schafsidylle, die Oswald Spengler 1931 (in Der Mensch und die Technik) malte:

Kein Krieg mehr, kein Unterschied mehr von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, keine Verbrecher und Abenteurer, keine Konflikte infolge von Überlegenheit und Anderssein, kein Haß, keine Rache mehr, nur unendliches Behagen durch alle Jahrtausende.

Jede mentale Störung dieses Herdenidylls setzt ein gereiztes Blöken positiv oder negativ besetzter Interjektionen in Gang: »Freiheit, Selbstbestimmung, Vielfalt, Weltoffenheit, Toleranz, Gleichheit, Respekt, Teilhabe« oder – und dann im Alarmton –: »Rassismus, Fremden- und Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Gewalttätigkeit«.

Frank Böckelmann hat dieses Wortgeklingel jüngst als den dritten Jargon bezeichnet und sich (in einem in Kürze bei Manuscriptum erscheinenden Buch) darüber gewundert, daß Konservative diese krümeligen Reste einer Meinung, die selbst schon gar nicht mehr »gebildet«, sondern nur noch »gehabt« wurde, mit Erbitterung als die anhaltende Diskurshoheit der 68er mißverstehen.

Eigentlich haben die Konservativen im Vergleich zu den sie ehedem bedrängenden Weltanschauungen das beste Los gezogen, und bei der Neige des Tages werden sie im Abendsonnenlicht die Freude des Immer-recht-gehabt-Habens genießen können. Liberalismus und Sozialismus hingegen gibt es nicht mehr, beide haben sich aufgelöst in der reinen Distributivlogik der »Immer schon gefüllten Schüssel«, aus der im petrolisch-schlaraffischen Spätkapitalismus jeder seinen Teil erhält.

John Rawls hat dazu einen moralphilosophischen Rahmen gestiftet: Wo es Unterschiede in der Leistungsfähigkeit und der Anstrengungsbereitschaft gibt, da lagen sie schon in der Wiege und begründen als Gaben der Natur keinerlei weitergehende Ansprüche.

Der Mensch als Gefäß, das Anrecht auf Füllung hat: Auch dieses Lebensgefühl (dem die passende Theorie ja erst nachgeschoben wurde) wird ein Ende haben, wenn der übermächtige Produktionsbeitrag der geschöpften Energien nicht mehr zur Verfügung steht, um zwischen Kapital und Arbeit / Nichtarbeit im angestammten Verhältnis von drei zu sieben predatorisch geteilt zu werden.

Man sollte sich also nicht zergrübeln. Das, was kommt, ist so oder so eine Aufgabe, bei deren Bewältigung – nach Wilhelm Röpke – Optimisten und Fatalisten gleich unnütz nur im Wege stehen.


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