Sezession
18. Oktober 2013

Die Begrenzung des Eigenen

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 56 / Oktober 2013

von Karlheinz Weißmann

Der erste Grenzübertritt, an den ich mich erinnere, war schmerzhaft. Ich hatte mit einer Gruppe von Freunden eine Abkürzung zu unserem bevorzugten Spielplatz in einem großen Schilffeld genommen. Dabei waren wir dem Wohnblock bedrohlich nahegekommen, in dem das Programm zur sozialen Durchmischung nicht funktioniert hatte.

Obwohl in unserer Siedlung höchstens eine problematische Familie pro Wohnblock vorgesehen war, fanden sich hier gleich zehn oder zwölf konzentriert, und deren Kinder waren ungewaschener als wir, ungezogener und unerschrockener in der Wahl ihrer Mittel. Also kassierten wir Prügel und mußten den Rückzug antreten, bedeckt mit Striemen und blauen Flecken und dem einen oder anderen geschwollenen Auge.

Mir ist noch die Wut im Gedächtnis, die ich nicht nur über die Niederlage empfand, sondern auch darüber, daß ich eigentlich geglaubt hatte, in Sicherheit zu sein, also noch außerhalb des fremden Hoheitsgebiets.

Aber das gehört zur Grenze im ersten Sinn, daß sie keinen präzisen Verlauf kennt, daß es sich eher um einen »Saum« handelt. An Stelle von Grenze sprach man im Deutschen ursprünglich von »Mark«, das heißt einem Gebiet, mehr oder weniger scharf konturiert, häufig mit fließenden Übergängen, immer umkämpft, »blutend« – der konkrete Stand war von der Situation und das heißt vor allem von den Machtverhältnissen abhängig.

Das Wort Grenze hat sich nur allmählich eingebürgert, abgeleitet vom Altpolnischen granica für Trennfläche oder schon Trennlinie. Damit ist auch geklärt, daß die Eindeutigkeit von Grenzen mit der Dauerhaftigkeit der Besiedlung, der Verdichtung des staatlichen Territoriums und dem Grad der Feindseligkeit zu tun hat.

Der letzte Grenzübertritt, an den ich mich erinnere, war der nach Großbritannien von Frankreich aus. Die vorhergehenden, von Deutschland in die Niederlande, von dort nach Belgien, dann nach Frankreich, zählen nicht. Denn abgesehen von den verwaisten Abfertigungsstationen und dem Schild mit dem Sternenkranz gibt es im Schengen-Raum nichts, was es einen daran erinnert, daß man eine Grenze quert. Das entspricht der aktuellen Begeisterung für alles, was »inter« oder »trans« ist, also grenzüberschreitend, entgrenzend.

Der Unterschied zum britischen Fall ist nicht dramatisch, aber spürbar. Beamte kontrollieren Pässe, überprüfen Personendaten, stellen eventuell die eine oder andere Frage. Sie sind erkennbar als Träger staatlicher Funktionen, im Prinzip könnten sie die Grenze für den Einreisewilligen sperren und ihm den Zugang verweigern. Aber ernst machen sie selten.

Großbritannien ist zwar eine Insel und insofern durch das Meer abgegrenzt, aber alles Pochen auf Souveränität und damit das Recht zur Grenzkontrolle bleiben merkwürdig wirkungslos. Im Sommer wurde das offensichtlich, als die Opposition im Unterhaus wissen wollte, ob bekannt sei, wie viele Personen sich illegal im Vereinigten Königreich aufhielten: Zögernd gab das Kabinett zu, daß es sich um rund eine Million Menschen handle, und auch, daß an den Außengrenzen lediglich fünftausend echte Überprüfungen pro Jahr stattfänden.


 Gastbeitrag

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