Sezession
20. Oktober 2013

Heideggers Frage nach dem Ort

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 56 / Oktober 2013

von Harald Seubert

Heideggers vielberufene »Kehre« ist nicht als Etappe oder Periodisierung seines Denkens zu verstehen. Ihre von Heidegger selbst wiederholt betonte Not-Wendigkeit liegt vielmehr im inneren Sinn der Seinsfrage selbst, die Heidegger mit höchster Konzentration auf seinem gesamten Denkweg entfaltete.

Er hatte in seinem frühen Hauptwerk Sein und Zeit (1927) bekanntlich die Seinsfrage vom Dasein des Menschen aus exponiert. Das Dasein sei das Seiende, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst gehe. Heideggers Frage gilt zunächst einem Weltzugang, der nicht in der Cartesischen Spaltung zwischen »Ich« und »Welt« verfangen bleibt.

Das Dasein ist »je schon« in seiner Welt. In der Sorge um sich selbst, als bedingte Freiheit und »geworfener Entwurf« ist es per se welthaft und in der Einheit der Zeitsinne von Gewesen- und Zukünftigsein nimmt es sich selbst in die Sorge. Das »Vorlaufen zum Tod«, das Wissen um die äußerste Möglichkeit des Nicht-mehr-Seins gibt ihm seine Tiefenkontur.

Das publizierte Werk endet mit einer Kehre der Frageexposition, die zugleich einen Zweifel in sich schließt: Kann das erschließende Verständnis von Sein überhaupt vom Dasein aus möglich sein? Doch der konzipierte zweite Teil von Sein und Zeit blieb ungeschrieben oder wurde im Manuskript vernichtet – bis heute rankt sich darum ein gewisses Rätsel. Heidegger indes fragte in den folgenden Jahren tiefer bohrend, auf die Grundfrage der Metaphysik hin: »Warum ist Seiendes und nicht vielmehr nichts?«

Darin verbirgt sich die Frage: Ist die Abgründigkeit des Schwebens und Aushaltens vor dem Nichts nicht vielleicht mit der Seinserfahrung eins? Heidegger suchte also nun nach der Einwurzelung des Denkens und des Menschen im Sein selbst, weil er ihn als seinsverortet wahrnahm. Dies bedeutet nicht weniger, als daß der Mensch bedingt sei, von Anfang an, also nicht »frei« im abstrakten Sinn, und nicht primär das Subjekt des Denkaktes.

Dies alles kann und soll hier nicht weiter ausgeführt werden, nur noch soviel: Um die Kehre zu verstehen, muß man auch das Parmenideische Sinnbild mit im Blick halten, wonach Hin-weg und Rück-weg derselbe sind: Wer der Seins-Verortung des Menschen wirklich nahekommen möchte, muß heimkehren können.

Sehr berechtigt freilich ist die Frage, aus welcher inneren und welcher die eigene Zeit reflektierenden Denkbewegung Heidegger zu der Notwendigkeit der Kehre kam. Letztlich ging sie aus der Einsicht in den Endpunkt abendländischen Denkens hervor: Heidegger sah dieses Ende in der technischen Selbstvollstreckung des von Nietzsche prognostizierten und selbst ins Werk gesetzten »Willens zur Macht« zum »Willen zum Willen«, die er auch als »Machenschaft«, als das »Riesenhafte«, dem kein Maß gesetzt ist, und vor allem als »Gestell« begriff.

Die Vorlesungen der Jahre nach 1933 zeigen, daß nicht nur die »Auseinandersetzung« mit Nietzsche, für Heidegger der letzte Denker der abendländischen Metaphysik, von entscheidender Bedeutung ist, sondern auch die Zwiesprache mit Hölderlins Dichtung, die aus Exil und Fremdheit zur Heimkunft ins »Eigene« ruft und die in den Stromhymnen (vor allem »Der Rhein«) den Geist und Richtungssinn der Erde evoziert.


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