Sezession
20. Oktober 2013

Heideggers Frage nach dem Ort

Gastbeitrag

Der Gestus der Gelassenheit sollte also nicht als Rückzug entschärft werden. In ihm liegt vielmehr das äußerste Gegenbild zur machenschaftlichen planetarischen Welt. Wer ihr absagt, steht im Sturm; er ist einerseits den Partisanen verwandt, er weiß aber auch, daß, so Heidegger, »keine bloße Aktion« geeignet ist, den Weltzustand zu ändern.

Daher bedeutet die Gelassenheit auch, den Schmerz angesichts der zerstörten Erde wieder zu ertragen – in dem Wissen, daß er sich nicht durch Reformen irgend abwenden läßt. Zugleich manifestiert sich jene Gelassenheit in der Achtsamkeit für die Welt der Dinge: Den alten Krug etwa, an dem, wie Heidegger sagt, das Geviert zwischen Himmel und Erde, Göttern und Sterblichen aufgeht. Der Krug ist kein Kunstwerk. Doch so wie er könnte ein eminentes Kunstwerk beschaffen sein.

Diese Achtsamkeit gilt auch dem Bauen, das für Heidegger ursprünglich ein »Wohnenlassen« ist, »Errichten von Orten durch das Fügen ihrer Räume«. Und im Gestus der Gelassenheit bemerkt er: »Nur wenn wir das Wohnen vermögen, können wir bauen«. Auch die alte Neckarbrücke, die er in seinen Technik-Abhandlungen evoziert, ist in derart eminentem Sinne ein »Ding«. Sie sammelt überhaupt erst die Landschaft zur Landschaft und bewahrt sie in einem Umgang.

Dies wäre der Grundsinn dessen, was Heimat als In- der-Welt-sein und Aufenthalt beim Sein von Heidegger her bedeutet. Jener Zeit-Raum ist freilich bei Heidegger niemals vom konkreten Chronotopos erfahrener Lebenszeit zu trennen. Und dies unterscheidet seinen Heimatbegriff, wie der marxistische Germanist Hans Mayer einst treffsicher erkannte, von dem Ernst Blochs: Heimat ist nicht ein Utopos, Nicht-Ort, an dem noch niemand war, sondern das stets neu anzueignende Eigenste und Eigene.

Für Heidegger bleibt dies eng mit der Zeiterfahrung verbunden: Die befristete Zeit mag dem »Mesmerbuben«, der die Glocken in Meßkirch geläutet hat, zuerst sinnfällig geworden sein. Im Kloster Beuron geht dem bedeutenden Philosophen Ende der zwanziger Jahre der Rhythmus des Übergangs vom Tag zur Nacht am Stundengebet auf.

Heimat als Zeit-Raum ist indes Grund und Abgrund zugleich. Im »Reinentsprungenen« (so ein berühmtes Hölderlinwort aus der »Rheinhymne«) zu leben, ist am schwersten. Denn keine Ideologie reicht dorthin.


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