»Trittst im Morgenrot daher« oder Die Idylle Schweiz

PDF der Druckausgabe aus Sezession 56 / Oktober 2013

von Volker Mohr

Heimat sei ein Wort, das es nur in der deutschen Sprache gebe,...

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

sagt einer der Prot­ago­nis­ten in Edgar Reiz’ fil­mi­scher Chro­nik Die zwei­te Hei­mat. Die Fach­li­te­ra­tur bestä­tigt dies, und es wird zur nähe­ren Erläu­te­rung auf das Wort »Heim« ver­wie­sen, dem wie­der­um die Begrif­fe »Lager, Dorf, Haus«, aber auch »die Fami­lie« und »die Hei­rat« zuge­ord­net sind.

Selbst das Adjek­tiv »geheu­er« (zur Haus­ge­mein­schaft gehö­rig, ver­traut) ist auf das Heim bezo­gen, und wenn man auf einem Pla­kat drei erns­te, bejahr­te Män­ner auf einer Bank sit­zen sieht – Män­ner mit flo­r­um­rank­ten schwar­zen Hüten, in typi­scher rot-weiß-schwar­zer Appen­zell­ertracht, im Hin­ter­grund die nächt­li­che Alpstein­land­schaft mit auf­ge­hen­dem Voll­mond und anbei der Text: »Da kön­nen Sie lan­ge fra­gen. Unser Geheim­re­zept ver­ra­ten wir nicht.« – dann wird für ein ori­gi­na­les, auf Hei­mat­bo­den her­ge­stell­tes Pro­dukt, den Appen­zel­ler Käse, geworben.

Die Schweiz wird von außen als das Land des Luxus’, der Rei­chen, als Land der Uhren, der Folk­lo­re, des Bank­ge­heim­nis­ses etc. wahr­ge­nom­men. Viel­leicht auch als unab­hän­gi­ges, sou­ve­rä­nes Land. Gera­de Unab­hän­gig­keit und Sou­ve­rä­ni­tät wer­den hier seit jeher groß­ge­schrie­ben. So liegt der Grün­dung der Schweiz im spä­ten 13. Jahr­hun­dert das Stre­ben nach Frei­heit zugrunde.

Wir iden­ti­fi­zie­ren uns noch heu­te mit Wil­helm Tell, der sich gegen den Habs­bur­ger­vogt Geß­ler auf­lehn­te und zum Tyran­nen­mör­der wur­de. Aller­dings ist Tell eine Figur aus der Nor­di­schen Sage, und ins all­ge­mei­ne Bewußt­sein rück­te er erst durch Schil­lers gleich­na­mi­ges Thea­ter­stück zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts. Aber auch hier gilt, daß Mythen nicht his­to­risch belegt wer­den müs­sen, ihre Wirk­sam­keit ist unab­hän­gig von Raum und Zeit.

Hei­mat wirkt um so stär­ker, je seß­haf­ter die Men­schen sind. Gera­de in einer Alpen­re­gi­on ist Seß­haf­tig­keit emi­nent, und so sind es auch heu­te die Berg­tä­ler, wo Tra­di­tio­nen noch am ehes­ten gelebt und Hei­mat emp­fun­den wird. Aller­dings ist hier Vor­sicht gebo­ten. Der Tou­ris­mus, auch wenn er nach­hal­tig betrie­ben wird, rela­ti­viert das Hei­mat­ge­fühl, und die Musi­kan­ten­sta­del­men­ta­li­tät wuchert allent­hal­ben wie ein Krebsgeschwür.

Hei­mat, das heißt auch: von dem leben, was vor­ge­fun­den wird, von dem, was man in sich selbst fin­det. Eine Indus­trie­land­schaft wird kaum hei­mat­stif­tend sein, und wer sich aus sich selbst ver­trei­ben läßt, ver­liert zunächst sei­ne inne­re Hei­mat. Das bedeu­tet: Iden­ti­tät bewirkt Hei­mat. Iden­ti­tät wie­der­um bedeu­tet Unter­scheid­bar­keit und bedingt die Annah­me der gesetz­ten Grenzen.

So, wie das Wort »Hei­mat« auf den deut­schen Sprach­raum begrenzt ist, ist der Hei­mat­ort auf die Schweiz begrenzt. Wenn man einen Schwei­zer Paß auf­schlägt, fin­det man anstel­le des sonst übli­chen Geburts­or­tes den Hei­mat­ort. Es ist jener Ort, aus dem die Vor­fah­ren stam­men. Hier ist die Per­son hei­mat­be­rech­tigt. Die Recht­fer­ti­gung des Hei­mat­or­tes klingt plau­si­bel: Die Geburt kann irgend­wo gesche­hen, das Blut aber, das in den Adern fließt, ist immer das Blut der Familie.

Stolz ist die Schweiz auf ihre bewaff­ne­te Neu­tra­li­tät, auf ihre kul­tu­rel­le Viel­falt, auf den Arbeits­frie­den, den aus­ge­präg­ten Föde­ra­lis­mus, auf die direk­te Demo­kra­tie und ihre Sou­ve­rä­ni­tät, auf ihre Scho­ko­la­de, das Mat­ter­horn und Sport­ar­ten wie das Schwin­gen (eine in der Schweiz belieb­te Vari­an­te des Rin­gens, die auf Säge­mehl aus­ge­übt wird) oder das Hor­nus­sen (ein zu den Schwei­zer Natio­nal­sport­ar­ten zäh­len­des Schlag- und Fangspiel).

Trotz­dem frag­te die Welt­wo­che anläß­lich des dies­jäh­ri­gen Schwei­zer Natio­nal­fei­er­ta­ges Schrift­stel­ler, Poli­ti­ker, Sport­ler und Pro­mis: »Was ist heu­te eigent­lich noch schwei­ze­risch?«, und man spürt bereits in dem Wort »noch«, daß wahr­schein­lich nicht mehr viel von der typisch schwei­ze­ri­schen Eigen­art übrig geblie­ben ist.

Gab es das über­haupt je, das typisch Schwei­ze­ri­sche? Ja, es gab es, viel­leicht gera­de des­halb, weil die Grund­vor­aus­set­zun­gen für ein eigen­stän­di­ges Land denk­bar schlecht waren. Wäh­rend ande­re Staa­ten, die sich aus ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len und sprach­li­chen Grup­pen zusam­men­set­zen, nur durch eine zen­tra­lis­ti­sche Regie­rung zusam­men­ge­hal­ten wer­den kön­nen, setz­te die Schweiz auf die direk­te Demo­kra­tie oder »die Dik­ta­tur von unten«, wie die Welt­wo­che den besag­ten Arti­kel überschrieb.

Den ein­zel­nen Gebie­ten wur­de vom Kai­ser schon früh die Reichs­un­mit­tel­bar­keit zuge­stan­den. Die­se Gebie­te wie­der­um schlos­sen sich zu einem Staa­ten­bund zusam­men, was letzt­lich zur Wil­lens­na­ti­on Schweiz führ­te. Die­se Schweiz hat­te sich stän­dig dar­auf zu besin­nen, daß ein Volk nicht ein­fach aus einer Sum­me von Bür­gern besteht, son­dern aus Indi­vi­du­en, die geis­tig und real mit ihrem Boden und ihren Wer­ten ver­wur­zelt sind. Das erst schaff­te den Mythos Schweiz und mach­te die­se zu einem Sonderfall.

Die Ant­wor­ten, die die Welt­wo­che erhielt, vari­ier­ten zwi­schen geist­reich und banal; oft wur­den Gemein­plät­ze genannt. Auf den Punkt brach­te es der libe­ra­le Alt-Bun­des­rat Pas­cal Cou­ch­epin. Obwohl er stolz ist auf sein Land, stell­te er fest: »Nichts ist typisch schwei­ze­risch.« Für einen Libe­ra­len könn­te dies die Erfül­lung sei­ner Wün­sche bedeu­ten. Für eine Wil­lens­na­ti­on sind sol­che Wün­sche, vor allem, wenn sie zur Tat­sa­che wer­den, indes äußerst gefährlich.

Der Schutz­pa­tron der Schweiz ist Niklaus von Flüe. Der im 15. Jahr­hun­dert leben­de Ein­sied­ler galt als Asket und Mys­ti­ker und wur­de durch sei­nen Rat­schlag zur Abkehr von der Groß­macht­po­li­tik bekannt. »Machet den zun nit zu wit!« (»Macht den Zaun nicht zu weit!«), soll er gesagt haben. An die­se Maxi­me erin­ner­ten sich wohl die Schwei­zer, als sie am 6. Dezem­ber 1992, ent­ge­gen den Emp­feh­lun­gen von Bun­des­rat und Par­la­ment, den Bei­tritt zum EWR ablehnten.

Die Regie­rung war per­plex, denn kurz zuvor hat­te sie in Brüs­sel ein Bei­trags­ge­such zur EU hin­ter­legt. Was zunächst als Schild­bür­ger­streich gewer­tet wur­de, erwies sich aber schon bald als wah­rer Segen, denn die Schweiz fährt ohne den zen­tra­lis­ti­schen Brüs­se­ler Koloß wesent­lich bes­ser, wenn­gleich sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in vor­aus­ei­len­dem Gehor­sam schlei­chend EU-Recht über­nom­men hat.

Der Allein­gang hat jedoch eine Kehr­sei­te: Das Aus­land drängt in die Schweiz. Jähr­lich steigt die Zahl der Ein­woh­ner um etwas mehr als ein Pro­zent, was allein auf die Zuwan­de­rung zurück­zu­füh­ren ist. Ein Pro­zent ist nomi­nell wenig, und wenn es sich dabei um 80 000 Per­so­nen han­delt, ist damit noch immer nicht viel gesagt. Aber von den 26 Kan­to­nen haben acht weni­ger als 80 000 Ein­woh­ner, und nur gera­de sechs Städ­te wei­sen mehr Ein­woh­ner auf als die Zahl der jähr­li­chen Zuwanderer.

Ent­schei­dend ist jedoch: Man kommt wegen des Wohl­stan­des in die Schweiz, wegen des Gel­des und der her­vor­ra­gend aus­ge­bau­ten Sozi­al­sys­te­me. Für das Land und sei­ne Kul­tur inter­es­sie­ren sich die wenigs­ten. Das Resul­tat ist: Die Bau­wirt­schaft boomt. Die gewach­se­ne Struk­tur des Lan­des wird zuse­hends ver­wischt, neue, bebau­te Wüs­ten ent­ste­hen. Ori­gi­na­les wird zwar geschützt, aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Es wird eng in der Schweiz. Nicht nur räum­lich, son­dern auch kul­tu­rell. Längst ist vie­les, was in die­sem Land an Neu­em ent­steht, nicht mehr ori­gi­nal, son­dern bes­ten­falls ori­gi­nell. Das ist zwar eine Fol­ge der Indus­tria­li­sie­rung des Lebens, der Glo­ba­li­sie­rung auch, hin­sicht­lich der Schweiz ist es aber auch eine Fol­ge der Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung. Wo Gren­zen auf­ge­ho­ben wer­den und aus Tra­di­tio­nen Folk­lo­re ent­steht, machen sich Belie­big­keit und Ein­tö­nig­keit breit.

Ein paar Jah­re ist es bereits her, als mir der ita­lie­ni­sche Nach­bar, der kaum ein Wort Deutsch spricht, zu ver­ste­hen gab, sein Hei­mat­ort sei Hund­wil. Ja, ich hat­te rich­tig gehört: Hund­wil, jener 975 Ein­woh­ner zäh­len­de Ort im Kan­ton Appen­zell Aus­ser­rho­den. Noch nie war der Nach­bar in die­sem Ort gewe­sen, er wuß­te nicht ein­mal, wo die­ser genau liegt.

Bür­ger von Hund­wil ist er durch Hei­rat gewor­den, und die Unkennt­nis hin­sicht­lich sei­nes Bür­ger­orts teilt er mit man­chem Schwei­zer. Der Hei­mat­ort ver­liert immer mehr an Bedeu­tung, genau­so wie die Hei­mat an sich. Die Schweiz wird zuneh­mend zu einem Land, das sich über sei­ne Ein­woh­ner­zahl und diver­se ande­re sta­tis­ti­sche Grö­ßen defi­niert. Aus der Wil­lens­na­ti­on ist eine Kon­sum­na­ti­on gewor­den, aus dem eins­ti­gen Gefü­ge ein Geflecht.

Wenn es allen gut geht, kann man schein­bar leicht auf Hei­mat ver­zich­ten. Aber wenn das Pen­del ein­mal umschlägt und viel­leicht sogar Not herrscht, wird man sich an die Hei­mat erin­nern, an den Mythos auch, der die­se Hei­mat trug. Aller­dings wird man dann auch erken­nen, daß Mythen sich der all­ge­mei­nen Mach­bar­keit entziehen.

Was ver­lo­ren ist, läßt sich nicht ohne wei­te­res zurück­er­obern. Viel­leicht wird es nach­wach­sen kön­nen, aber gera­de das Wach­sen ist ein Pro­zeß, den der Mensch, wenn über­haupt, nur durch sei­ne Beja­hung, durch Hege und Pfle­ge, durch Demut und Ehr­furcht auch, för­dern kann.

Mor­gen­rö­te, Alpen­glühn und wil­der Sturm sind Begrif­fe aus der Schwei­zer Natio­nal­hym­ne. Am 1. August 2012 kün­dig­te die Schwei­ze­ri­sche Gemein­nüt­zi­ge Gesell­schaft einen Wett­be­werb an, um den ihrer Mei­nung nach sper­ri­gen und ange­jahr­ten Text des Schwei­zerpsalms durch einen neu­en zu ersetzen.

Man darf gespannt sein. Zu ver­mu­ten ist jedoch, daß das Liber­té, das der Hym­ne jetzt sei­nen Anstrich gibt, durch ein Éga­li­té ersetzt wird. Das wäre dann ledig­lich ein Nach­voll­zug des­sen, was gesell­schaft­lich in vol­lem Gan­ge ist.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.