Sezession
23. Oktober 2013

»Trittst im Morgenrot daher« oder Die Idylle Schweiz

Gastbeitrag

PDF der Druckausgabe aus Sezession 56 / Oktober 2013

von Volker Mohr

Heimat sei ein Wort, das es nur in der deutschen Sprache gebe, sagt einer der Protagonisten in Edgar Reiz’ filmischer Chronik Die zweite Heimat. Die Fachliteratur bestätigt dies, und es wird zur näheren Erläuterung auf das Wort »Heim« verwiesen, dem wiederum die Begriffe »Lager, Dorf, Haus«, aber auch »die Familie« und »die Heirat« zugeordnet sind.

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Selbst das Adjektiv »geheuer« (zur Hausgemeinschaft gehörig, vertraut) ist auf das Heim bezogen, und wenn man auf einem Plakat drei ernste, bejahrte Männer auf einer Bank sitzen sieht – Männer mit florumrankten schwarzen Hüten, in typischer rot-weiß-schwarzer Appenzellertracht, im Hintergrund die nächtliche Alpsteinlandschaft mit aufgehendem Vollmond und anbei der Text: »Da können Sie lange fragen. Unser Geheimrezept verraten wir nicht.« – dann wird für ein originales, auf Heimatboden hergestelltes Produkt, den Appenzeller Käse, geworben.

Die Schweiz wird von außen als das Land des Luxus', der Reichen, als Land der Uhren, der Folklore, des Bankgeheimnisses etc. wahrgenommen. Vielleicht auch als unabhängiges, souveränes Land. Gerade Unabhängigkeit und Souveränität werden hier seit jeher großgeschrieben. So liegt der Gründung der Schweiz im späten 13. Jahrhundert das Streben nach Freiheit zugrunde.

Wir identifizieren uns noch heute mit Wilhelm Tell, der sich gegen den Habsburgervogt Geßler auflehnte und zum Tyrannenmörder wurde. Allerdings ist Tell eine Figur aus der Nordischen Sage, und ins allgemeine Bewußtsein rückte er erst durch Schillers gleichnamiges Theaterstück zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber auch hier gilt, daß Mythen nicht historisch belegt werden müssen, ihre Wirksamkeit ist unabhängig von Raum und Zeit.

Heimat wirkt um so stärker, je seßhafter die Menschen sind. Gerade in einer Alpenregion ist Seßhaftigkeit eminent, und so sind es auch heute die Bergtäler, wo Traditionen noch am ehesten gelebt und Heimat empfunden wird. Allerdings ist hier Vorsicht geboten. Der Tourismus, auch wenn er nachhaltig betrieben wird, relativiert das Heimatgefühl, und die Musikantenstadelmentalität wuchert allenthalben wie ein Krebsgeschwür.

Heimat, das heißt auch: von dem leben, was vorgefunden wird, von dem, was man in sich selbst findet. Eine Industrielandschaft wird kaum heimatstiftend sein, und wer sich aus sich selbst vertreiben läßt, verliert zunächst seine innere Heimat. Das bedeutet: Identität bewirkt Heimat. Identität wiederum bedeutet Unterscheidbarkeit und bedingt die Annahme der gesetzten Grenzen.

So, wie das Wort »Heimat« auf den deutschen Sprachraum begrenzt ist, ist der Heimatort auf die Schweiz begrenzt. Wenn man einen Schweizer Paß aufschlägt, findet man anstelle des sonst üblichen Geburtsortes den Heimatort. Es ist jener Ort, aus dem die Vorfahren stammen. Hier ist die Person heimatberechtigt. Die Rechtfertigung des Heimatortes klingt plausibel: Die Geburt kann irgendwo geschehen, das Blut aber, das in den Adern fließt, ist immer das Blut der Familie.

Stolz ist die Schweiz auf ihre bewaffnete Neutralität, auf ihre kulturelle Vielfalt, auf den Arbeitsfrieden, den ausgeprägten Föderalismus, auf die direkte Demokratie und ihre Souveränität, auf ihre Schokolade, das Matterhorn und Sportarten wie das Schwingen (eine in der Schweiz beliebte Variante des Ringens, die auf Sägemehl ausgeübt wird) oder das Hornussen (ein zu den Schweizer Nationalsportarten zählendes Schlag- und Fangspiel).

Trotzdem fragte die Weltwoche anläßlich des diesjährigen Schweizer Nationalfeiertages Schriftsteller, Politiker, Sportler und Promis: »Was ist heute eigentlich noch schweizerisch?«, und man spürt bereits in dem Wort »noch«, daß wahrscheinlich nicht mehr viel von der typisch schweizerischen Eigenart übrig geblieben ist.

Gab es das überhaupt je, das typisch Schweizerische? Ja, es gab es, vielleicht gerade deshalb, weil die Grundvoraussetzungen für ein eigenständiges Land denkbar schlecht waren. Während andere Staaten, die sich aus verschiedenen kulturellen und sprachlichen Gruppen zusammensetzen, nur durch eine zentralistische Regierung zusammengehalten werden können, setzte die Schweiz auf die direkte Demokratie oder »die Diktatur von unten«, wie die Weltwoche den besagten Artikel überschrieb.

Den einzelnen Gebieten wurde vom Kaiser schon früh die Reichsunmittelbarkeit zugestanden. Diese Gebiete wiederum schlossen sich zu einem Staatenbund zusammen, was letztlich zur Willensnation Schweiz führte. Diese Schweiz hatte sich ständig darauf zu besinnen, daß ein Volk nicht einfach aus einer Summe von Bürgern besteht, sondern aus Individuen, die geistig und real mit ihrem Boden und ihren Werten verwurzelt sind. Das erst schaffte den Mythos Schweiz und machte diese zu einem Sonderfall.

Die Antworten, die die Weltwoche erhielt, variierten zwischen geistreich und banal; oft wurden Gemeinplätze genannt. Auf den Punkt brachte es der liberale Alt-Bundesrat Pascal Couchepin. Obwohl er stolz ist auf sein Land, stellte er fest: »Nichts ist typisch schweizerisch.« Für einen Liberalen könnte dies die Erfüllung seiner Wünsche bedeuten. Für eine Willensnation sind solche Wünsche, vor allem, wenn sie zur Tatsache werden, indes äußerst gefährlich.

Der Schutzpatron der Schweiz ist Niklaus von Flüe. Der im 15. Jahrhundert lebende Einsiedler galt als Asket und Mystiker und wurde durch seinen Ratschlag zur Abkehr von der Großmachtpolitik bekannt. »Machet den zun nit zu wit!« (»Macht den Zaun nicht zu weit!«), soll er gesagt haben. An diese Maxime erinnerten sich wohl die Schweizer, als sie am 6. Dezember 1992, entgegen den Empfehlungen von Bundesrat und Parlament, den Beitritt zum EWR ablehnten.

Die Regierung war perplex, denn kurz zuvor hatte sie in Brüssel ein Beitragsgesuch zur EU hinterlegt. Was zunächst als Schildbürgerstreich gewertet wurde, erwies sich aber schon bald als wahrer Segen, denn die Schweiz fährt ohne den zentralistischen Brüsseler Koloß wesentlich besser, wenngleich sie in den vergangenen Jahren in vorauseilendem Gehorsam schleichend EU-Recht übernommen hat.

Der Alleingang hat jedoch eine Kehrseite: Das Ausland drängt in die Schweiz. Jährlich steigt die Zahl der Einwohner um etwas mehr als ein Prozent, was allein auf die Zuwanderung zurückzuführen ist. Ein Prozent ist nominell wenig, und wenn es sich dabei um 80 000 Personen handelt, ist damit noch immer nicht viel gesagt. Aber von den 26 Kantonen haben acht weniger als 80 000 Einwohner, und nur gerade sechs Städte weisen mehr Einwohner auf als die Zahl der jährlichen Zuwanderer.

Entscheidend ist jedoch: Man kommt wegen des Wohlstandes in die Schweiz, wegen des Geldes und der hervorragend ausgebauten Sozialsysteme. Für das Land und seine Kultur interessieren sich die wenigsten. Das Resultat ist: Die Bauwirtschaft boomt. Die gewachsene Struktur des Landes wird zusehends verwischt, neue, bebaute Wüsten entstehen. Originales wird zwar geschützt, aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Es wird eng in der Schweiz. Nicht nur räumlich, sondern auch kulturell. Längst ist vieles, was in diesem Land an Neuem entsteht, nicht mehr original, sondern bestenfalls originell. Das ist zwar eine Folge der Industrialisierung des Lebens, der Globalisierung auch, hinsichtlich der Schweiz ist es aber auch eine Folge der Entmythologisierung. Wo Grenzen aufgehoben werden und aus Traditionen Folklore entsteht, machen sich Beliebigkeit und Eintönigkeit breit.

Ein paar Jahre ist es bereits her, als mir der italienische Nachbar, der kaum ein Wort Deutsch spricht, zu verstehen gab, sein Heimatort sei Hundwil. Ja, ich hatte richtig gehört: Hundwil, jener 975 Einwohner zählende Ort im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Noch nie war der Nachbar in diesem Ort gewesen, er wußte nicht einmal, wo dieser genau liegt.

Bürger von Hundwil ist er durch Heirat geworden, und die Unkenntnis hinsichtlich seines Bürgerorts teilt er mit manchem Schweizer. Der Heimatort verliert immer mehr an Bedeutung, genauso wie die Heimat an sich. Die Schweiz wird zunehmend zu einem Land, das sich über seine Einwohnerzahl und diverse andere statistische Größen definiert. Aus der Willensnation ist eine Konsumnation geworden, aus dem einstigen Gefüge ein Geflecht.

Wenn es allen gut geht, kann man scheinbar leicht auf Heimat verzichten. Aber wenn das Pendel einmal umschlägt und vielleicht sogar Not herrscht, wird man sich an die Heimat erinnern, an den Mythos auch, der diese Heimat trug. Allerdings wird man dann auch erkennen, daß Mythen sich der allgemeinen Machbarkeit entziehen.

Was verloren ist, läßt sich nicht ohne weiteres zurückerobern. Vielleicht wird es nachwachsen können, aber gerade das Wachsen ist ein Prozeß, den der Mensch, wenn überhaupt, nur durch seine Bejahung, durch Hege und Pflege, durch Demut und Ehrfurcht auch, fördern kann.

Morgenröte, Alpenglühn und wilder Sturm sind Begriffe aus der Schweizer Nationalhymne. Am 1. August 2012 kündigte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft einen Wettbewerb an, um den ihrer Meinung nach sperrigen und angejahrten Text des Schweizerpsalms durch einen neuen zu ersetzen.

Man darf gespannt sein. Zu vermuten ist jedoch, daß das Liberté, das der Hymne jetzt seinen Anstrich gibt, durch ein Égalité ersetzt wird. Das wäre dann lediglich ein Nachvollzug dessen, was gesellschaftlich in vollem Gange ist.


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