Sezession
25. Oktober 2013

Vor dem Bücherschrank (II) – Heimatliteratur als Politikum

Gastbeitrag

PDF der Druckausgabe aus Sezession 56 / Oktober 2013

von Günter Scholdt

Vergessen Sie fast alles von dem, was Sie möglicherweise einmal Despektierliches über Heimatliteratur vernommen haben! Ist doch ein Großteil davon ideologisch kontaminiert durch Belletristik-Priester, die dem lesenden Fußvolk seit einem halben Jahrhundert einen wenig bekömmlichen »Aufklärungs«-Trank vorsetzen.

Danach biete das Genre vorwiegend anspruchslose, konservativ-nostalgische Stereotypenliteratur eines reflexionslosen Landlobs oder transportiert sozialharmonische Klischees von einst. Es zeige provinzielle Beschränkung, statt weltinteressierter Offenheit und eine politisch gefährliche Rückständigkeit – trage es doch die Erblast der »Heimatkunst« um 1900, bestimmt von gegenmoderner, antinaturalistischer, zuweilen auch antifranzösischer oder antisemitischer Programmatik, oder der Blut- und Boden-Dichtung im Dritten Reich. Beide seien durch fortschrittsfeindliche Tendenzen charakterisiert – ein »Kulturpessimismus«, der nach Fritz Stern »politische Gefahr« birgt.

Ideologiekritisch so gewappnet, gelang es einflußreichen Zeitgeist-Germanisten, das Heimat-Genre ästhetisch quasi zu beerdigen. Qualität zeige sich fast nur noch dort, wo seit den 1970ern eine sogenannte »Neue Heimatliteratur« bzw. »Anti-Heimatliteratur« entstand. Sie kennzeichnet thematisch die Dominanz dumpfer Vorurteile, patriarchalischer Strukturen, unterdrückter, sich brutal entladender Sexualität, Anti-Intellektualismus und Bigotterie.

Geschildert wird eine Art Kriminalitätstopographie und Atmosphäre, der man (gemäß Norbert Mecklenburg) am besten per »detektivischer Heimatkunde« gerecht wird. Besitzt doch den Segen unserer Literaturpäpste meist nur, wer mal wieder gängige Vorstellungen über die hinterwäldlerisch-faschistoide Provinz bedient.

Als Replik nur soviel: Ja, es gibt nicht wenige lokalpatriotische Trivialprodukte, wonach nur hier die Berge und Seen so schön, die Wiesen so grün, die Würste so schmackhaft oder die Mädels so hübsch seien. Doch es verbietet sich, einen kompletten Literaturtyp für seine kommerziell-folkloristischen Entartungen haften zu lassen. Der Liebesroman etwa, den es ja auch in unzähligen kitschigen Ausprägungen, Heftchenformaten und Filmserien gibt, ist deswegen nicht plötzlich als Ganzes desavouiert. Und ein filmisches Kunstwerk wie Kubricks Odyssee im Weltraum sollte man nicht mit jeder unambitionierten Science-Fiction-Folge in einen Topf werfen.

Auch bedarf die angeblich heftige NS-Infektion von Heimatliteratur erheblicher Relativierung. Denn wo selbstgenügsame Abschottung und Suche nach einer begrenzten heilen Welt gediehen, wuchsen kaum Legitimationen für den total politisierten Staat. Auch behindert ein veralteter Forschungsstand die Einsicht, daß sich innerste Zirkel der NS-Kulturpolitik bereits früh von der Agrarnostalgie abwandten zugunsten der Großstadt und industrieller Landschaften.

Und daß andererseits selbst ein Hardliner der Heimatkunst wie Adolf Bartels niemals einen gänzlich antistädtischen Kurs vertrat. Auch Berlin könne, beispielsweise von Wilhelm Raabe gezeichnet, seinen Genius loci haben, schrieb er. Denn was man vor allem verabscheute, war die Gesichtslosigkeit großer Menschenansammlungen, die kein rechtes Zusammengehörigkeits- und Vertrautheitsgefühl mehr zuließ. Und was noch wichtiger sein dürfte: Heimat als emotionaler Raum ist nur manchmal identisch mit der Nation. Ebenso typisch für Heimatliteratur sind Differenzgefühle, das Empfinden einer besonderen schicksalhaften Lage, vor allem in mehrsprachigen Grenzgebieten.

Eine weitere Generalisierung suggeriert, Heimatliteratur favorisiere sozialharmonische Klischees von gestern, was höchstens für Autoren minderen Rangs gilt. Ein Knut Hamsun etwa kannte seine Bauern und verzuckerte ihre Schilderung gewiß nicht. Andererseits wirkt sich der Kontrast von damals und heute, von Überliefertem und sogenanntem Fortschritt in manchen Fällen so drastisch aus, daß sich zumindest für eine Generation der Eindruck von Abstieg geradezu aufdrängt. Man denke etwa an soziale Verwerfungen durch neue Wirtschaftspraktiken (exemplarisch: Wilhelm von Polenz' Der Büttnerbauer) oder Vertriebenen-Literatur.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.